Annette Heinisch / 03.05.2019 / 12:00 / Foto: Christoph Braun / 19 / Seite ausdrucken

Wo stehen die Deutschen in Europa?

„Daraus ergibt sich der Umstand, dass die Massen der verschiedenen Länder in ihrem Glauben und Verhalten sehr beträchtliche Unterschiede aufweisen und nicht auf die gleiche Weise zu beeinflussen sind ... Ein Volk ist ein Organismus, der durch die Vergangenheit geschaffen wurde.“ 

Also sprach nicht Zarathustra, sondern Gustave Le Bon 1895 in seinem Grundlagenwerk „Psychologie der Massen“. Er führte aus, dass die Völker ein eigenes Wesen hätten, eine „Gemeinschaftsseele“, die an der Oberfläche aus den veränderlichen, den Moden und dem Zeitgeist unterworfenen Ansichten bestünde, aber auf nur schwer im Laufe der Jahrhunderte zu verändernden Grundeinstellungen beruht. Er belegt diese These anhand mehrerer Beispiele, unter anderem dem anglo-amerikanischen Drang zur Unabhängigkeit im Gegensatz zum Hang der „lateinischen“ Völker zum Zentralismus und zur „Staatshörigkeit“.

Der Unabhängigkeitsdrang der Briten manifestiert sich aktuell im Brexit-Votum. Es scheint also klug, sich der Grundanschauungen der Völker bewusst zu sein und diese zu beachten. Was aber sind unsere? Welche Vergangenheit hat „den Organismus geschaffen“? Le Bon beschreibt die „lateinischen Völker“ als zentralistisch. Und was sind wir? Sich diese Frage bewusst zu stellen, ist eminent wichtig, denn zu dieser Organisationsform strebt die EU, verstärkt nun durch die Vorschläge Macrons. 

Zentralistisch sind wir absolut nicht. Das mag daran liegen, dass wir kein „lateinisches“ Volk sind. Zwar hatte das Römische Reich einige germanische Stämme unterworfen, mit anderen germanischen Stämmen auch intensiven und friedlichen Handel getrieben, aber der größte Teil des Siedlungsgebietes germanischer Stämme konnte nicht besetzt werden. Es gab diverse, heftige Auseinandersetzungen des Römischen Reichs mit den germanischen Stämmen, die sich als aufmüpfig erwiesen. Der Senator und Feldherr Varus hat bekanntlich ganz schlechte Erfahrungen mit den Germanen gemacht. Es waren auch im Wesentlichen die germanische Stammesgruppe der Sueben zusammen mit dem Germanenstamm der Vandalen, die dem ohnehin geschwächten Römischen Reich den Todesstoß versetzten. Nur am Rande: Einer der Gründe, warum germanische Stämme nach Süden vordrangen, war die Flucht vor den Hunnen. Die Germanen waren keine Hunnen, warum uns die Briten so bezeichnen, bleibt also ihr Geheimnis. 

Das Christentum als verbindendes Glied

Mit dem Untergang des Römischen Reiches und der von ihm durchgesetzten Ordnung, dem Wegfall von Recht und Gesetz, entstand zunächst ein chaotischer Zustand. Die germanischen Stämme breiteten sich auf den Gebieten des ehemaligen Römischen Reiches aus, die Westgoten stießen ins Gebiet des heutigen (wieder einmal aufmüpfigen) Katalonien vor. 

Viel oder Genaues ist bis heute über diese Zeit nicht bekannt, es muss eine sehr schwierige Aufgabe gewesen sein, Ordnung in das Chaos zu bringen. Es ist insbesondere irischen Mönchen zu verdanken, dass das Wissen nicht verloren ging. Irland war nicht römisch besetzt, aber in vielen Teilen christianisiert. Dies hatte zur Folge, dass es Scriptorien gab, in denen Mönche das Wissen aufzeichneten, so dass es weitergegeben werden konnte. Über die christlichen Klöster, vor allem die Benediktinerklöster, verbreitete es sich in ganz Europa. Dabei wurden keineswegs nur christliche, sondern auch „weltliche“ Schriften aufgezeichnet. Unser Wissen über antike Philosophen verdanken wir den Scriptorien.

