Auf dem Christopher Street Day in Berlin wurden CDU-Politiker angegangen, die TSG Hoffenheim will kein Mitglied mit AfD-Parteibuch, eine US-Schauspielerin erlebt einen Shitstorm wegen ihrer Gene, und es traf jüdische Demonstranten und israelische Musiker.
„In einer Zeit, in der […] die Angriffe auf die queere Community zunehmen, bleibt der Protest auch in diesem Jahr unverzichtbar“, schreibt der Berliner CSD, also der Verein, der die jährliche Parade zum Christopher Street Day in der Hauptstadt organisiert. Allerdings kam es am Samstag, als die Demo durch Berlin zog, zu einem Angriff in den eigenen Reihen. Und zwar stießen Angehörige der LSU (Lesben und Schwulen in der Union), die mit einem Wagen teilnahmen, auf unmissverständliche Ablehnung. Zweien, die sich auf der Straße neben dem LSU-Wagen befanden, wurde Gewalt angetan: CSD-Teilnehmer verpassten einem männlichen LSU-Mitglied einen Faustschlag, während Lisa Knack sogar ins Gesicht gespuckt wurde. Knack gehört dem Berliner Abgeordnetenhaus an und fungiert dort als „queerpolitische Sprecherin“ der CDU-Fraktion.
Der Bewurf ihres Wagens mit Flaschen und Dosen sei bereits aus den letzten Jahren Routine, so der LSU-Landesvorsitzende René Powilleit – die unmittelbare Attacke drücke aber eine neue Qualität aus. Der Veranstalterverein distanziert sich von der Gewalt, kritisiert jedoch auch die CDU als nicht pro-queer genug; größere Probleme sieht er freilich durch „rechte Kräfte“ in Amerika und die AfD. Der Vorfall irritiert den grün-roten Regierungschef Berlins, Kai Wegner (CDU): „Der CSD ist doch gerade eine politische Demonstration für Vielfalt, gegenseitigen Respekt und Toleranz.“ In München wird kein Wagen der Schwesterpartei CSU mehr beim dortigen CSD geduldet, die bayerische LSU ging aber jüngst als Fußgruppe mit. In Stuttgart bekam ein CSD-Organisator letztes Jahr einen Ellenbogen von einem Antifanten ab, der gegen die Teilnahme der CDU protestierte. Und in Konstanz wurde 2024 sogar die FDP vom CSD ausgeschlossen.
Zuschauer unerwünscht
Zu einem körperlichen Angriff kam es am selben Tag auch auf einer antiisraelischen Demo in Mannheim. Mehrere Mitglieder der Jüdischen Gemeinde und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) waren als Beobachter anwesend, einen davon, den Ex-Gemeinde-Vorsitzenden Benny Salz, stieß ein „Aktivist“ zu Boden, wobei Salz das Hemd zerrissen wurde und er eine Wunde davontrug. Daraufhin hielt nach Salz‘ Darstellung die Polizei zunächst ihn fest, nicht den Täter. Später sei allerdings ein 66-jähriger Verdächtiger vorläufig festgenommen worden, so die Behörde. DIG-Regionalvorsitzender Chris Rihm (Grüne) und die jetzige Gemeindevorsitzende Deborah Kemper nennen in der Welt weitere problematische Erfahrungen, die sie in diesem Kontext mit den uniformierten Beamten gesammelt haben. Die Kundgebung fand übrigens auf dem Mannheimer Markplatz statt, wo im vergangenen Jahr ein afghanischer Islamist bei einem Anschlag auf den islamkritischen Redner Michael Stürzenberger einen Polizisten ermordet hatte. Da Benny Salz die Terrorattacke selbst mit angesehen habe – offenbar auch dort als Beobachter –, nehme ihn der jetzige Vorfall mit.
Rote Karte für AfDler?
Die TSG Hoffenheim vertritt als Werte „insbesondere den Einsatz für Demokratie, Menschenrechte, Toleranz und gesellschaftliche Vielfalt“. Von „Toleranz“ und „Vielfalt“ war ja eingangs schon beim CSD die Rede – und letzte Woche aus dem Munde von Vicky Leandros. Mit dieser Begründung will der Sportverein, im Fußball Bundesligist sowohl bei den Männern wie bei den Frauen, ein Mitglied ausschließen. Patrick Andreas Bauer, der kürzlich sogar in den Mitgliederrat des Vereins gewählt wurde, soll rausgeschmissen werden, weil er sich für die blaue Partei engagiert. So sitzt er für die AfD im Kreistag und im Gemeinderat der Stadt Sinsheim – zu der Hoffenheim als Stadtteil gehört. Der TSG-Vorstand diagnostiziert eine „schwerwiegende Unvereinbarkeit zwischen öffentlichen Aussagen und politischen Aktivitäten des Mitglieds mit den Werten und Grundprinzipien des Vereins“. Ihm von der TSG vorgelegte Aussagen seinerseits seien weder verfassungsfeindlich noch habe er sie in Zusammenhang mit dem Verein getätigt, entgegnet Bauer.
