Gastautor / 25.05.2023 / 14:00 / Foto: Tapfer im Nirgendwo / 76 / Seite ausdrucken

Warum Sucharit Bhakdi mich als Jüdin verletzt hat

Von Malca Goldstein-Wolf.

Wer wie Sucharit Bhakdi darüber fabuliert, dass Juden ihr eigenes Land in etwas verwandelt haben, das schlimmer ist als Nazi-Deutschland, der kritisiert nicht, der dämonisiert. Bhakdis Ergüsse haben mich als Jüdin in Mark und Bein getroffen.

Ich möchte nicht überall Antisemitismus unterstellen, bin froh, wenn ich nicht mit Judenhass konfrontiert werde. Mit dem Namen „Goldstein“ fühlt es sich aber so an, als hätte ich einen Davidstern auf der Stirn tätowiert. Da ist es manchmal schwierig, in den sozialen Netzwerken den „Tatort“ zu kritisieren, ohne als Kindermörder beschimpft oder für die Bankenkrise verantwortlich gemacht zu werden.

Es gibt antisemitische Klischees, die sind offenbar so tief verwurzelt, dass sie längst die Mitte der Gesellschaft erreicht haben. Zum rechten Judenhass gesellt sich der immer stärker werdende und in Teilen leider salonfähige Antisemitismus, gerne geschürt von sogenannten Intellektuellen aus der Wissenschafts- und Künstlerszene sowie der islamistische Hass auf Juden, der uns auch körperlich bedroht.

Es ist wichtig, jede Form von Judenhass zu benennen und jede Form gleichwertig zu ahnden. Leider gelingt das in der Realität oftmals nicht. Von Innenministerin Faeser zum Beispiel wissen wir aus Erfahrung, dass sie zwar Rechtsextremismus bekämpft, Linksextremismus und Islamismus aber schändlich vernachlässigt. Diese Fahrlässigkeit bedroht übrigens nicht nur Juden, sie bedroht Frauen und Homosexuelle ebenso, ist eine Gefahr für unsere demokratischen Werte.

Und manchmal taucht Antisemitismus dort auf, wo man ihn nicht vermuten würde, wo man ihn am liebsten auch nicht sehen möchte, weil es schmerzhaft ist, wenn Menschen, die man doch eigentlich schätzt, manchmal sogar verehrt hat, sich antisemitisch verhalten, antisemitische Klischees bedienen.

Völlig irrsinnig, Israel mit Nazi-Deutschland zu vergleichen

Eine immer weiter verbreitete Form ist der Judenhass, der sich als Israelkritik tarnt. Bitte nicht falsch verstehen: Selbstverständlich darf man die israelische Politik kritisieren, zumindest dann, wenn man sich nicht ausschließlich auf den jüdischen Staat einschießt. Konstruktive Kritik bedient allerdings in keinem Fall antisemitische Ressentiments.

Wer wie Sucharit Bhakdi darüber fabuliert, dass Juden ihr eigenes Land in etwas verwandelt haben, dass schlimmer ist als Nazi-Deutschland, der kritisiert nicht, der dämonisiert, stellt einen Vergleich an, der geschmackloser und widerlicher nicht sein könnte.

Es ist völlig irrsinnig, Israel mit Nazi-Deutschland zu vergleichen. Selbstverständlich darf die rigide, israelische Corona-Politik diskutiert werden. Allerdings wollte die israelische Regierung ihre Bevölkerung mit den Impfmaßnahmen schützen und nicht auslöschen. Wer solche Vergleiche anstellt, muss sich einen Antisemitismus-Vorwurf gefallen lassen, und es wäre wünschenswert, dass das auch diejenigen erkennen, die ihn als Wissenschaftler schätzen.

By the way, hat man eigentlich ähnlich formulierte Kritik an den Neuseeländern geübt, die aus ihrem Land ein Corona-Gefängnis gemacht haben? Sind Neuseeländer jetzt auch die Reinkarnation des Bösen? Bhakdis Ergüsse haben mich als Jüdin in Mark und Bein getroffen, und es darf nicht sein, dass man in Deutschland Juden pauschal als diejenigen verurteilt, die das Böse gelernt und umgesetzt haben.

Wenn solche Äußerungen nicht als antisemitisch gewertet werden, was soll denn dann noch kommen, bis wir Judenhass als das erkennen, was er ist? Da kann jemand noch so sympathisch und klug erscheinen, Judenhass ist Judenhass.

Wenn Roger Waters von mächtigen Juden fabuliert, die im Hintergrund die Fäden der US-Politik ziehen würden, bedient er lupenreine antisemitische Klischees. Und auch als Fan seiner Musik darf man die Augen davor nicht verschließen. Dass solche Äußerungen Normalität geworden sind, dass es Normalität war, Juden als das Böse zu karikieren, das hatten wir schon einmal …

 

Malca Goldstein-Wolf ist eine deutsch-jüdische Aktivistin und Publizistin, die sich gegen Judenhass einsetzt. Sie hat dafür gesorgt, dass Roger Waters Tournee 2018 nicht durch den WDR mit öffentlichen Geldern subventioniert wurde. Neben ihrem Aktivismus als ehrenamtliches, geschäftsführendes Mitglied des deutschen Präsidiums von Keren Hayesod, Israels größter Spendenorganisation, sammelt sie Gelder für israelische Menschen in Not. Mehr finden Sie auf ihrer Facebookseite.