Das Christentum erwies sich ohnehin als einziger gemeinsamer Nenner, der den Wiederaufbau einer Ordnung innerhalb des untergegangenen Römischen Reichs erst ermöglichte. Ohne ein verbindendes Glied, eine gemeinsame Basis, ist Staatlichkeit nicht möglich. Daher haben die Germanen auch gezielt bis dahin heidnische Stämme christianisiert. Im Laufe der Zeit bildete sich aus dem (vormals römischen) Gallien und den rechtsrheinischen germanischen Siedlungsgebieten das Frankenreich, welches als „der bedeutendste Nachfolgestaat des Römischen Reiches und die historisch wichtigste Reichsbildung in Europa seit der Antike“ bezeichnet wird.

Dieses Reich brach jedoch im Rahmen der Erbfolge auseinander. Im Vertrag von Verdun wurde es geteilt in das westfränkische Reich unter König Karl dem Kahlen (der Ursprung Frankreichs), das mittelfränkische unter König Lothar I. (Ursprung von Lothringen) und dem ostfränkischen unter König Ludwig dem Deutschen. Letztgenanntes war der Ursprung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und des heutigen Deutschlands.

Heiliges Römisches Reich? Ein Dachverband.

Im heutigen Frankreich trat im Laufe der Jahrhunderte eine Zentralisierung ein, mit einer Konzentration auf den König in Paris. Wie früher alle Wege nach Rom führten, führen in Frankreich alle Wege sternförmig nach Paris. Das westfränkische Reich, mithin Deutschland, ging einen anderen Weg: Von der fränkischen Zeit bis ins Spätmittelalter hatte das alte deutsche Reich keine Hauptstadt, sondern es wurde von wechselnden Orten aus regiert. Die Könige und Kaiser zogen mit Familie und Hofstaat durch das Land, entweder zu einer auf einem Krongut errichteten Pfalz oder aber in Bischofsstädte. Das Reisekönigtum diente der besseren Kontrolle der lokalen Fürsten, verschaffte dem König aber auch einen Überblick über die tatsächliche Situation in den unterschiedlichen Gebieten des Reiches. Der Staat zog zu den Menschen in die Fläche. 

Auch danach, ab dem Spätmittelalter, war das Heilige Römische Reich Deutscher Nation lediglich eine Art Dachverband, oft als vor- oder übernationaler Verband gekennzeichnet. Wikipedia beschreibt den Grund für den beginnenden Niedergang so:

Seit der Frühen Neuzeit war das Reich strukturell nicht mehr zu offensiver Kriegsführung, Machterweiterung und Expansion fähig. Seither wurden Rechtsschutz und Friedenswahrung als seine wesentlichen Zwecke angesehen. Das Reich sollte für Ruhe, Stabilität und die friedliche Lösung von Konflikten sorgen, indem es die Dynamik der Macht eindämmte: Untertanen sollte es vor der Willkür der Landesherren und kleinere Reichsstände vor Rechtsverletzungen mächtigerer Stände und des Kaisers schützen ...

Das Reich konnte seit der Mitte des 18. Jahrhunderts seine Glieder immer weniger gegen die expansive Politik innerer und äußerer Mächte schützen. Dies trug wesentlich zu seinem Untergang bei.

Zum einen sieht man die grundsätzlich freiheitliche Prägung: Der Schutz der Untertanen vor Willkür, die Begrenzung der Macht, war stets eine Kernaufgabe des Staates. Zum anderen sieht man, dass die Unfähigkeit deutscher Staatlichkeit, den Bürgern Schutz zu bieten, auch nicht ganz neu ist. Damals war es Napoleon, der mit seinen Feldzügen halb Europa eroberte. Frankreichs Vorherrschaft über Europa führte zum Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Deutschland: Traditionell dezentral

Der Nationalstaat im eigentlichen Sinne, das Deutsche Reich, wurde erst 1871 gegründet, daher die Bezeichnung Deutschlands als „verspätete Nation“. Dabei bestand das Reich noch aus vielen teilsouveränen Staaten mit jeweils einer eigenen Staatsbürgerschaft. Die Bundesangehörigkeit wurde durch die Staatsangehörigkeit der Gliedstaaten erworben und erlosch mit deren Verlust. Das Deutsche Reich war eine konstitutionelle Monarchie, zusammen gesetzt aus 

