Quentin Quencher / 03.08.2021 / 16:00 / Foto: Nigel Cox / 3 / Seite ausdrucken

Unser neues Inselleben

Inselbewohner sehnen sich oft nach dem Festland, weil es dort am Horizont immer weiter geht. Aktuell ziehen sich viele auf gedankliche Inseln zurück.

Die für mich eindrucksvollste Szene im Film „Cast Away – Verschollen“, mit Tom Hanks in der Hauptrolle, ist ganz am Ende. Er steht auf einer Kreuzung irgendwo im weiten Land, irgendwo im Mittleren Westen der USA, so scheint es, und es ist nicht klar, wohin die Wege führen, aber er ist nicht verloren in der Weite, sondern irgendwie glücklich. Den Großteil des Films machte die Beschreibung seines Lebens auf einer einsamen Insel aus, auf der war er nach einem Flugzeugabsturz, als einziger Überlebender, gestrandet. Wie der Schiffbrüchige Robinson Crusoe, nur eben im Heute.

Immer wieder üben diese Vorstellungen, wie denn das Leben auf einer einsamen Insel sei, große Faszination aus, „Die geheimnisvolle Insel“, „Die Schatzinsel“, „Die Insel des vorigen Tages“ und viele weitere Romane und Erzählungen spielen damit. Und manchmal, so ertappe ich mich, ersehne ich einen Ort, an dem ich als Einsiedler sein kann, fern dieser Welt, ganz allein mit mir beschäftigt und meiner direkten Umgebung.

Warum aber berührt mich diese letzte Szene im erwähnten Film so sehr? Weil ich das Gefühl kenne! Doch um dieses zu erklären, muss ich ein wenig ausholen.

Die reale Welt, in der ich lebte, war überschaubar

Einige Jahre lebte ich auf tropischen Inseln am Rande des Pazifiks, allerdings nicht so wie die Romanfigur Robinson Crusoe oder im Film der von Tom Hanks dargestellte Chuck Noland, sondern mitten unter Leuten, mit meiner Familie, und die Inseln hatten Häfen, manche sogar Flughäfen, von einsam kann also keine Rede sein. Alle Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation waren vorhanden, inklusive Strom, Fernsehen, Telefon, Internet, Kino und Supermarkt. Dennoch, in dem Moment, wenn ich ganz real ins Auto stieg, so ein winziger Suzuki mit kleiner Fahrerkabine und teilweise überdachter Ladefläche, war klar, spätestens nach ein paar Stunden bin ich am anderen Ende der Insel angelangt oder habe sie umrundet. Die reale Welt, in der ich lebte, war überschaubar, könnte man sagen.

Ein Gespräch auf einer anderen Insel, ganz woanders, mischt sich in die Erinnerung. Es war auf Gozo, dieser kleinen Nachbarinsel von Malta, im Mittelmeer also. Herrliche Unterwasserhöhlen gibt es da zu betauchen, deswegen war ich mehrmals dort. Zum Mittagessen saßen mein Reise- und Tauchbegleiter und ich in einer dieser Hafenwirtschaften und kamen mit jungen Frauen oder Mädchen ins Gespräch. Nein, nein, das war ganz züchtig und anständig dort, keinerlei Rotlichtviertel oder Prostitution, um diesen Verdacht schon von vornherein auszuräumen. Dergleichen habe ich auf Gozo nie kennengelernt. Vielleicht gibt es da was, ich habe aber nichts davon bemerkt und auch nicht danach gesucht.

Die Mädchen, ich benutze diese Bezeichnung, obwohl es sich offensichtlich schon um erwachsene Frauen handelte, aber sie waren eben noch sehr jung, in einem Alter, so schien es, in dem Lebensplanungen konkret wurden. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht recht, ob ich sie nicht besser Frauen nennen sollte, doch das würde Lebenserfahrung voraussetzen und bei ihnen schien mir noch die Neugierde im Vordergrund, deshalb nenne ich sie Mädchen. Ich hoffe, es stört sich niemand daran.

Die Sehnsuchtsorte sind völlig konträr

Woher wir kommen, wurde gefragt, ob wir verheiratet sind und was uns auf Gozo so gefällt. Ein nettes unverbindliches Gespräch. Wir antworteten und erzählten von unserem Zuhause und schwärmten vom guten Essen auf dieser Insel. Die Kommunikation war problemlos, mit ein bisschen Englisch kommt man gut durch, das spricht dort jeder.

„Es ist lustig“, meinte eine der Frauen (Frauen? Habe ich sie eben Frau genannt, wo ich sie doch vorher sie als Mädchen bezeichnete. Ach, ist nicht so wichtig!). Es sei lustig, sagte sie, dass die Leute vom Festland sich immer nach einer Insel sehnen und dass sie, die auf der Insel leben, viel lieber aufs Festland ziehen würden. Die Sehnsuchtsorte sind völlig konträr, diesbezüglich.

Wahrscheinlich trifft diese Aussage nicht auf eine größere Menge von Inselbewohnern zu, den meisten wird ihre Insel Heimat sein, die sie nicht verlassen wollen; aber dass gerade jungen Menschen ihre Heimat als zu eng, zu überschaubar empfinden, kommt auch bei Festlandlandbewohnern nicht selten vor.

Chuck Noland wirkte in der letzten Szene des Filmes nicht unglücklich, als er mitten im Nirgendwo auf einer Straßenkreuzung stand. Zu sehen gab es da nichts, eigentlich wirkte die direkte Umgebung mehr wie eine Einöde. Aber er hatte eine Wahl, war nicht gezwungen, an diesem Ort zu bleiben, selbst die Himmelsrichtung, in welche er weiterreisen wollte, stand ihm frei. Der pure Kontrast zum Leben auf einer Insel.

