Görlitz ist eine irritierend schöne Stadt. Sie liegt am östlichen Rand der Republik, an der Lausitzer Neiße, die seit 1945 die Grenze zu Polen bildet. Im Zweiten Weltkrieg blieb sie von Zerstörungen fast völlig verschont. Einheimische wie Städtereisende lieben die Altstadt, deren Gebäude aus verschiedenen Epochen stammen. Die spätgotische Peterskirche zeichnet sich durch ihre zwei Türme und die Sonnenorgel aus dem frühen 18. Jahrhundert aus, der aus der Frührenaissance stammende Schönhof und die angrenzenden Gebäude beherbergen das Schlesische Museum mit Ausstellungen zur deutschen, polnischen und tschechischen Geschichte. Umgeben ist die Altstadt von ausgedehnten Gründerzeitvierteln.
Es gibt also viel zu entdecken in Görlitz, das für sich in Anspruch nehmen darf, als flächengrößtes zusammenhängendes Denkmalgebiet Deutschlands zu gelten. Diesem Stadtbild verdankt Görlitz auch seinen Status als beliebte und häufig genutzte Filmkulisse. Internationale Filmproduzenten schwärmen von „Görliwood“ in Germany. Mehr als 55.000 Menschen fühlen sich in Görlitz zu Hause, mögen die Plätze und Parks der Stadt. Busse und Straßenbahnen fahren verlässlich, für eine 110 Quadratmeter-Wohnung in einem sanierten Gründerzeithaus zahlt man rund 700 Euro monatliche Kaltmiete. Aber Görlitz ist nicht nur für Ältere attraktiv, in den letzten Jahren hat sich die Stadt zu einem anerkannten interdisziplinären Forschungsstandort entwickelt, was auch für spürbaren Zuzug sorgt. Neben Hochschule und Universität sind namhafte wissenschaftliche Institute vertreten.
Mit dem Deutschen Zentrum für Astrophysik (DZA) entsteht ein nationales Großforschungszentrum mit internationaler Strahlkraft und rund 1.000 Arbeitsplätzen. Und weil die Politik das Land „wehrtüchtig“ machen möchte, plant der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS, vor der Stadt Panzer zu bauen, und übernimmt 2025 dafür ein dortiges Werk des Zugherstellers Alstom. Kurzum, es gibt viel Zukunft in Görlitz.
Und auch das soll Erwähnung finden: Mit Zgorzelec, dem auf der östlichen Seite der Neiße gelegenen polnischen Stadtteil, hat sich Görlitz 1998 zur Europastadt erklärt. Ein ermutigendes Beispiel dafür, wie die Menschen zweier Nationen Grenzen überwinden können. Die Städte stehen wie nur wenige Städte in Europa auch unmittelbar für die europäische Geschichte: Trennung nach dem Zweiten Weltkrieg, zaghafte Annäherung, geschlossene Grenzen und intensive gemeinsame Entwicklungen seit der politischen Wende in der damaligen DDR im Jahr 1989.
Görlitz, ein Epizentrum des rechten Populismus?
Görlitz könnte als Symbol für Europa stehen, für ein großes Zukunftsversprechen – wären da nicht die Niederungen der Politik. Mindestens die Hälfte der Einwohnerschaft hadert mit der Tatsache, dass beinahe die andere Hälfte bei der letzten Bundestagswahl einer rechtslastigen, populistischen Partei ihre Stimme gegeben hat, die der Sächsische Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistische“ Partei einstuft. 46,7 Prozent der Zweitstimmen hat die AFD bekommen. Landesweit ein Spitzenwert. Das Direktmandat gewann mit 48,9 Prozent deren Parteivorsitzender, ein Mann, der Deutschland „im Niedergang“ sieht und dafür eintritt, gegen den „Ansturm von Flüchtlingen“ die Grenzen „notfalls mit Waffengewalt“ zu verteidigen. In Görlitz leben gerade einmal 6,7 Prozent ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger, überwiegend Arbeitskräfte aus dem nahen Polen und Tschechien.
Was geht da vor, wenn in der schönsten Stadt im Land, in der augenscheinlich vieles vorangeht und die sich als gelebtes Symbol für ein freies, offenes Europa versteht – wenn hier eine rechtspopulistische Partei mit großem Vorsprung gewählt wird? Wirklichkeits-Verweigerung, Gegenwarts-Verachtung, Demokratie-Verhöhnung? Görlitz, ein Epizentrum des rechten Populismus? Einer, der hier Antworten geben könnte, lebt nicht mehr. Er ist gebürtiger Görlitzer, hat viele kluge Texte, mehrere erkenntnisreiche Bücher geschrieben und zahlreiche Kabarett-Programme verfasst – aber in seiner Geburtsstadt will niemand an ihn erinnern: Werner Finck. Die Stadtgesellschaft hat ihn vergessen, es scheint mitunter, als wolle sie ihn vergessen machen.
