Jesko Matthes / 27.09.2020 / 11:30 / 2 / Seite ausdrucken

Matthias von Spallart: Der Mann mit dem Kunst-Kopf

Manche Menschen muss man aus der Versenkung heben, vorsichtig wie Kostbarkeiten. Sie verschwinden sang- und klanglos, fallen dem Vergessen anheim. Zuweilen tun sie es absichtlich, aus Verzweiflung an der Welt und vor allem an sich selbst. Von so einem, der sich selbst unrecht tat, ist hier die Rede.

Am Anfang war er ein Flüchtling. Seine Eltern, Schauspieler in Berlin, nahmen ihn, den Säugling, Ende 1944 mit auf ihre Flucht in die Schweiz. Die Familie fand dort eine neue Heimat und beruflichen Erfolg, und auch der Sohn schlug die traditionelle Karriere der Familie ein, wurde Schauspieler und Regisseur. Dann ergriff ihn eine neue Leidenschaft: Das Radio. Vom Schauspiel kam er zum Hörspiel, vom Hörspiel zur Dokumentation, zum Feature, und wohl nichts tat er ohne Leidenschaft. Es heißt, er war ein Genießer, liebte das Kochen, die Frauen, die Ferne, die Kulturen, die Eleganz, den Scherz. Das alles mit Ernst und tiefer, zuletzt radikal melancholischer Konsequenz. Wie von vorgestern, wie aus der Zeit gefallen, zeitlos. Das Leben als Kunst, und er: der Kunst-Kopf. Er aber hielt sich für gescheitert, und er erhängte sich, in der freien Natur, die er liebte, mit siebenunddreißig Jahren.

Die Rede ist von einem der Großen des deutschsprachigen Hörspiels, Matthias von Spallart. Wie schwer war es, zu Beginn der 1980er Jahre ganz allein eine Dokumentation aufzunehmen? Von Spallart brach mit sechsunddreißig Jahren alle Brücken ab hinter sich, kündigte seine feste Position und wurde freier Reporter. Und schwer war sein Projekt, schon qua Gepäck. Das Nagra-Stereo und hunderte Tonbänder in einer Kiste schleppt er mit nach und quer durch Brasilien. Das leichteste war noch das Mikrofon, der „Kunstkopf“. Er war die virtuelle Realität der 1970er Jahre und schon beinahe wieder „out“, als von Spallart in den brasilianischen Urwald aufbrach. Von Spallarts Modell war ein federleichter Bügel in seinen eigenen Ohren, das Sennheiser MKE 2002.

Eine grausame Welt?

Doch ein Feature ist mehr als eine Dokumentation. Von Spallart hatte ein Programm, ein Ziel. Er wollte ein realistisches akustisches Dokument der Vernichtung des Regenwalds, der Rodung der Urwälder, seiner Schuldigen und seiner Opfer. Mit Bestürzung hört man das Knarren der Motorsägen, das Krachen der stürzenden Riesen – und die Gelassenheit einer Familie auf der einsamen Insel inmitten der Zerstörung, mit Wehmut auch das spontane Singen der Frauen in einer Bar zur herumgereichten Gitarre. Sein Programm aber, sein Ziel sah von Spallart verfehlt. Er traf die Schuldigen nicht an, er suchte sie vergebens. Sein Vermächtnis ist ein Schatz, den es zu heben gilt; und auch zu retten vor jenen, die nur hüpfen und singen, anstatt dazu zu lernen und an sich selbst zu arbeiten. So gebildet und so hart wie Matthias von Spallart ... muss es nicht einmal sein. Alles, was er tat, bleibt glaubwürdig; alles, was sie tun, wäre glaubwürdiger, täten sie es um ein Weniges wie er.

War Matthias von Spallart ein Linker, ein Grüner? Singe ich eines solchen Loblied? Ja. Ich weiß es nicht. Es ist mir gleich. Ich höre, was er vor fast vierzig Jahren hörte und erkannte, und ich erkenne die Tragik, dass einer sich für gescheitert halten konnte, der das erschaffen hat: ein faszinierendes Klanggemälde.

Genug verraten, hören Sie ihn lieber selbst!

