Larissa Fußer, Gastautorin / 01.06.2020 / 12:00 / Foto: Pixabay / 62 / Seite ausdrucken

Fitness ja, Flirten nein – das seltsame Körperbild meiner Generation

Corona hält uns aktuell alle in Atem. Während die Angst vor der Krankheit so langsam nachlässt, werden die Sorgen um die wirtschaftlichen Folgen des Shutdowns immer größer. Mit mehr oder weniger gerunzelter Stirn sitzen daher viele Leute zu Hause in ihrem Quarantäne-Quartier und machen das, was man halt so machen kann: Home-Office, Netflixen und Essen – in variierender Reihenfolge. Ja, sicher, für manche kommt die viele freie Zeit auch wie gerufen: sie schreiben Bestseller, komponieren Meisterwerke, bauen den Dachboden aus und züchten Kresse – aber mal ehrlich: Unterm Strich hockt man eben doch mehr rum als vor Corona. Mit jedem verdrückten Stück Trost-Schokolade und jedem Tag, an dem man sich nur zwischen Bett, Kühlschrank, Schreibtisch und Sofa bewegt hat, nimmt dann noch eine ganz andere Angst zu: die Angst, während des Shutdowns „fett“ zu werden.

Ich habe diese Sorge nun schon bei vielen Leuten mitbekommen, und ich merke, dass sie mich auch selber beschäftigt. Dabei geht es mir weniger darum, dass ich Angst vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen habe oder was sonst noch an Märchen über die Folgen des Übergewichts verbreitet wird. Nein, wenn ich ehrlich bin, habe ich Angst, dass ich mit ein paar Extrakilos weniger attraktiv auf Männer wirke. Es ist ja schon frustrierend genug, dass die Clubs und Bars geschlossen sind – da will ich nicht auch noch schlechte Karten haben, wenn das Werben auf der Tanzfläche irgendwann wieder losgeht.

Ich habe den Eindruck, dass es vielen Leuten in meinem Umfeld genauso geht. Ich meine, das wäre ja wirklich deprimierend: Da hockt man jetzt ein halbes oder ganzes Jahr dumm zu Hause rum, freut sich schon über jeden gutgebauten Postboten und schmachtet Schauspieler im Fernsehen an, bis es endlich soweit ist: Die Clubs öffnen wieder, völlig aufgeregt holt man die Ausgehkleider wieder aus dem Keller, streift die Spinnenweben vom Lieblingsrock, schlüpft hinein – und dann geht der Reißverschluss nicht zu. Da würde ich schon fluchen.

Schönheitsideale aus „Germany’s next Topmodel“

Viele junge Leute stürzen sich deswegen jetzt schon in Fitness-Programme, um dem #stayhome-Speck vorzubeugen. Vielleicht stellen sie sich ja bei jeder Trainingseinheit vor, wie sie irgendwann in eine Bar voller Corona-Moppel stolzieren und ihre Muckis präsentieren. Während sie sich einen Gin Tonic bestellen, gucken sie einmal überlegen in die Runde und verkünden: „Was seid ihr doch für eine Schwabbelbande. Guckt mich an – ich habe mich nicht gehen lassen!“ Im Tagtraum scharen sich dann die Verehrer oder Verehrerinnen um sie und flüstern sinnlich: „Hey, du bist für mich systemrelevant. Willst du meine Kontaktperson sein?“

Was die einen durch Sport erreichen wollen, versuchen die anderen durch Diäten. Ich merke selber, dass mein Appetit seit Beginn der Corona-Krise abgenommen hat. Dabei liebe ich es zu essen. Mein Herz schlägt schon, seit ich ein kleines Kind war, für Erdbeertorte, Trüffelpasta, Schweinshaxe und Gummibärchen. Mein Kühlschrank ist auch mit leckeren Dingen vollgehamstert – am Angebot liegt’s nicht. Nun habe ich noch nie eine Diät mit striktem Programm, Kalorienzählen etc. gemacht, doch auch als Jugendliche habe ich tagsüber phasenweise nur wenig gegessen. Damals ist mir meine Freude am Essen abhanden gekommen, weil ich mich zu dick fand. Ich war überzeugt, dass nur dünne Frauen „schön“ sind und Männer mich nur attraktiv finden, wenn ich so dünn bin wie die Models im Fernsehen. In Stresssituationen, wie aktuell Corona, merke ich, dass ich auch heute diese Gedanken noch nicht ganz überwunden habe und ich aufpassen muss, dass ich nicht in alte Verhaltensweisen verfalle.

