– „Kennst du Lars aus Deutschland? Der hat genau wie du dem Özgür Özel gratuliert“, eröffnete meine Frau das sonntägliche Frühstück.
– „Welcher Lars?“, fragte ich kauend. Ich habe einen lieben Freund namens Lars. Aber dass der neuerdings in der türkischen Innenpolitik mitmischt, war mir neu.
– „Wie heißt der Lars denn weiter?“
– „Lars Klingbeil.“
Schreck lass nach. Sie meinte den SPD-Chef. Den musste sie nicht kennen, muss man auch nicht. Es reicht völlig, dass ich weiß, wer das ist.
– „Ach der“, winkte ich ab. „Das ist doch diese Nullnummer. Der deutsche Finanzminister, der keine Ahnung von Finanzen hat.“
– Meine Frau blickte auf. „Der hieß doch anders, der ohne Ahnung?“
– „Du meinst Robert Habeck?“
– „Ja, genau! Bei dem sagtest du das auch. Aber schau mal, wo du bist – und wo die sind. Meiner Meinung nach bist du einfach nur neidisch.“
Irgendwie argumentiert sie in solchen Momenten wie eine Linke
Ich war bedient. Immer wenn wir über Politik reden, ziehe ich verlässlich die Arschkarte. Schweigen oder Verteidigungshaltung? Das musste binnen einer Sekunde entschieden werden.
„Weißt du“, setzte ich an, „es ist extrem einfach, in der Politik Karriere zu machen. Du musst nur von Anfang an reingehen. Erster Schritt: Eintritt in eine Partei. Erfahrung? Optional bis gar nicht nötig. Am besten in eine linksdrehende Partei.“ Diesen Begriff von mir kennt sie, den musste ich nicht extra erklären.
„Du bist nur neidisch“, wiederholte sie ungerührt. Irgendwie argumentiert sie in solchen Momenten wie eine Linke. Die hätten mich an dieser Stelle allerdings direkt als „Nazi“ beschimpft. Meine Frau hingegen ist eine moderne, weltoffene Frau, die sich vom ersten Tag an perfekt assimiliert hat – ihre Argumente entspringen eher einem knallharten, weiblichen Pragmatismus. Eine Chance, ihr die realen Mechanismen des Politbetriebs zu erklären, hatte ich nicht. Sie redete bereits wie ein Wasserfall:
„In der Türkei warst du ein Kritiker, der zum Schweigen gebracht wurde, und hier bist du vom Regen in die Traufe gekommen. Kaum hast du in Deutschland vor den Islamisten gewarnt, gab es nur noch Ärger und keine Aufträge mehr. Und deine Islamkritik? Da bist du doch auch nur neidisch! Die bekommen hier schließlich alles, was sie verlangen – und du nicht! Aber der Lars, der sitzt dick im Geschäft auf der Sonnenseite!“
„Lass uns bitte nicht mehr über deinen Lars reden.“
– „Der Lars?! Jetzt tu nicht so, als würdest du ihn persönlich kennen, ‚den Lars‘!“
Sie ließ kurz von mir ab, grübelte und schob nach: „Warum gratuliert der Lars eigentlich dem Özgür Özel?“
– „So sind Sozialdemokraten. Die halten zusammen. Weltweit“, seufzte ich.
– „Dann muss der Lars ein Guter sein, wenn er Özel gratuliert.“
Heiliger Strohsack. Wie kam ich aus diesem rhetorischen Treibsand wieder raus?
– „Lass uns bitte nicht mehr über deinen Lars reden.“
– „Siehst du! Jetzt, wo ich dir den Spiegel vorhalte, suchst du Fluchtwege.“
– „Nein, ich möchte über den lieben Lars einfach nicht reden. Mir dreht sich der Magen um.“
„Siehst du, ich habe recht“, triumphierte sie
„So bist du immer, wenn ich dir den Spiegel vorhalte. Warum bist du eigentlich nicht in die Politik gegangen?“ Ehrlich gesagt: Das frage ich mich in düsteren Stunden auch. Ich war mal für vier Monate Mitglied der FDP. Oder waren es sechs? Ich muss diesen Entschluss in einem Moment geistiger Umnachtung gefasst haben – wahrscheinlich, weil ich in Bayern lebe. Ich dachte als Liberal-Konservativer naiverweise, das könnte funktionieren. In dieser kurzen Zeit stellte ich jedoch fest: Die Stühle waren alle schon besetzt. Seit Jahren, manche schon seit Jahrzehnten. Und sie waren nicht nur besetzt: Stuhl und Parteifunktionär bildeten eine untrennbare, biologische Einheit.
Dabei hätte ich nur zehn Kilometer weiter fahren müssen – da beginnt Hessen. Da hätte ich mir bezüglich der Fünf-Prozent-Hürde zumindest Hoffnung machen können. Aber wahrscheinlich kleben sie dort genauso an ihren Sesseln. Während mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, holte mich die Heimatfront ein:
„Was war denn damals? Da bist du doch in die Politik gegangen. Warum hast du es nicht geschafft?“ Wieder eine Sekunde Zeit für die Entscheidung: Sollte ich ihr das mit den bayerischen Sesselklebern erklären? Diesmal traf ich die strategisch richtige Entscheidung. „Tja!“, war mein Kommentar. Was im Ehe-Code einer bedingungslosen Kapitulation und der Akzeptanz, ein Versager zu sein, gleichkam.
„Siehst du, ich habe recht“, triumphierte sie. „Ja!“, sagte ich.
Nachtrag für die Leser zur geopolitischen Einordnung: Wer ist Özgür Özel? Das war der Parteivorsitzende der sozialdemokratischen CHP in der Türkei. „War“ deshalb, weil ein türkisches Gericht kurzerhand alle Parteitage und Beschlüsse ab 2023 für nichtig erklärt hat. Ausgebootet durch pure Willkür. Also musste er eine neue Partei gründen, ob er wollte oder nicht. Viele liefen von der CHP zu seiner neuen „YENI“-Partei über. Das Kuriose: Mit dieser gerade einmal zwei Wochen alten Partei stellt er nun die stärkste Opposition im Land. Und genau ihm gratulierte Lars. Unser Lars.

Es wird dem Autor kaum helfen, aber er ist nicht allein. Man kann es durchaus mit Pragmatismus umschreiben, je nachdem, wie stark man das Thema „ Charakter“ betont. Nicht uninteressant ist dabei das Phänomen einer gewissen Widersprüchlichkeit, denn angeblich finden die Damen Herren mit Charakter ganz „ toll“, so wie die mit „ Geist“ und „ Humor“. Die Empirie und auch die Wissenschaft scheint eher Klingbeil und co recht zu geben. Es zählt, was hinten rauskommt, egal was vorne investiert bzw mit welchen ( unsauberen) Mitteln gearbeitet wurde. Fakt ist und bleibt aber, dass sich Frau Dener nicht für Klingbeil, Habeck und co entschieden hat und das hat sicher nichts damit zu tun, dass sie beide nie kennenlernte. Dessenungeachtet könnte die ( Auswahl) forschung auch hier manche liebgewonnenen und gerne vorgetragenen Mythen stören. Für manche Herren unbegreiflich.
Sehr geehrter Herr Dener, schauen Sie bitte einmal, wo die Frau von Lars tätig ist oder der Mann Karin Göring- Eckhardt. Da können Sie zumindest ein Remis erreichen.
Mfg
Nico Schmidt