Roger Letsch / 08.11.2019 / 10:00 / Foto: Pixabay / 8 / Seite ausdrucken

England: Labour-Intrige vor Wahlen?

Dem Rugby sagt man nach, dass die Brutalität auf dem Rasen stattfinde, während auf den Rängen ein olympischer Friede herrsche. Im Fußball sei es genau anders herum. Das ist natürlich Käse, und wie ich gerade merke, hilft mir dieses Bonmot eigentlich überhaupt nicht, auf den Ursprung und die Bedeutung des Begriffes „Fair Play“ überzuleiten – denn sowohl Rugby als auch Fußball wurden in England erfunden. Dabei ist der Gedanke des „Fair Play“ für mich sehr eng mit Großbritannien verbunden, vermutlich wegen meines ersten Englischlehrers.

Der war 1945 in englische Kriegsgefangenschaft geraten und fand es auf der Insel so toll und hatte die Briten insgesamt als so „durch und durch fair“ erlebt, dass er blieb, in England studierte und – zurück im Osten des geteilten Deutschlands – Schülern die englische Sprache beibrachte. Fair, dieser Begriff mag im Alltag des heutigen Deutschlands generell auf den Hund gekommen sein. Vielleicht wäre das sogar zu verkraften, wenn alternativ die juristische Ableitung „gerecht“ in Anwendung zu bringen wäre. Aber auch das ist nicht immer der Fall, und vielleicht war es das auch nie ganz.

Doch ich schweife ab. Zurück zu den Briten und dem Begriff „Fair Play“, den wir in Aktion zu sehen glauben, wenn jeder Abgeordnete des House of Commons seinen Opponenten mindestens als „The most honorable …“ und „My dear friend … “ tituliert. Das hat doch Stil, das ist gentlemanlike! Doch für das Spiel hinter den Kulissen ist „Fair Play“ noch viel wichtiger, gerade deshalb, weil die Britische Realität viel weniger in „verfassten“ Bahnen verläuft, als dies in Deutschland der Fall sein sollte. Das könnte zur Folge haben, dass die anstehenden Unterhauswahlen durch einen groben Verstoß gegen das Gebot des „Fair Play“ beeinflusst, wenn nicht geradezu manipuliert werden.

Nützlicher Mehrheitsverhinderer

Die Umfragen sehen nicht gut aus für den Chef der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, welcher in seiner Partei mittlerweile ein Standing wie AKK in der CDU genießt. Labour liegt in den Umfragen aktuell etwa 10 Prozent hinter den Tories, der persönliche Anteil Corbyns an der Missgunst der Wähler, die seinem nach ganz weit links gerutschten Kurs nicht mehr trauen, darf hoch angesetzt werden. Mit der erfolgreichen Partei eines Tony Blair hat Labour heute noch etwa so viel zu tun wie die Schröder-SPD mit Kevin Kühnert.

In fünf Wochen wird gewählt und der Vorsprung Johnsons gegenüber Corbyn wackelt nicht deshalb, weil Letzterer plötzlich nicht mehr mit Islamisten kuschelt oder versprochen hätte, doch nicht den Staats-Sozialismus auf der Insel einzuführen. Vielmehr könnte sich ein „best buddy“ Corbyns, der Chef der Gewerkschaft CWU (Communication Workers Union) Dave Ward als nützlicher Mehrheitsbeschaffer erweisen. Genauer gesagt, als Mehrheitsverhinderer. Und von „Fair Play“ kann hier wirklich nicht mehr die Rede sein.

Hier kommt übrigens ausgerechnet Maggie „I want my money back“ Thatcher ins Spiel, die in ihrer ersten Amtszeit maßgeblich zur Zerschlagung der übermächtigen, das ganze Land lähmenden britischen Gewerkschaften beitrug. Im Ergebnis ist heute vieles so ungeregelt in Großbritanniens Streikrecht, dass es zum Beispiel so etwas wie eine Friedenspflicht nicht gibt, die in Deutschland unter gewissen Umständen einen Arbeitskampf verhindern oder zumindest verschieben kann. Eine Parlamentswahl ist ein solcher „Umstand”. Anders im Land von Boris Johnson, dessen konservative Regierung ausgerechnet mit der bei den Gewerkschaften verhassten Privatisierung der „Royal Mail“ begonnen hat und natürlich Jeremy Corbyn, den 2015 unter anderem sein Parteigenosse und Gewerkschaftsboss Ward mit den Worten:

„Ich freue mich, mitteilen zu können, dass die CWU Jeremy Corbyn als nächsten Vorsitzenden der Labour Party unterstützen wird. […] Es gibt ein Virus in der Labour-Partei, und Jeremy Corbyn ist das Gegenmittel.“

auf den Schild hob. Man kennt sich. Man schätzt sich. Man tauscht Ergebenheitsadressen und vermutlich auch politische Gefälligkeiten aus.

