Vor wenigen Tagen ist beim Focus der Artikel „Deutschland zersplittert: Was ist eigentlich noch ‚normal‘?“ erschienen, der versucht herauszufinden, warum der Zusammenhalt hierzulande in den letzten Jahren so stark bröckelt. Die These: Die Gesellschaft sei nicht mehr in zwei politische Lager – links und rechts – geteilt, sondern in mehrere „Milieus“ mit eigenen Wertesystemen und dem Verständnis davon, was „gut“ und was „böse“ ist, die ihre eigene Wirklichkeit leben und die Wirklichkeit eines anderen „Milieus“ als eine Art „fremde Ordnung“ wahrnehmen, die für die eigene Blase bedrohlich ist. Deshalb seien laut Focus auch keine argumentativen Diskussionen zwischen zwei unterschiedlichen „Wirklichkeiten“ mehr möglich.
Auch wenn der Erklärungsansatz im Artikel durchaus interessant ist, ist er doch mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Nicht nur, weil das Blatt regelmäßig eben zu dieser „Zersplitterung“ mit seinen Artikeln selbst beiträgt, indem es beispielsweise gerade in der Corona-Zeit Andersdenkende als Schwurbler bezeichnete und auch solche Artikel wie „Ethiker warnt vor falschen ‚Kampfbegriffen‘: ‚2G hat nichts mit Diskriminierung zu tun‘“ (9. November 2021) oder „'Stellen Sie Fragen': Expertin sagt, wie Sie mit Verschwörungs-Schwurblern am besten umgehen“ (29. Dezember 2021) veröffentlichte. Sondern auch, weil der Artikel um das Phänomen „Zersplitterung“ eher herumphilosophiert, ohne aber zu versuchen, es zu erklären. Auch die Umfrage, auf die er sich bezieht, bei der 86 Prozent der Befragten mehr Beleidigungen und Respektlosigkeit und 81 Prozent mehr Aggressivität wahrnehmen, weist eher darauf hin, welche Zielgruppen befragt wurden. Wer sind denn diejenigen, die sich beleidigt fühlen? Wer sind diejenigen, die respektlos behandelt wurden?
Würden kritische Stimmen und Andersdenkende, die spätestens seit der Corona-Zeit regelrecht Schikanen, Diffamierungen, berufliche Konsequenzen, ja sogar rechtliche und politische Verfolgung erleben, bei so einer Umfrage sagen, dass sie sich beleidigt fühlen? Könnten solche Erfahrungen überhaupt mit „mehr Aggressivität im gesellschaftlichen Miteinander“ beschrieben werden? Für sie wäre das eher etwas sehr Konkretes: Ihre Meinungen haben einen Preis. Und dieser Preis ist keine Beleidigung und kein respektloser Umgang. Dieser Preis kann heute die berufliche Existenz kosten, enormen Druck durch die Mitmenschen bedeuten, eine Kündigung, eine Strafe oder sogar eine Haft sein. Und wenn Menschen deshalb beginnen, ihre Meinung zu verschweigen, sich nur noch innerhalb ihrer eigenen Blase zu bewegen oder öffentliche Debatten zu meiden, ist das nicht einfach ein Problem unterschiedlicher „Wirklichkeiten“. Das ist ein Problem eines solchen gesellschaftlichen Klimas, das diese „Wirklichkeiten“ überhaupt erst schafft.
Die Erklärung ist ganz einfach, aber möglicherweise spielt sie inzwischen keine Rolle mehr
Man braucht hier deshalb keine aufwändige Milieutheorie und keine Umfragen, um festzustellen, dass in Deutschland seit vielen Jahren einiges schiefgeht mit der Meinungsfreiheit und mit der Spaltung der Gesellschaft. Und man braucht keine Pseudo-Diskussionen um solche Themen, solange die kritischen Stimmen eben aus solchen Diskussionen ausgegrenzt werden. Die Erklärung ist ganz einfach, aber möglicherweise spielt sie inzwischen keine Rolle mehr, weil die Absicht eines gesunden gesellschaftlichen Diskurses überhaupt nicht mehr da ist.