Bis zur Klärung ruhen seine Mitgliedsrechte, um zu „verhindern, dass der Vereinsfrieden gefährdet oder das Ansehen des Vereins beschädigt wird“, wie die von Mäzen Dietmar Hopp geprägte Organisation mitteilt. Die Stuttgarter Zeitung weist darauf hin, dass Bauer im vergangenen Jahr die Wahl Jörg Albrechts zum TSG-Vorsitzenden kritisiert hatte – Albrecht war für die CDU Oberbürgermeister Sinsheims – und jener wiederum vor zwei Monaten ankündigte, die Wahl des blauen Kommunalpolitikers in den Mitgliederrat prüfen zu lassen. Der Betroffene will sich wehren: „Damit das nicht auch anderen passiert, damit das nicht Schule macht, kämpfe ich dagegen – und zwar auch anwaltlich“. Ebenfalls im Rhein-Neckar-Raum, in Heidelberg, ist letztes Jahr – wie berichtet – der Rausschmiss eines AfD-Lokalpolitikers aus einem Verein vor Gericht gescheitert.
Alle Gäste erwünscht?
Apropos Rausschmiss: Drei israelische Musiker wollten sich vergangenen Woche vor ihrem Konzert in Wien noch ein wenig stärken. Nach ihrer Bestellung in einem italienischen Restaurant im 15. Stadtbezirk sei der Kellner extra noch mal zurückgekommen, um sich zu erkundigen, in welcher Sprache der Geiger Hagai Shaham, der Cellist Amit Peled und die Pianistin Julia Gurvitch sich unterhalten. Hebräisch natürlich, wie Peled seiner Schilderung nach freimütig einräumte. Daraufhin soll der Mann die Gruppe aufgefordert haben zu gehen – er wolle sie nicht bedienen. Andere Gäste hätten kurz pikiert reagiert, aber danach anstandslos weiter gegessen und getrunken. Bei dem Lokal habe es sich um die Pizzeria Ramazotti gehandelt. Deren Inhaber – offenbar nicht vom Po, sondern vom Nil – bestreitet den Vorfall. „Alle Kunden sind willkommen“, so der Ägypter. „Sie können von überall kommen, eine andere Sprache sprechen oder einer anderen Religion angehören.“ Die Musiker haben sich jedenfalls danach beim Dvořák-Spielen abreagiert.
Weißgenadler
Als Jude in Wien gelebt hat mal Billy Wilder. Jahrzehnte später, als der Hollywood-Regisseur nach dem Krieg in Deutschland weilte, um seinen Film Eins, zwei, drei zu drehen, holte er einer Anekdote zufolge eine Auskunft zur Landessprache ein. Was denn „genes“ auf Deutsch heiße, wollte der inzwischen im amerikanischen Englisch beheimatete Emigrant wissen. „Jeans“, lautete die Antwort, „Blue Jeans“. Wilder meinte natürlich die Gene. Auf diesem Gleichklang basiert nun eine Werbung der US-Bekleidungsmarke American Eagle. Dort räkelt sich Wilders‘ Branchenkollegin Sydney Sweeney, eine Schauspielerin. „Sydney Sweeney has great jeans“, lautet der Reklameslogan. In einem Werbespot tauchen sogar durchgestrichene „genes“ auf.
Seither bläst ein kräftiger Shitstorm aus woker Richtung: Das sei rassistisch, eugenisch und voll Nazi. Wie komme man denn dazu, eine hellhäutige wie -haarige und noch dazu schlanke Person derart zu feiern? Zu allem Überfluss sind Sweeneys Augen auch noch so blau wie die Hose. Inzwischen reagieren Politiker, Professoren und Prominente auf die Causa, vereinzelt sind Boykott-Drohungen gegen die Marke zu vernehmen. „Die Cancel Culture läuft Amok“, kommentiert Steven Cheung, Kommunikationsdirektor des Weißen (!) Hauses.
