9/11 – 20 Jahre später

Ein Rückblick aus gegebenem Anlass. Vor 20 Jahren war es ein bekannter Moraltheologe, der Terror als "Ersatzsprache der Gewalt" verharmloste, heute ist von den "neuen Taliban" die Rede, denen man helfen müsse, in Afghanistan wieder Ordnung herzustellen. 

Nach vier synchron ausgeführten Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten kam es in Deutschland zu einer pazifistischen Erregung, die von zwei Gedanken angetrieben wurde: Was haben wir den Tätern angetan, dass sie so gemein werden mussten, und: Was müssen wir jetzt tun, damit wir verschont bleiben? Es wurde allen Ernstes darüber diskutiert, ob Hochhäuser nicht eine Provokation an sich sind, weil sie die Arroganz der Macht verkörpern (während deutsche Reihenhäuser die Demut symbolisieren), es wurden moralisch-philologische Überlegungen angestellt, ob es sich bei den Anschlägen um eine „kriegerische Aktion“ oder nur um „ein Verbrechen“ handelte, auf das man angemessen reagieren sollte, also auf keinen Fall mit „Rache“ oder „Vergeltung“, sondern mit einer Intensivierung des interkulturellen Dialogs. Es wurden Sofortmaßnahmen gefordert, um die „Ursachen des Terrorismus“ abzuschaffen, vor allem die Armut und den Hunger in der Dritten Welt. Eine Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, die Arbeit und den Wohlstand daheim gerecht zu verteilen, wollte über Nacht „globale Gerechtigkeit“ herbeiführen, um dem Terrorismus das Wasser abzugraben.

(Aus dem Vorwort zu „Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror“ von Henryk M. Broder, Berlin 2002)

Just in time: Der Moraltheologe an der Terrorfront

Wenn es einen Gott im Universum und eine Gerechtigkeit auf der Welt gäbe, wäre die Erde am 11. September 2001 für einen Moment stehen geblieben. Weil es aber keinen Gott und keine Gerechtigkeit gibt, änderten nur die Fernsehsender ihr Programm und zeigten immer wieder zwei Passagierflugzeuge im Anflug auf die Türme des World Trade Center und bald darauf die qualmenden Wolkenkratzer, bis sie wie Kartenhäuser kollabierten. Alle kamen sich vor wie in einem „Albtraum“ oder nach einer „Apokalypse“, kein Mensch wollte glauben, was er gerade gesehen hatte.

Aber noch bevor die ersten Toten geborgen waren, meldeten sich schon Durchblicker zu Wort, um die Ursachen der Katastrophe beim Namen zu nennen und die richtigen Konsequenzen anzumahnen. Im ersten Programm des SFB, auf 88,8 UKW, gab es wie jeden zweiten Dienstag um 22:30 Uhr die „Nachtgespräche mit Eugen Drewermann“, dem Moraltheologen und katholischen Querdenker aus Paderborn, der sich sogar schon mit dem Papst angelegt hat. Normalerweise redet Drewermann zuerst mit sich selbst über Gott und die Welt und beantwortet dann Fragen der Zuhörer. Diesmal war der Anschlag von New York das Thema, warum er passiert war und was „wir“ daraus lernen sollten.

„Auch wir haben keine Worte. Es gibt ein Entsetzen, das keine Worte hat, eine Trauer, die sich nicht mehr auszudrücken vermag, eine Hilflosigkeit und ein Erschrecken, die lähmen, angesichts des Ungeheuerlichen, das heute über ahnungslose Menschen hereinbrach“, sprach der Moderator zu Anfang der Sendung, „und doch wollen wir gerade heute, gerade angesichts dieses Bösen, nach Worten ringen. Wir wollen angesichts einer so gottlosen Tat die Frage nach Gott, die Frage nach den Menschen stellen ... Guten Abend, Herr Drewermann.“

„Guten Abend, Herr Longard“, sagte der Moraltheologe und nahm den Faden auf. „Wir erleben etwas, das vollkommen unmenschlich ist, und sind gelähmt von Trauer, Entsetzen, Empörung, Wut, Hilflosigkeit... Das hat eine Dimension des Terrors, die es noch nie gegeben hat, eine Skrupellosigkeit des Vorgehens, für die wir wirklich keine Worte haben.“

