Stefan Frank / 28.11.2019 / 16:00 / Foto: Pixabay / 3 / Seite ausdrucken

Twitter-Spione im Auftrag Saudi-Arabiens

In den USA wurden zwei ehemalige Angestellte von Twitter verhaftet, die beschuldigt werden, Spionage für Saudi-Arabien betrieben zu haben. Einer von beiden, Ahmad Abouammo, ist US-Bürger saudi-arabischer Herkunft, der andere, Ali Alzabarah, Bürger Saudi-Arabiens. Ein dritter Mann aus Saudi-Arabien – Ahmed Almutairi – ist angeklagt, die beiden angeworben zu haben. Es ist Medienberichten zufolge das erste Mal, dass die USA ihrem Verbündeten vorwerfen, auf US-Territorium spioniert zu haben. Den Männern wird zur Last gelegt, der Regierung Saudi-Arabiens dabei geholfen zu haben, Twitter-Nutzer zu identifizieren, die politische Gegner des Königshauses oder der Regierung sind, oder Kronprinz Mohammed bin Salman kritisch gegenüberstehen.

Der Fall stellt sich so dar: Ahmad Abouammo war laut der Anklageschrift von November 2013 bis Mai 2015 bei Twitter als Manager für Medienpartnerschaften angestellt. Als solcher war er Ansprechpartner für Firmen, Regierungen, Journalisten und prominente Nutzer in der Region Naher Osten und Nordafrika. In den Blick Saudi-Arabiens geriet er im April 2014, nachdem Twitter ihn damit betraut hatte, Anfragen und Wünsche der Regierung in Riad zu bearbeiten.

Am 16. Mai 2014 bekam Abouammo eine E-Mail von einem Vertreter des amerikanisch-saudischen Handelsrats in Wien. Darin hieß es, saudi-arabische Geschäftsleute hätten Interesse an einer Führung durch die Twitter-Zentrale in San Francisco. Abouammo stimmte zu und vereinbarte in Koordination mit seinen Vorgesetzten einen Termin am 13. Juni 2014. Daraufhin erhielt er eine weitere E-Mail, in der er darüber informiert wurde, dass unter den Besuchern auch jemand sei, der in der Anklageschrift den Codenamen „Foreign-Official 1“ trägt.

Laut dem privaten Nachrichtendienst Stratfor handelte es sich dabei um Bader al-Askar, den Direktor der Mohammed bin Salman bin Abdulaziz Philanthropic Foundation (MiSK) – das ist die Wohltätigkeitsstiftung des heutigen Kronprinzen. Anfang 2015 wurde al-Askar auch Leiter des privaten Büros des späteren Kronprinzen Mohammed bin Salman und Mitglied des Königshofs.

Zusammen vor dem Twitter-Hauptquartier

Am Tag des Treffens in San Francisco schickte al-Askar eine E-Mail an Abouammo, in der er ihm mitteilte, dass er damit beauftragt sei, den Twitter-Account von Mohammed bin Salman zu verifizieren. Abouammo gab ihm auf dessen Bitte seine dienstliche Email-Adresse, dazu seine private Mobiltelefonnummer und seinen Skype-Namen. Im Dezember 2014 trafen sich beide in London. Al-Askar schenkte Abouamma eine Keramikarmbanduhr der Luxusmarke Hublot, eine Unico Big Bang King Gold. Derzeitiger Listenpreis in Europa: 36.200 Euro.

Der Anklage zufolge versuchte Abouammo anschließend, die Uhr für 25.000 Dollar auf der Kleinanzeigenseite Craigslist zu verkaufen. Mit der Annahme des Geschenks begann Abouammo, gegen interne Regeln von Twitter zu verstoßen, die er bei Beginn seines Beschäftigungsverhältnisses 2013 unterschrieben hatte. Darin steht, dass Geschenke, die einen Wert von 100 Dollar übersteigen, dem Vorgesetzten gemeldet und anschließend zurückgeschickt werden müssen.