Meine jugendlichen Vorstellungen von Schönheit und Attraktivität kamen natürlich nicht von ungefähr. Ich habe mir bestimmt fünf Jahre lang jede Folge von „Germany’s Next Topmodel“ angeguckt und wollte unbedingt aussehen wie die Sängerin Taylor Swift, die Schauspielerin Natalie Portman oder das Model Gisele Bündchen. Alle drei haben einen extrem flachen und trainierten Bauch, kaum Taille, schmale Hüften, dünne Beine und auch sonst kein Gramm Fett am Körper. Ihre Schulterknochen stechen hervor und der Hals ist lang und schmal. Inzwischen weiß ich zwar, dass eine Frau nicht gesund ist, wenn sie so dünn ist wie meine früheren Vorbilder, doch es fällt mir bis heute schwer, mein Schönheitsbild von damals loszulassen. Wenn ich im Sommer am Strand liege und andere Frauen im Bikini vorbeilaufen, finde ich oft intuitiv immer noch die schlanken Mädels mit flachem, trainiertem Bauch schöner als die jungen Frauen mit etwas mehr auf den Hüften. An meiner Uni kann ich sehen, dass es vielen Frauen in meinem Alter so geht. Fast jede ist dort schlank und trainiert – oder will es werden, indem sie mehrmals die Woche zum Unisport tappelt.

Erotische Spannung wie auf einer Tupperparty

Es ist schon kurios. Früher war eine Marilyn Monroe der Idealtyp einer Frau – mit Brüsten und Fleisch auf den Hüften, ein Sexsymbol mit Schlafzimmerblick und großen Lippen. Sie spielte mit ihren weiblichen Reizen – jeder kennt die Filmszene, in der Marilyn das Kleid hoch weht und sie lachend versucht, sich wieder zu bedecken. Auch sonst präsentierte sie ihren Körper und bezirzte Männer im Film und vor dem Fernseher. Danach veränderte sich das Medienbild einer Vorzeigefrau – man konnte fast dabei zusehen, wie die Filmfrauen Schritt für Schritt ihre Weiblichkeit verloren. Die heutigen weiblichen Filmheldinnen haben nichts mehr von Marilyn Monroe. Man braucht sich nur mal die Protagonistinnen der neuen Star Wars-Filme oder der Neuverfilmung von „Tomb Raider“ ansehen – sie zeigen sehr gut, was heute „in“ ist: dünne Frauen ohne jegliche Rundungen, dafür durchtrainiert bis zum geht nicht mehr und mit hartem Kämpferblick. Nichts deutet darauf hin, dass diese Frauen daran interessiert sind, einen Mann kennenzulernen. Nicht mal mehr knappe Klamotten tragen sie – sie könnten genauso gut lesbisch oder asexuell sein. 

Ganz so schlimm ist es an meiner Uni zum Glück nicht. Es gibt schon noch Frauen, die sich hübsch machen und kokett lächelnd an Männergruppen vorbeigehen. Aber sie sind eher selten. Die meisten Frauen in meiner Uni verstecken ihre schlanken Körper unter Jeans und Schlabberpullis, schminken sich nicht und reden alle zwei Minuten von ihrem „festen Freund“ in Buxtehude. Wenn ich sie auf Unipartys im Club treffe, haben sie meistens lange Hosen und Turnschuhe an – ein figurbetontes Kleid und hohe Schuhe wären bestimmt Zeichen sexueller Unterdrückung und gehen deswegen gar nicht. Entsprechend herrscht bei mir an der Uni ungefähr so viel erotische Spannung wie auf einer Tupperparty.

