Rainer Bonhorst / 27.04.2019 / 15:30 / Foto: Pixabay / 8 / Seite ausdrucken

Vom einsamen Schwänzen zum einsamen Lernen

Da Robert von Loewenstern neulich – auch meiner Meinung nach – das ultimative Wort zum Klimawandel gesagt beziehungsweise geschrieben hat, möchte ich mich hier nur einem Nebenaspekt des Themas widmen: dem Schule schwänzen. Wenn ich mich richtig erinnere, habe auch ich vor einigen Jahrzehnten schon mal die Schule geschwänzt. Allerdings gab es damals noch keine Erderwärmung. Auch das Waldsterben war noch nicht erfunden. Und vom Feinstaub hatte kein Schwein auch nur den blassesten Schimmer. Mit anderen Worten: Mein Schuleschwänzen diente keinem guten Zweck.

Oder doch: Ich saß im Café, las ein unterhaltsames und nicht unbedingt lehrreiches Buch und freute mich des Lebens, während meine Mitschüler sich mit der Keilerei bei Issus von Dreidreidrei herumärgern mussten. Das war für mich ganz persönlich ein guter Zweck, war aber gesellschaftlich nicht relevant. Der Café-Besuch trug – zugegeben – nichts Wesentliches zur Rettung der Welt bei. Hinzu kam die Erklärungsnot am nächsten Tag, wenn sich herausstellte, dass der Lehrkörper mich tatsächlich vermisst hat.

Der Ärger der Lehrer damals war verständlich. Die mussten zur Arbeit, und ich hab mir einfach mal einen Tag ungenehmigten Urlaub genommen. Wäre ich seinerzeit schon ein gesellschaftlich relevant schwänzender Weltretter gewesen, hätte sich die Lage natürlich ganz anders dargestellt. Ich wäre kein Alleinrebell gewesen, sondern rebellierender Mainstream. Also Teil einer Bewegung, auch wenn mir dieser Begriff immer noch etwas unheimlich ist. Aber heutzutage ist die Bewegung ja wieder gesellschaftsfähig. Wir wären alle, alle Schwänzer gewesen, und die Lehrer hätten aus Solidarität und aus Freude an der pädagogisch wertvollen Zusatzfreizeit mit geschwänzt. Ganz wie heute.

Ich möchte allerdings nicht ausschließen, dass ich in diesem Fall konträrerweise erst recht zur Schule gegangen wäre. Sozusagen als Trotz-Streber. Ich wäre einsam durch das verlassene Schulgebäude geirrt, hätte allein im Klassenzimmer die Sache mit der Keilerei von Dreidreidrei nachgelesen und das Leben fast so genossen, als wäre ich ein einsamer Schwänzer im Bahnhofs-Café. Und kein einsam Lernender im Klassenzimmer. So ändern sich die Zeiten. Heute, als bürgerlich gefestigter Oldie kommt mir das Schüler-Lehrer-Gemeinschafts-Schwänzen eher wie eine Schnapsidee vor. Aber wenn es der Rettung der Welt dient – bitte sehr. Happy Schwänzing! Und wenn sich die Welt auf diese Weise doch nicht retten lässt, dann hatte die Retterschar immerhin ein paar fröhliche Freitage. Um nicht zu sagen: freie Tage. Es ist eine Win-Win-Situation. Sollte sich die Erde einfach trotzdem erwärmen, dann muss bald keiner mehr in die Südsee fahren, um sein Hawaii-Hemd auszuführen. Sollte sie aber gerettet werden, und unser Wetter bleibt so schlecht wie es ist, dann kriegen die Retter den Nobelpreis. Vielleicht gehe ich doch mal am Freitag mit schwänzen.

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herbert binder / 27.04.2019

“Retterschar”, lieber Herr Bonhorst? Träfe nicht “Rattenschar” eher ins (finstere?) Schwänzerherz? Die ist inzwischen ja weit, weit über Hameln hinaus verbreitet. Von ähnlicher Wucht wie der “süße Brei” bei den Grimms. Aber kurz reden wollte ich eigentlich vom Schwänzen der ganz anderen, sozusagen der besonderen Art. Zu finden im Erstling von F. Truffaut: “Sie küßten und sie schlugen ihn”. Da kommt tatsächlich der Satz vor: “Einmal schwänzte ich das Kino und ging in die Schule.” ... Ach.

Dr. Gerhard Giesemann / 27.04.2019

Die Spiegelung der Verhältnisse ist öftens heuristisch wertvoll. Wären 2015 so gut wie nur junge, alleinige muslimische Frauen und Mädchen gekommen, die den Männern dort entflohen sind, wie sähe dann die gesamte Debatte aus? So wie es ist, ist die Debatte bloß noch lästig so langsam.

Dirk Jungnickel / 27.04.2019

Die JF bringt in dieser Woche eine köstliche Karikatur zur Welt- bzw. Klimarettung. Die von einem Heiligenschein gekrönte Greta hüpft mit einer Gesetzestafel den Sinai - Berg herunter. Auf der Tafel sind die 10 Klimagebote vermerkt. Eine Meute huldigt ihr. Ganz vorn der Papst. Auch Bedford - Strohm ist zu erkennen. Womöglich auch die Kanzlerin, umringt von Schulschwänzern. Habeck scheint sich (noch) im Hintergrund aufzuhalten, würde er doch allzu gern selbst hüpfen. Als Unterschrift: Gebot eins: “Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.”

Wolfgang Richter / 27.04.2019

Ob die beim freitäglichen Schwänzen durch das praktizierte Hüpfen freigesetzte Energie das Klimawärmen eher erwärmt, könnte mal jemand ausrechnen. Für das Ergebnis könnte es zumindest den ig-Nobelpreis geben.

Rolf Lindner / 27.04.2019

Es geht nicht um das Schwänzen an sich, sondern um das erfolgreiche Schwänzen. Es gibt eine ganze Menge Leute, die lebenslang die Schule der Realität schwänzen. Wie, das wird jetzt in der Schule geleert, nicht zuletzt durch Abwahl wichtiger Fächer. Danach kann man dann Philosophie oder so was studieren und mit oder ohne Abschluss steuerfinanzierter Bundestagsabgeordneter oder sogar Vorsitzender einer Partei werden. So geht erfolgreich schwänzen.

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