Walter Krämer / 30.01.2020 / 16:00 / Foto: Tomaschoff / 6 / Seite ausdrucken

Erkennt Google Brustkrebs besser als die „erfahrensten“ Radiologen?

Im Januar 2020 publizierte die Fachzeitschrift „Nature“ eine Studie über ein AI-System zur Brustkrebsfrüherkennung. AI steht dabei für „Artificial Intelligence“, also „künstliche Intelligenz“. Die Schlagzeile von nach-welt.com berichtete „Google AI erkennt Brustkrebs besser als die erfahrensten Radiologen“. „Spiegel Online“ titelte „Wie künstliche Intelligenz künftig den Job von Ärzten übernimmt“. Ähnliche enthusiastisches Medienecho gab es weltweit. AI-Systeme werden in der Tat immer besser in der Krebsfrüherkennung, aber das ist nicht unser Punkt. Diese Unstatistik zeigt exemplarisch, wie AI-Erfolge in der Presse übertrieben werden und die Frage nach dem Nutzen für Patientinnen und Patienten nicht gestellt wird.

Die Studie wurde federführend von Google-Wissenschaftlern in Palo Alto und London durchgeführt. Man trainierte und testete künstliche neuronale Netzwerke mit Röntgenbildern der Brust von mehr als 25.000 Frauen aus Großbritannien und über 3.000 Frauen aus den USA. In Großbritannien, wo zwei Radiologen jede Röntgenaufnahme beurteilen und im Fall eines unklaren Ergebnisses ein Konsensus-Urteil erstellt wird, war das AI-System im Durchschnitt etwas besser als der erste Radiologe und leicht schlechter als der zweite Radiologe und das Konsensus-Urteil. In den USA, wo nur ein Radiologe das Urteil trifft, war die AI besser. Im zweiten Teil der Untersuchung wurden sechs US-Radiologen getestet, die schlechtere Werte erreichten als die AI. Von diesen hatten jedoch die meisten kein spezielles Training im Beurteilen von Mammogrammen. Die Autoren der Studie stellten selbst klar, dass die Ergebnisse bei spezialisierten Radiologen wahrscheinlich besser ausgefallen wären; die oben berichtete Schlagzeile spricht dagegen von den „erfahrensten Radiologen“.

Eine Überbehandlung droht

Die wirkliche Frage, die in den Medienberichten so gut wie nie gestellt wurde, ist: Werden Frauen durch besser werdende AI einen Nutzen haben? Dieser wird suggeriert, aber zwei wissenschaftliche Erkenntnisse raten hier zur Vorsicht. Erstens, je besser die Diagnose-Systeme werden, desto mehr kleine und klinisch irrelevante Krebsformen werden entdeckt, die nur technisch gesehen Krebs sind. Das heißt, man würde diese Formen während seines Lebens nie bemerken, da sie keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Da man zum Zeitpunkt der Früherkennung diese harmlosen Formen von anderen nicht unterscheiden kann, erhalten bereits heute viele verunsicherte Frauen unnötige Operationen, Strahlen- oder Chemotherapien. Mit mehr AI-Diagnostik werden wahrscheinlich noch mehr Frauen unter dieser Überbehandlung leiden.

Die zweite wissenschaftliche Erkenntnis ist der geringe Nutzen des Mammographie-Screenings – für Frauen, im Gegensatz zur Industrie. Untersuchungen mit etwa 500.000 Frauen zeigen, dass von je 1.000 Frauen, die nicht zum Screening gehen, nach 10 Jahren etwa 5 an Brustkrebs gestorben sind; mit Screening sind es 4. Also etwa eine von tausend stirbt weniger an Brustkrebs. Das bedeutet aber nicht, dass Screening Leben rettet, da auch eine Frau mehr an einem anderen Krebs stirbt. Die Gesamtanzahl der Frauen, die an Krebs (einschließlich Brustkrebs) sterben, ändert sich durch Screening nicht. Sie ist jeweils etwa 22 von tausend Frauen (siehe hier). In Deutschland wird diese Information den Frauen immer noch vorenthalten, anders als etwa in der Schweiz. Das heißt, AI wird zwar immer mehr Krebse frühzeitig erkennen, aber man sollte auch einen Schritt weiter denken und ehrlich sagen, dass all dieser technische Erfolg den Frauen wohl wenig helfen wird.

