AfD-Chefin Alice Weidel wird nach ihrem Erlebnis beim ARD-Sommerinterview auch noch von einem Vicky-Leandros-Konzert ausgeladen, in Italien fallen Konzerte russischer Künstler aus und bei einem israelischen Schiff der Landgang in Griechenland.
Man hat es nicht leicht an der AfD-Spitze. Alice Weidels ARD-Sommerinterview auf einer Terrasse im Regierungsviertel ging im Lärm der Gegendemo, die deutlich bis dort zu hören war, vergangenen Sonntag beinahe unter (Achgut berichtete). Man darf spekulieren, ob das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS), das die Störaktion organisiert hat, rechtzeitig vorher die genaue Uhrzeit der Aufzeichnung erfahren hat, um planen zu können. Und von wem – vielleicht aus einer Organisation, die mit A anfängt und D aufhört. Zweimal dürfen Sie raten. Denn schließlich hatte man nur ein kurzes Zeitfenster, in dem einen die Polizei gnädiger- wie auffälligerweise gewähren ließ, bevor sie Ermittlungen wegen der nicht angemeldeten Versammlung im befriedeten Bezirk aufnahm. ZPS-Boss Philip Ruch behauptet jedenfalls: „Wir sind […] in enger Absprache natürlich mit der Berliner Polizei auch in Kontakt getreten und konnten dort eigentlich machen, was wir vorhatten.“ (Achgut berichtete).
Focus- und Ex-Spiegel-Mann Jan Fleischhauer hält derlei für „Verschwörungstheorien“. „Viele Westdeutsche […] sind so naiv“, meint der – von dieser Herkunft selbst betroffene –Journalist Boris Reitschuster zu der Causa, „dass sie dann glauben, wenn jemand eins und eins zusammenzählt, dann ist das ein böser Verschwörungstheoretiker“. Reitschuster stellt, genau wie der ehemalige Tagesschau-Redakteur Alexander Teske, die Frage, warum man Störgeräusche nicht besser herausgefiltert oder andere Maßnahmen ergriffen hat. ZPS-Chef Ruch spielt übrigens auf das Datum des betreffenden Tages an, den 20. Juli.
„Vielfalt, Toleranz“ und „Respekt“
Damit nicht genug der Unbill für die AfD-Partei- und Fraktionsvorsitzende. Am Montag hätte sie in Regensburg bei einem Konzert im Rahmen der Schlossfestspiele vielleicht ein wenig abschalten können. Hausherrin des Schlosses ist Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis alias die Fürstin, es sang Vicky Freifrau von Ruffin alias Vicky Leandros. Zu den privaten Gästen, die Prinzessin von Thurn und Taxis zu diesem Anlass geladen hatte, gehörte auch die ostwestfälische Perlenkettenträgerin von der unberührbaren Partei. Als Leandros das kurz zuvor erfuhr, intervenierte sie beim Veranstalterunternehmen der Konzertreihe, woraufhin – behauptete die Bild-Zeitung – die Fürstin Weidel wieder auslud (Achgut berichtete). „Ich stehe für Vielfalt, Toleranz, Menschenwürde, Menschenrechte und Internationalität“ erklärt die gebürtige Griechin Leandros. „So lebe ich auch. Ich habe Respekt vor jedem Menschen und lasse ihn so leben, wie es ihn glücklich macht.“
Das heißt freilich nicht, dass jeder Mensch in ihr Konzertpublikum darf. Denn: „Alice Weidel ist eine demokratisch gewählte Politikerin, dennoch habe ich mit ihr nichts gemeinsam.“ Leandros selbst scheiterte mit einer Parlamentskandidatur für die griechischen Sozialdemokraten im Jahr 2008. Zuvor hatte sie für die Partei als Vizebürgermeisterin der Hafenstadt Piräus amtiert. In Deutschland wiederum war es die CDU, für die die Sängerin vor Jahrzehnten als Kultursenatorin in Hamburg und später Berlin gehandelt wurde. Im Vorfeld ihres Abschiedskonzerts in Athen im vergangenen September kam es übrigens zu einer rechtlichen Auseinandersetzung mit ihrem 101-jährigen Vater, der seinen Beitrag als (Mit-)Komponist der Hits seiner Tochter nur ungenügend gewürdigt sah.
