Vergesst Lehrkräftemangel und PISA-Leistungen! Die Schulnoten scheinen seit neustem das fundamentale Problem unseres Bildungssystems darzustellen. Die phänomenale Lösung: Abschaffen
Das „starre Ziffernotensystem” war zwar schon immer der Lieblingsfeind vieler Schulreformer. Auch der Autor dieser Zeilen postulierte als linker Junglehrer in den 1970er Jahren das Prinzip „Motivieren ohne Noten“. Ich war überzeugt, dass die Schüler besser lernen, wenn sie nicht durch Noten geleitet werden und den eigenen Lernweg bestimmen können. Nun wissen wir ja, dass die Möglichkeiten in der Gedankenwelt immer unendlich sind, die Wirklichkeit jedoch Grenzen setzt. Und so wurden meine Ideale von der Realität bald einmal abgeschliffen, sowohl als Lehrer, wie auch als Vater.
Denn die Note hat sich gehalten, ja sie erlebt derzeit eine eigentliche Renaissance, nur nicht dort, wo man es vermutet. Heute werden Restaurants, Hotels und Filme mit einer atemberaubenden Leichtigkeit benotet. Während der Fußball-Europameisterschaft forderten die Sportredaktionen ihre Leser landesweit auf, die Spieler zu bewerten, mit Zahlen, versteht sich.
In der Schule stehen aber die Noten unter Dauerkritik, sie werden quasi benotet, und zwar schlecht. Noten gelten als gefährlich und werden als überflüssig hingestellt. Noten sind unpräzise, ihr Zustandekommen sei intransparent, sie wirkten als eine Art Schicksal, sind vor allem ein Machtfaktor und schaden der Bildungsgerechtigkeit. Schlechte Noten entwerten den Schüler.
Motivieren mit Noten wird als anrüchig hingestellt, da sie dem Ideal des „intrinsischen” Lernens widerspricht. Noten als positive Anreize sind auch deswegen suspekt, weil sie eine Hierarchie voraussetzen. Nur wenige Schüler können Bestnoten erreichen und das, so die Kritik, fordert die anderen nicht etwa heraus, sondern schreckt sie ab und hindert sie am Lernen. Es soll, mit anderen Worten, keinen Wettbewerb geben, und niemand soll mit anderen verglichen werden. Das hat bekanntlich schon Jean-Jacques Rousseau 1762 in seinem Erziehungsroman Emile ou de l’éducation postuliert.
Schüler können damit umgehen
Aller Kritik zum Trotz: Warum gibt es sie denn immer noch, diese Noten? Ganz einfach: Sie sind nichts anderes als ein verkürztes Feedback darüber, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Lerngruppe gekonnt, gewusst, verstanden wird. Die Ziffernote basiert auf dem vergleichenden Leistungsurteil durch eine Lehrperson. Nicht mehr, nicht weniger.
Kurz gesagt: Noten sind eine bewährte Form von Feedback und für die Kommunikation der Schulen nach außen – Arbeitgeber, Eltern et al. – ohne ebenbürtigen Ersatz. Das sagt Jürgen Oelkers, Erziehungswissenschaftler und emeritierter Professor der Universität Zürich. Alle anderen Formen hätten nicht annähernd den gleichen Grad leichter Verständlichkeit. Anders als verbale Beurteilungen erlauben Noten keine rhetorischen Beschönigungen. Ziffern führen kaum zu Wortklaubereien. Worte können hingegen verletzen. Die Schüler verhalten sich in der Regel viel pragmatischer, als es uns die „Bildungsexperten “ weismachen wollen.
Und sie sind auch resilienter. Jeder von uns war mal ein Schüler, und wir lernten oft subversiv, versuchten, die Anforderungen des Unterrichts zu umgehen. Oder wir kalkulierten im Blick auf die Ziele den notwendigen Ressourceneinsatz und gingen keineswegs immer „intrinsisch motiviert” vor. Hand aufs Herz: Haben Sie sich für das gesamte Angebot der Schule gleich interessiert? Die Schüler machen immer einen Unterschied, was sie gerne lernen und was nicht. Hätten meine Kinder nur das gelernt, was sie interessiert, hätten die einen nur Fußball gespielt, die anderen gemalt und der dritte hätte die Nächte am Computer verbracht.
Nichts für Perfektionisten
Die Vorstellung, Noten mit Farben, Smilies oder Früchten zu ersetzen, ist für die Schüler ein durchschaubarer Blödsinn. Und wer an ausführliche Berichte, welche den Lernfortschritt und anderes in Worte fassen wollen, glaubt, dem kann man nur Glück wünschen, dies in sogenannten Brennpunktschulen den Eltern mittels Dolmetscher zu erklären. Was die chronisch „unterbeschäftigten“ Lehrkräfte dazu sagen würden, kann nur vermutet werden.