 

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de und unter dem Twitter-Account @unstatistik.

Foto: Tomaschoff

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Rolf Lindner / 30.01.2020

Es ist noch nicht allzu lange her, dass mit den Erfolgen der Molekulargenetik enthusiastisch ein neues Zeitalter der Medizin in den Medien propagiert wurde. Will nicht sagen, dass in einigen Bereichen tatsächlich keine Erfolge vor allem hinsichtlich der Diagnose erzielt wurden, aber der große Umbruch ist ausgeblieben. Das könnte daran liegen, dass das inzwischen enorme basale Wissen nicht wächst und die Zunahme an neuen Erkenntnissen marginal und oft ohne größere Auswirkung ist. Zum basalen Wissen gehört, dass viele Krankheiten, besonders die sogenannten Volkskrankheiten ohne jede AI, dafür aber mit gesunder MI (menschlicher Intelligenz) gar nicht erst zum Ausbruch kämen. Wenn man zum Beispiel Schwangere Frauen vor einer Geburtsklinik im trauten Verein mit Krankenschwestern rauchend angetroffen hat, weiß man, dass auf dieser Strecke noch sehr viel Luft (reine natürlich) nach oben ist.

Karsten Dörre / 30.01.2020

Das Mammographie-Screening steht grundsätzlich wegen des Nutzen-Risiko-Verhältnisses in der Kritik. Dass Frauen ab 50 Jahre alle zwei Jahre ihre Brüste durchstrahlen lassen, um einen Brustkrebs vielleicht vor zu erkennen, aber stattdessen an einer anderen Krebsart versterben, weil die Bestrahlungen kontinuierlich wiederkehrend durchgeführt werden - dafür braucht man keine künstliche Intelligenz befragen.

F. Auerbacher / 30.01.2020

@Andi Nöhren: Danke für diese wichtige Info. Allerdings ändert die Tatsache, dass die Versicherung natürlich ihre Kosten möglichst gering halten will, nichts an der Aussage, dass Screening eher nutzlos ist. Die Versicherung hat zwar Eigeninteressen, aber so wie es aussieht sind diese im gegebenen Fall im Einklang mit den Fakten. @Florian Bode: Die Wortverdrehung ist ein Hit! Gefällt mir gut!

Juliane Mertz / 30.01.2020

Der letzte Abschnitt ist unklar. Eine von 1000 Frauen stirbt an einem anderen Krebs, wenn sie zum Brustkrebs-Screening geht? Dann wäre die Mammografie selbst krebserregend? Hauptsache AI ist nicht krebserregend - könnte aber sein, weil sie den Menschen Angst macht und Angst das Immunsystem schwächt.

Andi Nöhren / 30.01.2020

Hier als positives Vorbild die Helsana in der Schweiz zu nennen, halte ich doch für ziemlich makaber. Helsana gehört zu einer Krankenversicherungsgruppe. Eine Krankenversicherung hat als Unternehmensziel und die Aufgabe möglichst hohe Gewinne für die Anteilseigner zu erzielen, das funktioniert in einem Versicherungsunternehmen (wie in jedem Unternehmen) nur dann, wenn Kosten, also die Leistungen an die Beitragszahler niedrig gehalten werden. Insofern hat Helsana logischerweise wirtschaftliche Interessen daran, dass wenig Screenings durchgeführt werden.

Florian Bode / 30.01.2020

Media morte in vita sumus. Mit AI wissen wir das dann vom ersten Lebenstag an.

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