Begleitkonzerte einer Ausstellung Jan Böhmermanns in Berlin fallen aus, in Stuttgart schließt eine Disko, weil sie wohl nicht woke genug war, und eine britische Militärakademie nimmt keine Israelis mehr auf.
Michel Friedman als Aufmacher und Hauptfall dieser Kolumne ließ vergangene Woche den einen oder anderen das Gesicht verziehen. Zu dieser Causa gleich mehr. Aber zuvor möchte ich das noch übertreffen, indem ich Ihnen – indirekt – Jan Böhmermann als Betroffenen präsentiere. Was, den Sudel-Böhme, der auf abartige Weise gegen Andersdenkende zu Felde zieht, hat es selbst erwischt? Nein, den Zahn muss ich gleich ziehen. Im Gegenteil, das ZDF hat den Vertrag mit seiner Produktionsfirma verlängert, wie Bild berichtet, obwohl ihn Senderobere hätten loswerden wollen. Zu extrem selbst für den behördlichen Rundfunk bei dafür nicht hinreichenden Einschaltquoten, will das Blatt erfahren haben. Doch im Zuge der kurzzeitigen Absetzung der Jimmy-Kimmel-Talkshow in den USA, die wir auch behandelt haben, müsse man an dem Pseudo-Satiriker festhalten – sonst schüfe man in der öffentlichen Wahrnehmung einen Märtyrer.
Das Cancelling bezieht sich vielmehr auf das Begleitprogramm einer Ausstellung, die Böhmermann und seine Entourage im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) gestalten durften und die dort vom letzten Samstag bis zum 19. Oktober läuft. Sie heißt „Die Möglichkeit der Unvernunft“, die taz beschreibt sie als „Mischung aus Kunstschau, Ego-Archiv und Fernsehgarten“. Als begleitende Veranstaltungen waren einige Konzerte vorgesehen und sind mehrere Gespräche geplant, darunter eines von Böhmermann mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, dessen Behörde die Präsentation fördert. Jener Weimer empörte sich, dass ausgerechnet am 7. Oktober ein Auftritt des Rappers Şevket Dirican alias Chefket stattfinden sollte. Der trug auf einem Instagram nämlich ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Palestine“ und zwei Landkarten, die sich in diesem Kontext als „From the river to the sea“-Anspruch lesen lassen, also dem einer Vernichtung Israels. Wir erinnern uns: Wegen eines umgekehrten Vorwurfs darf Moderatorin Andrea Kiewel im ZDF-Fernsehgarten nicht mehr ihre Israel-Kette tragen.
Die für den Termin außerdem vorgesehene Rapper Ebru Düzgün äußerte sich zu dem Thema auch „geschmacklos“ (Nius). Böhmermann wollte das Chefket-Konzert zunächst nicht absagen, entschied sich am Montag aber offenbar auf Druck hin doch dazu. Das wiederum entfesselte eine Kettenreaktion: An dem Tag selbst, gestern und heute entfielen bzw. entfallen ebenfalls die angekündigten Musikdarbietungen. Im Ergebnis hat dann nur ein Auftritt – bei der Ausstellungseröffnung – stattgefunden. Grund: Die Musiker haben abgesagt. Eine Sängerin namens Domiziana erklärt ihre Solidarität mit dem Gazastreifen, und „verweigere“ ihr Konzert, da das Chefkets nicht stattfindet. Ähnliches gilt laut Hiphop.de für eine Musikerin namens Mine und das aus Rayan Djima und Samuel Eickmann bestehende Duo Rosengarten. Auch das Duo Drunken Masters und die pakistanischstämmige Rapperin Wa22ermann wollen dort nicht mehr auftreten.
Hier stellen sich nun einige Fragen: Ist die Reaktion der anderen Musiker als Solidarität mit einem Gecancelten zu verstehen oder vielmehr umgekehrt als konzertierter Boykott wegen des Vorgehens Böhmermanns gegen Israelfeindlichkeit? Hatte dieser nur woke und/oder islamische Musiker für die Konzertreihe ausgesucht? Außerdem: Was soll staatliche Kulturförderung finanzieren, und sollte es sie überhaupt geben?