Etwa zur selben Zeit lernte Abouammo – wohl über al-Askar – Ahmed Almutairi kennen, den Inhaber einer mit der MiSK-Stiftung verbundenen Social-Media-Firma, die dem Königshaus und Prinz Mohammed bin Salman nahestand. Almutairi bat am 15. November in einer E-Mail um ein „dringendes Treffen“ in San Francisco, um Themen „beidseitigen Interesses“ zu besprechen. Almutairi eröffnete Abouammo, dass er der Berater einer „VVIP [Very, Very Important Person] 1. Grades der königlichen saudischen Familie“ sei. Auf Twitter postete Almutairi damals zwei Fotos, die ihn zusammen mit Abouammo vor dem Twitter-Hauptquartier zeigen.

Nach dem Treffen suchte Abouammo in der Twitter-Datenbank nach Informationen über Nutzer, die für Saudi-Arabien von Interesse waren. Al-Askar bezahlte ihn dafür, indem er Geld auf ein Konto bei der Beiruter Bank Audi einzahlte, das ein Cousin für Abouammo eingerichtet hatte.

100.000 Dollar für „Unternehmensberatung“

Im Juni 2015 kündigte Abouammo bei Twitter. Von da an kontaktierte er ehemalige Arbeitskollegen, um die Informationen zu erhalten, nach denen Al-Askar fragte. Dafür erhielt er Geld: Die Rede ist von mindestens 300.000 Dollar, dazu die Uhr. Als FBI-Mitarbeiter Abouammo zu Hause besuchten und Fragen stellten, behauptete er, die Uhr sei nur „500 Dollar“ wert.

Zudem log er über die Geldsumme, die er erhalten hatte, und deren Zweck: Es seien 100.000 Dollar für „Unternehmensberatung“ gewesen. Eine Rechnung, die das belege, habe er auf dem Computer und könne sie ausdrucken – der Computer stehe aber im Schlafzimmer und dorthin sollten die FBI-Agenten ihm nicht folgen. Als er mit der Rechnung wiederkam, hatten die Leute vom FBI den Verdacht, dass er diese soeben erst geschrieben hatte.

Wie sich dann herausstellte, hatte Abouammo auf der Rechnung für „Unternehmensberatung“ in den Jahren 2015 und 2016 seine gegenwärtige Adresse angegeben, obwohl das Haus erst 2017 gebaut worden war. Eine Analyse der Computerdatei, die die Rechnung erhielt, ergab, dass Abouammo diese tatsächlich an dem Tag erstellt hatte, als er den Besuch vom FBI erhielt.

Noch ein Twitter-Mitarbeiter

Der dritte Angeklagte, Ali Alzabarah, war 2005 mit einem von der saudischen Regierung finanzierten Stipendium in die USA eingereist und arbeitete von August 2013 bis Dezember 2015 als Site Reliability Engineer bei Twitter. Im Februar 2015 erhielt auch er einen Anruf von Almutairi. Die beiden trafen sich in San Francisco zum Abendessen. Noch am selben Tag schickte Alzabarah Almutairi einen tabellarischen Lebenslauf.

Im Mai 2015 reiste Alzabarah nach Washington, um sich mit al-Askar zu treffen, der kurz zuvor zum Leiter des persönlichen Büros von Prinz Salman ernannt worden war. Im Januar 2015 hatte sich in Saudi-Arabien nämlich Bedeutendes ereignet: Nach dem Tod von König Abdullah war Salman sein Nachfolger geworden und hatte seinen Sohn Mohammed bin Salman zum Verteidigungsminister ernannt. Dieser war nun also für „Sicherheit“ zuständig.

Bei dem Treffen zwischen Al-Askar und Alzabarah konnte Letzterer offenbar zur Mitarbeit animiert werden: Innerhalb von einer Woche fing er an, die Twitter-Account-Informationen von Personen, die für die saudische Regierung von Interesse waren, in großen Mengen zu durchsuchen. Insgesamt soll er auf die Kontoinformationen von über 6.000 Benutzern zugegriffen haben.

