Da ich gerne zwischen England und Italien pendle, fragte ich mich natürlich: Mit welchem Fußball-Finalisten soll ich es halten? Die Entscheidung fiel diesmal knapp, aber klar für Italien aus.
Eine gewisse Leere breitet sich in mir aus. Keine Fußball-Europameisterschaft mehr. Schluss aus. Es herrscht abendliche Stille. Oder man muss sich unterhalten, was natürlich kein vollwertiger Ersatz ist. Auch sonst ist Sommerpause im Fußball. Eigentlich wäre auch die Politik reif für die Sommerpause. Aber die muss weiterwursteln und sich auf die nächste Welle vorbereiten. Delta droht. Dabei wäre Angela Merkel sicher lieber in Wembley gewesen, beim Endspiel Deutschland gegen England. Aber das fand ja nicht statt. Darum musste sich Prinz William auf der Tribüne mit seiner Kate begnügen. Kein Wunder, dass er enttäuscht vom Platz ging.
Die Enttäuschung hatte natürlich auch damit zu tun, dass die Engländer wieder mal verloren haben. Und das vor einem von Covid unbeeindruckten 60.000er-Publikum. Und was für ein Publikum das war! Vom feinen Prinzen bis zu wilden „God-save-the-Queen“-Sängern, die ihr patriotisches Lied aus ebenso voller wie nackter Brust beziehungsweise nacktem Bauch brüllten. Die lautesten Sänger waren wohl auch diejenigen, die hinterher die drei armen players of colour, die ihre Elfmeter verschossen, mit rassistischen Beleidigungen bedachten. Fußball ist eben wie das wahre Leben und manchmal noch hässlicher.
Fußball und Politik führen für mich ein Zwillingsleben
Da ich gerne – wenn man mich lässt – zwischen England und Italien pendle, fragte ich mich natürlich: Mit wem soll ich halten? Die Entscheidung fiel diesmal knapp, aber klar für Italien aus. Warum? Weil die italienische Mannschaft ihre Hymne nicht nur inbrünstiger, sondern auch schöner sang als das Heimteam und der Chor seiner Anhänger? Weil die Engländer den Vorteil hatten, auf eigenem Platz zu spielen, was ja ein bisschen unfair ist?
Nein. Fußball und Politik führen für mich ein Zwillingsleben. Und das neue Brexit-England geht mir ziemlich auf die Nerven. So sehr ich die Weigerung einer traditionsreichen Demokratie nachvollziehen kann, sich von Brüsseler Bürokraten bevormunden zu lassen: Boris Johnson's Brexit-England ist nicht mehr das sympathische Inselland, das es einmal war. An den Grenzen werden Reisende vom Kontinent so abweisend behandelt, als wollten sie eine fünfte Kolonne bilden. Der verständliche Patriotismus eines kultivierten und erfolgreichen Landes droht in gewissen Kreisen in einen wenig attraktiven Nationalismus umzukippen. Fremdenfeindlichkeit wird zunehmend zum Modeartikel, der ausgerechnet die kontinentalen Mitglieder der einstigen gemeinsamen europäischen Familie besonders unangenehm trifft. England hat sich seit seinem Austritt aus der EU leider nicht zu seinem Vorteil verändert.
In Italien bin ich Mensch, da kann ich's sein
Und jetzt bestand die akute Gefahr, dass sich zum Brexit-Nationalismus auch noch der Fußball-Nationalismus eines Europameisters gesellen könnte. Am Anfang des Spiels sah es sogar so aus. Aber dann taten die englischen Fußballer das, was sie seit Jahrzehnten tun: Sie verloren, obwohl Schwalbenkönig Raheem Sterling wieder sein Glück versuchte. So unfair es klingen mag: Da habe ich ein bisschen aufgeatmet und leise „Italia, Italia“ vor mich hin gesummt.
Dass ich in diesen Tagen eine Italien-Reise antrete und vorerst nicht weiß, wann ich wieder mit der alten Freude nach England reisen kann, hat mit meiner Parteinahme nichts zu tun. Na ja, gut. Ein bisschen schon. In Italien bin ich Mensch, da kann ich's sein. Das Chaos der italienischen Politik zwingt mir im Zweifel ein Lächeln ab und kein Zähneknirschen wie derzeit das britische Chaos. Der Charme des Südens tut sein Werk. Ciao und sorry.