Statt sich indessen der Wortlosigkeit hinzugeben, sprach der Moraltheologe nun über die „Embargo-Politik gegen den Irak“ und deren Folgen: „Die UN haben geschätzt, dass etwa jeden Monat 3.000 Menschen durch Mangelversorgung sterben, innerhalb von zehn Jahren addiert sich das zu der ungeheuerlichen Zahl von einer Million Menschen...“

Terror als „Ersatzsprache der Gewalt“

Es mag in einem solchen Kontext ein wenig gefühllos sein, aber ich rechnete trotzdem nach. Wenn jeden Monat 3.000 Menschen durch Mangelversorgung sterben, dann wären es jedes Jahr etwa 36.000 und in zehn Jahren rund 360.000, also nicht ganz eine Million. Ein Moraltheologe muss nicht rechnen können; was er vermutlich sagen wollte, war: Wenn bei einem Anschlag in Amerika etwa so viele Menschen ums Leben kommen, wie alle zwei Monate im Irak durch Mangelversorgung sterben, dann ist die Mangelversorgung im Irak das Problem und nicht der Anschlag in Amerika.

Zu diesem Zeitpunkt, es war noch immer der 11. September 2001, waren die Parolen „Von nichts kommt nichts“ und „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“ noch nicht aktiviert, aber sie zogen schon wie Wolken am Horizont auf. Der Moraltheologe erinnerte sich und seine Zuhörer sodann „an Hiroshima, als man mit einer einzigen Bombe am 6. August über 100.000 Menschen getötet hat“, und an Nagasaki, wo es drei Tage später „80.000 Tote in einer einzigen Sekunde“ gab, „mit all den Folgen, und offensichtlich haben wir aus den Greueln nichts gelernt, ganz im Gegenteil, immer nur noch furchtbarer, noch skrupelloser, die Waffen noch systematischer, barbarischer, grausamer, aber das im Namen einer scheinbar geordneten staatlichen Legitimation...“

So sehr der Moraltheologe mit all jenen haderte, die im Namen einer „staatlichen Legitimation“ Gewalt übten, so viel Verständnis zeigte er für private Killer, die auf eigene Rechnung handelten. „Terror ist die Ersatzsprache der Gewalt, weil berechtigte Anliegen nicht gehört wurden, es ist die Sprache der Ohnmächtigen, der Selbstmörder, aber das hat eskaliert; parallel zu der Art, wie die Großen Krieg führen, beginnen offensichtlich die Kleinen, Krieg zu führen.“

Den Menschen, die sich aus dem WTC in die Tiefe stürzten, wäre es sicher ein Trost gewesen, wenn sie vor dem Aufprall noch erfahren hätten, dass irgendjemand, dessen berechtigte Anliegen nicht gehört wurden, in der Ersatzsprache der Gewalt mit ihnen zu kommunizieren versuchte. Was sich da drehe, so der Moraltheologe, sei „eine Schraube ohne Ende, eine Blutmühle, die immer weiter mahlt, es sei denn, wir begreifen, dass es Sicherheit nur gibt, wenn wir uns verbinden und verbrüdern. Und dann müssen wir das scheinbar Unvorstellbare tun. Wir müssen begreifen, dass hinter dem Furchtbarsten etwas steht, das verdient, gehört zu werden als Anliegen, so pervers, so verdreht, so unmenschlich und zynisch es sich hineinzudrücken sucht in die Normalität. Wir haben zwei Drittel der Menschheit, die am Rande des Hungers stehen und die nicht verstehen, wie man in dieser Weise sich sicher fühlen zu können glaubt, indem man immer weiter hochrüstet...“

So betrachtet, war der Anschlag auf das WTC möglicherweise eine nicht ganz durchdachte Demo der Initiative „Brot für die Welt“, ein wenig gemein, aber im Kern doch berechtigt, wenn man in kausalen Zusammenhängen denkt.

Wer hat nochmal wen angegriffen?

„Indem wir die Ursachen von Hass, von Gewalt, von Revanchedenken immer weiter treiben, schaffen wir eine Situation, in der wir natürlich verwundbar werden. Und immer bleiben werden. Auf diese Art von Terror war man nicht vorbereitet..., so ist nie gehandelt worden, das ist eine neue Dimension der Kriegführung der Schwachen... Und man muss fürchten, es ist nur der Anfang, denn wir sind längst dabei, an der Südflanke der NATO vor allem gegenüber dem arabischen Kulturraum aufzurüsten... Wir bereiten uns auf die äußerste Konfrontation vor, im Namen der Zivilisation oder im Namen Gottes... Die einzige Rettung, die wir wirklich hätten, wäre, wir würden begreifen, dass wir alle in einem Boot sitzen und dass wir nur, indem wir zusammenwachsen, Frieden stiften können.“

