Kai Rogusch, Gastautor / 05.02.2023 / 16:00 / Foto: Tomaschoff / 7 / Seite ausdrucken

„Abweichler, Originale, Querköpfe, Spinner und Scharfmacher“

Die Cancel Culture entfernt die noch verbliebenen Bremsen auf dem abschüssigen Weg in eine aussichtslose Kontrollgesellschaft. Das Buch „Cancel Culture und Meinungsfreiheit“ eröffnet Einblicke.

Der Sammelband „Cancel Culture und Meinungsfreiheit. Über Zensur und Selbstzensur“ legt den gegenwärtigen Trend zur Erstickung unserer gesellschaftlichen Auseinandersetzungen offen. Das von Sabine Beppler-Spahl herausgegebene Werk verdeutlicht anhand der Beiträge seiner zwölf Autoren, dass mittlerweile kein Aspekt unserer sozialen Verständigung vor zensurähnlichen Einschränkungen mehr sicher ist.

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel. Zunächst machen sich die Autoren einen grundsätzlichen Begriff der Cancel Culture. Demnach läuft dieses Phänomen auf die zumindest berufliche Vernichtung von Personen hinaus, die den herrschenden Kultur- und Politikbetrieb und seine sogenannten Zukunfts-Agenden stören. Wer nämlich, so etwa der Autor Kolja Zydatiss im Buch, auf irgendeine Art und Weise der Verwirklichung eines „metaphysisch bestimmten Geschichtsverlaufes“ im Wege steht, erzürnt die vermeintlich progressive Nomenklatura selbsternannter Bessermenschen.

Das musste beispielsweise die Biologin Marie-Luise Vollbrecht am eigenen Leibe erfahren. Weil sie Zweifel an der Transgender-Politik äußerte und auf das überlieferte Schulwissen hinwies, dass nur zwei Geschlechter existieren, geriet sie als reaktionäre Unperson ins Kreuzfeuer der Kritik. Diese Erfahrung machte jedoch nicht nur Vollbrecht. Auch wer auf anderen Feldern den Zeitgeist angreift und beispielsweise den wissenschaftlichen Sachverstand hinter der Corona-Politik oder dem Klimaschutz herausfordert, muss heutzutage mit drastischen Konsequenzen rechnen.

Der Autor Thilo Spahl spricht im Buch von einer „Ad-hominem-Kultur“, in der argumentative Aussagen von vorneherein ohne jegliche Diskussion abgelehnt werden, „indem man versucht, den Sprecher zu diskreditieren“. Biedere EU-Skeptiker oder Kritiker von „Globalismus“ oder Multikulturalismus werden zu Personae non gratae; sie werden als „rechts“ oder gar antisemitisch gebrandmarkt.

„Abweichler, Originale, Querköpfe, Spinner und Scharfmacher“

Im weiteren Verlauf des Buches zeigen die Autoren auf, inwieweit die Cancel Culture in den einzelnen Lebensbereichen der Politik, der Wissenschaft, des Bildungswesens und des Journalismus mittlerweile Fuß gefasst hat. So befasst sich beispielsweise der F.A.Z.-Redakteur Jasper von Altenbockum mit dem Phänomen, dass die Parteien der Grünen, der Linken, der SPD und der CDU ihre wenig angepassten prominenten Mitglieder mehr und mehr als Fremdkörper auffassen.

Von Altenbockum schreibt:

„Abweichler, Originale, Querköpfe, Spinner und Scharfmacher tun sich schon schwer in einer Volkspartei. Sie stehen am Rand, wo sie vielleicht auch hingehören. Aber sie gehören dazu, denn sie gehören zum Querschnitt der Gesellschaft, den sich jede Volkspartei auf die Fahnen schreiben muss. [...] Was sind die Grünen ohne Palmer? Die Linkspartei ohne Wagenknecht? Die SPD ohne Sarrazin? Die CDU ohne Maaßen? Auf der Suche nach Antworten fällt einem das Wort ‚sauber' ein. Kein gutes Zeichen.“

Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen. Der öffentliche Diskurs wird aber mittlerweile drastischer gesäubert. Das erfährt Querdenker-Gründer Michael Ballweg. Er wird mittlerweile seit über sechs Monaten, über die sonst übliche Zeitspanne hinaus, mittels einer fadenscheinig begründeten Untersuchungshaft aus dem gesellschaftlichen Leben entfernt. Wenn man so will, eine Cancel Culture ganz besonderer Art.