Wenn wir einfach schauen, wie viel – inzwischen institutionell – für den Schutz vor eben anderen Stimmen unternommen wird, dann fragt man sich, ob es hierzulande überhaupt darum geht, wieder zueinander zu finden? Vielmehr entsteht der Eindruck, dass es eher darum geht, zu definieren, welche Stimmen überhaupt als akzeptabel gelten. Eine Gesellschaft kann man nicht zusammenführen, wenn man einen Teil der Stimmen konsequent für unerwünscht erklärt.
Abschließend noch einige Leserkommentare unter dem Focus-Artikel. Sie zeigen besser als alle Umfragen, was in unserer Gesellschaft schiefläuft. Die Menschen sehen es längst selbst. Und das ist der trostloseste Teil der ganzen Geschichte.
„Wo soll der Zusammenhalt herkommen?“
- „Ich denke, das war der Plan. Das ‚Deutsche Volk‘ in immer kleinere Gruppen aufzuspalten und diese Fragmente dann in beständigen Streit miteinander zu halten. Womit haben wir solche Regierungen verdient? Wir waren doch ‚brav‘ und regierungsgläubig, haben immer schön pünktlich unsere Steuern bezahlt. Nun habe ich den Eindruck, wir sind 70 Jahre ordentlich betrogen worden.“
- „Der Verfasser hat völlig recht. Aber er versäumt es, die Verantwortlichen beim ‚Namen‘ zu nennen. Politische Korrektheit ist das Problem. Die Politik der Altparteien, welche seit Jahren in der Form, wie sie ihre Innen- und Aussenpolitik den Menschen verkaufen, lässt keine Kritik zu und spaltet unser Land. Wer die Verhältnismäßigkeit von Corona-Maßnahmen, selbst wenn es weltweit anerkannte Experten waren, bezweifelte, war für unsere Politiker nichts anderes als ein Corona Leugner (was sie hingegen niemals getan haben)…“
- „Wo soll der Zusammenhalt herkommen? Diese, vermeintlichen demokratischen Parteien, versuchen die Bürger zu gängeln und mit Vorschriften und Einschränkungen von sich abhängig zu machen. Eigenes Denken und gesunder Menschenverstand werden ausgeschaltet, um die Parteiideologie durchzusetzen. Wird Zeit, vom Bürger mehr Eigenverantwortung zu fordern und die meisten Vorschriften zurückzunehmen. Werden die aber nicht wollen und wenn, dann nicht hinbekommen.“
- „Seit Argumente durch Nazigleichsetzung ersetzt wurden, ist die Spaltung vollzogen. Was soll man mit jemand, der mit der Nazikeule kommt, noch diskutieren.“
- „Lasst gut sein. Der Zug ist abgefahren. Was allein diese ‚Linken‘ am Wochenende wieder von sich gegeben haben, ist völlig hirnrissig. Dazu die Regenbogenfraktion, die Klimawandelfanatiker, Islamisten & Co. Ja, wo bleibt denn da der normale Mensch noch?! Vergesst es…“
- „W I R wurden durch die Politik unserer Identität beraubt. Teile derselben haben dies wohl erkannt, sind und waren aber nicht bereit, diese Zustände zu ändern. Das ‚WIR‘-Gefühl leben uns jetzt andere in unser Sozialsystem geströmte Personengruppen vor und nichts wird dagegen unternommen. Diese, der deutschen Bevölkerung angetane Unverschämtheit und die absolute Unfähigkeit der gewählten Personen wird ihre Konsequenz in der nächsten Wahl haben. Alles, was dann hoffentlich zu einem Ende, der für alle klar und normal denkenden Bürger unseres Landes, unerträglichen gewordenen Lebensumstände führen wird, hat sich die tatenlose Politik und ihre Unterstützer selbst zuzuschreiben.“
- „Ich denke, wir Deutschen sind ein sehr obrigkeitshöriges Volk. Und wer die Meinung der Obrigkeit nicht teilt, ist damit schlichtweg für große Teile der Bevölkerung uneinsichtig, wenn nicht gleich dumm. Und mit solchen Menschen redet man nicht. Aus gutem Grund. Sie erzählen ja nur Blödsinn, Dinge, von denen sie in den Nachrichten bei ARD und ZDF noch nie etwas gehört haben. Und in diesem Punkt haben sie womöglich sogar recht.“
Ekaterina Quehl, geboren in St. Petersburg und seit mehr als 20 Jahren in Deutschland, ist Journalistin, Redakteurin und Grafikdesignerin. Sie leitete jahrelang die Redaktion eines großen kritischen journalistischen Portals und schreibt heute auf ihrem eigenen Blog, wo dieser Beitrag zuerst erschien.