Ich drehte das Radio ein wenig leiser und fragte mich, wer mich dazu verurteilt hatte, mit dem Paderborner Moraltheologen in einem Boot durch die Geschichte zu kreuzen. Gut, ich gehörte auch zu den Schuldigen, weil ich noch Schokolade von Anthon Berg und isländischen Lachs im Kühlschrank hatte, angesichts der hungernden Massen in der Dritten Welt eine bedenkliche Vorliebe. Andererseits war ich mir nicht mehr ganz sicher, wer wen angegriffen und dem Erdboden gleichgemacht hatte: Die Amis im Namen von Milkyway und Johnny Walker zwei Moscheen in Mekka oder Terroristen zwei Hochhäuser in New York, um der unmenschlichen Zivilisation einen symbolischen Denkzettel zu verpassen. An dieser Stelle, dachte ich, müsste der Moderator eigentlich intervenieren und kurz nachfragen. Und tatsächlich, Herr Longard griff ein.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass ein einziger Aufschrei nach Rache und nach Vergeltung... zu hören sein wird, ist ja riesengroß...“

Ich stutzte. Wären in Berlin bei einem Anschlag auf die SFB-Zentrale ein paar tausend Menschen mit einem Schlag ermordet worden, würde mit Sicherheit kein einziger Aufschrei nach Rache und nach Vergeltung zu hören sein, sondern nur die Bitte zweier überlebender Mitarbeiter, diese Art von Terror als Kriegführung der Schwachen zu verstehen, eine Verzweiflungstat, deren Ursachen man im Programm des SFB suchen müsste, der alle paar Monate einen „Tatort“ produziert, während in Rumänien Kinder auf der Straße leben müssen. Der Moraltheologe, eben noch im Irak und in Japan unterwegs, war aber schon weiter als ich, nämlich in Palästina.

„An einem liegt mir noch sehr, ich fürchte, dass die morgigen Zeitungen voll sein werden mit Spekulationen, ob palästinensischer Terror im Hintergrund zu vermuten sei, man wird vorführen, wie in Israel, wie auf der Westbank, im Gaza-Streifen Selbstmordattentäter zu Werke gegangen sind, und man wird Verbindungen suchen... Man muss bedenken, dass die Palästinenser den Terror als eine äußerste Sprache einer verweigerten politischen Diskussion instrumentalisiert haben, aber was sie möchten, ist die Gründung eines eigenen Staates, der über kurz oder lang... ihnen nicht verweigert werden kann. Die israelische Friedensbewegung, Uri Avneri und Schriftsteller, wichtige Historiker, sehen und sagen das genauso, aber dazu braucht man den Einfluss der Vereinigten Staaten von Amerika. Viele Palästinenser hassen die USA, aber eben deshalb, weil sie tatenlos oder halbherzig der Tragödie zusehen, statt als engagierte Ordnungsmacht zu tun, was damals zwischen Ägypten und Israel durch die Pendeldiplomatie von Henry Kissinger möglich war. So etwas wäre jetzt auch nötig, es müsste Colin Powell hin, er müsste vier Wochen lang oder wenn nötig vier Monate lang jeden Tag und jede Stunde mit den wechselnden Parteien reden, bis da Frieden ist, dann wäre eine ganz wichtige Lunte im Hintergrund vor allem des arabischen Terrorismus endlich ausgetreten. Aber nur aus innenpolitischen Rücksichtnahmen in den USA die Hände in den Schoß zu legen und die Dinge weiter in den Untergang treiben zu lassen, kann keine Alternative sein.“

Terror will nicht den Frieden erzwingen, sondern verhindern

Gibt es ein Grundrecht auf Dummheit, das von einem moraltheologischen Anspruch gedeckt wird? Und was bedeutet es, wenn eine Richtigstellung verbreitet wird, noch bevor die Falschmeldung bekannt wurde? Niemand außer dem Paderborner Experten für Ersatzsprachen der Gewalt hatte die Palästinenser mit den Anschlägen in Verbindung gebracht. Und niemand außer ihm kam auf die lustige Idee, Terror als die „Sprache einer verweigerten politischen Diskussion“ zu definieren. Vor allem nicht im Palästina-Konflikt, wo der Terror seit dem Abkommen von Oslo 1993 die politische Diskussion zwischen den Israelis und den Palästinensern wie ein Schatten begleitet hat, wobei die Terrorakte nicht dazu dienen sollten, den Frieden zu erzwingen, sondern ihn zu verhindern.