Die Gastgeberin wiederum macht sich meist eher in linken Kreisen unbeliebt, die örtliche DGB-Jugend fordert sogar – wie berichtet – ihre Enteignung. Letztes Jahr hatte die Blaublütige den Blauen Maximilian Krah eingeladen und damit für Empörung gesorgt. Nun erfuhr sie zunächst Kritik von der anderen Seite, weil sie vor Leandros eingeknickt sei. Prinzessin von Thurn und Taxis stellt den Vorgang aber gegenüber Nius anders dar als das Springer-Boulevardblatt. Sie distanziert sich keineswegs von der Einladung Weidels, mit der sie befreundet sei, und bezeichnet die AfD-Chefin an anderer Stelle als „sehr attraktive, eloquente Frau“. Diese befand sich als Gast im Schloss, in dessen Innenhof die Festspiel-Auftritte stattfinden. Die Fürstin habe am Montag selbst erfahren, dass sich das Festspielcatering weigern würde, ihre private Gästeschar zu bewirten, wenn Weidel mit am Tisch säße. Anschließend habe sie von Leandros‘ Haltung aus der Bild gehört – ein Anruf bei der Sängerin soll nichts Positives erbracht haben. Im Urteil der Adligen hat die Künstlerin sich „daneben benommen“.
Daraufhin, so die Schilderung der einstigen „Punk-Prinzessin“, verzichtete sie darauf, das Leandros-Konzert „aus Höflichkeit“ zu besuchen, sondern man saß im Schloss in gemütlicher Runde zusammen – mit Weidel, die den Gang der Dinge ihrer Hausherrin nicht anlastete. „Ich habe wegen des Theaters darum selbst entschieden, nicht zum Konzert zu gehen. Ich bin sowieso kein Fan dieser Musik“, erklärt die bekennende House- und Techno-Freundin. „Der gesamte Vorgang war ein bodenloser Affront aller Beteiligten gegenüber der Familie Thurn und Taxis.“ Gerüchten zufolge hätte Weidel noch mindestens bis Mittwoch bleiben wollen, um dem Gianna-Nannini-Konzert der Schlossfestspiele beizuwohnen, reiste aber bereits vorher aus Regensburg ab. Am Montag versammelte sich die Anti-Rechts-Bewegung dennoch zu einer Demo gegen Weidels Anwesenheit.
Hilfe, die Russen kommen
Die Veranstaltungsreihe endet am Sonntag mit einem Konzert Anna Netrebkos. Die russische Opersängerin ist bekanntlich in Ungnade gefallen – in Russland, weil sie den Angriff auf die Ukraine verurteilt hat, im Westen, weil sie das in den Augen mancher zu spät vollzogen hat, nachdem sie deren Erachtens dem Kreml zu nahegestanden hatte. In Russland tritt sie seit Jahren nicht mehr auf, im Westen mehren sich die Termine wieder – oft begleitet von Gegendemos, wie diese Woche in Berlin.
Härter getroffen hat es Waleri Gergijew. Der Dirigent, für den Kollegen Georg Etscheit „ein Künstler vom Kaliber eines Herbert von Karajan“, wurde 2022 kurz nach Beginn des Ukrainekriegs als Chef der Münchner Philharmoniker „wie ein räudiger Hund vom Hof [gejagt]“ und auch anderweitig gecancelt, weil er sich vom Krieg nicht distanziert hatte. In Russland übernahm er neben einer Theaterleitung in Sankt Petersberg, die er schon seit vor der Ära Putin innehat, auch die Intendanz des namhaften Bolschoi-Theaters in Moskau. Brüchig wäre die westliche Brandmauer gegen Gergijew durch einen Auftritt beim süditalienischen Musikfestival Un'Estate da Re geworden – am Sonntag wie bei Netrebko und ebenfalls auf einem Schlossgelände.
Doch die Proteste wurden zu laut – vom italienischen Kulturminister und anderen Politikern, von Ukrainern sowie der Witwe des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, der sich zu Lebzeiten kritisch mit dem Dirigenten auseinandergesetzt hatte. Eine Online-Petition hat nach Medienberichten über 10.000 Unterschriften gegen das Konzert des Petersburger Orchesters in der Nähe Neapels erbracht. Vincenzo De Luca, der Präsident der Region Kampanien, die das Festival organisiert, hatte sich zwar gegen eine Absage gewehrt – „Kultur […] darf nicht von Politik und politischer Logik beeinflusst werden“ – aber nun fällt die Veranstaltung doch aus.