4 Königreichen (Preußen, Bayern, Württemberg und Sachsen), 

6 Großherzogtümern (Baden, Mecklenburg-Schwerin, Hessen, Oldenburg, Sachsen-Weimar, Mecklenburg-Strelitz), 

5 Herzogtümern (Braunschweig, Sachsen-Meiningen, Anhalt, Sachsen-Coburg-Gotha, Sachsen-Altenburg),

7 Fürstentümern (Lippe, Waldeck, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Reuß jüngerer Linie, Schaumburg-Lippe, Reuß älterer Linie) und

3 Republiken (die Freien und Hansestädte Hamburg, Lübeck, Bremen).

Einen bunteren und vielfältigeren Haufen kann man sich kaum vorstellen. Organisationstechnisch gesehen, stellt ein derart heterogener Zusammenschluss eine maximale Herausforderung dar, die nur bewältigt werden konnte, weil alle gemeinsam das Wesen dezentraler Strukturen verinnerlicht hatten und diese dann auch im größeren Zusammenschluss mit der föderalen Verfassung berücksichtigt wurde.

Die gesamte Geschichte Deutschlands ist also geprägt von dezentralen Organisationsstrukturen, die sich vom Regionalismus zum Föderalismus entwickelten. Es gab nur zwei kurze Perioden mit zentralistischer Regierung in Deutschland, das waren die beiden Diktaturen. Während der Teilung gab es – wieder einmal – kein gemeinsames Land, die BRD hatte allerdings erneut eine föderale Verfassung, wobei einige Bundesländer (zum Beispiel Niedersachsen) künstliche Konstrukte waren, die nicht entlang gewachsener Grenzen verliefen. Das heutige, vereinigte Deutschland ist eine Republik, aber nach wie vor föderal aufgebaut. 

Die Eigenarten der „germanischen“ Lebensart

So wie Frankreich als Musterbeispiel des Zentralstaates bezeichnet wird, ist Deutschland das exakte Gegenbeispiel. Die „lateinische“ und die „germanische“ Grundanschauung bezüglich der Organisationsstruktur stehen sich diametral gegenüber. Unsere Wurzeln und westlichen Werte mögen identisch sein, aber wie die Kinder von denselben Eltern sich ganz unterschiedlich entwickeln, haben sich die Grundeinstellungen der Völker entsprechend dem unterschiedlichen Naturell auseinander oder sogar gegensätzlich entwickelt.

Österreich ist ebenso föderal organisiert wie – sogar in besonders starkem Maße – die Schweiz. Die Kantone und die relativ schwache Stellung der Schweizer Bundesregierung entsprechen der deutschen Grundeinstellung noch mehr als die mittlerweile sehr geschwächten deutschen Bundesländer. Sie hat zudem eine durchaus schlagkräftige Armee, die – wiederum entsprechend dem Naturell und angepasst an die Bedürfnisse der Umgebung – als Milizarmee aufgebaut ist. Auch hier zeigen sich also die Eigenarten der „germanischen“ Lebensart. 

Im nördlichen (deutschsprachigen) Teil Italiens hat sich die Lega Nord zunächst mit separatistischen Programmen einen Namen gemacht, sie war „aufmüpfig“. Heute tritt sie mit ihrem Vorsitzenden und derzeitigem Innenminister Matteo Salvini bezeichnenderweise für eine stärkere Förderalisierung des Zentralstaates ein. Als Paradebeispiel der „lateinischen“, zentralistischen Grundeinstellung wird zumeist auch die katholische Kirche genannt. Geradezu typisch ist, dass Martin Luther – schon wieder ein aufmüpfiger „Germane“ – seine Kirche dezentral organisiert hat, was sie bis heute ist.

Die dezentrale Struktur hat Vor- und Nachteile. Ein Nachteil ist, dass es keine schillernden Metropolen gibt. Diese entstehen nämlich durch die Ansammlung von „Höflingen“, die sich für wichtig halten und ihre Bedeutung durch Prunkbauten oder einen speziellen Lebensstil dokumentieren wollen. Eine dezentrale Organisation kann im Übrigen den Nachteil haben, dass deren Schlagkraft aufgrund vielfältiger Abstimmungsprozesse minimiert wird. Dieses Problem kann nur kompensiert werden, wenn alle Beteiligten „auf einem Nenner“ sind. Vielvölkerstaaten, bei denen die Völker abweichende Grundanschauungen haben, lassen sich nur mit Zwang regieren, was zum Beispiel in China erkennbar ist. Oft wird dieses euphemistisch als „Regieren mit starker Hand“ bezeichnet. Dieses widerspricht komplett der gewachsenen Grundanschauung der Deutschen mit dem Schutz des Einzelnen vor der Willkür des Staates. 