Blau-Licht
Solche Fragen stehen auch in Gelsenkirchen im Raum. Dort findet derzeit das Lichtkunstfestival „Goldstücke“ statt. Eine dafür vorgesehene Installation namens Hallender Hass wird auf Anordnung der Stadt als Veranstalterin allerdings nicht präsentiert. Studentin Melisa Kujević von der Saarbrücker Hochschule für Bildende Künste (HBK) projiziert dort die Parole „Alles für Deutschland“ an die Wand und lässt Zitate von AfD-Politikern über Lautsprecher erklingen. „Das hallende Echo und die Enge des Raumes lassen die Kälte und Aggression der Worte körperlich erfahrbar werden“, heißt es in einer Beschreibung. Für die Gelsenkirchener Stadtverwaltung ist die Installation „wegen ihres parteipolitischen Bezuges nicht vereinbar mit dem staatlichen Neutralitätsgebot". Eigentlich waren auch Werke anderer HDK-Studenten für die Schau eingeplant. „Alle oder keiner“, erklärte die saarländische Projektgruppe offenbar, daraufhin taucht sie jetzt gar nicht mehr bei den „Goldstücken“ auf. HBK-Professor Detlef Hartung sieht die Kunstfreiheit verletzt und kündigt rechtliche Schritte an.
Die mainstreammediale Berichterstattung rekurriert auf den Umstand, dass die AfD bei der Kommunalwahl in der Ruhrgebietsstadt kürzlich ein beachtliches Ergebnis erzielen konnte. Ein pikantes Detail hingegen verschweigt sie: Künstlerin Kujević betätigt sich ebenfalls in der Parteipolitik, sie sitzt im Saarbrücker Stadtrat – als Fraktionsvorsitzende der Partei DIE PARTEI. Ob man mit einer Propaganda-Installation gegen diese politische Organisation Platz in einer saarländischen Ausstellung fände?
Rücktritt in Sachen Friedman
Wie versprochen, nun wieder zum Fall des abgesagten Auftritts Michel Friedmans im mecklenburg-vorpommerschen Klütz. Jürgen Mevius trat aufgrund der Vorkommnisse als Bürgermeister der Kleinstadt zurück. „Was mit der schlichten Absage eines Termins, für den es noch keinen Vertrag und keine gesicherte Finanzierung gab, begann, wurde zu einer Verleumdungskampagne gegen mich und die gesamte Stadtvertretung, ja sogar gegen die ganze Region", so der 71-jährige Mevius (Unabhängige Wählergemeinschaft), der dieses Ehrenamt jahrzehntelang innegehabt hatte. Neben finanziellen Bedenken gegenüber Friedmans Vortrag im kommenden Jahr soll laut NDR „auch ein interner Streit um Friedmans früheren Lebensstil eine Rolle gespielt [haben]“. Dabei beruft sich der Sender auf den Leiter des örtlichen Literaturhauses, Oliver Hintz. Gemeint dürften Vorbehalte wegen des Skandals mit Zwangsprostituierten und Kokain sein, der 2003 ans Licht kam. Bei Kulturfunktionär Hintz kam übrigens 2021 eine Plagiatsaffäre ans Licht (siehe hier und hier); ob er deshalb den Polizeidienst verlassen hat bzw. musste, wollte er Achgut nicht beantworten.
