Hubert Geißler, Gastautor / 07.11.2020 / 16:00 / Foto: BK59 / 14 / Seite ausdrucken

Der Glaube geht, die Staatsmacht kommt

Kaum war mein letzter Artikel („Das Moralgeplapper der Kirchen“) auf Achgut.com eingestellt, schockierte der römische Pontifex offensichtlich gerade seine südamerikanischen Gläubigen mit der Zumutung, auch homosexuelle Paare sollten in einer Familie leben können, was offensichtlich impliziert, auch Kinder aufziehen zu dürfen. An dem Punkt kann ich die offensichtlich zum Teil erfolgte Empörung nicht nachvollziehen: Was hätte er denn im Rahmen des christlichen Liebesgebotes sagen sollen?

Verwunderlich ist es dann doch eher, dass es für die verbliebenen Schafe ohne Mitgliedschaft im Club und einer ordentlich bezahlten Kirchensteuer hier in Deutschland weder Arbeit in kirchlichen Institutionen noch Zugang zu Sakramenten und damit wohl auch keine ewige Seligkeit geben soll. Auf der einen Seite wird sozusagen der Markenkern biblischer Leere aufgegeben, auf der anderen Seite werden Absurditäten, wie das Zölibat mit Klauen und Zähnen verteidigt. Dass das auch von außerhalb der Kirche kritisiert werden kann, ist für mich klar:

Jeder deutsche Steuerzahler finanziert den Klerus nach Konkordat mit, auch wenn er nicht Kirchenmitglied ist und Kirche agiert als politische Kraft. Und Probleme wie Missbrauch sind offensichtlich nicht eine innerkirchliche Frage, die nach kanonischem Recht zu behandeln oder auszusitzen ist, sondern ganz platt eine Angelegenheit des Strafrechts. (Zur Geschichte und Begründung des Zölibats ist das Buch von Henry Charles Lea „History of Sacerdotal Celibacy“ sehr interessant. Eine deutsche Ausgabe ist mir leider nicht bekannt.)

Unfähigkeit, die eigenen moralischen Standards einzuhalten

Interessanterweise scheint zwischen der Kirche als Agentur des Glaubens und dem Staat eine Art von Osmose stattzufinden: Während im Religiösen immer mehr das „Anything-goes“ Platz greift, geschieht staatliches Handeln immer mehr mit einer Begrifflichkeit, die an die gute alte Inquisition erinnert: Leugnung, Widerruf, Bekenntnis zu … Maske als Zeichen des Glaubens: Mediale Credos zuhauf: Insgesamt eine mittelalterliche Terminologie, die dann vielleicht in der Impfung oder geradezu fortgesetzten Impfung als neue Kommunion gipfeln könnte. Außerhalb derselben dürfte dann kein Heil mehr sein.

Eine für mich erstaunliche Zahl von Leserbriefschreibern zu meinem Artikel und auch zu dem von Ramin Peymani („The Great Reset – der totalitäre Neustart“) zu der neuen päpstlichen Enzyklika „Fratelli tutti“ scheinen mit den Großkirchen definitiv abgeschlossen zu haben. Gelegentlich wurde sogar Unverständnis darüber laut, dass man sich mit dem Thema überhaupt noch beschäftigt. Diese Haltung ist nur allzu sehr verständlich und einer dauernden Enttäuschung zuzuschreiben, die aus Vernachlässigung des Spirituellen und einer grotesken Unfähigkeit, die eigenen moralischen Standards einzuhalten, resultiert.

Trotzdem: Wir erleben hier auch etwas wie ein Auswaschen des europäischen geistigen Fundaments, einen Prozess, bei dem die Gewissheit der eigenen Werte immer mehr verloren geht, die dann halt Tag für Tag ausgehandelt werden müssen, zur Not auch mit dem Messer in der Faust.