Mittelstand dank Dezentralismus

Der Vorteil der Regionalität war, dass die vielen Könige, Großherzöge, Herzöge und Fürsten mit eigenen Reichen das Land in der Fläche belebten. Es wurde nicht alles Geld und alle Aufmerksamkeit auf das Zentrum gelenkt, sondern die Geld- und Wohlstandsströme verteilten sich über das ganze Land, was zu insgesamt ausgeglicheneren Lebensverhältnissen führte. Nicht ein maximal prunkvoller und bedeutsamer (Königs-, Fürsten-)Hof, sondern viele kleinere, für die jeweilige Region aber durchaus wichtige Höfe führten zu breit verteiltem Wohlstand, aufbauend auf Wissen und Können, was naturgemäß die Stabilität und Resilienz des gesamten Landes erhöhte. Es gab keinen „single point of failure“, für sicherheitsbewusste Deutsche ein enormer Vorteil.

Die bis heute vorherrschende dezentrale Struktur der Verwaltung hat sich zum Beispiel bei der Flüchtlingskrise als effektives Instrument erwiesen. Da Kompetenzen auf untere Ebenen verlagert sind, ist ein hohes Maß an flexiblem Reagieren auf veränderte Bedingungen möglich. Zentralverwaltungen bieten dies allein schon aufgrund ihrer Behäbigkeit nicht. Dies ermöglichte es, dass in Deutschland über eine Million Flüchtlinge zum Beispiel sehr schnell untergebracht werden konnten, in Frankreich funktionierte dies trotz deutlich weniger Migranten nicht.

Dieses dezentrale Organisationsmodell beförderte als Nebeneffekt die auf seine Weise einzigartige, in dieser Form sonst nur in Österreich und der Schweiz vorhandene, weite Verbreitung des mittelständischen Unternehmertums. Bis heute besteht die Besonderheit, dass selbst in kleinen Orten bekannte kleinere und mittlere Unternehmen ansässig sind, die der weltweiten Konkurrenz trotzen können. Nicht umsonst nennt man sie „hidden champions“. Diese Struktur wurde in der DDR zerstört, was bis heute eines der Hauptprobleme in den neuen Bundesländern ist:

“Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in Deutschlands Regionen ist auch von den dort existierenden ökonomischen Strukturen abhängig. Hier verlaufen die Bruchkanten immer noch häufig entlang der Landesgrenzen zwischen Alten und Neuen Ländern. Der Transformationsprozess im Osten Deutschlands von der Zentralverwaltungs- in die Marktwirtschaft ist zwar längst abgeschlossen. Doch die Entscheidungen, die in der Zentralverwaltungswirtschaft der DDR zur Entwicklung der Unternehmensstrukturen getroffen wurden, haben Spuren in den Wirtschaftsstrukturen der Nachwendezeit hinterlassen. Durch Abwanderung, Zwangsverstaatlichung und Eingliederung in große Kombinate war der kreative wirtschaftliche Mittelstand in der DDR weitgehend zerstört worden. Mithin hat die ostdeutsche Wirtschaft einen großen Teil ihres kreativen innovativen Unternehmertums durch Abwanderung und Zwangsverstaatlichung verloren,…“ (IWH Leibniz Institut für Wirtschaftsförderung Halle, „Vereintes Land – drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall“)

Unser Weg ist für uns der beste

Diese Vorliebe für eine eher dezentrale Organisationsstruktur prägt sogar die deutsche Unternehmenskultur, bei der – abgesehen von Konzernen – Mitarbeitern in der Regel größere Entscheidungsspielräume eingeräumt werden als in anderen Ländern. Deutsche, die zum Beispiel in US-amerikanischen Unternehmen arbeiten, können über die unterschiedliche Führungskultur ein Lied singen.