Am 2. Mai 1902 wird Werner Finck in Görlitz als Sohn eines Apothekers geboren, besucht in seiner Geburttadt das Gymnasium. Nach mehreren Jahren als wandernder Märchenerzähler, in Laien-Spielgruppen und nach Engagements als Schauspieler am Schlesischen Landestheater Bunzlau und am Hessischen Landestheater Darmstadt geht er 1929 nach Berlin. Hier erlangt er im Kabarett Katakombe rasch große Popularität. Er bespöttelt die Verhältnisse seiner Zeit und richtet seinen Wortwitz auch nach 1933 gegen die führenden Vertreter des Nationalsozialismus. „Ein Volk, ein Reich, ein Irrtum“ – knapper und bissiger geht es kaum.
Finck sieht sich als „überzeugter Individualist“, was freilich für Ärger und Konflikte mit den Nationalsozialisten schon ausreicht. Er agiert nach dem Motto „Sich den Kopf nicht verbieten zu lassen, ihn aber auch nicht zu verlieren“. Seine rhetorische Methode beruht auf nicht zu Ende gesprochenen Sätzen, hintersinnigen Doppeldeutigkeiten und Wortspielen sowie auf dem entlarvenden „Wortwörtlich-Nehmen“, etwa: „Kommen Sie mit? Oder muss ich mitkommen“, fragt er Gestapo-Beamte, die sich während seines Auftritts in der Katakombe Notizen machen. Ende 1934 wird das Kabarett von den Nazis geschlossen und Finck festgenommen. Nach Verhören im Geheimen Staatspolizeiamt wird er inhaftiert und ist anschließend nach einer Entscheidung von Reichsminister Joseph Goebbels „für die Dauer von sechs Wochen in ein Lager mit körperlicher Arbeit zu überführen“.
„Wir aus den kleinbürgerlichen Städten müssen zusammenhalten“
Finck kommt in das KZ Esterwegen. Dort wird er am 1. Juli 1935 entlassen. Eine Anklage wegen eines Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“ vor dem Berliner Sondergericht endet zwar nicht mit einer Verurteilung, Finck darf jedoch nur noch unter Auflagen als Schauspieler arbeiten, bis er Anfang 1939 fristlos entlassen wird. Bei Kriegsbeginn meldet er sich zur Wehrmacht, um einer erneuten Gefängnis- oder KZ-Strafe zu entgehen und kann das Kriegsende, zuletzt als Soldat an der italienischen Front, mit viel Glück überleben. Sein persönliches Kriegsende hat er später so beschrieben: „Ich bin also erstmal auf die Schreibstube gegangen und habe gefragt, ob noch was wäre. Und erst als man mir sagte, nein, es hätte sich erledigt, gab ich mich dem wohlverdienten Zusammenbruch hin.“
Nach der Entlassung aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft am 3. Oktober 1945 arbeitet er wieder als Theater- und Filmschauspieler und Kabarettist sowie für das Fernsehen. Bis 1949 gibt er mit anderen Das Wespennest, die erste deutsche satirische Zeitschrift nach dem Zweiten Weltkrieg, heraus. In den Folgejahren tourt er durch die junge Bundesrepublik. In seinem Soloprogramm will er der „Zersetzung der Humorlosigkeit im öffentlichen Leben“ den Weg bereiten. Er nennt seine Bühnen-Programme „Gegen Kompromisslosigkeit“ oder „Für Aufrüstung der Toleranz“. Mit einer Sicherheitsnadel unter dem Revers des Sakkos als Parteiabzeichen und einem weißen Tischtuch als Parteifahne tritt er an gegen den „Ernst der Zeit“ (Adenauer) der deutschen Nachkriegspolitik. 1962 wird Finck ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. 1964 folgt sein Programm „Bewältigte Befangenheit“ in der Münchner Lach-und Schießgesellschaft, zahlreiche Fernsehauftritte schließen sich an.