Früher gab es politische Gegner, heute gibt es politische Feinde. Das linksgrüne Lager inklusive CDU hat es übertrieben. Wozu soll ich mit diesen Leuten, die unser Land in den Abgrund treiben, noch reden?
Nein, Reden hilft nicht mehr, die müssen vernichtet werden indem man sie aus den Parlamenten hinauswählt.
Finde, die ganze Diskussion über die Spaltung der Gesellschaft kann man mit der Binsenweisheit abkürzen, dass Herrschenden immer daran gelegen war, die Beherrschten zu spalten, damit sie sich leichter beherrschen lassen. Das hohe Orakel von Wikipedia verrät: >>Divide et impera (lateinisch für „Teile und herrsche“)<< Das wussten schon die Römer und das funktionierte auch schon damals! Es wurde nur noch perfektioniert. Die wollen das so! Angst und Spaltung. Heute hetzen sie Frauen gegen Männer, Schwarze gegen Weiße, Schwule gegen Heteros, natürlich Arme gegen Reiche und sorgen noch für weitere Gräben, indem sie erwiesen inkompatible, teils konträre Gesellschaftsmodelle durch wahllose Masseneinwanderung als etablieren, die nebenbei unsere Sozialsysteme überlasten und für noch mehr Kämpfe sorgen. Während „Corona“ haben sie nicht nur Gespritzte gegen Ungespritzte gehetzt, sie haben sogar Gift in die Familien gebracht und versucht, Großeltern gegen ihre Enkel aufzubringen, indem sie sie Kinder als Gefahr dargestellt haben. „Verschwörungstheorie“? Es passiert doch!
@Harald Hotz: Ihr Plädoyer für Freiheit und Pluralismus klingt im ersten Moment eingängig, beruht jedoch auf einem Denkfehler: Sie setzen den Wunsch nach gesellschaftlichem Zusammenhalt mit dem Einfordern von ideologischem Gleichschritt gleich.
Eine offene Gesellschaft lebt zweifellos von Vielfalt, Streit und unterschiedlichen Meinungen. Das funktioniert allerdings nur so lange, wie ein gemeinsames Fundament diese Reibung aushält. Wenn Menschen heute den Verlust von Zusammenhalt beklagen, fordern sie keinen Diktatur-Gleichschritt, sondern die Bereitschaft zu Dialog, Kompromiss und gegenseitigem Vertrauen.
Sie argumentieren, dass Regeln wie Respekt, Toleranz und Gewaltlosigkeit völlig ausreichen würden – als reiner „Volksschul-Knigge“. Doch genau hier liegt das Problem: Die Sorge um den Zusammenhalt speist sich heute aus der Beobachtung, dass selbst dieser minimale Grundkonsens im öffentlichen Diskurs zunehmend untergraben wird.
Ihr historischer Verweis auf das NS-Regime greift zudem rhetorisch zu kurz. Diktaturen fordern Unterordnung; Demokratien hingegen brauchen Gemeinsinn. Eine Gesellschaft, die sich nur noch über das reine Nebeneinander-Herleben definiert, verliert die Fähigkeit, gemeinsame Aufgaben zu bewältigen. Die Warnung vor einer tiefen Spaltung ist daher kein „Gejammer einer Minderheit“, sondern die berechtigte Sorge um die Handlungsfähigkeit unserer Demokratie.
@Ilona Grimm / „15.08.2026
BTW: Das Achgut-Betreiber-Team gibt sich redlich Mühe, mich aus dem Leser-, Foristen- und Patenkreis auszuschließen:
durch Lese-Erschwernis, Nötigung sowie physische (Sehnenscheiden) und psychische (Genervtsein) Überanstrengung.