Die deutsche Armee ist keine Milizarmee wie die Schweizer, hat aber mit ihrer Auftragstaktik einen Mittelweg „erfunden“. Dieser ist ein spezieller Anwendungsfall dezentraler Organisationssteuerung: Es gibt zwar eine Befehlskette, bei den Befehlen werden aber nur die Absichten der jeweils höheren Führung genannt, in Managementsprache würde man sagen, es werden die Ziele vorgegeben. Die nachgeordneten Ebenen haben diese Befehle umzusetzen, können aber über das „Wie“ selbst entscheiden. Da die Soldaten vor Ort den besten Einblick in die aktuelle konkrete Situation haben, können sie den Entscheidungsfreiraum für situationsangepasste Maßnahmen nützen. Dies hat zu einem erheblichen Effektivitätsgewinn geführt, der von anderen versucht wurde zu kopieren, aber mit nur mäßigem Erfolg. Diese Art der Organisation ist sicherlich nicht für jedes Land gut. Jedes Land, jedes Volk muss seinen eigenen Weg finden. Aber für uns ist es der Weg, mit dem wir am besten zurechtkommen. 

Unsere unveränderliche Grundanschauung ist definitiv nicht zentralistisch, sie ist das typische Beispiel einer dezentralen Organisation. Je bedeutender der Einfluss von Konzernen auf die Politik ist, die in der Regel eher ein stark hierarchisch-zentralistisches Organisationsmodell haben und dieses für das „Ei des Kolumbus“ halten, desto stärker tritt die dezentrale Steuerung auch bei der Politik in den Hintergrund. In der Wirtschaft hat man allerdings die Bedeutung der Unternehmenskultur für den Erfolg eines Unternehmens erkannt; man weiß mittlerweile auch, wie schwierig und langwierig eine Änderung ist. Ob eine solche bei einer derart tief verwurzelten Grundeinstellung überhaupt dauerhaft möglich ist, darf bezweifelt werden. 

Selbst wenn eine Änderung der Grundeinstellung möglich wäre, wäre es fraglich, ob dies klug wäre, denn wir verlören unsere Stärke. Nur dann, wenn man seine eigenen Stärken erkennt und lebt, kann man erfolgreich sein, als Kopie taugt man nichts. Dem Zeitgeist entsprechend sind alle Kulturen gleich. Dies wird oft als Kulturrelativismus bezeichnet, man könnte es auch eine Negation von Kultur nennen. Wenn aber Kulturen unbeachtlich sind, dann sind wir zurück auf dem Stand von Barbaren. Nach meiner Ansicht wäre es jedoch intellektuell unausgereift, die erkennbar unterschiedlichen Grundeinstellungen von Völkern nicht zu berücksichtigen. Mangelnde Kultursensibilität ist keine Tugend, im Rahmen der EU ist sie sogar fatal.

Lesen Sie morgen im letzten Teil dieser Beitrags-Folge, warum die Mächtigen dauerhaft nicht gegen die verschiedenen Grundeinstellungen der Völker ankommen.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über Gustave Le Bons "Psychologie der Massen"

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 2 finden Sie hier.

Teil 3 finden Sie hier.

Teil 4 finden Sie hier.

Teil 6 finden Sie hier.

Foto: Christoph Braun CC0 via Wikimedia Commons

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Thomas Teichmüller / 03.05.2019

Vergessen wurde das Jahr 1866. Bismarck intrigierte zusammen mit Frankreich und Italien gegen den Deutschen Bund und Österreich. Den Krieg gegen den Deutschen Bund, der fälschlicherweise als deutsch-österreichischer Krieg dargestellt wird, gewann Preußen. Hannover und die souveränen hessischen Staaten, nördlich der Mainlinie wurden annektiert. Die Freie Reichsstadt Frankfurt wollte Bismarck gar plündern lassen. Die gewaltsame Aneignung der Mitte Deutschlands war nur das Vorspiel für die Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles. Nicht Emanzipation sondern Unterwerfung unter den Preußischen Militarismus mit den bekannten folgen im 20. Jahrhundert war das Ergebnis. Was den Dezentralismus von der Reichsgründung bis heute betrifft, darf man feststellen, dass dieser unbedeutend war. Während jeder schweizer Kanton das Recht hat, eigene Steuern zu erheben, bleibt dies den deutschen Ländern verwehrt. Die politische Machtverlust der deutschen Länder ist das Erbe der Bismarckschen Zwangsvereinigung. Berlin war gut für Preußen aber ein Unglück für Deutschland!