Aussortiert
Einige Bücher aus der Feder des Ökonomen, Fondsmanagers und Publizisten Max Otte sind beim FinanzBuch Verlag (FBV) erschienen. Wie Otte mitteilt, habe der FBV Anfang des Jahres mit einer Ausnahme alle aus seinem Sortiment genommen. Für den vielfachen Spiegel-Bestseller-Autor eine „‚Säuberung‘“ im „allgemeinen Klima von Repression und Cancel Culture“. Neben einem Band als Mitherausgeber und einem, zu dem der Ex-Chef der WerteUnion das Vorwort beigesteuert hat, führt der Verlag auf seiner Website nur noch ein Otte-Buch auf, Endlich mit Aktien Geld verdienen. Zwei der über den FBV nicht mehr verfügbaren – und politisch wohl heikleren – Werke, Weltsystemcrash und Auf der Suche nach dem verlorenen Deutschland sind nun stattdessen vom Deutschen Wirtschaftsbuch Verlag neu aufgelegt worden. Außerdem hatte der FBV noch vor Monaten die Neuauflagen zweier im letzten Jahrzehnten beim Ullstein-Verlag erschienener Otte-Schriften (Rettet unser Bargeld! und Stoppt das Euro-Desaster!) angekündigt – davon ist jetzt auf der Website nicht mehr die Rede. Zu den Motiven der Änderung will die Münchner Verlagsgruppe, zu der der FBV gehört, gegenüber Achgut keine Stellung beziehen.
Nachträglich
Zuletzt noch zwei Nachträge, die sich auf Veranstaltungen Martin Sellners in Deutschland beziehen. Eine Veranstaltung des österreichischen Rechtsidentitären in Dresden Anfang dieses Monats wurde – wie berichtet – räumlich verlegt. Das lag Organisator Marcus Fuchs zufolge an Antifa-Drohungen gegen die Betreiber der ursprünglich dafür vorgesehenen Örtlichkeit. Diese, die Dresdner Whisky-Manufaktur, bestreitet das. Schon vor den Drohungen habe das Unternehmen den Vertrag gekündigt, als es nämlich erfahren habe, dass Sellner auftritt. Diese Darstellung mag zutreffen, man würde sich allerdings in jedem Fall so äußern, um sich weitere Probleme mit der Antifa zu ersparen.
Die Pfeffersprayattacke dieses Klientels auf Autoinsassen, die sich von Augsburg aus auf den Weg zu einer Lesung Sellners machen wollten, hatten wir vor zwei Wochen behandelt. Jetzt reiche ich Ihnen Fotos von den Geschädigten nach: Die junge Dame mit halbseitiger Hautrötung und den Hauptbetroffenen, wie ihm die Polizei die Augen ausspült. Bei dem jungen Mann handelt es sich um den YouTuber DrunkPunkJunk, einen (neu)rechts gewordenen Punk und Methadonprogramm-Teilnehmer. Mit Hilfe von Kühlpads und über den Kopf geschütteter Milch sei es ihm eine Stunde nach dem Angriff wieder besser ergangen.
Und so endet der allwöchentliche Überblick des Cancelns, Framens, Empörens, Strafens, Umerziehens, Ausstoßens, Zensierens, Denunzierens, Entlassens, Einschüchterns, Moralisierens, Politisierens, Umwälzens und Kulturkämpfens. Bis nächste Woche!
Ein Archiv der Cancel Culture in Deutschland mit Personenregister finden Sie unter www.cancelculture.de. Um auch weniger prominente Betroffene aufnehmen zu können, sind die Betreiber der Website auf Hinweise angewiesen. Schreiben Sie ihnen gerne unter cancelculture@freiblickinstitut.de.
Christoph Lövenich ist Novo-Redakteur und wohnt in Bonn. Er hat zum Sammelband „Sag, was Du denkst! Meinungsfreiheit in Zeiten der Cancel Culture“ beigetragen.
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Beitragsbild: Creative Commons CC0 Pixabay

Wer am lautesten Toleranz schreit, meint immer nur Intoleranz.
Es gibt in der Demokratie keine privilegierte Meinung, auch keine privilegierte politische Richtung.
Menschen wegen ihrer politischen Gesinnung ausschließen oder gar zu verfolgen, hatten wir im letzten Jahrhundert gleich zweimal in Deutschland.
Darum steht auch im GG, dass dies verboten ist.
