Claude Cueni, Gastautor / 04.05.2022 / 16:00 / Foto: Pixabay / 7 / Seite ausdrucken

Vom Eiffelturm und der Freiheitsstatue

Denkmäler sind anfangs oft umstritten oder gar verhasst, dann mutieren sie zum Wahrzeichen einer Stadt oder zu einem Symbol. Und dann kommen die woken Ignoranten und glauben, sie könnten Geschichte umdrehen, indem sie Monumente zerstören.

Sie ist da und man sieht sie doch nicht. Man fährt jeden Morgen an ihr vorbei und achtet nur auf das Rotlicht. Schützend hält sie einen Schild über eine verzweifelte Frau und einige verstörte Kinder. Das tut sie schon seit 1895. Seit 127 Jahren trotzt sie nicht mehr den Preußen, sondern Luftverschmutzung und Temperaturschwankungen: die Helvetia im Basler Straßburger Denkmal, das gegenwärtig restauriert wird und von einer Schutzplane umhüllt ist.

Das Denkmal stammt von Frédéric-Auguste Bartholdi (1834-1904). Der Bildhauer besuchte die Schulen in Paris. Zur gleichen Zeit studierte ein anderer Junge im Internat vis-à-vis: Gustave Bönickhausen dit Eiffel, der später seinen Namen in Gustave Eiffel abänderte, um wegen der deutsch-französischen Spannungen die Akzeptanz für seinen geplanten Turm zu erhöhen.

Beide reisten, wie es damals für Künstler üblich war, nicht mehr nach Italien, sondern in den Orient, und ließen sich inspirieren. Beim Anblick der monumentalen Pyramiden und der gewaltigen Sphinx erwachte in ihnen der Ehrgeiz, Gigantisches zu erschaffen und dadurch Unsterblichkeit zu erlangen. Im Gegensatz zu den meisten Künstlern des 19. Jahrhunderts brachten sie nicht die Syphilis (maladie française) nach Hause, sondern pralle Skizzenblöcke, Zeichnungen und erste Fotografien.

Gegensätzliche Charaktere

Während Gustave Eiffel zum genialen Ingenieur, zum Eisenmagier avancierte, verlor sich Bartholdi in gigantischen Projekten: Einen neuen Koloss von Rhodos wollte er Ferdinand de Lesseps für die Eröffnung des Suezkanals verkaufen. Die zahlreichen Entwürfe einer Beduinin, die mit ihrer Fackel die Welt erleuchtet, sind noch heute im Geburtshaus von Bartholdi, dem heutigen Museum Bartholdi in Colmar, zu besichtigen.

Eiffel und Bartholdi wurden Rivalen. Eiffel wollte nicht verkleiden, sondern freilegen, damit die nackte Ingenieurskunst zum Vorschein kam. Bartholdi, der Besessene, wollte Patriotismus in Stein hauen, die Herzen der Menschen berühren, aber vor allem das Herz seiner Mutter. Gegensätzlicher hätten die beiden Charaktere nicht sein können, doch die Freimaurerloge Grand Orient de France zwang sie schließlich zur Zusammenarbeit an der Freiheitsstatue, denn für das innere Gerüst brauchte Bartholdi den besten Ingenieur der damaligen Zeit.

Der plötzliche Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 unterbrach ihre Karrieren. Die fehlerhafte und gekürzte Übersetzung einer Depesche hatte den gekränkten Kaiser Napoleon veranlasst, den Preußen den Krieg zu erklären. Bartholdi, der heißblütige Patriot, zog in den Krieg.

Die Preußen setzten den Straßburgern übel zu und erweckten das Mitleid der Schweizer. Abordnungen aus Basel, Bern und Zürich erbarmten sich ihrer und erhielten nach zähen Verhandlungen von der badischen Regierung die Erlaubnis, 1.400 Frauen, Kinder und Greise aus der belagerten Stadt in die Schweiz zu bringen. Der Baron Hervé de Gruyer, ein glühender Straßburger Patriot, wollte der Schweiz später aus Dankbarkeit ein Denkmal schenken.