Von Sean Connery zu Robert Habeck

Jetzt verhält es sich hier auf eine Art wie mit der Henne und dem Ei. Was war zuerst da: die Frauen, die sich nicht mehr hübsch machen, oder die Männer, die nicht mehr flirten – und damit den Frauen das Signal geben, dass jedes Herausputzen verlorene Liebesmüh ist? Die Männer an meiner Uni strahlen nämlich nicht gerade aus, dass sie an Geschlechtsverkehr interessiert sind. Entweder sind sie allein auf den Lernstoff fokussiert und reden auch zwischen den Seminaren nur über Fachthemen oder sie sind Frauen gegenüber übertrieben „nett“ und reden wie Freundinnen mit ihnen. Auch äußerlich geben sich die Männer an meiner Uni alle Mühe, den Frauen keine Angst durch ein dominantes Auftreten zu machen. Die meisten meiner Kommilitonen sind eher schmächtig, haben weiche Gesichtszüge und kaum Bartwuchs. Dazu tragen Sie Funktionsklamotten, essen nur wenig oder kein Fleisch, rauchen nicht und fahren jeden Morgen vom Wannsee nach Mitte mit dem Fahrrad, weil’s „gut für’s Herz“ ist.

Auch diese immer weicheren und damit weiblicheren Männertypen scheinen ein gesellschaftliches Phänomen zu sein. Ich gucke mir liebend gerne Filme aus den 60er und 70er Jahren an – da gab es noch Cary Grant, Sean Connery und am besten: den jungen Al Pacino und Robert de Niro. Alle treten stets ernsthaft auf, sind kräftig gebaut und schäkern, wo sie können, mit Frauen herum. Heute wiederum stehen deutsche Frauen anscheinend auf Robert Habeck und Richard David Precht – was ist da passiert? Ich würde es ja selber nicht glauben, wenn ich nicht die schwärmerischen Artikel in Frauenmagazinen gesehen hätte – da säuseln Autorinnen verliebt von Prechts schönen Händen und Habecks sexy Wuschelhaaren. Ich musste den Würgereiz unterdrücken. Ich sehe, wenn ich die beiden angucke, ja eher zwei verweichlichte Dummschwätzer mit Allmachtsphantasien. Hände und Wuschelhaare lassen mich nicht vergessen, was die beiden in puncto „Klimarettung“ von sich gegeben haben. Gut, vielleicht bin ich mit meinen 22 Jahren einfach zu jung, um diese Schwärmerei zu teilen. Dennoch frage ich mich, was die Frauen von solchen Softies wollen. Erotik entsteht doch nicht, indem Mann und Frau so unglaublich verständnisvoll zueinander sind.

Immer erstmal der „Kumpel-Modus“

Das Resultat dieser seltsamen Entwicklungen kann ich an meiner Uni direkt spüren: Es wird nicht viel geflirtet unter den Medizinern – dabei gäbe es so viele Gelegenheiten dazu! In meinen bald drei Jahren an der Uni haben wir uns unter anderem schon schüchtern gegenseitig die Herzspitze abgetastet und unsere Halsschlagadern mit dem Ultraschallgerät untersucht – aber da gab’s nicht mal ein anzügliches Augenzwinkern. Alle waren eher peinlich berührt, anstatt sich über den Körperkontakt zu freuen, und wirkten erleichtert, sobald sie wieder auf Distanz gehen konnten.

Ich habe den Eindruck, dass die jungen Leute heute viel gehemmter beim Flirten sind, als es die Generation unserer Eltern war. Ich kenne diese Zeit ja nur aus Erzählungen und Filmen, aber was ich da mitgekriegt habe, hat mich echt verwundert. Da gibt es zum Beispiel die wirklich unterhaltsame israelische Filmreihe „Eis am Stiel“ aus den 70er/80er Jahren: Da geht es in acht Filmen von Anfang bis Ende um nichts anderes als um Jungs, die Mädels abschleppen wollen, und wie sie das anstellen. Wenn ein Mädchen sie abblitzen lässt, ist das halb so wild – in der nächsten Szene taucht schon eine neue Schöne auf, und sie versuchen es wieder und wieder. Selbst wenn in den 70ern in Wirklichkeit nur halb so viel geflirtet wurde wie in diesen Filmen: es wäre immer noch viel mehr, als ich es aus meinem Umfeld kenne.