Karl-Heinz Vonderstein / 03.05.2019

Die Briten haben uns deshalb immer Hunnen genannt, wegen der sogenannten “Hunnenrede” im Jahre 1900 von Kaiser Wilhelm II. Diese Rede hielt er in Bremerhaven anlässlich der Verabschiedung des deutschen Ostasiatischen Expeditionskorps (China Expedition) zur Niederschlagung des Boxeraufstandes im Kaiserreich China.Die Entente hat später im Ersten Weltkrieg eine bestimmte Passage aus der Rede gerne als Propagande gegen das Deutsche Reich verwendet. Diese Passage von Kaiser Wilhelm II. geht wortwörtlich so:“Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen!Pardon wird nicht gegeben!Gefangene werden nicht gemacht!Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen!Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!” Kaiser Wilhelm II. soll die Rede frei gehalten haben, ein Manuskript ist nicht überliefert.

Manni Meier / 03.05.2019

Meinen Dank an die Verfasserin. Man muss nicht in allen Bereichen zustimmen, aber habe selten einen so guten Überblick in so komprimierter Form gelesen.

Marcel Seiler / 03.05.2019

Ich mag diesen Artikel, und zwar egal ob nun alles 100 % historisch korrekt ist. Er ist der deutschen Wesensart freundlich gesonnen und hebt die deutschen Stärken als positiv heraus; er hackt nicht nur auf den Schwächen herum. Das findet man nicht so häufig. – Hier meine Kritik: Trotz der hier gelobten dezentralen Denkweise beobachte ich in Deutschland (a) eine starke obrigkeitliche Fixierung sowie (b) das Denken in Kategorien von “absolut falsch” und “absolut richtig”. Mit einer wirklich föderalen Denkweise ist dieses beides aber doch eher nicht vereinbar.

Johannes Schuster / 03.05.2019

Es stellt sich die Frage, wie man ein Volk überhaupt behandeln soll, daß dezentral oder nicht, zwei mal bewiesen hat, wozu es fähig ist. Ich meine, über Serbien regt man sich auf, aber den großen Völkermörder hofiert man und diskutiert über ihn. Über jeden Despoten in Arabien regen sich die auf, die den Mord verwaltungsreif gemacht haben. Es sollten nicht die Insassen ihrer Geschichte über die Geschichte urteilen als wären sie rein.

ulix vanradt / 03.05.2019

Bitte den Artikel überarbeiten. Wie kann man nur derart schludrig arbeiten?!? PS: ... und nachschlagen - “Hunnenrede” von Wilhelm II - Ostfränkisches Reich/Westfränkisches Reich (aus welchem entwickelte sich Dtl? ... eben.) - deutschsprachiges Norditalien? Die Tradition des Föderalismus - beginnend mit der “teutschen Libertät”, die leider letztlich auch den 30jährigen Krieg strukturell ermöglicht hat, der wiederum die “Verabsolutierung” des Staates als Hort der Sicherheit ermöglicht hat, was wiederum bewirkt hat, dass den meisten Deutschen nicht aufgefallen ist, dass die Nazis Kidnapper sind, die den Staat als Geisel genommen hatten, um ihn auszubeuten und zugrundezurichten (beides haben diese Verbrecher geschafft) -  ist tatsächlich eine Wesensmerkmal der politischen Kultur und Zivilisation in den deutschsprachigen Ländern. Aber das mit bloßen Zitaten aus Wikipedia begründen?!? Dann schon lieber ohne Verweise auf Wikipedia und kürzer. PS: die europäische Zusammenarbeit und Einigung steht vor Herausforderungen, die es nahelegen, nicht die Mechanismen des französischen Zentralismus heranzuziehen, sondern die Entwicklungs- und Erfahrungslinien des Föderalismus. Nur Versailles sieht einfach besser aus, als das Alte Rathaus von Regensburg mit seinem Reichsratsaal ... ... und ohne Briten geht die Klassenfahrt sicher nach Versailles anstatt nach Regensburg.