Nicht in Süd-, sondern in Norditalien erwischt es den Pianisten Alexander Romanowsky. Der ist Ukrainer, aber auch ethnischer Russe. 2022 musizierte er vor dem im russischen Angriffskrieg zerbombten Theater in Mariupol, woraufhin er seine Professur am Royal College of Music in London verlor. In Bologna protestierten verschiedene Politiker gegen seinen für den 5. August dort geplanten Auftritt. Er wurde nun abgesagt, wie die Stadtverwaltung nach Rücksprache mit den privaten Veranstaltern mitteilt. Romanowsky wiederum erklärt, das Konzert nun zu Hause spielen und live im Internet übertragen zu wollen, da Musik verbinde.
Kein sicherer Hafen
Im Hafen von Piräus, der eben schon bei Leandros Erwähnung fand, verhinderten letzte Woche Protestierer und eine Gewerkschaftsaktion das Löschen einer Ladung, die für den Militärgebrauch in Israel vorgesehen ist. Weiter südöstlich in der Ägäis, im Hafen der griechischen Insel Syros, landete am Dienstag ein israelisches Kreuzfahrtschiff an, die über 1.600 Passagiere durften aber nicht von Bord. Grund: 150 antiisraelische Protestierer skandierten Parolen und zeigten Banner. Offenbar hielt es die Reederei Mano Maritime nach Rücksprache mit den örtlichen Behörden für sicherer, den Gästen einen Landgang zu verweigern. Nach Stunden der Unklarheit nahm das Schiff, die Crown Iris, Kurs auf Zypern auf. Die griechische Regierung sagte nach dem Vorfall zu, Maßnahmen zu ergreifen, um israelische Touristen vor Demonstranten zu schützen. Hauptsache, man erhält überhaupt eine Landeerlaubnis…
Zerkocht
Zuletzt noch ein Fortgang. Ende vergangenen Jahres hatte ich Ihnen vom britischen Fernsehkoch Gregg Wallace berichtet, dessen Shows wegen Vorwürfen des Fehlverhaltens vor allem Mitarbeitern gegenüber vorläufig abgesetzt wurden. Diese Vorwürfe sind inzwischen von einer Anwaltskanzlei im Auftrag der privaten Produktionsfirma untersucht worden. 45 von 83 Beschuldigungen – bezogen auf die Sendung MasterChef im Zeitraum von 2005 bis 2024 – werden nach Prüfung aufrechterhalten, die meisten betreffen laut BBC „unangemessene sexuelle Sprache und Humor, aber auch kulturell unsensible oder rassistische Kommentare“. Lediglich ein einzelner Vorfall bezieht sich auf unerwünschten Körperkontakt. Dass die BBC nun nicht mehr mit Wallace zusammenarbeiten will, begrüßt sogar die britische Regierung, bis rauf zum Sprecher des Premierministers.
Ein übertriebenes „Spektakel“, findet Brendan O’Neill bei Spiked, und typisch für #MeToo, das aus Frauen wehrlose Opfer mache und aus Männern Teufel. Den Vertrag von Wallaces Ko-Moderator bei MasterChef, John Torode, verlängert die BBC übrigens ebenso wenig, da er der gleichen Untersuchung zufolge vor einigen Jahren in einem informellen Gespräch einen rassistischen Begriff geäußert – und sich direkt dafür entschuldigt – haben soll, woran er sich aber heute nicht erinnere. Torode will rechtlich gegen die BBC vorgehen. Eine 2024 gedrehte Staffel mit den Moderatoren will der Staatssender aber noch ausstrahlen, wobei vielleicht etwas Material mit den beiden rausgeschnitten wird.
Und so endet der allwöchentliche Überblick des Cancelns, Framens, Empörens, Strafens, Umerziehens, Ausstoßens, Zensierens, Denunzierens, Entlassens, Einschüchterns, Moralisierens, Politisierens, Umwälzens und Kulturkämpfens. Bis nächste Woche!
Ein Archiv der Cancel Culture in Deutschland mit Personenregister finden Sie unter www.cancelculture.de. Um auch weniger prominente Betroffene aufnehmen zu können, sind die Betreiber der Website auf Hinweise angewiesen. Schreiben Sie ihnen gerne unter cancelculture@freiblickinstitut.de.
Christoph Lövenich ist Novo-Redakteur und wohnt in Bonn. Er hat zum Sammelband „Sag, was Du denkst! Meinungsfreiheit in Zeiten der Cancel Culture“ beigetragen.