Aber der Moraltheologe weiß es besser, er weiß auch, dass die Palästinenser die USA deshalb hassen, weil die Amis ihrer Aufgabe als Ordnungsmacht nicht nachkommen. Dabei war kein anderer „Staatsmann“ so oft in Washington zu Besuch wie Jassir Arafat, und noch Ende des Jahres 2000 ist Bill Clinton in Camp David und Sharm el Sheik vor Arafat auf den Knien gerutscht, um ihn zu einem historischen Kompromiss zu bewegen, dem Ehud Barak zähneknirschend zugestimmt hatte.

Die Vorstellungen des Moraltheologen von „Pendeldiplomatie“ sind so klar wie die von der israelischen Friedensbewegung, auf die er sich beruft, so wie andere sich auf ihre „jüdischen Freunde“ berufen, bevor sie loslegen. Und wenn Colin Powell nicht alles stehen und liegen lässt, um vier Wochen oder vier Monate oder notfalls auch vier Jahre mit den Israelis und den Palästinensern zu reden, bis der Frieden da ist, wird der Moraltheologe nicht zögern, beim nächsten Anschlag wieder Tacheles zu reden und noch lauter „Kehret um!“ zu schreien.

Hätte George Bush die andere Wange hinhalten sollen?

„Wenn wir geschlagen werden, fühlen wir uns gedemütigt. Das ist weit weg, dass Sokrates im 5. Jahrhundert vor Christus sagen konnte: Unrecht erleiden ist besser als selber Unrecht tun. Es ist zweitausend Jahre her, dass Jesus sagen konnte, wer dich auf die eine Wange schlägt, dem halt die andere hin, aber diese Lehren waren der Anfang der Menschlichkeit. Auf archaischem Hintergrund fühlen wir uns immer noch gedemütigt, wenn wir angegriffen und geschlagen werden, wenn man uns verletzt hat, und dann gellt der Schrei nach Rache immer noch. Genauso spricht George Bush heute. Wir werden sie zur Strecke bringen! Und ich fürchte, genauso wird es kommen, man wird die Systeme der internationalen Strangulation vor allem von arabischen Staaten, in denen man die Täter vermutet, weiter verschärfe..., man wird den Schrei der Gerechtigkeit verwechseln mit dem Ruf nach Rache, kurz, ich fürchte, dass die Besinnung, die dringend nötig wäre, gerade angesichts des Entsetzlichen, das passiert ist, wieder zugrunde geht und man in den alten Trott zurückfällt, dann wird das Leid wieder dahin führen, nur eine neue Eskalationsstufe der Fähigkeit, Leiden zuzufügen, zu erreichen... Es muss irgendwo eine Grenze geben, es gibt kein Wort, auch nicht das der Gerechtigkeit und der Rache, das uns gestatten dürfte, so weiterzumachen. Irgendwo ist ein Punkt, an dem wir alle umkehren müssten. Der heutige Tag wäre ein solcher Punkt.“

Was hätte George Bush tun sollen, um des Moraltheologen hohe Ansprüche zu erfüllen? Wie Jesus die andere Wange hinhalten? Also statt die Abwehr zu mobilisieren, die Luftüberwachung anweisen, die nächsten Selbstmordflieger sicher zu ihren Zielen zu lotsen? Welcome to the USA! Be our guests! Bis zum Hancock-Tower sind es 80 Meilen bei leichtem Südwestwind! Oder gleich ein paar Linienmaschinen über Wohngebieten abstürzen lassen, sozusagen als Good-will-Geste gegenüber allen Unterprivilegierten, die sich kein One-way-Ticket nach New York und Washington leisten können? Statt umzukehren, macht der sture US-Präsident weiter und schreit nach Rache, während Osama bin Laden sich an die Ratschläge des Moraltheologen hält und der ganzen Welt den Frieden erklärt.