Im dritten Kapitel befasst sich das Buch damit, wie unsere lieben Fortschrittsfreunde den unbefangenen Austausch von Gedanken, Impressionen und Eingebungen im Rahmen eines grundlegenderen Kulturkampfes einschränken. Bei diesem greifen Aktivisten aller Art sowohl die historischen Protagonisten als auch Errungenschaften unserer westlichen Kultur an. Vor diesem Hintergrund beleuchtet der Soziologe Frank Furedi die Frontalattacken auf unsere Kultur freier Wissenschaft, freien Meinungsaustausches und damit freier Demokratie.

Zentrale Einrichtungen des aufgeklärten Diskurses werden madig gemacht

Laut Furedi hat der Versuch, diese Kultur zu diskreditieren, in den letzten Jahren einen nie gekannten Aufschwung erfahren: „Unzählige der großen, inspirierenden Persönlichkeiten der Vergangenheit – von William Shakespeare über Immanuel Kant bis hin zu Ludwig von Beethoven – sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, ‚zu westlich', ‚zu weiß' oder ‚zu rassistisch' zu sein.“ Von dem Ruf nach Dekolonisierung seien, so Furedi, mittlerweile alle Bereiche der Kultur betroffen.

Die Kulturkrieger machen also unter dem Deckmantel etwa des Antikolonialismus nach und nach zentrale Einrichtungen des aufgeklärten Diskurses madig. Damit entwerten sie alle Lebensbereiche, in denen wir unser kulturelles Erbe freiheitlicher Institutionen an die nachfolgenden Generationen weitergeben können. Unsere Fähigkeit, uns ungezwungen über alternative Zukunftsperspektiven, aber auch gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu verständigen und uns selbst als Gesellschaft zu korrigieren, schwindet nach und nach.

Nun werden seit einiger Zeit – wie aus heiterem Himmel – Reden abgesagt, Podiumsdiskussionen unterbrochen, bereits angesetzte Kunstausstellungen vereitelt, Bilder abgehängt oder Tagungen aufgrund einer Kündigung durch das die Tagungsräumlichkeiten beherbergende Hotel doch nicht veranstaltet. Die Qualität der Cancel Culture liegt also in der Stornierung von etwas bereits Angesetztem oder bereits Ablaufendem und auf jeden Fall Legalem. Hier wittern Veranstalter, Verleger oder Produzenten einen allein durch mögliche Kontaktschuld verursachten Reputationsschaden. Es geht jetzt darum, bloß nicht selbst auf die Abschussliste zu geraten. Man möchte schließlich nicht dasselbe Schicksal erleiden, das „umstrittene“, „rechte“, „verschwörungstheoretische“ oder anderweitig „rücksichtslose“ Subjekte dieser Tage ereilt.

Ein globalistischer, ökologischer und technokratischer Gesundheits-Kontrollstaat

Die entscheidende Frage lautet: Warum richtet sich der Furor der Kulturkrieger vor allem gegen die Zweifler des angeblichen Konsenses über eine menschgemachte Klimakatastrophe, gegen die coronakritischen „Querdenker“, die Kritiker des „Genderwahns“, die Befürworter eines EU-Austritts oder die bremsenden, an Bewährtem festhaltenden Zeitgenossen?

Antwort: Weil sie ihre Finger auf den wunden Punkt der menschenfeindlichen Kontrollagenda legen, die unsere politischen und kulturellen Eliten brauchen, um sich überhaupt noch legitimieren zu können und die Gesellschaft zusammenzuhalten. Die Treiber der Cancel Culture geben sich zwar modern, aber sie verkörpern eine sklerotische Gesellschaftsordnung, die mehr tot als lebendig ist und vielen Menschen, gelinde gesagt, weniger als ernüchternde Zukunftsperspektiven anzubieten hat.

Was im Buch ein wenig fehlt, ist die ausdrückliche Benennung der von den Kulturkriegern vorangetriebenen Entwicklung, gegen die sich die „Abgekanzelten“ stemmen: Es ist der abschüssige Weg in eine trostlose Kontrollgesellschaft. Stellen wir uns dieser Entwicklung nicht entgegen, landen wir in einem globalistischen, ökologischen und technokratischen Gesundheits-Kontrollstaat.