Höchstentwicklung politischer Organisation

Doch nun ein bisschen ins aktuelle „Eingemachte“, und das erst einmal mit einem Rückgriff ins 19. Jahrhundert. „Europa ist eine untergehende Welt. Die Demokratie ist die Verfallsform des Staates.“ Und: „Unsere Zeit zehrt und lebt von der Moralität früherer Zeiten.“ Diese und die folgenden Zitate sind von Friedrich Nietzsche (aus seinen nachgelassenen Schriften, drittes Buch: „Der europäische Nihilismus“)

Schon diese Zitate aufzuführen, produziert bei mir das eigentümliche Gefühl, eine Art Sakrileg zu begehen. Demokratie, wie sie in den Sonntagsreden unserer Politiker vorkommt und wehrhaft verteidigt werden soll, ist per se sakrosankt: Ihre konkrete Erscheinungsform als Parteiendemokratie mit ihren Defiziten, ihrer Unterhöhlung durch Lobbyismus und Finanzinteressen, ihre defizitären parlamentarischen Diskurse, ihre Beschneidung dadurch, dass man dem Urteil der Bürger doch nicht ganz traut und keineswegs das „Volk“ oder die „Bevölkerung“ abstimmen lassen will, wie in der seligen Schweiz – das alles geht in einem begrifflichen Weihrauch unter, der unser System als Höchstentwicklung politischer Organisation sieht und woanders nur Defekte wahrnimmt: Sei es bei „Machthabern“ wie Putin und dergleichen, oder bei historischen Ausrutschern wie Trump.

Nietzsches Satz ist die Einleitung in eine Beschreibung des europäischen Nihilismus. „Was ich erzähle ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus ... Es ist ein Irrtum, auf ‚soziale Notstände' oder ‚physiologische Entartungen' oder gar auf Korruption hinzuweisen als Ursache des Nihilismus. Es ist die honetteste, mitfühlendste Zeit.“

Festzuhalten ist, dass heutzutage unter Nihilismus nicht mehr der der zaristischen Bombenwerfer des vorvorigen Jahrhunderts verstanden werden kann, auch nicht der der abgrundtiefen Bösewichte aus Dostojewskis „Dämonen“ – diese selbst im übrigen Resultate einer liberalen Verwöhnung –, sondern dass man jetzt eine Art von sanftem Nihilismus vorfindet. Die Fragen nach weltanschaulicher Letztbegründung, nach Gott oder absoluten Werten ist einfach mit der religiösen Praxis und der Kenntnis der Texte verschwunden. Hat sich meine Generation, die der heute 60+, noch in der Jugend um Glaube oder Atheismus gestritten – ich kann mich noch an abendelange Diskussionen in der hauseigenen Bar meines damaligen Internats erinnern –, so existiert für die meisten heutigen Jugendlichen diese Frage überhaupt nicht mehr.

Der Dalai Lama als der letzte glaubwürdige Religionsführer

Nicht nur in den östlichen Bundesländern haben 40 Jahre Sozialismus das Fundament derartiger Fragestellungen erodiert, der Kapitalismus hierzulande scheint nicht weniger effektiv gewesen zu sein. Meine langjährige Erfahrung als Lehrer legt das nahe, auch Gespräche mit den Freunden, die noch Kinder im Alter zwischen 20 und 40 haben, lassen keinen anderen Schluss zu. Das heißt nicht, dass diese Generation völlig ohne Werte lebt. Sicher gibt es zwischen dem allgegenwärtigen Bedürfnis zu „feiern“ auch einen gewissen konservativen Roll-back zu Lebensformen wie Familie oder den Wunsch nach verbindlichen Beziehungen.

Dazu Nietzsche: „Man glaubt mit einem Moralismus ohne religiösen Hintergrund auszukommen: aber damit ist der Weg zum Nihilismus notwendig.“ Man merkt bei ihm übrigens deutlich auch ein gewisses Bedauern über diese Entwicklung. Deren Ursache sieht er so: „In Betreff der Regionen bemerke ich eine Ermüdung, man ist an den bedeutenden Symbolen endlich müde und erschöpft. Alle Möglichkeiten des christlichen Lebens, die ernstesten und lässigsten, die harm- und gedankenlosesten und die reflektiertesten sind durchprobier … Selbst der Spott, der Zynismus, die Feindschaft gegen das Christentum ist abgespielt … Da scheint mir nur eine rücksichtsvolle, ganz und gar ziemliche Enthaltung am Platze: ich ehre durch sie die Religion, ob es schon eine absterbende ist.“

Die Beschreibung scheint auf meine Generation zuzutreffen: was aber soll aus dieser Haltung an Wertvermittlung folgen? Im besten Fall bleibt der kirchliche Raum als Konzertsaal erhalten, der ästhetische Genuss ist seine letzte Rechtfertigung.