Überhastete Ausreise nach Saudi-Arabien

Am 3. Dezember gab Alzabarah seinen Job bei Twitter auf und kehrte nach Saudi-Arabien zurück. Sein Kündigungsschreiben an Twitter soll er erst verschickt haben, als er bereits im Flugzeug saß. Warum die jähe Ausreise? Stratfor spekuliert, Alzabarah könnte am Tag zuvor Besuch von der Twitter-Security oder vom FBI erhalten haben.

Innerhalb eines Monats nach seiner Ankunft in Saudi-Arabien begann Alzabarah, bei der MiSK-Stiftung für al-Askar zu arbeiten, als Teil des Teams, das sich mit sozialen Medien befasste. Informationen aus Alzabarahs Apple Notes-App lassen darauf schließen, dass es ihm darum ging, in Saudi-Arabien einen lukrativen Job zu bekommen:

„Ich möchte mich [über die Stiftung] auf den fehlenden Gebieten verbessern. Ich möchte auf egal welchem Weg Mitglied werden oder Fortbildungen in Führung und Unternehmensverwaltung besuchen.“ „Ich möchte eine dauerhafte Stelle … Etwas, das meine Zukunft und die meiner Familie sichert, meine Beziehung zu ihnen stärkt und mir Sicherheit gibt.“

Er teilte mit, er brauche „ein Telefon, einen Laptop, eine Kreditkarte und 4G [mobiles Internet]“. In einer seiner Nachrichten schrieb er dem Kronprinzen: „Vaters Problem [ein nicht benanntes Problem, mit dem König Salman offenbar zu tun hatte] ist banal, und ich habe mit Hilfe gerechnet, für all das, was wir für sie getan haben. Ein Telefonanruf bei dem Verantwortlichen, und das Problem ist gelöst.“

„Agenten für eine ausländische Regierung“

Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten blieb er mit al-Askar in Kontakt und fragte weiterhin die Daten von Twitter-Nutzern ab. Anders als Abouammo erhielt er kein Bargeld, kontaktierte aber al-Askar, um zu fragen, ob er sich mit seinen Bemühungen für die Belohnung in Höhe von 1,6 Millionen Dollar qualifiziere, die die saudische Regierung für Informationen ausgelobt hatte, die helfen, Terroranschläge zu verhindern, da einige der Twitter-Nutzer, die für Riad von Interesse waren, Terrorverdächtige waren.

Ali Alzabarah, Ahmed Almutairi und Ahmad Abouammo sind vor dem Gericht des Distrikts Nordkalifornien angeklagt, „als Agenten für eine ausländische Regierung gearbeitet zu haben, ohne den Generalstaatsanwalt zu informieren“ und „bei einer FBI-Ermittlung Dokumente vernichtet, verändert und verfälscht“ zu haben.

Mark Rasch, ein ehemaliger Mitarbeiter der Abteilung für Computerkriminalität im Justizministerium, erklärte im Gespräch mit einer Journalistin des öffentlichen Radiosendernetzwerks NPR, welches Interesse Saudi-Arabien an den Informationen haben könnte:

„Sobald sie in der Lage sind, Personen zu identifizieren, die glauben, sie seien auf Twitter anonym, können sie sie verhaften. Sie können sie einsperren. Sie können sie befragen. Sie können sie verhören, anklagen und am Ende noch Schlimmeres mit ihnen machen.“ 

„Staaten gehen dorthin, wo die Daten zu finden sind“

Staaten gingen „dorthin, wo die Daten zu finden sind, die sie suchen“, erklärt Rasch: „Das schwächste Glied bei all diesen Technologiedingen – wir fürchten uns immer vor ausgeklügelten Hackerangriffen, aber es ist viel leichter, jemanden zu bestechen, als in einen Computer oder ein Computernetzwerk einzubrechen.“ Das sei meistens das „schwächste Glied“, und es funktioniere „fast immer“.

