Menschen sind im Home Office statt in Büros, die Straßen sind leer, Familienfeierlichkeiten fallen aus, die Gaststätten und Vereinshäuser sind geschlossen, die Menschen distanzieren sich.
Wer kennt ihn nicht, Onkel Hartmut, mit dem man sich an Weihnachten gestritten hat, weil er eine Partei gewählt hat, die so gar nicht geht; oder Tante Rita, die auf homöopathische Mittel schwört und sich auf keinen Fall impfen lassen möchte; oder Lukas, den Sohn von Robert und Adelheid, der nun ihre Tochter ist und Larissa heißt und sich darüber beschwert, dass die Hochzeitseinladungen nicht genderneutral verfasst wurden; oder Emir aus dem Büro, der Erdoğan gewählt hat, obwohl er homosexuell ist, also Emir, nicht Erdoğan; oder Nachbarin Frau Sugulle, die auf die Häuserwand „White silence = violence“ gesprüht hat oder Candace, die immer zum Stammtisch kommt und Donald Trump gut findet, obwohl sie eine PoC ist; oder Rüdiger, der Veganer ist und es Dich wissen lässt, während Du die Weihnachtsgans isst?
Ob an Weihnachten, Pessach oder Thanksgiving, ob im Büro, in der Kneipe oder auf Familienfestlichkeiten, überall treffen wir Menschen, deren Meinungen wir nicht teilen. Manchmal gibt es Streit und Türen werden geknallt, dass die Kaffeetassen nur so wackeln. Aber am Ende sind wir doch immer gütig, denn es sind ja unsere Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, Arbeitskollegen, Nachbarinnen und Vereinsmitglieder*innen, Menschen, die wir persönlich treffen, in deren Augen wir gesehen haben.
Im Internet bilden sich Blasen und Echokammern
All dies gibt es grad nicht mehr. Die Menschen, die unser Blut manchmal zum Kochen bringen, werden uns physisch fremd. Aus Abneigung wird Hass.
Bisher konnten wir dieses Phänomen sehr gut in den sozialen Netzwerken studieren, die oft alles andere als sozial sind. Warum ist im Internet der Ton so rau, die Umgangsformen so brutal und sind die Beleidigungen so heftig? Weil wir uns dort nicht ins Antlitz schauen, uns nicht als Wesen begegnen, deren Menschlichkeit wir spüren, weil sie in ihrer körperlichen Sterblichkeit atmend vor uns stehen, und weil wir keine Angst haben, von unserem Gegenüber eins auf die Fresse zu bekommen, wenn wir es gar zu sehr übertreiben mit unseren Beleidigungen und der Mensch, den wir verbal angegriffen haben, aus eigener Schwäche heraus zur Gewalt greift, eben, weil wir keine Ehrfurcht voreinander haben, wenn wir uns nicht gemeinsam an einem Ort befinden, wenn wir nicht die selbe Luft atmen.
Ich habe bereits im März 2020 gedacht, als der erste Lockdown ausgerufen wurde, ob es wirklich so eine gute Idee ist, den Menschen zu sagen, dass sie sich distanzieren und noch mehr im Internet miteinander kommunizieren sollen.
Im Internet bilden sich Blasen und Echokammern. Immer mehr schotten sich Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, Ängsten und Erfahrungen voneinander ab und gelangen immer mehr zu der Überzeugung, dass es unendlich viele Menschen gibt, die einem persönlich an den Kragen wollen. Im Internet wird blockiert und entfreundet.
Entfreunden ist das neue Türenknallen
All das war kein großes Problem, solange man einige der blockierten und entfreundeten Menschen noch im wirklichen Leben traf und erkannte, dass man zwar in der virtuellen Welt weiterhin keinen Kontakt zu ihnen wünscht, es aber auch keinen Grund gibt, sie im echten Leben zu hassen. So sind sie eben. Es sind ja nur Onkel Hartmut und Tante Rita, und Weihnachten ist nur einmal im Jahr.
Mit der Bekämpfung des Coronavirus und der Distanzierung ist dieses Korrektiv geschwächt. Die körperliche Auseinandersetzung mit Menschen anderer Meinungen und Haltungen findet nicht mehr statt. Was unser geistiges Immunsystem gestärkt hat, was uns respektvoll sein lässt, nämlich der Umstand, mit Menschen, deren Meinungen und Haltungen wir nicht teilen, ab und zu körperlich nahe sein zu müssen, findet nicht statt.
Heute beleidigt die eine Seite die andere Seite als „Covidioten“ und die andere Seite brüllt was von „Schlafschafen“. Einige greifen die Institutionen der politischen Willensbildung an und stürmen Gerichte und Regierungsgebäude, andere greifen die Institutionen des freien Meinungsaustausches an, rufen nach Zensur und fordern Absetzungen. Trotz Lockdowns stürmen Menschen auf die Straßen, greifen die Symbole der Kultur an, stürzen Statuen und verbrennen Bücher. Die ersten erzürnten Distanzierten greifen bereits zur Gewalt gegen Menschen, weil sie ihre Gegner nicht mehr als Menschen sehen, sondern als Feinde. So wird der Klick im Internet zum Kick auf der Straße.
In der Blase des Internets, in der Distanz zum Nächsten als körperlichen Nächsten, im Schall der Echokammer wurde der Mensch dem Mensch ein Richter. Jeder verlangt Rechenschaft voneinander: „Sag mir, wo du stehst, sonst klicke ich dich weg.“
Eine Spaltung kann nur aufgehoben werden, indem man aufeinander zugeht. Wir aber, wir distanzieren uns. Wir haben Angst voreinander. Wir fürchten, uns anstecken zu können. Nähe kann den Tod bedeuten. Der andere ist eine Gefahr, sowohl für das körperliche als auch für das geistige Wohlbefinden.