Black and white noise
An einer Aktion zur „Awareness“ gegenüber sexueller Belästigung in Stuttgart hat sich letztes Jahr auch Ninette Sander als Betreiberin des White Noise beteiligt. Bei ihrem Lokal handelt es um eine Techno-Disko (die jungen Leuten sagen „Club“) mit angeschlossener Bar. „Queere Partyreihen“ fanden dort statt, Bingos mit Drag Queens wurden veranstaltet, für vergangenen Samstag kündigte man einen Safe Space für Personen „mit bzw. ohne Behinderungserfahrung“ an. „Bevor die Awareness-Thematik aufkam, wurden bestimmte Situationen sicherlich eher hingenommen, jetzt wird man dafür sensibilisiert“, sagte Sander 2024. „Durch solche Projekte trauen sich Betroffene eher, Dinge zu benennen und nicht einfach herunterzuschlucken“, gab ein Medium ihre Position indirekt wieder. „Dabei solle jeder seine eigenen Grenzen ziehen dürfen ohne infrage gestellt werden.“
Aber aware kann man natürlich auch gegenüber nicht-sexuellen Erlebnissen sein, die die zarten Seelen woker Schneeflöckchen erschaudern lassen. Und das ist Sander in den letzten Monaten auf die Füße gefallen. Zum Weltfrauentag im März legte u.a. eine Dame künstlernamens DJ AfroPop im White Noise auf. Ihr sei dabei Schlimmes widerfahren: Während einer Auseinandersetzung mit dem Türsteher habe dieser Frauen, die zwischen beiden standen, weggeschubst. Sie sei „Opfer eines gewalttätigen Übergriffs durch einen Mann“ geworden, was „ihr Sicherheitsgefühl massiv erschüttert“ habe. Die Chefin war an dem Abend selbst nicht anwesend, aber offenbar wenig erfreut, dass DJ AfroPop deswegen auf Instagram einen Aufriss machte. Der schwarzen Hautfarbe der DJane könnte geschuldet sein, dass in der Folge auch Rassismus-Vorwürfe die Runde machten, die die Plattenauflegerin selbst gar nicht erhoben hatte. Ihrer Darstellung zufolge wurde ihr nicht geglaubt.
Was auch immer im Einzelnen vorgefallen sein mag, für das White Noise zeitigt dieser Vorgang erhebliche Konsequenzen. Nicht nur DJ AfroPop, sondern auch andere haben Veranstaltungen in der Lokalität abgesagt, Gäste bleiben aus. Ninette Sander beklagt „Cybermobbing auf Social Media“. Einer Mitteilung zufolge „[wurde] zum Canceln und Boykott unserer Institution aufgerufen“, man habe „unser Publikum und unsere Kulturschaffenden durch Fehlinformationen verunsichert“. Jetzt macht der Laden – wie er sagt: deshalb – plötzlich und unerwartet dicht. Am 30. November sollen laut Website die Lichter ausgehen, laut Stuttgarter Nachrichten gilt das hingegen ab sofort, unverzüglich. Man kann eben nie woke genug sein, um alle zufriedenzustellen.
Es geht doch
Marlon Deter ist und bleibt stellvertretender Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung (SVV) in Werder an der Havel. Das klingt, als sei in China ein Sack Reis stehengeblieben – aber es hätte auch anders kommen können. Die meisten Fraktionen der kommunalen Volksvertretung wollten den AfD-Politiker, der vor einem halben Jahr in den brandenburgischen Landtag nachgerückt ist, nämlich abwählen. Auf Antrag von SPD, Grünen, Linkspartei und einer Wählervereinigung namens StadtMitGestalter befasste sich die SVV am Dienstag mit diesem Ansinnen. Deter gilt ihnen als rechtsextrem, was sie u.a. an seiner „Bezeichnung aller anderen demokratischen Parteien als ‚Kartellparteien‘, die ‚Verrat am deutschen Volk‘ begangen hätten“ zu erkennen glauben.
Die Kartellparteienhypothese wurde ursprünglich 1992 von den Politologen Richard Katz und Peter Mair beschrieben. Bei Prof. Mair habe ich Anfang des Jahrtausends noch selbst studiert. Was der Ire davon hielte, dass deutsche Verfassungsschutzämter heute diesen Begriff unter Extremismusverdacht stellen, lässt sich leider nicht sagen. Mair verstarb vor geraumer Zeit plötzlich und unerwartet – das gab es schon, bevor eine gewisse Plörre gespritzt wurde. An Deter missfällt seinen Gegnern in Werder noch weiteres Vokabular: „Gutmenschen-Ideologie“, „Vielfaltstoleranz- und Weltoffenheitsgequatsche“ oder die Verwendung von „Volk“, „Heimat“ und „Identität“ in aus ihrer Sicht problematischen Kontexten.