Foto: Tapfer im Nirgendwo

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Leserpost

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Wolfgang Richter / 25.05.2023

Wieder ein schöner Beleg für die gelebte Meinungsfreiheit “hier vor Ort”. Der Frau Goldstein-Wolf möchte ich antworten, daß sie entweder die Worte des Herrn Prof. Dr. Bhakdi nicht verstanden hat oder bewußt und gewollt mißverstehen wollte. Die erste Annahme wäre nja noch durchaus verzeihlich.

Sabine Richter / 25.05.2023

Es ist das Eine, von einer Aussage betroffen, wütend oder verletzt (gemacht) zu werden. Eine Aussage kann zudem noch ungeschickt, falsch, unangebracht oder schlichtweg dumm sein. Sie wird dadurch aber nicht automatisch zu etwas Justiziablem und wer sich so äußert sollte nicht gleich in eine bestimmte Ecke gedrängt und schlimmstenfalls gecancelt werden.

Dr. R. Möller / 25.05.2023

Aber ja doch - was für Israel gilt ist auch für Neuseeland richtig. Schon mal überlegt das Professor Bakdi Thailänder ist und mit dem Holocaust insoweit nichts zu tun hat. Wir Deutschen sollten uns allerdings jeglicher Nazi und Holocaust Vergleiche enthalten. Für andere Nationen gilt dies nur bedingt. Da darf man schon mal Methoden der Vergangenheit Methoden der Gegenwart gegenüberstellen. Auch wenn dies gegebenenfalls unrichtig ist.  Falsche Kritik muß man ertragen und kann man mit Fakten richtig stellen. Da muß man durch. Andernfalls empfehle ich das Aufsuchen eines SafeSpace.

Franz Klar / 25.05.2023

Warum wurde S. B. nicht tapfer ausgebuht , dort im Gerichtssaale zu Plön am See ? Das hätte ihn sicher in Mark und Gebein erschüttert .Wie zuvor C. R. in Frankfurt am Maine (Achgut berichtete) .  Chance vertan !

Ludwig Luhmann / 25.05.2023

Ein Vergleich isr niemals eine Gleichstellung oder Gleichsetzung!

Magdalena Hofmeister / 25.05.2023

Die Äußerung Bhakdis hatte ich beim Betrachten des Interviews seinerzeit selbst als unglücklich empfunden u. ich war mir schon im selben Moment sicher, dass es ein gefundenes Fressen für die üblichen Empörungsgrundsuchenden sein wird. Im Gesamtkontext des Interviews u. mit ein wenig Kenntnis von Person u. Charakter von Herrn Bhakdi (dessen Integrität Vorurteilsfreien a. beim Anschauen d. Interviews klar sein sollte), war die Äußerung eigentlich nur zu verstehen als Empörung gegenüber der israelischen Regierung, das eigene Volk als Versuchskarnickel zu verkaufen. Das eigentliche Problem besteht jedoch m.E. im grundsätzlich fragwürdigen Konstrukt der gesetzl. Strafbarkeit der Verharmlosung o. Leugnung d. Holocausts. So sehr ich den Schmerz von Juden verstehen kann, wenn der Holocaust verharmlost (im Zusammenhang d. Palästinakonflikts u. dann oft von linker Seite gang u. gäbe, aber wie oft wurde das vor Gericht behandelt?), kleingeredet o. gar abgestritten wird, war es abzusehen, dass die Strafbewehrung der Holocaustleugnung einmal als Eintrittstor genutzt werden wird, um die Meinungsfreiheit zu unterminieren u. den Vorwurf als Instrument zum Ausbau eigener Macht zu nutzen. Linken Regierungen, die sich anschicken, die Opposition auszuhebeln, wurde ein perfektes Instrument gegeben, Kritiker, die auf Mechanismen der Gleichschaltung u. Aufhebung individueller Rechte wie im Dritten Reich hinweisen, mundtod zu machen. Wie man so schön sagt: Der nächste Faschismus wird sagen, ich bin der Antifaschismus. Ja, Dritte-Reichvergleiche sind allzu oft unpassend, überzogen u. hyperinflationär. Ich persönl. versuche sie weitgehend zu vermeiden, aber es ist nun einmal ein Geschichtsabschnitt, der selbst den Geschichtsunbewandersten präsent ist, so dass Analogiebildungen von allen verstanden werden. Man sollte besser wieder Vertrauen darin setzen, dass echte H.-Leugner u. schiefe Vergleiche sich selbst diskreditieren.