Nur die grobe Richtung sprechen wir ab

Vermutlich kann das nur nachvollziehen, wer mal längere Zeit auf einer Insel gelebt hat. Allerdings, ich habe mich sehr wohlgefühlt auf meiner philippinischen Insel am Rande des Pazifik, auch noch nach Jahren. Zwei unserer Kinder wurden dort geboren, sie wurde mir schon ein bisschen so wie Heimat. Meine Frau überlegt manchmal, wenn sie in Rente geht, dass sie wieder dahin zurückkehrt. Das wäre dann in mehr als zwanzig Jahren, ich lächle bei dieser Vorstellung nur und sage nicht, was ich denke.

Nun endlich will ich zu dem Gefühl kommen, was ich oben erwähnte. Es hat mit Freiheit zu tun. Manchmal am Wochenende setzen sich meine Frau und ich ins Auto, und wir fahren einfach los, nur die grobe Richtung sprechen wir ab. Ein Ziel gibt es nicht, der Weg ist das Ziel und das Navi ausgeschaltet. Bevorzugt geht es über Landstraßen, und an so vielen Kreuzungen fragte ich sie: Welche Richtung sollen wir nehmen? Es ist eigentlich egal, wir wissen, der Weg wird nicht im nächsten Ort zu Ende sein, es wird immer weitergehen, und wir können uns an jeder weiteren Kreuzung wieder neu entscheiden. Man muss wahrscheinlich auf einer Insel gelebt haben, um sowas als Glücksgefühl zu empfinden.

Natürlich könnte ich jetzt noch einen Bogen zur Tagesaktualität schlagen und auf Corona eingehen, auf die vielen Inseln, die nun entstehen, auf die sich die Menschen zurückziehen (müssen). Aber ich verkneife es mir hier, wer will, kann diese kleine meine Erzählung selbst deuten.

Dieser Beitrag ist auch auf Quentin Quenchers Blog Glitzerwasser erschienen.

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Leserpost

netiquette:

Joerg Machan / 03.08.2021

Ich denke, dass die Menschen verschieden sind. Die einen sehnen sich nach Ruhe, Überschaubarkeit und Einsamkeit. Ich dagegen würde verrückt auf einer kleinen Insel. Ich brauche Gäste und Freunde um zu quatschen, trinken, diskutieren, musizieren, etc. In einem guten Lokal Musik machen, neue Leute kennenlernen, das ist so schön ... Eine Insel wäre für mich ein Albtraum. Ich hätte Angst, an Depressionen zu sterben ... Aber schön, dass wir so verschieden sind.

Thomas Taterka / 03.08.2021

Leider muß ich hier mal höflich und ganz unpolitisch widersprechen : die eindrucksvollste Szene in ” Cast Away “ ist natürlich der Geistesblitz, mit dem ” Wilson ” erfunden wird . Als Gesprächspartner, als künstliche Instanz der Vernunft , die Noland in völliger Einsamkeit den Verstand rettet , um a)sich den eiternden Zahn zu ziehen und b) sich das Floß zu bauen und die Entschlossenheit aufzubringen , die Insel unter erneuter Lebensgefahr zu verlassen . Die Erschaffung Wilsons als Freund rettet Noland das Leben und deshalb geht einem die Abschiedsszene, in der Noland die Rettung Wilsons aufgeben muss, um zu überleben , so zu Herzen ( obwohl sie knallverrückt ist ). In einer lebensgefährlichen Notsituation in einsamer Wildnis braucht man einen “Wilson” ( und manchmal nicht nur dort ) , um zu überleben . Sonst ist man dran . Filmtip : “127 Stunden” . ( Nichts für schwache Nerven )

Hjalmar Kreutzer / 03.08.2021

Einfach fahren, ein herrliches Lebensgefühl, was dann wohl nicht nur Biker, Triker, Quadfahrer, sondern auch Autofahrer kennen. Fahren um des Fahrens Willen, Gegend genießen, im eigenen Landkreis zahllose neue Straßen, Querverbindungen und Orte kennenlernen, zu denen man ohne Anlass nie hingefahren wäre, das war mein Urlaubsersatz in Zeiten der Freiheitsbeschränkung. So lange ich ohne Bescheinigung über geimpft, gechipt, entwurmt und tätowiert nirgendwo reingelassen werde, bleibt es auch dabei. Meine Insel heißt Glotze aus, Musik aus dem Internet ohne Propaganda, Kästners August genießen: „Nun hebt das Jahr die Sense hoch ...“, Freunde und Familie auch reell, nicht nur virtuell besuchen. Erinnert das uns Ex-Zonis nicht an ehemalige Nischen? Anfangs hat mir die Polizei noch leid getan, lächerlich mit Gesichtsfromms zu zweit im Streifenwagen, während der Ausgangssperren im Kreisverkehr immer im Kreis fahrend und so bedrohliche Präsenz und Abschreckung zeigend. Inzwischen empfinde ich die Schergen nur noch als lächerlich, dumm und brutal. Zum Glück muss ich nicht aus dem Haus, wenn ich nicht will und kann mir fast alles drei Treppen hoch in die Wohnung tragen lassen oder an einer Extratür beim Abholservice in Empfang nehmen. Noch vor wenigen Jahren wurde vor den wirtschaftlichen und sozialen Folgen eines „Cocooning“ gewarnt, heute soll es eine Tugend sein. Der Wahnsinn soll ja im Herbst für nichts und wieder nichts noch um ein paar Umdrehungen angekurbelt werden. Mir kommt es wie 1989 vor, das letzte brutale Um-sich-schlagen eines failed state. Passen wir auf unsere Kinder auf.

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