Beginnen Sie vielleicht mit seiner Geschichte, kongenial recherchiert von Helmut Kopetzky. Hören Sie danach mit eigenen Ohren, was Matthias von Spallart hörte, sein geniales O-Ton-Feature „Brasil“. Tun sie es bitte mit Kopfhörern, sonst geht der großartige Effekt verloren. Tauchen Sie ein in die wunderbare, die heutige, die grausame Welt des Matthias von Spallart.

P.S.: Ein mobiler Recorder kostet heute weniger als einhundert Euro, und ab weiteren fünfunddreißig aufwärts bekommen Sie Kondensatormikrofone für die Ohren; für unter sechzig Euro gibt es das Ganze von einer genannten Firma auch für das Smartphone mit dem angebissenen Apfel. Nehmen Sie die Klangwelten ihres Alltags auf und die Hörräume Ihres Urlaubs. Ich tue es regelmäßig. Und meine alten Aufnahmen von 1980 sind auch noch da, wie ein Wunder in einer Zeitkapsel. Denn auch ich hatte einst von Spallarts Mikrofon, das Geschenk meiner Eltern.

Noch wesentlich mehr über Kunstkopfstereofonie erfahren sie hier, hier, von Stefan Krebs und – zur Nachlese – hier, von Matthias Thalheim und hier, von Martha Brech.

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Leserpost

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Tina Kaps / 27.09.2020

Als Ohrenmensch möchte ich mich für diesen eindringlichen Beitrag bedanken. Bilder von ‚The Mission‘ und der genialen Filmmusik Ennio Morricones kommen kurzzeitig hoch – bis die Sägen einsetzen. Und das Geräusch fallender Bäume. Ist die auffällig betonungs-, vermeintlich emotions- ja fast seelenlose Stimme der damaligen Zeit geschuldet? Oder sind es Vorboten eines Lebensmüden? Wie auch immer: Für mich das Beste heute. Dank aus dem Nachbarlandkreis mit dem Schlusswort aus dem besagten Film: „Nun sind Eure Priester tot und ich lebe. Aber in Wahrheit bin ich es, der tot ist und sie leben. Denn wie Ihr wisst lebt der Geist der Toten in der Erinnerung der Lebenden weiter.“

Georg Blunk / 27.09.2020

Beim Lesen und hören der Aufnahmen wurden bei mir Erinnerungen wach. Dass damals Herr von Spallart mit der schweren Nagra und dem Kunstkopf bis nach Brasilien gezogen war, um ein “Feature” zu machen, alle Achtung. Traurig jedoch das persönliche Schicksals des Tonkünstlers. Ich hatte in den 60er jahren Gelegenheit, zusammen mit dem damaligen Freund, beim RIAS Jugendfunk mitzuarbeiten und bekam bei Interviewarbeiten schon mal eine ähnliche Nagra einfach so ausgegehändigt. Das war eine schöne Zeit. In den 90er Jahren begann dann eine interessante akustische Zeit für mich. Damals wurde die MiniDisk entwickelt und ich kaufte mir dazu ein einfaches Stereomikrofon und setzte mich in öffentlichen Vorstellungen der HdK Berlin, um dort Studenten bei ihren öffentlichen Auftritten mit Zustimmung aufzunehmen. Oder in kleinen Kirchen, um dort mit Zustimmung Kirchenmusikaufnahmen zu machen Es gelang mir sogar, die US Army Bigband am Brandenburger Tor aufzunehmen. Tolles Zeitdokument. Viel später kamen dann doch hochwertige Mikros zum Einsatz, die ich mir in die Ohren steckte und gelegentlich Aufnahmen im Stile des Kunstkopfes machte,  jedoch war ich hier der “Kunstkopf” und der zuletzt hergestellte hochwertige MiniDisk Recorder MZ1 von Sony wurde in die Jackentasche gesteckt und zuhause sogleich ohne Bandsalat per digital bearbeitet. Angehört habe ich mir dann die Aufnahmen nur mit Kopfhörer, um die Atmosphäre originalgetreu wiedergeben zu können. Auch habe ich oft im SFB Kunstkopfsendungen verfolgt. Memories, what memories.

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