Vera Lengsfeld / 26.11.2020 / 06:25 / 4 / Seite ausdrucken

Individualität als Immunsystem

Einer der erstaunlichsten Gegenwartsautoren ist der Schweizer Volker Mohr. Auch sein neuestes Buch, „Die Staubdämonen“, das Anfang diesen Jahres erschienen ist, scheint die Corona-Krise, ihre Ursachen und ihre Folgen zu beschreiben, obwohl es entstand, bevor die „Pandemie“ auftauchte.

Am Anfang steht immer ein Unbehagen. Man weiß, dass etwas nicht stimmt, man fühlt sich aus einem Grund unwohl, dessen Herkunft man nicht genau bestimmen kann. Denn man hat die Vorzeichen übersehen, oder sich einreden lassen, dass die Menetekel nicht relevant seien. Im Buch ist es ein sonderbarer feiner Staub, der sich überall auf das Land legt. Schaltet ein Autofahrer reflexhaft den Scheibenwischer ein, um den Staub von der Frontscheibe zu waschen, verwandelt er sich in einen sichtbehindernden Schlamm, der sich sofort verfestigt. Man muss aussteigen und ihn abkratzen.

In den Medien wird pausenlos darauf hingewiesen, dass es seit Wochen nicht geregnet hätte und dies die Ursache dieses Staubs sei. Man möchte es glauben, kann es aber nicht wirklich. In der Realität hat es vor Corona andere Viren wie BSE, Vogel- und Schweinegrippe gegeben. Letztere wurde zur weltweiten Pandemie erklärt, es wurden zahllose Tests initiiert und unnütze wie untaugliche Impfstoffe produziert, die den beteiligten Pharmaunternehmen Milliardengewinne bescherten und die am Ende vernichtet werden mussten. Danach schien das Leben normal weiter zu laufen.

Als die Wahrheit endlich ans Licht kam, war es zu spät

Im Buch beschließen die Haupthelden, Lennart und Marie, mit dem alten Mercedes des verstorbenen Vaters von Lennart eine Rundreise durch dessen Lebensstationen zu unternehmen. Sie beschließen, nicht auf der Autobahn, sondern über die Landstraßen zu fahren. Sie übernachten in einem Landgasthaus. Während der blauen Stunde, die alle Gäste auf der Panorama-Terrasse verbringen, wird die Gesellschaft durch einen lauten Knall aufgeschreckt. Ein großer Stein hat sich von einem Balkon gelöst und ist auf die Terrasse gestürzt, glücklicherweise, ohne jemanden zu verletzen. Der Vorgang ist ein Rätsel, denn das Gebäude scheint grundsolide zu sein. Am nächsten Tag wird ein Handwerker bestellt, der auch keine Erklärung hat, aber den Schaden repariert.

Das Paar fährt weiter. Beim nächsten Halt kaufen sie einer Marktfrau, die gar nicht danach aussieht, ein paar Früchte ab. Im Radio kommt die Meldung über einen Erdstoß, von dem keine Erschütterung ausging. Solche seltsamen Dinge häufen sich, sagt die Marktfrau, die Paula heißt. Sie deutet auf einen Schutthaufen, wo vor Kurzem noch ein Haus stand, das aus unerfindlichen Gründen eingestürzt ist. Als das Paar weiterfahren will, streikt der Mercedes. Der Staub hat den Motor außer Betrieb gesetzt. Paula bietet Unterkunft in ihrem Haus an, man hält es dort für sicher, denn einstürzen würden nur die jüngeren Bauten, so viel wisse man, auch wenn es öffentlich nicht zugegeben würde.
 
Was ist die Ursache für diesen Staub, der sich überall ausbreitet? Lennart und Marie fühlen sich an einen Science-Fiction-Film aus den 60er Jahren erinnert. Invasoren, die als solche nicht zu erkennen waren, setzen diesen Staub gegen die Bevölkerung ein. Seine todbringende Eigenschaft war, dass er den Sauerstoff absorbierte. Wer ihm zu nahe kam, erstickte. Das wurde lange nicht geglaubt, als die Wahrheit endlich ans Licht kam, war es zu spät.