Keine Frage: Noten sind oft eine Zumutung, und nicht alle Kritik an den Noten ist unberechtigt.
Noten sind zum Beispiel dann ungerecht, wenn sie etwas prüfen, was nicht im Unterricht durchgenommen wird, wenn die Bewertung willkürlich ist – sprich einzelne Schüler gegenüber anderen benachteiligt werden – oder ohne saubere Kriterien erfolgt. Das ist auch heute noch in einigen Klassenzimmern der Fall. Es käme guten Lehrern nie in den Sinn, größere Arbeiten nur mit einer nackten Note zu versehen. Es gibt immer Erklärungen und Begründungen. Wie in allen Bereichen unseres Schulwesens ist die Note nicht perfekt, und der Beruf des Lehrers ist nichts für Perfektionisten. Die perfekte Schule existiert nur in den Ateliers der Bildungsforscher, Evaluatoren und Berater. Die Weisheit der Praxis hat es eher mit Churchill, der von der Demokratie sagte, sie sei im Vergleich immer noch das am wenigsten schlechte Regierungssystem.
Eine strenge Benotung motiviert nicht nur die guten Schüler
Mit anderen Worten, man kann die Notengebung und die Beurteilungspraxis durchaus verbessern. Das aber interessiert die Vertreter eines aufgeblähten „Bildungsüberbaus“ nicht. Sie sind auf die schrillen Töne angewiesen, auf radikale Forderungen. Nur das garantiert ihnen die nötige Aufmerksamkeit und eine weiterhin fließende Geldpipeline, die von der Praxis umgeleitet wird. Diese Leute sind meist Vertreter des verbeamteten Mittelstands und haben keine Ahnung von den realen Bedingungen in den Schulen, wo die Kinder der unterprivilegierten Schichten eine unfassbar starke Anpassungsleistung vollbringen müssen. Vor den Herausforderungen des Unterrichts halten sie sich tunlichst fern.
Die große Ausnahme dieser Spezies, der Schweizer Bildungsökonom Prof. Stefan Wolter, erklärte erst kürzlich in einem Interview mit der NZZ, was es mit den Noten auf sich hat: „Man hat aufwändig dazu geforscht, wie sich die Notengebung auf die Leistung auswirkt. Das Ergebnis ist klar: Schüler, deren Lehrer streng benoten, lernen mehr und bringen bessere Leistungen als solche, bei denen die Lehrer milde benoten. Wenn der Lehrer allen Schülern gute oder genügende Noten gibt, dann wird weniger gelernt. Eine großangelegte neue Studie zeigt, dass strenge Benotung nicht nur die guten Schüler motiviert, sich mehr anzustrengen, sondern auch die schwächeren. Als Grund sehen die Forscher den Effekt auf den Schulabsentismus: Schüler, die bei strengen Lehrern in die Klasse gehen, schwänzen weniger häufig die Schule. Wenn sie wissen, dass sie bei einem Lehrer nur auf eine passable Note kommen, wenn sie den Unterricht regelmäßig besuchen, dann tun sie das.“
Natürlich hat es auch einen Grund, weshalb der Ruf nach Abschaffung der Schulnote gerade jetzt so einen seiner Urständ feiert. Lesen Sie dazu den 3. Teil der Serie: Gleichmachen im Namen der Chancengerechtigkeit – die Inklusionsdebatte.
Eine Allianz aus Politik, Verwaltung und Wissenschaft hat sich der Steuerzentralen unser Bildung bemächtigt. Die Folgen sind bedrückend: Praxisferne Reformen, immense Bürokratisierung , eine Ideologisierung und die Umkehr aller Werte sind die Folge. Abschaffung von Hausaufgaben Abschaffung von Noten, Abschaffung von Gliederungen der Schulstufen, Abschaffung vom Leistungsgedanken, schaden vor allem den Kindern der unterprivilegierten Schichten. In einer fünfteiligen Serie analysiert der Bieler Lehrer Alain Pichard, wohin uns diese Politik geführt hat und welche dramatischen Folgen sie für die Zukunft unserer Gesellschaft haben wird. Vor allem aber kritisiert er die völlige Realitätsferne und die mangelnden Kenntnisse im bildungsbürokratischen Überbau.
Alain Pichard ist Grünliberaler Großrat im Kanton Bern und Mitbegründer des Bildungsblogs condorcet.ch. Trotz seiner Pensionierung ist er immer noch Lehrer an einer Brennpunktschule in Biel.

Für mich gäbe es nur einen Sinn, den „Noten“ weniger Bedeutung beizumessen – nämlich im Musikunterricht ….. MfG