Christian Fuchs / 03.05.2019

Pfui, der Autor listet die durch Napolion willkürlich festgelegten Reststaaten als Grundlage von Deutschland auf. Als Franke fühle ich mich da übergangen. Aber im Ernst, ein geschichtlicher Rückblick dieser Art ist nicht hilfreich, auch der Blick auf nationale Identitäten birgt die selbe Fehlerhaftigkeit. Ich fühle mich in Tirol wie zu hause, die Kölner sind mir seltsam fremd.

Christian Saxinger / 03.05.2019

Zunächst sei mal festgehalten, dass die “Deutschen” keineswegs nur aus Germanen bestehen, sondern ebenso aus Kelten, was den gewissen Süd-Nord Kontrast erklärt. Aber beide, Kelten und Germanen, waren sich einig in der dezentralen Organisation. Deutschland ist ein Bundesstaat, bestehend aus teilautonomen Republiken. Diese Teilautonomie, genannt Föderalismus, gilt es auszubauen. Föderalismus ist unsere Stärke. Falls man so etwas wie eine “Volksseele” ausmachen möchte, fällt dazu passend vor allem eines auf: Ebenso wie die Schweizer und Österreicher besteht das Bedürfnis der Deutschen darin…in Ruhe gelassen zu werden. Was auch geographisch begründet ist. Wer dieses Bedürfnis nicht berücksichtigt, wie die zentralistische Brüssel EU und die gegenwärtige deutsche Regierung, wird über kurz oder lang, aber eher bald mit Unmutsreaktionen rechnen müssen.

Wilfried Cremer / 03.05.2019

Im oberen Drittel muss es “ost”- statt westfränkisch heißen… Und dieses ostfränkische Reich und seine Nachfolger waren nicht von Natur dezentralistisch, sondern “rombezogen hauptstadtabstinent”, um den Titel “heilig” zu erwerben. Und darum sind wir heute kopflos.

Rolf Lindner / 03.05.2019

Es mag zwar eine gewisse, durch die Geschichte entstandene Grundeinstellung der Völker in Europa geben, aber in diesem Artikel werden meiner Meinung nach ein paar wichtige Aspekte ausgeklammert. Die lateinsprachigen Länder, besonders Italien waren über lange Zeiten ähnlich zersplittert wie Deutschland. Wenn es de jure Zentralgewalt gab, wurde die von Regionalfürsten unterlaufen, oder die Landesteile waren im Kampf um die Zentralmacht zerstritten. Auch in den germanischsprachigen Teilen, z.B. in den nordischen Ländern gab es Zentralmächte, deren Macht aber genauso wie in den südlicheren Ländern von Regionalfürsten unterlaufen wurde. Nicht anders sah es in slawischsprachigen Ländern aus. Kaum hatte irgendwo ein Herrscher mit brutaler Gewalt ein Volk in einem Reich geeint, zerfiel es meistens, wenn der Herrscher das Zeitliche segnete, oder war durch innere Machtkämpfe geschwächt. Ich denke, dass das keine Besonderheit Europas ist. Man schaue sich nur die Geschichte Japans und Chinas an. Wenn es überhaupt eine gemeinsame Kultur in Europa gibt, dann ist sie durch das Christentum begründet. Aber selbst die Spaltung des Christentums ist dem Separatismus einiger Könige und Fürsten geschuldet. Kurz gesagt: Es gibt immer einen Kampf zwischen Separatismus und Zentralismus, und das liegt an der Natur des Menschen, gegen die die Mächtigen, seit es sie gibt, mit dem Volk im Streit sind. Nichtsdestotrotz haben die Völker Kulturen, die aber nicht im Politischen bestehen, sondern in dem, was man wirklich unter Kultur versteht, also Musik und Literatur sowie das oft geografisch bedingte Brauchtum. Es wundert mich immer wieder, wenn in Fernsehdokumentationen das Brauchtum anderer Völker als bewahrenswert dargestellt wird, während dem deutschen Brauchtum besonders durch Linke Kräfte ein Geruch nach Nationalismus angehängt wird und es nach deren Wunsch zugunsten einer archaischen Kultur wegrationalisiert werden soll. Das kann aber nur durch den Komplettaustausch eines Volkes gelingen.

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