In Paulas Haus erleben Lennart und Marie, wie sich der Staubnebel verbreitet und verdichtet. Wer mit ihm in Berührung kommt, leidet schnell unter Hautausschlag. Als endlich ein bisschen Regen fällt, wird die Luft zwar für kurze Zeit reingewaschen, aber ein Schlamm, der nach dem Trocknen betonhart wird, bedeckt alles. Die Staubwolke entsteht neu. Sie legt den Verkehr lahm ... Immer mehr Gebäude stürzen scheinbar grundlos ein. Im Radio werden pausenlos dieselben Meldungen wiederholt. „Diktierte Meinungsfreiheit“, nennt Marie das.

Ohne Netz wie in einem Schattenreich

Es ist ratsam, das Haus nicht mehr zu verlassen. Zum Glück hat Paula entgegen dem Zeitgeist Vorräte angelegt. Der wachsende Wohlstand hat dafür gesorgt, dass die Bevölkerung praktisch von der Hand in den Mund lebt. Wenn die Lieferketten zusammenbrechen, ist man akut gefährdet. Wie lange der Aufenthalt im Haus noch möglich sein würde, ist mehr als ungewiss, denn der Staub dringt durch alle Ritzen. Anfangs können sie noch mit ihrem Laptop die Verbindung zur Außenwelt halten, dann bricht das Internet zusammen. Die drei sitzen am Kamin und erzählen sich Geschichten, wie im Dekameron. Zu Boccaccios Zeiten muss im pestbedrohten Florenz eine ähnliche Stimmung geherrscht haben.

Die Rede kommt auch auf die Engländer, die vor zweihundert Jahren in einem extrem kalten und regnerischen Sommer sich am Genfer See die Zeit mit Naturphilosophie und Dichtung vertrieben. Eine davon wurde weltberühmt: Frankenstein von Mary Shelley. Die Dichterin hat ein gutes Gespür für die Entwicklung gehabt, die im Golem-Mythos schon früh seinen Ausdruck gefunden hatte und heute in der künstlichen Intelligenz ihren Höhepunkt zu bekommen scheint. Was es bedeutet, dass das World Wide Web auch am Genfer See seinen Ausgangspunkt genommen hat, bleibt der Phantasie der Leser überlassen. Die Menschen haben es geschaffen und sich ganz darauf verlassen. Ohne das Netz kommen sie sich wie in einem Schattenreich vor.

Was es mit den Staubdämonen auf sich hat, erfahren Lennart und Marie nicht aus dem Netz, sondern in der Realität. Das Virus hat den Beton überfallen. Man ging immer davon aus, dass Viren nur Pflanzen, Tiere und Menschen befallen könnten. Man hat dabei jedoch übersehen, dass auch Steine leben, auf ihre eigene, zeitferne Weise. Und so zerfällt in Mohrs Roman alles zu Pulver, was in den letzten 150 Jahren erbaut wurde: Straßen, Brücken, Tunnel, Anlagen, Häuser.

Austauschbar durch Unterdrückung des Immunsystems

In der Realität zerfallen vor unseren Augen die emanzipatorischen Errungenschaften der letzten 150 Jahre, demokratische Rechte und Institutionen. Beschleunigt wurde dieser Prozess durch den Zusammenbruch des alten Machtsystems vor 30 Jahren. Das Virus ist nicht zu stoppen oder zu „besiegen“. Aber die Menschen können es bannen, indem sie sich mental stärken und die eigenen Kräfte mobilisieren. „Dazu muss man jedoch Eigenart entwickeln, Identität, oder nennen wir es Wahrhaftigkeit. Jeder Einzelne, aber auch die Gemeinschaft.“

Mohr beschreibt die Zersetzung, die stattgefunden hat als ein Gleichnis, ein reales Gleichnis für die Zersetzung unserer Gesellschaft, die sich durch keine Vernetzung aufhalten lässt. „Voraussetzung dafür war … die Vorstellung, dass alles gleichwertig und damit austauschbar sei. Gleichwertig und austauschbar werden die Dinge jedoch nur, wenn man ihr Immunsystem unterdrückt.“

Das eröffnet dem Virus ein weites Feld. Wenn wir das Immunsystem wieder aufbauen, indem sich Eigenart regt, beginnt die Abstoßung des Virus. Immerhin wird, wenn der Staub sich verzogen hat, nichts mehr sein, wie es war.