Bei der TSG sind also Antidemokraten am Ruder…
So, der Ausgestoßene der Woche (ich mal wieder) holt sich morgen in Limburg seinen E-Scooter ab und spart zukünftig wieder 30 % Bei LIDL und ALDI. REWE kann mich zukünftig mal so richtig kreuzweise, da wo die Sonne nie hinscheint… :-D
Noch ein süßes Plätzchen zum Wochenende: Wie die ARD in ihren Sendungen ganz beiläufig zur Volkserziehung beiträgt. In der Mediathek live anzuschauen, die Sendung „Kaffee oder Tee“ heute war die Frage Nr. 6, bei Zeitstempel 1:47:43: „Was bedeutet der eingedeutschte Begriff Woke?“ Mögliche Antworten: A= Wolkig und verträumt B= Ewiggestrig C= Politisch wach und engagiert. Die richtige Antwort ist : A (wäre man versucht gewesen, zu behaupten) ===> Falsch! Es ist die Antwort C, und wir sehen, das ist etwas Gutes, und wollen am liebsten auch alle WOKE sein! Tja, wer denkt sich so etwas aus? Also bestimmt nicht die Moderatorin Heike Greis, denn die ist Saarländerin und träumt immer nur von Lyonerwurst. Na, egal. Und heute morgen kam irgendwo im TV der Herr Becker (früher BumBum Boris, das „Bobbele“, aber jetzt erwachsen). Und warum? Er zeigte stolz den Babybauch seiner derzeitig Erwählten vor, für dessen Herstellung er nochmal alles gegeben hat, wie wir das von ihm gewöhnt sind. Bösartig wie ich bin, kam mir dann ein fiktives Interview mit Herrn Becker in den Sinn in etwa so: „Herr Becker, wie fühlt man sich so, wenn man in reifen Jahren nochmal Vater wird?“ „Äh, wunderbar, natürlich, wissen Sie, das hat etwas mit Spanien zu tun. Ich habe da so ein spanisches Liebeslied, das ich gehört habe, als ich noch ganz jung war, und das ist quasi zu meinem Lebensmotto geworden. Damals, als ich das gehört habe, habe ich gemerkt, Spanisch ist gar nicht so schwer, das versteht man sogar ganz prima, fast wie Deutsch, ganz einfach, und deshalb liebe ich das so.“ „Ja, und wie heißt dieses Liebeslied denn, her Becker?“ „Besame mucho“. „Danke für dieses erhellende Gespräch, wir schalten um ins Studio.“
Schönes Wochenende!
Wenn ich je erleben sollte, dass ein Restaurant Juden die Bedienung verweigert, werde ich aufstehen, laut sagen, dass ich jetzt gehe und zwar ohne zu bezahlen. Dann werde ich die Gäste auffordern dasselbe zu tun, ansonsten wären sie feige Mitläufer. Und wenn der Inhaber/Leiter/Antisemit sich mit mir anlegen will schütte ich ihm das erstbeste Glas ins Gesicht und sage ihm er solle doch die Polizei rufen. Wird er nicht. Ob es eskaliert? Weiss nicht, aber ich habe mich psychologisch auf so eine Auseinandersetzung vorbereitet. Da werde ich nicht ruhig sitzen und weiter essen. Höchstens vorher noch kotzen.
Oh, ich bin ja soeben auch zum Ausgestoßenen der Woche geworden: REWE Kundenservice teilt mir aufgrund meiner gerechtfertigten Beschwerde (Verstoß gegen mein Persönlichkeitsrecht, ohne Zustimmung in meine Tasche geschaut) mit, dass ich nun Hausverbot habe. Tja, wer in Doitscheland auf den Schmutz hinweist… (siehe Kurt Tucholski)
„Der Regen verabschiedet sich, der Sommer startet neu durch: In Rheinland-Pfalz könnte es bald richtig heiß werden – mit Temperaturen bis zu 36 Grad.“ sagt Dominik Jung. Ich halte absolut jede Wette dagegen, Herr Jung. Vielleicht in Andernach, an der Messstation, die immer 2-3 Grad mehr anzeigt? Bitte Herrn Jung doch endlich mal ausstoßen mit seinen „Hitzepeitschen“, „Artic Outbreak-en“ und „Schneewalzen“… habe bis heute nichts davon gesehen…
Veröffentliche auch hier, damit es möglichst viele lesen: Sah und las gerade auf NIUS, von der deutschen Geisel der Hamas, der VÖLLIG ausgehungert und krank ist. Das interessiert KEINEN deutschen Politiker ! Aber die armen Gazaener. Einfach nur widerlich. Eine Schande. Mehr dazu wäre Volksverhetzung !?