Frank Baumann / 25.05.2023

Bhakdi ist über’s Ziel hinausgeschossen, ich vermute mal, das war situationsbedingt, genau wie damals der Kleine Akif. War dämlich, und es war auch klar, was kommen wird, ein Elfmeter für die deutsche Staatsanwaltschaft. Ich halte ihn aber definitiv nicht für einen Antisemiten, er wollte warnen.                                                  PS: “Allerdings wollte die israelische Regierung ihre Bevölkerung mit den Impfmaßnahmen schützen und nicht auslöschen.” Ja, genau, also was für ein erstaunlicher Zufall, genau wie hier in der bunten Republik! Alles Bestens also. Aber Sie dürfen sich natürlich trotzdem beleidigt fühlen. Vergessen Sie aber bitte darüber nicht Ihre lebensrettende sechste bis 23 Corona-Schutzimpfung, man will nur Ihr Bestes!

Johannes Schumann / 25.05.2023

Sehr gut geschrieben und ich sehe es genauso. Ich möchte aber konstantieren, dass ich den Freispruch richtig finde und dass ich mich für Herrn Bhakdi freue. Ein antisemitisches Weltbild erkenne ich nicht und Volksverhetzung schon mal gar nicht. Dass das, was die Israelis während Corona unter Netanjahu erleben mussten, in die Nähe der Schrecken im Dritten Reich zu bringen, ist dumm. Solche Aussagen sind nicht belastbar. Und es ist auch klar, dass die Gegenseite versucht, solche verbalen Fehltritte auszunutzen. Es scheint ja modern zu sein, gerade bei Israel zu unpassenden Vergleichen zu greifen. Was die Neusländer angeht, weiß ich nicht, aber die Kritik an Australien war schon recht scharf. Warum sich Bhakdi Israel rausgesucht? Das zentrale Thema zu jener Zeit war ja die “Impfung” und Israel war eines der ersten Ländern, das mit Pfizer einen großen Deal beschloss, “Ungeimpfte” früh auszuschließen versuchten und für Pfizer Daten sammelte. Dass die Staatsanwaltschaft bei Bhakdi so dahinter ist und ihn mit Klagen überzieht, ist eine Instrumentalisierung des Antisemitismus und ist selbst wieder antisemitisch, wenn man bedenkt, wie tatenlos diese Regierung bei Antisemitismus ist, der seine Vernichtungsphantasien ganz unverblümt proklamiert. Hier wurde Antisemitismus nur als Vorwand, um einen Corona-Maßnahmen-Kritiker der ersten Stunde kalt zu machen.

Bert Führmann / 25.05.2023

Nun gut, - durch Lesen aller Leserbriefe konnte ich die Sache und auch die Verteidiger Bhakdis und ihn selber besser verstehen:  Manche gaben sich viel Mühe und verrenkten sich beinahe, andere machten es sich reichlich einfach, manche beschworen seine Menschenliebe oder gar Judenbewunderung (im gleichen Text ?), was mir auch von dem insgesamt viel größeren Original-Zitat her so nicht bekannt war. Am hochgestochensten, doch wie andere, zB. @Christian Schuhmachers Satz-Analyse, an Frau Goldstein-Wolf voll vorbeigehend, kommt die rechts-historische Belehrung “gefühltes vs. objektives Recht” von @Hans Bendix, zu deren “nur” Verdeutlichung er ausgerechnet Dr. J. Goebbels zitiert, - eine bodenlose Frechheit.  Ist es so schwer zu verstehen, warum Frau Goldstein-Wolf, wie ich den Dr. Bhakdi als antisemitisch verstehen mußte? Oder ist sie/ich verpflichtet, erst einen wie großen Abschnitt zu lesen bzw. wie hier empfohlen, erst den ganzen menschenfreundl. Menschen kennenlernen? Nein ! Ich las etwa 3 Sätze von Bhakdi, etwa “die Juden lernen gut auch das Böse und verwandeln ISRAEL in Schlimmeres als Nazi-Deutschland” und war entsetzt, - noch so ein Vollidiot, dachte ich; den kannste nicht mehr empfehlen! - Mit dämonisieren statt kritisieren trifft es Frau G.-Wolf im Kern, auch wenn es Dr. B. aus ehrlicher fachlicher Empörung sagte. Und was hat sie wie ich als nur Juden-Freund, insbesondere seit der ab dem 29. 9. 2000 öffentl.-rechtlich intensiv bearbeiteten israelischen Abwehr gegen die islamische Terrorintifada erlebte, wenn man auf’s ISRAEL-Thema kam? 1., die “vorsichtigen” dtn. Kritiker “ISRAEL ist ja langsam so schlimm, wie die Nazis”, 2. von den gesellschaftskrit. links-antizionist. “Kritikern”: “Die Israelis sind so rassist., wie die Nazis (und benutzen den Holocaust)”, 3. “schlimmer als die Nazis” kam meist von Moslems. Alle: “Was könn denn die Pal.-Mosl. für den Holocaust!” Wegen fehlender nebenseitige Exkurse komme ich @Jacob Gröning und @Leo Hohensee am nächsten.

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