Ein kleiner Trost ist, dass die Menschen, die es erlebt haben, die Zeit nach dem Kriegsende vor 80 Jahren als die schönste in ihrem Leben empfanden. In abgeschwächter Form hat sich das in den 1990er Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges wiederholt. „Das Alte, Überkommene, war untergegangen, das Neue, das sich bald wieder als das Alte gebaren würde – auf andere Art zwar –, war noch nicht da.“

Ein Zwischenzeit, die uns die Chance gibt, das entstehende Neue so wenig wie möglich wie das überkommene Alte aussehen zu lassen.

„Die Staubdämonen“ von Volker Mohr, hier bestellbar.

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Leserpost

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Michael Stoll / 26.11.2020

Sehr geehrter Herr Luft, ich kann Sie sehr gut verstehen. Ich bin auch müde. Manchmal nehme ich mir vor, weniger Zeit auf der Achse zu verbringen und vor allem nicht mehr zu kommentieren. Aber der alltägliche Wahnsinn, den sich die Regierenden, die staatsnahen Medien und der linksgrüne Zeitgeist zu eigen machten, treibt mich immer wieder hierher.  +++  Sehr geehrte Frau Lengsfeld, sie haben Recht, nach der Überwindung der beiden Diktaturen gab es die Phasen des Glücks durch die Erlangung der Freiheit. Auch ich habe das Ende der SED-Diktatur als Befreiung erlebt und die nächsten 25 Jahre in Freiheit und Rechtsstaatlichkeit sehr genossen. Leider vergessen die Menschen anscheinend mit der Zeit, dass die Freiheit nicht selbstverständlich ist und fangen wieder an, Denk- und Sprechverbote und sonstige undemokratischen Machenschaften, natürlich für den “guten Zweck”, zu akzeptieren. Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass die Mehrheit nicht in eine neue (eventuell sanft und schleichend beginnende) Diktatur getrieben werden muss, die Mehrheit würde sie (im “Kampf gegen Rechts” oder gegen ein Virus) begrüßen oder gar einfordern, wenn die Zeit reif ist. Ich hoffe sehr, ich irre mich, denn die nächste Diktatur wäre aus technischer Sicht (automatische Gesichtserkennung, digitale Datenspeicherung und -vernetzung, vielfältige Möglichkeiten der elektronischen Überwachung, etc.) von innen heraus nahezu unbesiegbar. Hoffen wir, dass der Staub, der sich über das Land gelegt hat und mich sehr an das Leben in der DDR erinnert, nicht verfestigt.

Ricardo Sanchis / 26.11.2020

In “eigener Sache” Bezüglich meines Kommentar zu ihrer Buchvorstellung “Mao und die 72 Affen” vor einigen Tagen muss ich mich korrigieren. Ich hatte ja erst 120 Seiten gelesen. Tatsächlich wird das Buch wenige Seiten später durchaus unterhaltsam, lustig und lesenswert,

FriedrichLuft / 26.11.2020

Liebe Frau Lengsfeld, liebe Mitforisten ... ich lese täglich hier bei achgut die neuen Artikel ... heute Morgen habe ich mit der Rezension dieses Buches meinen Tag begonnen. Ich bin das alles inzwischen so müde. Womit ich nicht Ihr Engagement schmälern möchte. Aber wir können doch jetzt nicht für den Rest unseres Lebens nur noch Trübsal blasen. Wo ist denn der Charme, die Leichtigkeit, die Unbefangenheit, die wir noch vor einigen Jahren wenigstens ab und an in unserem Leben aufleuchten sahen? Ich bin jetzt Mitte 50, in der alten BRD aufgewachsen, und sehe inzwischen nicht den leichtesten Silberstrahl am Horizont. Ich muss immer mal an den Aphorismus von Curt Goetz denken: “Gelehrt sind wir genug. Was uns fehlt, ist Freude, was wir brauchen, ist Hoffnung, was uns nottut, ist Zuversicht, und wonach wir verschmachten, ist Frohsinn!” Nichts für ungut ...

Hans-Peter Dollhopf / 26.11.2020

Frau Lengsfeld, ich höre jetzt erst einmal auf zu lesen. Sie verraten ja alles.

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