Bemerkenswert fand ich die folgenden Notate:

„Skepsis an der Moral ist das Entscheidende: Der Untergang der moralischen Weltauslegung … endet in Nihilismus … Buddhistischer Zug; Sehnsucht ins Nichts.“

Dass schon Nietzsche hier den Buddhismus erwähnt, natürlich aus seiner Perspektive, scheint mir, fällt auf, gilt doch der Dalai Lama für viele als der letzte glaubwürdige Religionsführer.

Die Realität wird bipolar strukturiert

Das wird wieder mit der Einschätzung der Demokratie kurzgeschlossen: „Die europäische Demokratie ist zum kleinsten Teil eine Entfesselung von Kräften. Vor allem ist sie eine Entfesselung von Faulheiten, von Müdigkeiten, von Schwächen.“

Allerdings kann der beschriebene sanfte Nihilismus auch fix ins Gewalttätige umschlagen. Ein Bedürfnis, die Welt in Gut und Böse einzuteilen, scheint unausrottbar, und wo Hollywood nicht mehr ausreichend für die Katharsis durch Furcht und Zittern sorgt, wird die Realität bipolar strukturiert. Das absolut Böse, sei es nun der selbst definierte Faschismus oder Trump oder „die Glatzen“, darf und muss nun auch mit Gewalt bekämpft werden, wobei der Übergang zu Akten sinnloser Zerstörung oft sehr knapp ist. Hier entsteht eine quasi frühmittelalterliche Scheidung in Schafe und Böcke, die auf jeden Fall Orientierung und Rechtfertigung für das eigene Kreuzfahrertum und, je nach Herkunft, für den heiligen Krieg gibt: Ein sehr weites Feld!

Wenn man akzeptiert, dass der „Untergang der moralischen Weltauslegung“ diesen oben beschriebenen sanften Nihilismus als Amnesie ganzer Glaubenssysteme bewirkt, dann ist natürlich der Komplex Zölibat und der Zusammenhang, den „man“ mit der Missbrauchsproblematik herstellt, von entscheidender Bedeutung. Schon in den „Dämonen“ ist eine Missbrauchsgeschichte die gravierendste „Sünde“ Stawrogins. Streng nach dem Bibeltext wird das mit Mühlsteinen um den Hals geahndet.

Wenn es auch nur im Ansatz berechtigt ist, da einen Zusammenhang zum eigentlich nur individuell freiwillig wählbaren, aber nicht dekretierbaren zölibatären Leben zu sehen, dann muss hier ein Umdenken einsetzen, finde ich. Bei seiner Durchsetzung – nur in der Westkirche – diente er dazu, die Vererbung kirchlicher Fürstentümer zu verhindern. Dass die trotzdem oft in denselben Adelsfamilien verblieben sind, ist eine andere Geschichte. Definitiv ging es um die Verfügung von Macht und Besitz. Wozu der Zölibat heute gut sein soll, weiß ich nicht. Was hätte wohl die Frau von Petrus dazu gesagt? Auf jeden Fall habe ich gelesen, dass sich eine Nonne beschwert hat, dass bei „Fratelli tutti“ nicht von „sorelle“ die Rede war.

Disclaimer: Es ist mir wichtig, am Schluss zu sagen, dass dieser Text keinerlei Anspruch hat, vollständig oder wissenschaftlich zu sein. Auch Nietzsche hat für mich hier nur die Funktion einer Denkanregung, einer Art von „Fassung“ meiner persönlichen Sicht auf die angesprochenen Sachverhalte. Ich freue mich immer auf Leserkommentare, die meine Ansichten konterkarieren oder korrigieren. Ich bin kein Kirchenmitglied mehr, gleichgültig ist mir die Kirche aber keineswegs.

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Leserpost

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Wolfgang Kaufmann / 07.11.2020

Die Kirchen wurden leider gekapert von Studentinnen und Studenten, bei denen der Intellekt für MINT oder ein anderes ehrbares Handwerk nicht reicht. – Eine Kirche, die sich als Leistungskurs Politik versteht, deren innerste Erfüllung darin besteht, linientreue Stempelchen, Bienchen und Fleißkärtchen zu sammeln, und wer am meisten hat, wird Oberhirt und darf sein Kreuz ablegen: ein solcher Verein hat mit der Kirche Jesu Christi nichts mehr zu tun, sondern wird zur Kirche Krethi und Plethi. – Die Idee könnte von Orwell sein: die Sklavenmaske als Zeichen der Gottesebenbildlichkeit, die Quarantäne von Gesunden als Akt der Liebe und die Zerstörung der Wirtschaft als Bekenntnis zum hygienischen Endsieg gegen den Tod. Es wird Zeit für ein neues Barmen.