Der Abwahlantrag misslang, da die größte SVV-Fraktion, die aus CDU, FDP und Bürger Bund Töplitz (BBT) besteht, nicht mitspielte. AfD und CDU/FDP/BBT kommen zusammen auf eine Mehrheit. „Herr Deter ist Stadtverordneter der zweitstärksten Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung und wurde demokratisch gewählt“, so Fraktionsvorsitzender Ditmar Wick (CDU). „Uns ist nicht bekannt, dass er gegen die Grundsätze der Verpflichtungsformel als Stadtverordneter verstoßen oder der Stadt einen sonstigen Schaden zugefügt hätte.“ „Na also, verdammt noch mal“, kommentiert der YouTuber Kolja Barghoorn (Aktien im Kopf), „es geht doch“. Manche weigern sich eben doch, über jedes Stöckchen zu springen. Ähnliches ereignete sich – wie berichtet – vor anderthalb Jahren im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, als die Abwahl des einzigen kommunalen Dezernenten, den man der blauen Partei in der Bundeshauptstadt noch zugesteht, scheiterte – möglicherweise an CDU- und FDP-Bezirksverordneten.
Plattform in Wiesbaden
In Berlin durchlebte Arye Sharuz Shalicar eine bewegte Ghetto-Jugend, die sogar verfilmt wurde. Von der Straße im Wedding brachte es der Sohn iranischer Juden zum IDF-Pressesprecher und zum Achgut-Gastautor. Am 12. Oktober soll Shalicar bei der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden vortragen. Gegen die ausgebuchte Veranstaltung erhebt sich Protest. Eine Online-Petition – mit überschaubar vielen Unterzeichnern – fordert die Ausladung des Redners: „Kriegsverbrechen dürfen keine Plattform in Wiesbaden bekommen.“ Die Gemeinde beklagt sich, „mit haltlosen Vorwürfen überzogen“ zu werden, auch würden „Unwahrheiten“ über Shalicar verbreitet. „Gruppierungen maßen sich an, bestimmen zu wollen, wer in Wiesbaden vortragen darf und wer nicht.“ Es soll Gegendemonstrationen geben, die Gemeinde sieht durch eine Kundgebung in unmittelbarer Nähe ihrer Synagoge ihre Sicherheit gefährdet.
Ihrer Aufforderung an „die Mehrheitsgesellschaft, die Politik und die Kirchen“, sich für Meinungsfreiheit einzusetzen, blieb nicht folgenlos. Die zuständigen Gebietsgliederungen der evangelischen und der römisch-katholischen Kirche wenden sich in einer gemeinsamen Erklärung gegen „Einschüchterung“ und bekennen sich zum Existenzrecht Israels. Zu Gegendemos äußern sie sich wie folgt: „Bei vergleichbaren Kundgebungen kam es in der Vergangenheit zu Proklamationen noch zu klärender Vorwürfe als Tatsachen und zu antisemitischen Parolen, die viel zu oft unwidersprochen bleiben.“ Von den hessischen Landtagsfraktionen reagierte immerhin eine mit einer Solidaritätserklärung, nämlich die der AfD: „Die Jüdische Gemeinde Wiesbaden darf noch immer selbst entscheiden, wen sie für einen Vortrag einlädt“, sagt Vorsitzender Robert Lambrou. „Wir stehen an der Seite der Juden in Deutschland und an der Seite Israels.“
Israelis unerwünscht I
Verschiedene IDF-Soldaten haben in der Vergangenheit das Royal College of Defence Studies besucht, eine namhafte britische Militärakademie. Denn an der Londoner Einrichtung können auch Ausländer studieren, nun aber keine Israelis mehr. Nächstes Jahr dürfen die sich nicht einschreiben, und zwar laut britischem Verteidigungsministerium wegen der „Entscheidung der israelischen Regierung, seine Militäroperation in Gaza weiter zu eskalieren“. Dazu äußert sich Generalmajor Amir Baram, Alumnus der Akademie und derzeit Generaldirektor im israelischen Verteidigungsministerium: Israel „verteidigt den internationalen Schiffsverkehr gegen Aggressionen der Huthis, verhindert, dass Atomwaffen in die Hände eines islamistischen Regimes fällt, das ‚England den Tod‘ ruft, und kämpft dafür, 48 Geiseln aus der Hamas-Gefangenschaft nach Hause zu holen“. Undank ist der Welten Lohn.