Die Achgut-“Ingenieure„ zwingen mich nämlich seit einiger Zeit – und zunehmend – hundertfach am Tag zu KLICKEN / WEGZUKLICKEN, und ständig rauf und runter zu scrollen, um irgendwann den von mir gewünschten Artikel oder Kommentare zu lesen (noch schlimmer!), insbesondere wenn sie über mehrere Seiten gehen und ich vor oder zurück gehen möchte. (…)“ ---- Also, bei mir läuft alles wie geschmiert. Ich benutze ein Motorola-Handy, das 3 Jahre alt ist.
Vielleicht sollten Sie alles mal „updaten“ …?
Ich habe den Focus-Artikel gelesen. So schlecht ist der gar nicht. Einiges ist lesenswert. Was Ekaterina Quehl ja auch einräumt.
Leider zeigt Quehl mit ihrem Text auch auf, was die eigentliche Ursache von dem ist, was wir bei uns so sehr beklagen. Der Focus-Artikel beklagt sich nicht. Er liefert Erklärungs-Ansätze.
Ekaterina Quehl’s Erklärung jedenfalls ist recht simpel gestrickt und nur Symptom des Problems.
Wo Quehl Recht hat, ist, dass die eine Seite, nämlich die linke und woke weitaus mehr Macht hat und den Mainstream lenkt, und massive Grenzüberschreitungen mit Folgen begeht; wie beispielsweise eben Schikanen, berufliche Konsequenzen oder politische Verfolgung. Die Quelle des Bösen liegt aber nicht darin, sondern im Stigmatisieren, im Diffamieren, im Polemisieren, im Verachten und im Ausgrenzen. Und das tun eben die „Rechten“, die Ungeimpften, die Corona-Kritiker etc. in gleicher Weise. Sie hetzen gegen Politiker und Geimpfte. Und viele Texte beweisen, dass sie in gleicher unfairer und bösartiger Weise gegen Andersdenkende vorgehen würden, wenn sie nur die Macht dazu hätten! Dass die Falschen die Macht haben und missbrauchen kann also nicht die Ursache der Polarisierung sein. So wie es Quehl suggeriert.
Die Ursache liegt vielmehr im extrem zugenommenen Narzissmus in der GESAMTEN Gesellschaft. Früher waren Menschen selbstreflektierter. Man hat die Fehler und Schwächen anderer mehr toleriert, weil man wusste, dass man selber Fehler und Schwächen hat. Der typische Narzisst tickt heute aber anders. Er glaubt, er hätte keine Fehler, und nur die, und die, und die würden Fehler begehen. Der Narzisst glaubt, er wäre perfekt, und bestimmte andere wären minderwertig. Der Narzisst glaubt, er trage nie Schuld, und Sündenböcke hätten an allem Schuld…usw. usf.
Der überbordende Narzissmus (fehlende Selbsteinschätzung) ist der Hauptgrund für die Spaltung der Gesellschaft. Und leider fährt Quehl genau diese Schiene, die sich völlig blind für die eigenen Sünden zeigt!
Wenn man in die Geschichte guckt und sich die ältesten Demokratien anschaut, zum Beispiel die Griechische und die B
ritische, dann fällt mir eine gewisse Affinität zum Sport auf. Offenbar braucht man zur Demokratie einen ausgeprägten Sportsgeist. Das heißt die Auseinandersetzung darf hart sein, es darf sogar getrickst werden(z. B. Spielzüge vortäuschen), es müssen aber Regeln eingehalten werden. Das nennt man Fairplay. Es bedeutet auch, daß Schiedsrichter und Sportler zwei unterschiedliche Personen seien müssen. Dieses Verständnis scheint in Deutschland unterenwickelt zu sein. Außerdem haben wir Deutschen einen Hang zum Fatalismus. „Wenn diese Wahl verloren geht, dann ist Alles verloren.“ – Blödsinn! Nach dem Spiel ist vor dem Spiel!
Es ist doch ganz einfach: Sozialismus und Diskurs schließen sich logisch gegeneinander aus. Entweder wie jetzt Sozialismus, oder Diskurs. Solange die linksgrünen Totalitären, die ihren Sozialismus „Unsere Demokratie“ nennen, an der Macht sind, gibt es keinen Diskurs. Schließlich sind sie im Besitz der Allwissenheit mit Blick auf das Gute. Damit steht auch fest, wer die Spalter sind.