Wolf Hagen / 07.11.2020

Das Problem ist doch, dass die angebliche Demokratie längst keine mehr ist. Die Meinungskorridore und die daraus resultierenden Einheitsparteien sind mittlerweile so eng geworden, dass es kein Wunder ist, dass so mancher an der Demokratie (ver-)zweifelt. Ähnlich, wie in anderen Staaten, die wir als undemokratisch bezeichnen, wird auch hier jeder mit sozialer Ächtung bedroht, der nicht dem Mainstream folgt. Schon Winston Churchill wusste: «Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler.» Heute würden dem Mann ein Blick und ein 30 sekündiges Gespräch reichen, um festzustellen, dass er einen Idioten vor sich hat, denn die Bildung nimmt immer mehr ab, folglich auch die Urteilkraft, während gleichzeitig die Akzeptanz des Schwachsinnigen wächst. Auch Isaac Asimov fiel das schon auf, als er sagte: «Der Anti-Intellektualismus zieht sich wie ein roter Faden durch unser politisches und kulturelles Leben, genährt von der falschen Vorstellung von Demokratie, wonach ‹meine Ignoranz ebenso gut ist wie dein Wissen›.» Nun wird das Wissen, die Aufklärung und die Erkenntnis durch “Fühlen”, oder “Wokeness” ersetzt, was zu einer Gesellschaft führt, die nicht nur dumm, sondern auch dauerbeleidigt und empört ist. Oder wie Margaret Thatcher einst formulierte: «Eines der großen Probleme unserer Zeit ist, dass wir von Menschen regiert werden, denen Gefühle wichtiger sind als Gedanken und Ideen.»  Tja, und nun ist guter Rat mal wieder teuer. Er wird mit Blut und Eisen erkauft werden müssen. Dazu Bismarck: «Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, (...) sondern durch Eisen und Blut.»

Christian Schwarz / 07.11.2020

Lieber Herr Geißler! Der amtskirchlich verordnete Zölibat ist zu gar nichts gut. Weder Jesus noch seine bevollmächtigten Apostel haben diesen eingesetzt; er wurde erst viel später eingeführt. Sie verweisen selbst auf die Ehe des Petrus. Sie könnten aber auch die Ausführungen des Paulus heranziehen, der ausdrücklich empfiehlt, heiraten sei besser als an den eigenen (unerfüllten) Trieben zu verbrennen. Aber ein bisschen wundere ich mich schon, dass Sie diesem Thema nachhängen. Ich finde, dass die Reformation hierzu klar und deutlich gesprochen hat. Ist schon eine Weile her, aber immer noch ganz aktuell.

Wilfried Cremer / 07.11.2020

Die Kirche ist die Fortsetzung der Urgemeinde. Heute ist sie eine faule oder edelfaule Frucht, und geistig Blinde haben’s leicht, den guten Keim zu übersehen oder zu vergessen.

Andreas Müller / 07.11.2020

Jesus hat offenbar Menschen ihre staubigen Füße gewaschen, d.h. er hat erkannt, was seinen Gästen aktuell das größte Bedürfnis war. Kirchenvertreter waschen heutzutage um 10 Uhr im Gottesdienst Menschen die Füße, die um 8,30 Uhr unter der Dusche standen. Oder, wie es Osho mal sinngemäß sagte, Jesus stand ganz im Licht, bei denen, die ihm nachfolgten, hat es sich immer mehr verdunkelt. Es gibt doch viele Menschen, die aus Überzeugung aus der Kirche ausgetreten sind, aber nie den Bezug zu Jesus bzw. ihrem Gott verloren haben und sie empfinden es nicht selten als wunderbare Befreiung, sich mit kirchlichen Themen, Ritualen und anderen Peinlichkeiten nicht mehr auseinandersetzen zu müssen, also auch mit der Frage, ob ein Mann, eine Frau oder die Chef-Transe aus dem Why Not den Gottesdienst leitet. Diese Leute haben oft einen klaren Kompaß und keine geistige Leere, wie man sie bei stellvertretenden Parteivorsitzenden finden kann, die anderen erzählen, sie müßten das Zusammenleben täglich neu aushandeln, was insbesondere bei sozial Schwachen, Alten und Kranken ein Problem darstellen dürfte.