Israelis unerwünscht II
Wie erst kürzlich ans Licht kam, wurde eine Delegation der Universität Tel Aviv bei einem Besuch ihrer Partner-Einrichtung, der Goethe-Universität Frankfurt/Main, von feindlichen Aktivisten belästigt und belagert. Diese riefen laut Bild Beleidigungen und antisemitische Parolen. Die Ortsgruppe von Students4Palestine brüstete sich mit ihrem Tun. Nach Achgut vorliegenden Informationen ereignete sich dies, während die israelischen Besucher durch die Uni geführt wurden. Sie seien mit Gegenständen beworfen und durchs Gebäude gejagt worden, so dass sie sich in einem Raum einschließen und auf die Polizei warten mussten. Der Uni zufolge sei das Sicherheitspersonal schnell eingeschritten und die Polizei zügig eingetroffen. Bei Students4Palestine heißt es hingegen, die Uniformierten hätten sich absichtlich viel Zeit gelassen, sie rauszuwerfen. Leider wollte die Uni Tel Aviv gegenüber Achgut dazu nicht Stellung nehmen.
Prof. I
Ulrike Guérot ist häufiger Gast in dieser Kolumne, auch das arbeitsgerichtliche Verfahren um ihre Stelle als Professorin war hier schon mehrfach Thema. Wie berichtet, verlor die Politologin ihren Rechtsstreit erstinstanzlich vor dem Arbeitsgericht Bonn. Mit ihren Positionen zu Coronapolitik und Ukrainekrieg hatte sie sich in manchen Kreisen unmöglich gemacht und zeitgleich kamen rein zufällig Plagiatsvorwürfe gegen sie auf, mit der die Universität Bonn die Kündigung der angestellten Hochschullehrerin rechtfertigte. Den Vorwurf, sie habe ihren Arbeitgeber vorvertraglich hintergangen, indem sie während des Bewerbungsprozesses neben vielen anderen Werken ein Buch von 2016 mit Plagiatspassagen vorgelegt hatte, übernahm auch das Landesarbeitsgericht (LAG) Köln. Am Dienstag bestätigte es im Berufungsverfahren die vor zweieinhalb Jahren (!) erfolgte Kündigung. Eine Revision lässt das LAG nicht zu. Ob Guérot dagegen Nichtzulassungsklage erhebt, wird sich zeigen, nachdem ihr die schriftlichen Urteilsgründe zugegangen sind. Dass die zum gesonderten Verkündungstermin noch nicht vorlagen, hält der Anwalt der Wissenschaftlerin, Rainer Thesen, mit Blick auf § 310 Abs. 2 der Zivilprozessordnung für rechtswidrig.
Vor einigen Monaten hatte das Gericht den Parteien einen Vergleichsvorschlag unterbreitet, der laut den Nachdenkseiten eine beachtliche Abfindung für Guérot beinhaltete, von ihr aber abgelehnt wurde, weil sie eine Rehabilitierungserklärung seitens der Uni vermisste. Mit der Entscheidung in der ersten Instanz hat sich das Netzwerk Kritische Richter und Staatsanwälte (KRiStA) auseinandergesetzt und betrachtet die Kündigung ohne vorherige Abmahnung als zu streng und womöglich politisch motiviert. Aus meiner wiederholt artikulierten Sicht handelt es sich bei dem inkriminierten Buch um kein wissenschaftliches Werk; es hätte von keinem Beteiligten im Bewerbungsverfahren als solches betrachtet werden sollen. Wie auch immer: „Alles schien und war in Ordnung“, so Hermann Horstkotte letztes Jahr in der Bonner Regionalzeitung General-Anzeiger, „bis Guérot politisch verhaltensauffällig wurde“.