„Wann immer ein ausländischer Staat eine Information identifiziert hat, an der er Interesse hat, seien es Technologiegeheimnisse oder Informationen über die sozialen Medien, macht er sich daran, die Leute zu identifizieren, die Zugang zu diesen Informationen haben. Er schaut, ob sie für Bestechung empfänglich sind oder für andere Formen des Drucks. Und er versucht, sie dazu zu bringen, die Information zu liefern. Das gilt für klassische Spionagefälle und Spione, und es gilt heutzutage, wenn es darum geht, Personen mit Zugang zu sozialen Medien zu identifizieren.“

Auch interessant: Die an der Spionage beteiligte Stiftung von Kronprinz Mohamad bin-Salman hatte im Mai 2017 eine große internationale Social-Media-Konferenz namens „Tweeps“ veranstaltet, an der neben dem Kronprinzen und Twitter-Offiziellen auch Ivanka Trump, die Tochter von US-Präsident Trump, teilnahm. Auf der Website der Stiftung hieß es laut Medienberichten damals:

„Tweeps ist ein interaktives Forum, das von der Prince Mohammed bin Salman bin Abdulaziz Philanthropic Foundation (MiSK) veranstaltet wird und das junge Menschen, die sich für soziale Medien interessieren, mit Pionieren der sozialen Medien verbindet, um eine sinnvolle Diskussion über soziale Medienthemen zu führen und kreative und positive Ideen auszutauschen.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

Foto: Pixabay

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Leserpost

netiquette:

Max Wedell / 28.11.2019

@S. Marek, Sie scheinen mir hier ziemlich daneben zu liegen. Nichts weist in diesem Fall darauf hin, daß religiöse Überzeugungen eine Rolle spielten, und alles, daß es um persönliche Bereicherung ging. In den meisten islamistischen Zirkeln wird die saudi-arabische Herrscher-Elite deutlich kritisch bis feindlich gesehen. Wir wissen nicht genau, wer die ausspionierten Feinde dieser Elite gewesen sind, aber wenn es 6000 waren, sind auch relativ sicher Islamisten dabeigewesen, die gibt es nämlich reichlich unter ihnen, und nicht nur Befürworter einer Liberalisierung des Landes.

Gerd Heinzelmann / 28.11.2019

Momentan bin ich weder Mitglied bei Twitter (war ich noch nie) noch bei Facebook (war ich nur kurz) und anderen vergleichbaren Angeboten. Die Achse reicht mir völlig! AFN ist Radio und das höre ich regelmäßig. Egal, ob aus Deutschland oder aus Polen. MfG

S. Marek / 28.11.2019

Herr Stefan Frank, wundert Sie das?  Klar, sind auch Amerikaner, wie auch Menschen andrer Nationalitäten , ohne ideologische d.h. “religiöse” Verbindung zur Islam oder w.g. Ihrer Abstammung (indem Fall Araber) je nach grundsätzlicher Werteeinstellung korrumpierbar. Aber, innerhalb des Islams ist es für die “gläubigen” Pflicht an dem Dschihad gegen die Ungläubigen s.g. Kuffär teilzunehmen. Und das heißt, nicht nur mit Messer den Juden bzw. Christen abzumurksen, sonder mit jedweder Art die dem Land des Krieges (alles wo die Scharia noch nicht gilt !) schadet und der Islamischer Eroberung in Endeffekt nützt auf dieser Basis leichter korrumpierbar. Solch gute muslimische Tat wird im Himmel (und sehr gerne auch auf Erden) vergütet.  Wer in den westlichen Ländern ohne grundlegende Islamkenntnisse über administrative Entscheidungen, Regierung, Wirtschaft, Verteidigung usw., Verantwortung hat muß sich leider damit auseinandersetzen. Es hat nichts mit Rassismus oder Religiösen Haß zu tun, da erstens Islam eine äußerst gewalttätige barbarische faschistoide Ideologie ist unter Religionsmäntelchen, und zweitens taugt Rassismus Definition nicht in Zusammenhang mit Ideologien bzw. Religionen (außer Judentum w.g. Jüdischer Gesetzeslage).

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