In diesem wird die große Masse der Menschen entwurzelt, ihrer Identität unsicher, dafür aber mit einer durchnumerierten Digital-Identität versehen und ohne nennenswertes Eigentum sein. Es wird eine bargeldlose Gesellschaft sein, in der die wirtschaftlichen Transaktionen der Menschen überwachbar und auch abschaltbar sind. Die Mobilität der Leute wird erheblich eingeschränkt sein. Bereits jetzt gibt es Pilotprojekte wie jenes in Oxford, in dem gewissermaßen in Coronazeiten erprobte Lockdowns nun auch fürs Klima getestet werden.

„Gesellschaft mit schwindendem Zusammenhalt“

Die Menschen werden sich hier teilweise mit synthetischer Insektennahrung ernähren und sich mit wenig freier Mobilität zwischen verschiedenen Zonen hin und her bewegen – und sich flexibel willkürlichen Anweisungen von oben fügen müssen. Und genau jene störrischen Kritiker, die diese Entwicklung von Land und Leuten hin zu einem Niemandsland der Unfreien bremsen (wollen), geraten ins Fadenkreuz der Cancel Culture.

Die Eliten und ihr Anhang versuchen, eine Gesellschaft mit schwindendem Zusammenhalt mit Hilfe immer minimalistischerer Vorstellungen und immer restriktiverer Maßnahmen zusammenzupressen. Sie geraten gleichzeitig unter verstärkten Beschuss durch populistische Bewegungen. Wer sich jedoch nicht dem freien Fluss von Rede und Gegenrede stellen will, ist sich seiner Rolle als Etablierter oder Vorreiter einer elitären Ordnung eben nicht sicher.

Das erklärt den Unwillen und die Unfähigkeit der Etablierten, konträre oder auch nur mehrdeutig abweichende Sichtweisen von Mitmenschen zu ertragen. Der Kaiser ist nämlich nackt. Das Buch „Cancel Culture und Meinungsfreiheit“ führt in diesem Sinne viele schöne Beispiele für die Erkenntnis auf, dass wir den faulen Zauber der Denk-, Rede- und Aufführverbote abschütteln sollten.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Novo-Argumente.

„Cancel Culture und Meinungsfreiheit: Über Zensur und Selbstzensur“ von Sabine Beppler Spahl (Hrsg.), 2022, Edition Novo. Hier bestellbar.

 

Kai Rogusch ist Jurist und Redakteur bei „Novo-Argumente“. Er lebt in Frankfurt am Main.

Foto: Tomaschoff

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Wolfgang Richter / 05.02.2023

Vom Grundsatz her sollte man meinen, daß “Mediale” daran interessiert wären, ihre Meldungen oder auch Botschaften einem möglichst breiten Publikum mitzuteilen. Die Cancel- und Genderfraktion zB dieser Medialen ist in ihrem Sendungswahn dabei so ignorant, daß sie nicht kapiert, daß sie sich selbst die Reichweite nehmen, wenn sie einen Teil ihrer Konsumenten nerven und damit verlieren. Egal zu welchem Thema, wird in einer Sendung gegendert oder wird die “Klimabotschaft” eingeworfen, auf “die Wissenschaft” Bezug genommen, fällt mein Dicker Finger reflexartig auf die Fernbedienung, und weg bin ich. Schön, daß sie damit in ihrer Blase bleiben und sich dort gegenseitig befruchten dürfen.

Sam Lowry / 05.02.2023

Und die AfD, mal wieder, außen vor?

Thomas Szabó / 05.02.2023

“Es gibt nur 1 wahren Gott!” “Es gibt nur 1 wahren Führer!” “Es gibt nur 1 wahre Demokratie!”

Thomas Holzer Österreich / 05.02.2023

Ja eh, aber das Grundproblem ist doch, daß die Verfechter dieser “cancel culture” weiterhin bereitwillig gewählt werden. Da stellt sich mir schon die Frage, wie “intelligent” die Wähler noch sind.

S. Andersson / 05.02.2023

Mal wieder etwas was ich nicht verstehe. Mir ist es komplett egal wer was meint, geht der mir auf die Ketten… gibt es Stress. Einfach. Wenn so viele nur jammern und dann kommt … nix? Ändert etwas in dieser inzwischen kranken Welt. Lasst euch nicht am Nasenring durch das Dorf ziehen und vor allem sagt den Spinnern das die sich vom Acker machen sollen…asap. Fertig