Prof. II
Bei einem anderen „umstrittenen“ Hochschullehrer gibt es ebenfalls einen Fortgang zu vermelden. Prof. Michael Meyen, der Kommunikationswissenschaft an der LMU München lehrt, wurden – wie berichtet (hier, hier und hier) – für 15 Monate die Beamtenbezüge um 10 Prozent gekürzt – wegen ihm unterstellter Nähe zu Linksextremismus und „verfassungsschutzrelevanten Verschwörungsideologien“. Die damals schon mit Meyen befasste bayerische Landesanwaltschaft, ermittelt nun wieder gegen den Wissenschaftler, der das Buch Cancel Culture. Wie Propaganda und Zensur Demokratie und Gesellschaft zerstören verfasst hat. Man prüfe „umfangreiche öffentliche Aktivitäten in der Zeit einer Krankschreibung“, wie die Behörde der Alpen-Prawda mitteilt. „Alleine die Anzahl der Beiträge, die die SZ über [Michael Meyen] geschrieben hat: eine journalistische Zumutung“, kommentiert Journalist Marcus Klöckner „Meyens Vergehen? ‚Falsche‘ Meinung. Publizistische Treibjagd. Erbärmlich.“ Die Zeitung, die man mit klangvollen Kosenamen wie „Süddeutscher Beobachter“ (Broder) oder „Waffen-SZ“ versieht, möchte eben in ihrer Sitzstadt einen Skalp liefern.
Tell me Mohr
Nach einigen Auseinandersetzungen erfolgte Ende August die Umbenennung der Berliner Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße. Als neuer Namensgeber fungiert damit ein schwarzer, aus dem heutigen Ghana eingewanderter Gelehrter, der im 18. Jahrhundert eine Abschlussarbeit „über das Recht der Mohren in Europa“ schrieb. Ulli Kulke erwähnte bei Achgut aus diesem Anlass bereits die These, dass „Amo aus einer Familie stammt, deren Reichtum womöglich auch aus dem Verkauf beziehungsweise der Vermittlung von Sklaven für den europäischen und amerikanischen Markt stammen könnte“. Der Historiker Prof. Thomas Sandkühler vom Verein für die Geschichte Berlins hatte in einem vergangenen Januar erschienen Beitrag nicht als Erster die Behauptung, Amo sei als Sklave nach Europa gekommen, infrage gestellt. Er sieht bei dieser Behauptung die ideologische Einbindung eines Amo-Forschers zu DDR-Zeiten und zeitgenössischen Aktivismus am Werk.
Aktuell kann Historiker Prof. Michael Zeuske mit neuen Erkenntnissen aufwarten. Auf der Grundlage eines Dokuments aus einem niederländischen Archiv geht er davon aus – wie die Berliner Zeitung ihn zitiert –, dass Amo „‚zur Elite einer politischen Gemeinschaft‘ gehörte, ‚die Sklaven hielt und Kriegsgefangene sowie Sklaven an die verbündeten Niederländer lieferte und verkaufte‘“. Allerdings konnte Amo dafür nichts, er war zum Zeitpunkt der Verschiffung nach Europa noch ein Kind, das von einem sächsischen Sergeanten begleitet wurde. „Gilt auch in diesem Fall das Prinzip der historischen Sippenhaftung, das der Bezeichnung ‚Mohren‘ entgegengehalten wird?“, fragt Sandkühler. Nein, meint Zeuske. Er kritisiert zwar die Berliner Umbenennung („Die Verantwortlichen sollten überlegen, was sie falsch gemacht haben“), hätte aber nichts gegen den Wissenschaftler Amo als neuen Namensgeber des Flughafens Leipzig/Halle – wie von der SPD in Sachsen und Sachsen-Anhalt seit Jahren gefordert. Denn in Halle hatte Amo an der Uni gelehrt, während er sich laut Sandkühler vermutlich nie in Berlin aufgehalte hatte.