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Jemand, der sich immer in einem Kontext bewegt, zu dem er nicht gehört, muss sich anpassen können. Da kann es schon mal sein, dass man als Grundschüler immer Hakenkreuze aufs Löschblatt gemalt hat, und dann Widerstandskämpfer geworden ist, als es nicht mehr gefährlich war, zu den Richtigen zu gehören. In so einem Parlament, ich denke, wenn man da aus einem Sekundenschlaf aufwacht, kann man schon denken, man ist wieder in der Grundschule. OK, in meiner Grundschule, waren diese ordinären Zwischenrufe nicht erlaubt, aber später wurde das anders. In der Oberstufe haben wir dann mal etwas von antiautoritärer Erziehung gehört, die gerade an den Kleinkindern verübt wurde und haben Auweia gedacht, was wohl mal aus denen wird. Da waren wir selber noch keine Eltern, sondern genau in der Mitte. Das war so in den Siebzigern. Die eigenen Kinder kamen dann später und da ist wirklich ein Unterschied. Die Eltern von den Kindern, die in den 70-ern geboren wurden, waren die sogenannten 68-er. Man hat schon viel von denen gehört. Und die 68-er und ihre Kinder sind ununterbrochen damit beschäftigt, soziologische Studien zu erstellen, wo sie sich durch absolut fragwürdige Grenzziehungen zu den Boomern rechnen wollen. Das sind sie eben nicht. Die 68-er haben es auch mehr mit sexuellem Zeugs und so. Da sind sie nicht weg gekommen. Die einen waren dann Indianer und die anderen Schmetterlinge und einige Hubschrauber. Das entwickelt sich so. Die Boomer sind heute alte weiße Männer und die Frauen schämen sich, dass sie mit denen in einen Topf geworfen werden. Die wären lieber Flüchtlinge oder Refutschies. Und die kinderlosen tun sich zusammen als Omas gegen Opas. Kontext, zu dem sie nicht gehören. Ja, zurück zu dem Daniel. Der hat so ein paar Hauptthemen. Familien, Wohnsituation, Wohnsituation für Familien, Sexueller Missbrauch in der Kirche, frühkindliche Bildung, und so. Dabei wird er schon bleiben, trotz dem Kurzschluss. He, da fliegen die Sicherungen raus, dann drückt man die wieder rein.
Wollen oder können wirklich so viele Leute nicht erkennen, dass die gesamte Störaktion gegen Frau Weidel ein durch und durch von allen Beteiligten geplantes, abgesprochenes und durchorganisiertes „Attentat“ war? Was soll als das Spekulieren?
„Nach öffentlicher Kritik und mehreren Auftritts-Absagen hat sich die Star-Sopranistin Anna Netrebko deutlicher als zuvor von Russlands Präsident …“ Nachdem sie zuvor noch den Krim Separatisten Flagge gezeigt hat und Stargast auf Vladis 50tem war, hat sie wohl gemerkt, dass man Geburtstagssingen und an der Moskauer Staatsoper doch nicht so viele $$ macht, als an der Met, der Scala und in Verona. Kein Mitleid.
Und di Vicky, „ Im Vorfeld ihres Abschiedskonzerts in Athen im vergangenen September …“ Gab sie im Nachfeld noch eins in Regensburg? Es gibt inzwischen singende, die über Jahrzehnte Abschiedskonzerte geben und man fragt sich, ob die wirklich mal gehen.
@Wilfried Düring : >>(Für Freudianer: ‚Kurz-Schluss‘ schreibt sich ebenso wie ‚Hass‘ mit ‚ss’).<< ## Halten Sie mich denn für einen Freudianer? Sie müssen es dem Danny nachsehen. Er benutzt auch nur die Parolen und Symbole zu seinem Schutz, so wie ich Antifa-Parolen verwende, um nicht mit dem Hammer … Ich bin alt, weiß und böse, das möchte ich zu meiner Rechtfertigung auch sagen dürfen. Und der Danny ist jung und braucht das Geld. Die KI sagt >>Im übertragenen und gehobenen Sinne wird „Born“ oft auch als Symbol für Ursprung, Quelle oder unerschöpflichen Vorrat verwendet, beispielsweise als „Born der Freude“<< Ich denke, das muss man einfach gelten lassen, ohne sich auf zu lehnen. Ansonsten steht die SPD auf meiner roten Liste der bedrohten Arten. Wer will es da jemandem verübeln, wenn er bedroht ist, dass der überreagiert. Die schlagen halt um sich, völlig unschuldig.
@Ilona Grimm: Gloria wird uns beide verkraften. Weil sie weiß, dass wir in Zukunft nie wieder glauben, was in der BLÖD steht ;-)
: Mettmänner (siehe letzter Artikel… gehen sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen…)
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