„Wie der Tod über Paris“

1895 war es so weit. Bartholdi war mit seiner Freiheitsstatue weltberühmt geworden und sein Konterfei zierte selbst Wein- und Käseetiketten in den New Yorker Spirituosenläden. Gustave Eiffel hatte gegen den Widerstand von tout Paris seinen Eisenturm pünktlich zur Weltausstellung fertiggestellt, obwohl ihn einige für die Phallus-Fantasien eines narzisstisch Verhaltensgestörten hielten. Sogar Victor Hugo und Émile Zola unterschrieben die Petition, die in ganzseitigen Inseraten publiziert wurde; der Turm sei die „Kathedrale der Alteisenhändler“, Ale­xandre Dumas attestierte diesem Eisenskelett, das sich „wie der Tod über Paris erhob“, gar eine „frappierende Hässlichkeit“. Eiffel wagte sich an ein noch größeres Projekt, den Panamakanal, doch die Malariamücken brachten ihn zu Fall, ein gigantischer Finanzskandal vor Gericht, und dann krachte auch noch die von ihm konstruierte Brücke in Münchenstein in die Birs und riss 73 Menschen in den Tod.

Auch das Straßburger Denkmal war keine einfache Geburt. In einem Rapport vom September 1891 an die federführende Fachkommission des Innendepartementes wird festgehalten, dass „die Figuren Anlass zu gewissen Beobachtungen“ geben. Kein Detail ist zu klein, um nicht erörtert zu werden. Bemängelt wird unter anderem, dass die Körperhaltung des Kindes zu sehr der Körperhaltung des Engels gleicht. Die einen wollen ein Knie ändern, die andern eine Fußstellung – Bartholdi war bestimmt nicht zu beneiden. Aber wie üblich hat Bartholdi das Projekt zu Ende gebracht.

Das Straßburger Denkmal steht noch immer auf dem Basler Centralbahnplatz beim Bahnhof SBB. Die Figurengruppe stellt eine Frau mit Kindern dar, die von einem Engel und einer Helvetia beschützt werden. Doch die Frauenstatuen sind bei Bartholdi nie, was sie vorgeben zu sein. Die Helvetia ist ein weiterer Avatar der Göttin Minerva-Athena, eine abgewandelte Kopie der ersten Entwürfe der Freiheitstatue.

Epoche der zahlreichen bekannten Unbekannten

Denkmäler sind manchmal beliebt, manchmal nicht, oft sind sie anfangs umstritten oder gar unerwünscht (wie die Freiheitsstatue) oder gar verhasst (wie der Eiffelturm), dann mutieren sie zum Wahrzeichen einer Stadt, eines Landes oder gar zu einem Symbol. Und dann kommen die woken Ignoranten und glauben, sie könnten Geschichte umdrehen, indem sie Monumente zerstören.

Das Straßburger Denkmal steht für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, für die atemberaubende Epoche der Gründerzeit, dem Zeitalter der Beschleunigung, als Eisenbahnen die Pferdekutschen ablösten, als Telegrafieren bis zu den Goldgräbern in Klondike möglich wurde; es ist die Epoche der zahlreichen bekannten Unbekannten: Der Reisekofferhersteller Louis Vuitton lässt sich von Gustave Eiffel Stahlträger für seinen ersten Laden in Paris bauen, Flaubert schreibt „Madame Bovary“, US-Präsident Ulysses Grant besucht Bartholdis Pariser Atelier, Detektiv Allan Pinkerton („We never sleep“) gründet die weltweit größte Privatdetektei, Marx und Engels schreiben gegen das Elend in den Fabriken an. Es ist die Epoche des überbordenden Enthusiasmus, der bahnbrechenden Erfindungen wie Grammofon, Dynamit, Telefon, Glühbirne und Repetiergewehr. Die Begeisterung für neuen Technologien kennt kaum Grenzen, Europa ist im Aufbruch, es entstehen die ersten großen Industriedynastien.

Eine gewaltige Epoche

Es ist die Epoche des rücksichtslosen Kolonialismus in einer zunehmend vernetzten Welt, es ist die Tragödie des gnadenlosen 14-Stunden-Tags in stickigen Fabrikhallen, der Aufstieg Amerikas, der Untergang Englands und von Bismarcks Staatsräson. Im Zuge der Industriellen Revolution entsteht ein neuer Realismus in der Literatur, Mary Shelley erschafft „Frankenstein“, Jules Verne taucht 20.000 Meter tief ins Meer. Wir erleben die letzten großen Typhus- und Cholera-Epidemien, ein Jahrhundert voller Finanz- und Weltwirtschaftskrisen. Der neue Goldstandard befeuert den Goldrausch in Alaska und mit der Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 ziehen unheilvolle Wolken am Himmel auf. Es ist die Geburt des Nationalismus, der das nächste Jahrhundert in Flammen ­setzen wird.

Das Straßburger Denkmal ist nicht einfach ein Klotz aus Carrara-Marmor, es ist die Erinnerung an eine gewaltige Epoche, an einen großen Künstler und an eine hilfsbereite Stadt.