Hinter der ganzen Chose steckt natürlich – wie Sylke Kirschnick bei Achgut anmerkt – das Begehr, „aus Amo auf Biegen und Brechen das schwarze Opfer weißer Täter zu machen“. Eine solche postkoloniale Lesart blendet freilich einen Großteil der Sklavereigeschichte aus. Und der schwarze Philosoph Amo hat einige Jahrzehnte in Deutschland ziemlich privilegiert bei Hofe und an Universitäten verbracht. Sein Traktat von der Kunst, nüchtern und sorgfältig zu philosophieren, aus dem Jahre 1738, sollte vielleicht Anlass geben, auch andere Aufgaben nüchterner und sorgfältiger anzugehen, darunter Straßenumbenennungen.
Geheimkonferenz in Berlin
Aus dem vergangenen Monat trage ich etwas nach: Eine wissenschaftliche Konferenz zu Geschlechtsidentitätsstörungen bei Jugendlichen Mitte September in Berlin musste vorsichtshalber an einem geheimen Ort stattfinden. Die englischsprachige Tagung wurde nämlich von der Society for Evidence-Based Gender Medicine (SEGM) organisiert, deren Arbeit woken Aktivisten als „transfeindlich“ gilt, weil sie vor der blinden Ausweitung medikamentöser Therapien warnt, mit denen seit geraumer Zeit bei jungen Menschen ‚Fakten geschaffen‘ werden. Auch sprach dort Achgut-Gastautorin Kathleen Stock, ein bekanntes Gesicht der feministischen Genderkritik. Die Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit und die taz wetterten deshalb gegen die Konferenz. Laut Emma hielt der Präsident der Deutschen Ärztetags dort ein Grußwort und die Europäische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie war ebenfalls vertreten. „Das ist natürlich unbequem für eine sektenartige Szene, die in einer Art magischem Denken darauf beharrt, dass es nicht nur zwei, sondern unzählige biologische Geschlechter gibt“, so die feministische Zeitschrift.
Drohungen statt Buchung
Ein anderer Nachtrag bezieht sich auf die blaue Partei. Kurz nach der NRW-Kommunalwahl hat der neurechte Verleger Götz Kubitschek (Antaios) an mehreren Orten einen Vortrag zu diesem Anlass gehalten – auf Einladung örtlicher AfD-Gliederungen. In Düsseldorf und Bonn begleiteten jeweils Gegenproteste von Antifa, Omas gegen rechts & Co. die Veranstaltungen. Außerdem sollte, hieß es, ein entsprechender Termin im Ennepe-Ruhe-Kreis stattfinden. Laut Gerüchten, so die WAZ, habe die Partei in Witten – der Wiege des Ruhrbergbaus – keine Räumlichkeiten gefunden. Einem Instagram-Post des AfD-Landtagsabordneten Zacharias Schalley zufolge fand der Vortrag in der Nachbarstadt Herdecke statt. „In einem privaten Wohnzimmer“, wie WAZ-Journalistin Susanne Schild vermutet – einem recht geräumigen Wohnzimmer mit vielen Kleiderhaken an der Wand und einem Fluchtwegschild.