Sechs Jahre vor seinem Tod erscheint 1972 seine Autobiografie „Alter Narr – was nun?“ – darin findet sich ein Satz, der als Motto nicht nur für seine Künstler-Existenz Beleg ist: „Ich habe in meinem Leben sehr viel gehalten, aber nicht den Mund.“ Werner Finck stirbt am 31. Juli 1978 in München, im Stadtteil Ramersdorf ist eine Straße nach ihm benannt. In Mainz ist ihm ein Stern am Walk of Fame des Kabaretts gewidmet. In seiner Geburtsstadt aber ist er, einer der größten Söhne der Stadt, bei vielen vergessen. Das soll sich ändern. Einige in Görlitz – darunter Unternehmer, Künstlerinnen und andere Engagierte der Stadtgesellschaft – wollen, dass der Wortkünstler und Tragik-Komiker nun eine überfällige Würdigung erfährt. Zumal er einst über seine Heimatstadt sagte: „Das Tadeln meiner kleinen Stadt überlasse ich den Söhnen der Weltstädte. Wir aus den kleinbürgerlichen Städten müssen zusammenhalten.“
Und welcher Ort wäre hier besser geeignet als der Platz vor dem Theater der Stadt, das den Namen Gerhart Hauptmanns trägt. Im Volksmund wird der Bau wegen der opulenten Innenausstattung „Kleine Semperoper“ genannt. Ein einfaches Schild soll dann Einheimische und Besucher darauf hinweisen, wer dieser Werner Finck war: „Ein mutiger Mann – ein Künstler, der die Freiheit des Wortes liebte und verteidigte. Geboren in Görlitz.“
Dies ist ein Auszug aus dem Buch „Gnadenlos Deutsch. Täter, Helfer, Zuschauer – und die Entsorgung der NS-Zeit“ von Helmut Ortner, 2026, Alibri-Verlag: Aschaffenburg. Hier bestellbar.
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„Neben Hochschule und Universität sind namhafte wissenschaftliche Institute vertreten. Mit dem Deutschen Zentrum für Astrophysik (DZA) entsteht ein nationales Großforschungszentrum mit internationaler Strahlkraft und rund 1.000 Arbeitsplätzen.“ Also Sterne gucken auf Staatskosten und Panzerbau zum Gedenken an den Widerstand. Da kann man Görliwood nur noch eine prosperierende, denkmalgeschützte Zukunft wünschen. P.S. geht mir die AFD genau so am wertesten vorbei, wie der Verwesungsgeruch auf der anderen Seite der Brandmauer.
Mal „illegale Einreisen Görlitz“ ersuchmaschinen.
Billiges AfD bashing. Und natürlich Schuldkultgeschichten.
Gähn!
Aus dem Osten stammend, sich in den Westen absetzend und dort gegen Adenauer kämpfend. Das ist mir etwas zu billig.
Vielleicht wählen viele Görlitzer ja die Entsetzlichen, damit Görlitz nicht auch noch so verkommt und so ein Kriminalitäts-Hotspot wird wie etliche Städte vor allem im Westen. Und was soll das endlose AfD-Bashing? Vom MS ist ja nichts anderes zu erwarten, aber die Achse-Redaktion hat, soweit ich sehen kann, nicht dieselben Interessen wie der MS. Übrigens haben die ZEIT-Journos Christian Fuchs und Paul Middelhoff schon 2019 eine interaktive Karte mit dem „Netzwerk der Neuen Rechten“ veröffentlicht, auf dem die Achse-Redaktion als Teil dieses „neurechten Netzwerks“ eingetragen ist. Mir ist nicht bekannt, dass Sie jemals von AfD-nahen Journalisten als Teil einer verschwörungs-ähnlichen linken Szenerie denunziert worden wären. Ihre Abwehrreflexe gegenüber der AfD sind also weniger begründet als Abwehrreflexe gegenüber linken Parteien, die Sie ja auch und zu Recht haben. Ja, es gibt Einwände gegen die AfD, aber sie ist keine rechtsextreme Partei. Die markigen Sprüche mancher AfD-Politiker gehen nie weiter als die markigen Sprüche eines Franz-Josef Strauß, und der war nie eine Gefahr für die BRD und ihre Strukturen. Allerdings taten viele Linke noch bis ca. 1980 so, als gruselten sie sich vor dem rechten Gefährder Strauß. Höcke ist vermutlich ein entferntes Äquivalent zu Strauß, und sein Flügel ein deutlich engeres zur „Stahlhelmfraktion“ der früheren Union. Die Dauerbeschwörung der völlig anderen Situation von 1933 ist absurd. Sogar, wenn die AfD einen 50%-Wahlsieg bei einer BT-Wahl erreichen sollte, wird sich immer noch der linke Apparat aus etablierten Juristen, „Intellektuellen“, Lehrern, Journokraten und „Aktivisten“ sehr wirksam gegen sie stellen. Die echten Nazis konnten 1933 eine teils eh schon mit dem NS sympathisierende, teils hard-core-konservative Beamtenschaft übernehmen. Die AfD wird das nicht können. Sogar wenn sie als ganze Partei faschist. Absichten hätte, worauf nichts hinweist, könnte sie sie nicht durchprügeln. Als Gefahr existiert sie nicht,
Die Anzahl der Deutschen Nachrufe nimmt beängstigend zu…
Ohne Diffamierung der AfD und ihrer Wähler geht’s auch auf der Achse des Guten anscheinend nicht.
Überall Nazis, egal in welchen Spiegel man schaut?