Und wäre Bartholdi noch am Leben, wer weiß, ob er dem Bundesrat nicht vorschlagen würde, auf einem unserer Berge eine monumentale Statue zu errichten, eine sitzende Helvetia. Dass er uns erneut eine seiner Liberty-Modelle unterjubeln würde, für die angeblich seine vergötterte Mutter Modell stand, sollte uns nicht kümmern. Wir sollten uns anhören, wieso das nicht möglich ist, und es dann trotzdem versuchen.

 

Claude Cueni (66) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche die Romane „Genesis – Pandemie aus dem Eis“ und „Hotel California“. Dieser Beitrag erschien zuerst auf seinem Blog.

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Leserpost

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Karl-Heinz Boehnke / 04.05.2022

Da Frankreich den Krieg erklärt hat, muß es nach anerkannter Regel Französisch-Deutscher Krieg heißen. Dieser wurde zwar erst nach der Veröffentlichung des Inhalts der Depesche erklärt, welcher diese aber in keinster Weise fehlerhaft wiedergab. Die Depesche erfolgte jedoch nur aufgrund geradezu penetranten Aufdringens seitens des französischen Botschafters am heimatlichen Urlaubsort des preußischen Königs, was in der peinlichen Deutlichkeit, einer Konflikttreiberei gleichkommend, gesehen werden kann. Das französisch-deutsche Verhältnis soll wohl für immer belastet und eine Verständigung verhindert werden durch die ewig falsche Darstellung beider Geschichte.

Stanley Milgram / 04.05.2022

OT: Lieber Herr Broder, was ist an diesem Menschen falsch? “YT - Darf ich fragen, Kayvan Soufi-Siavash? Der Internet-Rebell im Interview-Porträt | Episode 7” ??? Keine weiteren Fragen mehr…

Ludwig Luhmann / 04.05.2022

Ja, ja und wenn der Nationalismus in allen westlichen Ländern mit Stumpf und Stiel und Mann und Maus ausgerottet wurde, dann wird unter der UN-Weltregierung der schönste goldene Endfrieden mit viel Freude und noch mehr Eierkuchen jeden Tag aufs Neue im Rest der Welt durchgesetzt. Denn für den Endfrieden sollte uns kein Opfer zu gering sein.

P. Wedder / 04.05.2022

Ich hielt den Kölner Dom auch für ein Wahrzeichen. Jetzt wurde er scheinbar auch gestrichen. Wie man sich irren kann.

Chris Ann Anders / 04.05.2022

Gebäudemäßig war ich schwer beeindruckt von Abu Simbel, da kann auch Bartholdi nicht mithalten. Wie vielen Sklaven das Momument wohl das Leben gekostet hat ? Meine “Denkmäler” sind Naturreservate. Freue mich über jede Biene, die meine Pflanzen besucht. Jaja…vermutlich habe ich das Thema nicht getroffen. Lebe halt in der Gegenwart. Was interessieren mich die alten Steingötzen, sorry.

Walter Weimar / 04.05.2022

Wenn Deutschland ein Denkmal braucht oder verdient hätte, so sollte das ein anderes Land gestalten, und uns übergeben. Ich fürchte nur, aber zu Recht, wir kommen nicht gut weg. (Sandalen und Strümpfe reicht da nicht) Ja der Spiegel zeigt meistens ein anderes Bild als gewünscht.

Arne Ausländer / 04.05.2022

Mary Shelleys “Frankenstein” ist in die Aufzählung hereingerutscht. Der Roman paßt zwar thematisch bestens in die 2. Hälfte des 19.Jh., ist aber deutlich älter: 1819 in der Urfassung entstanden, haben wir es meistens mit der Überarbeitung von 1832 zu tun. Um so beachtlicher, wieviel klarer die Fallstricke neuer Technologie der jungen Frau der romantische Ära schon waren, als dann dem alten Hernn Jules Verne mit seinem fast ungetrübten Optimismus, obwohl er doch manches schon mit angesehen haben dürfte, was Mary Shelley nur vorausahnte. Dabei waren beide - nach allem, was ich weiß - mit jenen Bruderschaften verbunden, die sich den hier im Artikel beschriebenen technischen Fortschritt auf die Fahnen geschrieben hatten. Verschiedene Menschen sehen dieselben Dinge eben oft unterschiedlich. Aber jene Bruderschaften, sofern sie denn realen Einfluß haben, befördern weiterhin den leuchtenden Pfad ins technologische Paradies, nun: ins Jenseits, das trifft es wohl genauer.

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