Das wäre an sich hier noch nicht erwähnungswert. Zwischenzeitlich kursierte aber das Gerücht, die Veranstaltung solle im Landhaus Grum in einer anderen Wittener Nachbarstadt, Hattingen, abgehalten werden. Das rief Gegner auf den Plan. Das Hotel und Gasthaus erhielt gemäß Medienbericht „Drohbriefe, Anrufe und Beschwerden“. Dabei hätte die AfD nie bei ihnen gebucht, so Juniorchefin Sabrina Luhmann zur WAZ, und man wolle auch kein Event der Blauen bei sich im Hause – aus „Angst um unsere nicht-deutschen Mitarbeiter“. (Über die Parteipräferenzen ausländischen Personals im Ruhrgebiet spekulieren wir hier mal nicht.) Man wollte sogar die Polizei einschalten, damit die was auch immer gegen einen zu befürchtenden Rufschaden für das Gastronomieunternehmen unternehme. Außerdem ergreift die Juniorchefin Vorsichtsmaßnahmen ihres ehrenwerten Hauses: „Wir werden künftig bei jedem ankommenden Hotelgast die Personalien überprüfen.“
Und so endet der allwöchentliche Überblick des Cancelns, Framens, Empörens, Strafens, Umerziehens, Ausstoßens, Zensierens, Denunzierens, Entlassens, Einschüchterns, Moralisierens, Politisierens, Umwälzens und Kulturkämpfens. Bis nächste Woche!
Ein Archiv der Cancel Culture in Deutschland mit Personenregister finden Sie unter www.cancelculture.de. Um auch weniger prominente Betroffene aufnehmen zu können, sind die Betreiber der Website auf Hinweise angewiesen. Schreiben Sie ihnen gerne unter cancelculture@freiblickinstitut.de.
Christoph Lövenich ist Novo-Redakteur und wohnt in Bonn. Er hat zum Sammelband „Sag, was Du denkst! Meinungsfreiheit in Zeiten der Cancel Culture“ beigetragen.
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Wann finden eigentlich die ersten „Queeren Partyreihen“ mit Bingos und Drag Queens im Islamischen Ortsverein statt? Oder dürfen dort auch weiter hin, die zarten Schneeflöckchen bei der Zwangsbeschneidung weiterhin happy und aware über ihre nicht-sexuellen Erlebnisse sein?
Christoph Lövenich: Ok, ok. Ich habe nur bescheiden und vorsichtshalber nochmal nachgefragt. Schließlich sind wir hier nicht bei Correctiv oder der AntiFa. WIR wollen keinen Rufmord begehen! Ob den Klützern bewußt ist, daß sie einen Aufschneider und Schwindler zum Chef ihres rührigen kleinen Literaturhauses ernannt haben? Eine solche Vergangenheit, wie Hintz sie hat, ist doch Arbeitsplatz-relevant! Sollte Hintz seine alten Sünden dem neuen Arbeitgeber vor seiner Einstellung verschweigen haben, steht jetzt die FRISTLOSE Kündigung an! Ich erinnere an Ulrike Guerot, die mit ähnlicher Begründung von ihrer Uni fristlos entlassen worden war.
Burghard Gust: Rap, Hip-Hop, Stammel-Sprech und Kanak-Sprak (‚Ey Alta’) halte ich für einen Anschlag auf 500 Jahre abendländische Kultur. Und das genau war auch die Absicht zumindestens ihrer Erfinder. Versuchen Sie mal einen Rilke zu gendern.
Ausgestoßener der Woche: Mal wieder ich. Heimlich werden hier Pläne fürs Pflegeheim geschmiedet, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen, wodurch ich meine Wohnung relativ kurzfristig verlieren werde. Beweis liegt schwarz auf weiß vor. Also: Soll ich noch Hecken schneiden, oder ihn noch mal aus seinem Urin auf dem Boden auf den Rollstuhl helfen? Never ever. Game over!!! A……….
hi, da scheint mir einer Vorbereitungen zu treffen, die Titanic Staatsfunk zu verlassen.
@Christoph Lövenich – Sie schrieben: „Sehr praktisch im Winter 21/22, denn da standen die an den Eingängen und konnten unerwünschte Studenten abweisen, die kein erforderliches Zertifikat mit sich führten.“ Wahnsinn. Das war mir nicht bekannt. :-(
@Wilfried Düring Selbstverständlich bin ich mir bei Oliver Hintz sicher. Leider wollte sich auch die schleswig-holsteinische Polizei nicht gegenüber Achgut über den Ausgang des Disziplinverfahrens äußern. Das Gute daran: Friedman konnte sich bei seiner Demoteilnahme in Klütz am Montag in dessen Gegenwart gleich sicherer fühlen.