Mein alter Englischlehrer wäre entsetzt

Nun muss man wissen, dass die konservativen Tories die deutlichste Unterstützung im Segment 65+ haben, eine Wählergruppe, die überdurchschnittlich von ihrem Recht auf Briefwahl Gebrauch macht – schon, weil der eine oder andere nicht mehr gut zu Fuß ist. Und ausgerechnet jetzt will die CWU die „Royal Mail“ bestreiken, also genau jene Firma, welche die Briefwahlunterlagen und das Werbematerial zustellen muss. Zufall? Die Gewerkschaft bestreitet natürlich, dies zu beabsichtigen. Man hätte den Arbeitskampf gestartet, bevor der Wahltermin feststand, und was kümmern eine Gewerkschaft schon stabile politische Verhältnisse oder ein Wahltermin, der von einer konservativen Regierung angesetzt wurde!

Den Vorschlag von „Royal Mail“, mit Arbeitsniederlegungen im Tausch gegen das Angebot bedingungsloser Verhandlungen bis nach der Wahl zu warten, lehnte die Gewerkschaft ab. Die Chance, der Regierung Johnson „nicht nur Weihnachten, sondern auch den Brexit zu versauen“, scheint einigen Gewerkschaftlern einfach zu verlockend, und Labour-Politiker halten sich mit ihrer Empörung über diese indirekte Wahlmanipulation auffallend zurück.

Es bleibt also spannend, ob „Royal Mail“ die Ankündigung, trotz Streik die reibungslose Zustellung der Wahlunterlagen sicherstellen zu wollen, umsetzen kann. Denn sicher ist nur eines: Jede Stimme, die es direkt oder per Post nicht rechtzeitig am 12.12. in die Wahlurne schafft, zählt nicht. Und auch wenn es die deutsche Presse einfach nicht lassen kann, Johnson das „Brechen aller Regeln“ zu unterstellen – Labour und Corbyn bringen es sogar fertig, die Regeln des „Fair Play“ zu ignorieren.

Mein alter Englischlehrer wäre entsetzt! Rest in peace, Mr. Ritter. Gut, dass Sie das nicht mehr erleben müssen!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog Unbesorgt.

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Leserpost

netiquette:

Stefan Riedel / 09.11.2019

Herr Thomas Taterka , das ist aber bitterböse, vielleicht bitter bitterböse. Die Rheinarmee hat uns D vor dem Teufel gerettet! Amyies go home”! Trump? Forget it! Eine Frage: Wie wäre es mit einem Film : ” Die Ehre der Claudia Roth” . Nichts ist unmöglich im Jahre des Herrren 2019 in D !

E Ekat / 08.11.2019

Gibt es irgendeine Gegend , irgend ein Land auf diesem Globus, wo Sozialisten sich fair verhalten, die für eine Demokratie notwendigen Spielregeln akzeptieren?  Unter dem Strich ist dies unter all den gerade ablaufenden Katastrophen die für mich niederschmetterndste Erkenntnis. Wenn in der Bevölkerung ein Gefühl für Selbstachtung um sich greifen sollte, dann dürften die im Bundestag vertretenen Parteien den Zugriff auf ihre Wählerschaft verlieren.