sybille eden / 07.11.2020

“.... die europäischen Demokratie ist zum kleinsten Teil eine Entfesselung von Kräften .....usw.” Das ist richtig so, aber über die Ursache irrt der alte Friedrich. Es ist mitnichten der Nihilismus. Es liegt darin begründet, dass es sozialdemokratische Demokratien geworden sind ! Wären es wirkliche Demokratien liberaler Art ,würde es anders sein.Die Zeit Ludwig Erhards in der alten BRD das bewiesen.Wenn auch nur in wirtschaftlicher Art. Seit dem ersten Weltkrieg sehnen sich die Völker Europas nach dem Sozialen Versorgungsstaat.Der aber nährt und gebiert die Faulenzer. Es ist nicht irgendein Nihilismus, es ist der Sozialismus der den Untergang herbeiführt !

Michael Fasse / 07.11.2020

Mann, Mann… Intellektuelle haben es manchmal richtig schwer. Mir kam beim Lesen dieses Textes das Wort des Herrn Jesus in den Sinn: „Zu jener Zeit begann Jesus und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dies den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen geoffenbart hast! Ja, Vater, denn so ist es wohlgefällig gewesen vor dir.“

Dr. Gerd Brosowski / 07.11.2020

Wie im Werk “Der Schatz im Himmel” des amerikanischen Historikers Peter Brown (deutsche Übersetzung bei Klett-Cotta, 2017) ab S. 748 nachzulesen ist, setzte sich der Zölibat in der lateinischen Kirche erst im fünften, sechsten Jahrhundert durch.  Meist war das kein Zölibat von Jugend auf; vielmehr hat man von Männern, die zu Geistlichen wurden, erwartet, dass sie von da an keine sexuellen Beziehungen mehr zu ihren Frauen hatten - sie blieben oft weiterhin mit diesen verheiratet.  Abgesehen davon, dass die Regel sicherlich schwer durchzuhalten war, fehlte es nicht an eher erheiternden Episoden, die Gregor von Tours erzählt hat. So soll es einem Bischof von Nantes besonders leicht gefallen sein, den Zölibat einzuhalten - er hatte nach Erzählungen seiner erzürnten Gattin eine Geliebte. Eine andere Bischofsfrau schlich des Nachts aus dem Palast, um das Familiensilber zurückzukaufen, das ihr Mann tagsüber an die Armen verschenkt hatte. Treiber bei der Einführung des Zölibats, so Peter Brown, waren nicht etwa die Kirchenoberen gewesen, sondern die Laien. Meiner Beobachtung nach sind es auch heute die Laien, und zwar ältere weibliche Laien, die vehement den Zölibat verteidigen. Wie auch immer, die Einrichtung ist historisch entstanden und kann deshalb auch wieder vergehen. Es bleibt rätselhaft, weshalb man sie für Weltpriester auf Biegen und Brechen weiterhin bestehen lässt.

Bernhard Maxara / 07.11.2020

Über allem Monotheistischen schwebt die Frage nach dem Bild eines persönlichen Gottes, und einzig noch der Islam kann ein solches bei seinen Proselyten voraussetzen; insofern ist das Christentum längst säkularisiert und als “Glaubens”-Richtung nicht mehr ernst zu nehmen, denn bereits die von den Ergebnissen des zweiten Vaticanums erfüllten fortschrittlicheren jungen Priester der Sechziger Jahre sprachen verächtlich vom “anthropomorphen Gottesverständnis” unserer Eltern. Und bereits als Halbwüchsigem war mir damals klar, daß ohne diesen Köhlerglauben der breiten Gläubigenmassen die Kirchen allenfalls noch als eine Art hochsubventionierte Caritasorganisation zu halten sein dürften. Das ist nun eingetreten, und ist unvermeidlich, so unvermeidlich wie nach Nietzsche auch “Demokratie” in Ochlokratie (Schlechtestenherrschaft) einmünden mußte, wobei er ebenfalls Recht behielt.

N.Lehmann / 07.11.2020

Der Glaube ist kostenlos und steuerfrei! Die Kirche ist eine umsatzorientierte Firma! Der gütige Papi hat 20 000 000, -€ auf dem Privatkonto und das bestimmt ehrlich verdient?! Kindesmissbrauch wird vertuscht und das Zölibat ist für Gutgläubige. Die Mafia geht dort ein und aus. Die Politik lässt gewähren und hat von der Kirche übernommen, wie man verblödete Schafe einsperren und verführen kann. Über was reden wir eigentlich?

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