Männer und Frauen in meinem Alter reden fast immer erst mal im „Kumpel-Modus“ miteinander – erst wenn sie sich mindestens ein halbes Jahr kennen, sich 3.000 WhatsApp-Nachrichten geschrieben haben, die Freunde einverstanden sind und die Instagram-Profile zusammenpassen, wird vielleicht mal eine Art Flirtversuch gestartet – und in einer ganz verrückten Nacht, wenn beide betrunken sind, berührt die Frau einmal kurz die Hand des Mannes – und dann sind sie ein Paar.

Wozu dieser immense Aufwand, wenn wir uns nicht trauen?

Absurd daran finde ich, dass gleichzeitig alle jungen Leute unheimlich darauf bedacht sind, einen vermeintlich perfekten Körper zu haben. Sie rackern sich geradezu ab – machen Sport, quälen sich durch Diäten – wenn’s ganz schlimm kommt, lassen sie sich sogar Nase und Brüste operieren oder schlucken Anabolika. Aber was nützt denn einer Frau das super Aussehen, wenn sie sich nicht traut, ihren Körper zu zeigen und sich lieber unter einem Pulli versteckt? Was nutzen die Muckis einem Mann, wenn er sich nicht traut, eine Frau, die ihm gefällt, einfach mal anzusprechen? Wozu dieser immense Aufwand, attraktiv auf das andere Geschlecht zu wirken, wenn wir uns nicht trauen, ihm auch nahe zu kommen?

Wenn ich zurückdenke, welche Männer ich besonders attraktiv gefunden habe, dann merke ich, dass dabei das Aussehen gar nicht so entscheidend war. Ich habe schon oft erlebt, dass mir ein Mann auf den ersten Blick gefallen hat – ich ihn aber, schon kurz nachdem er mich angesprochen hatte, nicht mehr näher kennenlernen wollte. Das mag bei Männern anders sein – aber ich vermute mal, dass auch einem Mann nicht komplett egal ist, was für eine Person hinter der schönen Hülle steckt.

Ich denke, ob wir nun nach Corona ein Fettpölsterchen mehr oder weniger haben, wird also in Wirklichkeit kaum eine Rolle spielen. Es wird aufregend genug sein, wenn sich die Männer und Frauen nach monatelanger Kontaktsperre in den Clubs wieder näher als 1,5 Meter kommen. Wer dann wirklich sein Objekt der Begierde nach dem BMI auswählt, hat nach monatelangem #TrainierenGegenCorona wohl nicht mehr alle Latten am Zaun.

 

Larissa Fußer, geb. 1998, ist Medizinstudentin und Referentin für Jugendbildung der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft. Sie schreibt für den Jugendblog Apollo News, wo dieser Beitrag zuerst erschien.

Foto: Pixabay

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K.sauer / 01.06.2020

Ich habe mal von einer Studie gehört, wonach der Testosterongehalt bei Männern in den westlichen Industrienationen, in den letzten Jahrzehnten, um 40% abgenommen hat. Das würde das angesprochene Problem ebenso erklären, wie die Begeisterung der Frauen hierzulande, beim Einmarsch von ca. 1 Million junger Männer aus einem anderen Kulturkreis.

Marcel Seiler / 01.06.2020

Das Risiko für einen Mann, sich mit einer Frau einzulassen, ist zu hoch: Entweder man wird der Belästigung oder der Vergewaltigung angeklagt. Und ohne Beweise zum gesellschaftlichen Tod verurteilt. Wem es gelingt zu heiraten und ein Kind zu kriegen, der hat die große Chance, verlassen zu werden (“du bist mir nicht mehr gut genug”) und sein Leben lang Unterhalt zu zahlen. Wer mit Frauen ein Streitgespräch anfängt, dem wird jedes Wort so lange umgedreht, bis er ein A*loch ist. Es gibt Prostitution, es gibt Pornographie. Welcher Mann will sich eine lebende Frau noch antun? – Die Frauen haben, was sie immer wollten: die absolute Macht. Glücklich wird sie das nicht machen.

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