Thomas Taterka / 08.11.2019

Seit den Tagen des “El - Lawrence? hat der britische Konservativismus ein sehr inniges Verhältnis zum Geld der Religion, deren Namen hier nicht genannt werden darf. Lange Zeit war die Gegenseite gebremst durch ihre historisch begründete Verantwortung für alle, denen es nicht so recht gelungen ist, im britischen Kastenwesen einen Platz an der Sonne zu ergattern, obwohl sie immer gebraucht wurden, sogar als sozial übergangene. In der Thatcher - Ära sind die meisten Vertreter des schlechten Gewissens auf dem Müll gelandet oder aus Verbitterung bei den in England immer sehr zahlreich vorhandenen Ultrarechten . Nach Thatcher haben die ” Linken ” ihre eigenen Reihen etwas aufgelichtet und veredelt, wie in Deutschland unter Schröder und jetzt, da das schlechte Gewissen endgültig abgehängt ist, kann man sich ganz frei dem Kampf um die Fleischtöpfe widmen. Die Gunst der Stunde ist so groß wie nie , die Beute der globalen Migration ebenfalls, da kann man die Fairness besingen ,wie man will, sie wurde bereits Jahrzehnte vorher aufgekündigt von eben jenen, die jetzt übers Ohr gehauen werden sollen. Mein Filmhinweis dazu : Cracker , oder in hervorragender Synchronisation - Für alle Fälle Fitz ,- auch ein Rückblick auf die Verstörung des Durchschnittsengländers durch die ” Eiserne Lady “. Der Scheiß, den Links allerorten abzieht, sind die unerledigten Hausaufgaben der Gegenseite. Ganz besonders in England. Und damit das deutlich wird : Schuld tragen BEIDE Seiten an dieser bösen Entwicklung. Die der Linken wiegt schwerer, weil sie die, die sie einflussreich gemacht hat, verrät wie hierzulande die SPD. Der Konservativismus ist das, was er schon immer war : Besitzstandswahrung von puritanischen Nationalheuchlern, die Geschäfte machen mit jedem , der mehr persönlichen Reichtum verspricht. Die einzige Weltanschauung ist das Geld und die Angst darum. Sonst ist da schlichtweg nichts von Substanz.  

Hans-Peter Dollhopf / 08.11.2019

Herr oder Frau Wagner, die genannte Korrelation zwischen Parteipräferenz, Briefwahlverhalten und Altersgruppe ist der Meinungsforschung in Großbritannien sehr gut bekannt, denn da analysiert man Wählerverhalten auch nicht anderes als bei uns. Gerade darum ist ja jetzt ganz klar, dass Corbyn im Falle des Streiks einen Vorteil geschenkt bekommt und die britischen Zeitungen thematisieren das ja auch schon seit Tagen. Aber mal eine andere Frage. Ich kann mich gar nicht erinnern, von Ihnen auf Achse schon irgendwann einmal einen Leserbrief gesehen zu haben, Herr oder Frau R. Wagner? Weil Sie betonen, dass Sie Achgut doch so gerne lesen? Ich meine, seit bekannt ist, dass man bei Amazon Bewertungen kaufen kann, guckt man halt heutzutage immer etwas genauer hin. Denn plausibel ist das nicht, was Sie hier von sich geben.

R. Wagner / 08.11.2019

Hallo Herr Letsch, gerne lese ich Ihre Artikel - nur scheint mir Ihre Fairniss diesmal etwas in Schräglage zu sein. Zunächst: Auch die Briefwähler der anderen Parteien wären betroffen. “Man kennt sich. Man schätzt sich. Man tauscht Ergebenheitsadressen und vermutlich auch politische Gefälligkeiten aus.” Gut, dass das bei den Tories nun wirklich (Wegen Fair Play) nicht vorkommt??? Wenn „Royal Mail“ der CWU bedingungslose Verhandlungen nach der Wahl anbietet, hat Royal Mail ja schon eine erste Bedingung verlangt und den Sonderpokal für strategische Blödheit verdient. Wenn Streiks nicht weh tun sollten, sind sie sinnlos - warum sollte also die CWU das nicht nutzen.

Detlef Dechant / 08.11.2019

Das ganze Hick-Hack in England kommt doch nur daher, dass die Politiker nicht Willens sind, den Willen ihres Volkes umzusetzen. Und dabei ist ihnen jedes Mittel recht, bzw. jede Hilfe willkommen! Same procedure as in any other country (in Western Europe)!

Stefan Riedel / 08.11.2019

Das ist erst der Anfang. Die selbsternannten Machteliten und ihre nützlichen Idioten (Gewerkschaften und Labour) werden ihre Konsequenzen aus dem Brexit-Referendum ziehen. Wahlen oder Volksabstimmungen werden sie nicht mehr dem (dummen, primitiven) Wähler überlassen. Es wird keinen Brexit geben.

Hans-Peter Dollhopf / 08.11.2019

Herr Letsch, kein Zufall! Die Corbinistas sind die übelsten Sozialisten (und Antisemiten, gegen die Herr Gedeon als Chorknabe erscheint) in der ganzen EU! Und Sozialismus bedeutet Planwirtschaft. Und Planwirtschaft ist kein Zufall. Also läuft hier eine Intrige nach Plan. In partnerschaftlicher Abstimmung mit dem Antibrexit-Planungsstab in Brüssel! Übrigens lässt sich ein waschechter Brite auch im Alter von 81 von dem Dreckspack nicht kleinkriegen, wie der Daily Telegraph am 23 May 2019 im Beitrag “Army veteran ‘attacked’ with milkshake outside polling station for wearing a Brexit rosette” berichtet. Ebenso wenig wie damals von Hitler.

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