Beitragsbild: Jeremy Thompson flickr CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

Na, det kenn’wer ja nu schon. – Ich liebe auch das Land, wo die Zitronen blühn, und der Sieg der ItaKa (italienischen Kameraden) war verdient, wenn auch knapp. Wenn ich allerdings Boris Johnson mit Mario Draghi vergleiche, ist – freundlich formuliert – na, sagen wir mal, noch nicht völlig ausgemacht, wer da den Sieg davonträgt. Ne Scheidung habe ich noch nicht hinter mir, aber Trennungen schon, und dass da das Chaos und die Nickligkeiten in England zeitweise den Grad derselben in Brüssel oder Rom erreichen, halte ich für normal. Wer heulen will, der heule; Schlauere nehmen sich Zeit und einen guten Anwalt. Falls die Engländer einst so stabile Regierungen und Verhältnisse wie Italien bekommen – dann sind sie daran wenigstens selbst Schuld und können für sich entscheiden, und auch da ist aus Deutschland keine Arroganz angebracht; unsere Wahlen sind im September. Tja, und wer sich freiwillig von Brüssel abpfeifen lässt, ist selbst ne Pfeife. Man möge mal schön die Polen, Ungarn, Tschechen und Slowenen weiter provozieren, dann war’s das mit der Osterweiterung der EU; Putin und Xi lachen sich schon heute ins Fäustchen. – Rassismus werden wir hier auch bekommen, je mehr wir davon schwadronieren und ihn schon hinter Schwarzfahren und Schwarzarbeit wittern, und je mehr Antisemiten wir dulden, eigene und fremde, desto perfider und deutlicher wird der Rassismus noch ganz andere Lebensformen finden; das „Du Jude“ auf dem Schulhof ist erst der Anfang. Diese Spiele stehen alle auf der Kippe, und einen Schiedsrichter gibt es auf der Straße nicht; nur die Polizei, die naturgemäß meistens zu spät kommt – und selbst des Rassismus bezichtigt wird. Wir haben ganz andere Probleme als England – Italien.
Solange lediglich„ die Mannschaft“ spielt, ist für mich die EM/WM irrelevant. Was Brexit-England angeht, kann ich nur sagen, dass sich meine Kinder dort pudelwohl fühlen.
High tea, anyone?
Ciao und sorry? Na klar, Herr Bonhorst! Die alten Knochen rebellierten gegen die Aussicht auf Regen und Nebel. „No Country for Old Men“. Das wird auch nicht mehr besser. Warum denen zürnen, die damit klar kommen?
@G. Scheuren: Während die Brits wenigsten Inzidenz haben, gibt es bei den Krauts nicht mal das. Nur Indemenz. Porca miseria. Italien? Hat gewonnen.
Ich verstehe Sie, Herr Bonhorst. Fußball läuft, grillen, ein Bierchen oder zwei, Sommerabend. Das ist herrlich. Und Ihre Beziehung zu England und aber auch zum Mediterranen ist ebenfalls mein Ding. England ist sympathisch. Aber leben lieber am Mittelmeer. Die Sorgen fallen einfach ab. Die Anspannung lässt einfach nach. Das Leben macht einfach Spaß.
Was heißt hier England oder Italien? Wir sind der wahre Europameister. Wir sind moralischer Sieger! Unsere Jungs haben sich am eloquentesten hingekniet. Manuela Neuer trug die schönste regenbogenfarbige Kapiteusenbinde. Und für jeden Elfer, den ein PoC aus England versemmelt hat, hätten wir ganz gewiß eine Spezialeinheit von „Black Lives matter“ mit unseren Steuermitteln finanziert, bei dem einige Dutzend GutmenschInnen ihr bestes tun würden, um deren Traumata aufzuarbeiten. Das Spiel selbst ist zur Nebensache mutiert. Den Menschen wurde erst die Politik zuwider, die „Wissenschaft“ leidet inzwischen ebenfalls an ihrem Missbrauch, wenn sie die politisch gewollte Ergebnisse (Klimakrise, Genderwahnsinn, Impfzwang …) vorgegeben bekommt und jetzt wird auch noch der Sport als letzte Bastion einer partiellen Unbeschwertheit final geschliffen. Wieso gab es eigentlich keine Quotenhomosexuelle, Beinamputierte und Blinde im Team. (wobei: so wie sie gespielt haben bin ich mir bei den Blinden nicht ganz sicher …)
Die drei PoC, die nacheinder verschossen haben, haben keine Schuld, denn Pw/oC (people without colour) genauso verschiessen könnten. Die Schuld tragen diejenigen, die ihnen gesagt haben: „Das Land braucht einen dunkelhäutigen Helden, um der ganzen Welt zu beweisen, dass wir keine Rassisten sind. Wer das entscheidende Tor macht, geht für ewig in die englische Geschichte.“ Wer hört, dass er UNBEDINGT das Tor machen und damit zum Helden des Jahrhunderts werden MUSS, verschießt mit einer nahezu 100%-igen Wahrscheinlichkeit.