Das sind die Nebenwirkungen der momentanen Therapie. Sie sind schwerwiegend.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Gerd Buurmanns Blog Tapfer im Nirgendwo.
Beitragsbild: Pixabay

@Lucius De Geer, zu "Mir scheint es für diejenigen, die sich im Besitz einer unabweisbaren Wahrheit wähnen, häufiger unerträglich zu sein, dass andere ihre Auffassung nicht teilen oder zumindest skeptisch sind. Für die Zweifler dagegen gehört es zur Unvollkommenheit der Welt, dass sich die Sichtweisen unterscheiden und können gut damit leben - solange man sie nicht zwingt, sich zu Glaubenssätzen zu bekennen." Das ist das Kernproblem. Vor ca. 20 Jahren (noch) war es absoluter Konsens, dass jeder seine Meinung haben darf. Es durften sogar neben sachlichen Argumenten weniger sachliche Statements abgegeben werden - ohne irgendwelche Nachteile oder große Verstimmungen. Das war schön.... Wobei ich zugeben muss, dass ich mir nie vorstellen konnte, dass neben dem demokratischen Rechtsstaat plus sozialer Marktwirtschaft ernsthaft versucht würde, einen wie auch immer gearteten Sozialismus mit Planwirtschaft zu installieren. Die Nachteile von Zweiterem schienen mir einfach ganz klar auf der Hand liegend und auch zu krass.
"Ob an Weihnachten, Pessach oder Thanksgiving, ob im Büro, in der Kneipe oder auf Familienfestlichkeiten, überall treffen wir Menschen..." WO? WELCHE KNEIPE??? *lechz*
Diese "Nebenwirkungen der momentanen Therapie", lieber Herr Buurmann, sind, so der Eindruck, staatlicherseits gewollt und werden noch gefördert, so wird auch u.a. aufkommender Widerstand verhindert. Hinzu kommt die Maske, die das Erkennen des Gegenübers sehr erschwert, das Lächeln bei der Begrüßung oder Wiedererkennung unsichtbar macht, genauso wie die sonstige Mimik bei der Kommunikation oder das schlichte deutliche Hören hinter der Maske, beides wird so erschwert, dass man kaum noch Lust verspürt, einem Gespräch, wenn es denn im öffentlichen Raum stattfindet, viel Zeit einzuräumen. Es gibt keine Mitmenschen mehr sondern nur noch gefährliche Virenträger, denen man ausweichen muss, die weitere Spaltung der Gesellschaft geht zügig voran, angestachelt von Politik und treu ergebenen Medien, wahrhaft keine schönen Aussichten!
"Eine Spaltung kann nur aufgehoben werden, indem man aufeinander zugeht. Wir aber, wir distanzieren uns. Wir haben Angst voreinander. Wir fürchten, uns anstecken zu können. Nähe kann den Tod bedeuten." So ganz verstehe ich den Artikel nicht. Sind "wir" also selbst schuld daran, dass wir uns distanzieren, Masken tragen und Ausgangssperren befolgen müssen? In meiner Umgebung gibt es dafür staatliche Verordnungen und polizeiliche Kontrollen. Mit der gleichen Argumentation des Verfassers könnte man auch den Insassen eines Gulags vorwerfen, dass sie sich vom gesellschaftlichen Leben distanzieren.
Die gesellchaftlichen und zwischenmenschlichen Schäden sind viel schlimmer als die rein physischen.
Wohlan, Herr Buurmann, Ihr Artikel ist eine treffende Zustandsbeschreibung. Isolation und Unfrieden werden politisch angestrebt. Die einzig wahre medial verkündete Botschaft des Politischen Agitationsapparates soll diese vielen „verwirrten“ einigen. Muddi spricht: Hörˋ auf mich, nur mich (!) vertraue mir......Viele partikuläre Meinungsblasen sind leichter zu unterdrücken, als eine große, denn es darf nur EINE m ä c h t i g e Meinungsblase existieren, die der Regierenden für die Regierten! Basta!! So argumentieren auch deren Vertreter. Die Antwort von Markus@ Buchholz auf eine Untersuchung, die KEINE ÜBERSTERBLICHKEIT belegt, übrigens auch hier auf Achgut veröffentlicht, kommentiert der „Mathematiker“, Horst Buchholz mit folgenden Worten: „ Das IST eine Übersterblichkeit. Fakt! Und Punkt! Meine konservative Schätzung: Per 31.03 werden wir 70.000 Tote in Deutschland haben, 500.000 in USA, 2.300.000 Mio weltweit…und Sie werden dann immer noch eisern versuchen hier die Toten und die Pandemie kleinzuschreiben…..Ja, lieber Herr Buchholz, bei einem „Mathematiker“ wirkt eine Schätzung natürlich gleich viel kompetenter! Schätze, Sie sind ein klassischer Pandemieverkünder einer FIKTIVEN Pandemie, der das Narrativ zusammenschätzen muß. Schätze weiterhin, unsere kleine Meinungsverschiedenheit demonstriert den allgemeinen gesellschaftlichen Zustand. Die Impfung wird an der neuen willkürlichen Restriktionspolitik per undemokratischem Ermächtigungsgesetz NICHTS verändern. SCHÄTZE, das wissen Sie selbst.
@ Wolfgang Ludwig - Die Zeit ist reif für Krieg. - Sicher, die verkommenen Subjekte der sog. Wohlstandsgesellschaft brauchen das.