Gudrun Meyer / 05.02.2023

Sie unterstellen relativ rationale Beweggründe der Personen und Gruppen, die die Cancel Culture vorantreiben und mit der Erfindung einer Kontaktschuld n-ten Grades an den Punkt treiben, an dem unerwünschte Projekte, Aussagen und immer wieder schlichte Kontakte strafbar sind, ohne dass es strafrechtlich definierbare Straftatbestände zu geben bräuchte. Das wäre schon schlimm genug, weil das Ziel ein totalitäres System ist. Was aber, wenn die Grünen Khmer noch weitere, von tiefem, allgemeinem Hass und gänzlich irrationalen Antrieben geformte Beweggründe haben? Wenn sie ALLES Lebendige hassen und fürchten, weil es sich ihrer Kontrolle entzieht? - Hinweise auf diese Irrationalität gibt es durchaus. Warum weigern sich die Grünen Khmer so aggressiv, darauf einzugehen, dass man künftige, klimatische Entwicklungen nicht aus “mathematischen Modellen” und “Computersimulationen” ableiten kann, weil notwendig unbekannt bleiben muss, welche noch unbekannten, natürlichen Faktoren in zukünftigen Jahrzehnten das Klima mitbestimmen? Warum führt die bloße Fragestellung dazu, als “Klimaleugner” abgestempelt zu werden? Warum soll es unanständig sein, darauf hinzuweisen, dass es in Deutschland und Europa nie eine wirtschaftlich und gesellschaftlich institutionalisierte, schwarze Sklaverei gab? Nur, weil damit die moralische Erpressbarkeit der Deutschen sinken könnte, oder gibt es noch gefährlichere Hintergründe für die Tabuisierung der Nicht-Sklavereigeschichte des neuzeitlichen Deutschlands und Europas? Warum ist neuerdings die Forderung “feministisch”, eine Frau müsse ein Kopftuch, besser einen Vollschleier tragen, um nicht ein legitimes Objekt sexueller Gewalt zu sein? Usw. usw. Soweit ich sehen kann, gibt es auf diese und viele, weitere Fragen, die den Woko-Haram-Aktivisten missfallen, keine rationalen Antworten.

Jakob Mendel / 05.02.2023

Jasper von Altenbockum irrt, wenn er „[...] Was sind die Grünen ohne Palmer? [...] Die CDU ohne Maaßen? Auf der Suche nach Antworten fällt einem das Wort ‚sauber‘ ein. [...]“ schreibt. Es muß  „rein“ heißen, „kultisch rein“.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Kai Rogusch, Gastautor / 07.10.2021 / 16:00 / 10

Das „Lockholm-Syndrom“

Das neue Bühnenprogramm von Matthias Heitmann entsperrt im Lichtspielhaus Ginsheim-Gustavsburg unseren mentalen Corona-Lockdown. Am 19. September war es wieder einmal soweit: Der Frankfurter Journalist, Buchautor…/ mehr

Kai Rogusch, Gastautor / 23.10.2020 / 12:00 / 53

Schafe brauchen keine Bürgerrechte

Wem man nicht zutraut, sein eigenes Leben ohne Lenkung und Aufsicht zu führen, dem wird sehr schnell die Fähigkeit abgesprochen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Wenn…/ mehr

Kai Rogusch, Gastautor / 16.06.2018 / 15:00 / 7

Schadensbegrenzung als Unterdrückung

Angesprochen auf die Frage, ob heutzutage die bürgerlichen Freiheiten durch einen immer mächtigeren Staat bedroht seien, reagieren viele Leute mit Unverständnis: Wir lebten vielmehr in…/ mehr

Kai Rogusch, Gastautor / 31.05.2018 / 10:00 / 3

Kann Künstliche Intelligenz querdenken?

Es existiert: Kabarett ohne moralischen Zeigefinger, ohne den Anspruch, der Rückkehr in eine vermeintlich moderne Altertümlichkeit den Weg zu ebnen, ohne den Zeiten nachzutrauern, in…/ mehr

Kai Rogusch, Gastautor / 15.10.2017 / 10:31 / 2

„Wir brauchen mehr Männer und Frauen mit Eiern.“

Eine Premiere der besonderen Art gab es am 6. Oktober 2017 im ehrwürdigen Frankfurter Kabarett-Theater „Die Schmiere“ zu erleben: Mit dem Arbeitsauftrag „Kein Kabarett, keine…/ mehr

Kai Rogusch, Gastautor / 21.06.2017 / 06:18 / 6

Alternativlos? Traut euch endlich wieder was!

Von Kai Rogusch. Die Bundestagswahl 2017 dürfte – allen weltpolitischen Turbulenzen zum Trotz – keine gravierende Änderung der politischen Landschaft zur Folge haben. Dennoch wachsen…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com