Nach einer kurzen Musikpause meldet sich ein Hörer am Telefon und sagt: „Ich finde es sehr schade, dass man sich mit dem Grundproblem überhaupt nicht auseinandersetzt...“ –

Stimmt, antwortet der Moraltheologe, es sei sogar so, „dass wir eine Araberphobie in unsere Kultur hineinplantieren. Der arabische Fundamentalismus, der Islamismus ist die neue Bedrohungsvokabel für uns geworden. Und alles, was wir tun beim Aufrüsten, findet den moralischen Rechtfertigungshintergrund in diesem neuen Feindbild. Und wenn wir jetzt noch von Terror sprechen, haben wir jede Legitimation vorzugehen... statt dass wir uns die Mühe geben, zu begreifen, wie es dahin kommt, dass in ganzen Bevölkerungsgruppen, in ganzen Kulturregionen Terrorismus als Ersatzsprache des längst überfälligen politischen Diskurses verstanden wird.“

Massenmord als Beweis enttäuschter Liebe

„Ich denke, das ist genau der Punkt“, sagt der Hörer, der auch schon lange darauf gewartet hat, dass er an dem überfälligen Diskurs teilnehmen darf. Eine Hörerin meldet sich. Sie sei „total geschockt“, und je mehr sie über die Anschläge nachdenke, desto mehr fühle sie sich erinnert an die „chirurgischen Eingriffe“ der Amerikaner „in Bagdad oder in Jugoslawien“. Sie habe Angst, „dass in der Nacht schon irgendwelche Vergeltungsschläge Richtung Kabul oder so laufen“ würden. „Wir sind komplett geschockt und hätten gerne darüber geredet.“ Wahrscheinlich, sagt die Hörerin, wäre es „recht zynisch, wenn ich das so sage“, aber die Amerikaner „haben es ein bisschen zurückbekommen“, und wenn sie „heute Nacht oder wann immer zurückschlagen, dann müssen sie sich nicht wundern, dass es dann immer weiter eskalieren wird, die ganze Situation“.

„Das Furchtbare ist, dass der Terror im Grunde das Spiegelbild der Gewalt ist, die in staatlicher Regie ausgeübt wird“, sagt der Moraltheologe zustimmend, und die Hörerin gibt ihm recht: „Genau.“ Worauf der Moraltheologe noch einmal ausholt: „Terror ist die Waffe der Ohnmächtigen und deswegen rücksichtsloser, skrupelloser, wenn man so will... Wann lernen wir, die Sprache des Hasses als ein Betteln und Bitten darum zu verstehen, dass man sich auseinandersetzen müsste über die Gründe einer solchen inneren menschlichen Entfernung. Es gibt keinen Hass, schon unter Individuen, der etwas anderes wäre als eine enttäuschte Liebe. Menschen möchten dazugehören, das ist der Sinn dieser ganzen irrsinnigen Aktionen... Da wird gemordet, um besser dabei zu sein. Nur, wer hört das? In der Bibel versteht Gott das und schützt am Ende Kain, aber in der menschlichen Geschichte rotten wir weiter aus, bekämpfen wir das Böse im Grunde immer wieder dadurch, dass wir es eine Stufe höher in die eigene Praxis übernehmen. Aus diesem Teufelskreis sollten wir raus, und ich könnte nur wünschen, dass der heutige Tag eine Besinnung brächte.“

„Ja, das wünschte ich auch“, sagt die Hörerin, die wie der Moraltheologe der Meinung ist, dass die Anschläge von New York und Washington nicht nur Wake-up-calls für die Amerikaner, sondern Aufrufe an uns alle waren, Massenmorde als Beweise enttäuschter Liebe zu akzeptieren und mit Liebe zu erwidern. Wie sehr müssen die Nazis die Juden geliebt haben, wie sehr haben sie sich danach gesehnt, mit am Schabbat-Tisch sitzen zu dürfen, bevor sie abgewiesen wurden und deswegen zu irrsinnigen Aktionen greifen mussten. Doch wie immer, wenn viel Blut vergossen wurde, gibt es auch eine Hoffnung, „dass das Leiden wenigstens diesen Sinn gehabt hätte, sonst wird es immer weiter gehen“.

So geht ein Tag sinnvoll-besinnlich zu Ende. In New York qualmen die Trümmer und in Paderborn dampft der Drewermann.

Dieser Text ist ein Auszug aus Henryk M. Broders 2002 erschienenen Buch „Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror“, das heute ebenso aktuell ist wie zur Zeit seines Erscheinens.

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Leserpost

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Gerd Koslowski / 11.09.2021

Wenige Tage nach dem 11.09. erzählte uns eine Bekannte, die damals als Kita-Erzieherin in Neukölln arbeitete, dass am 12.09. viele Kinder fehlten und die anwesenden überwiegend völlig übernächtigt waren. Ihre Familien hätten am Vorabend fröhlich und gründlich gefeiert.

Tom Tompson / 11.09.2021

@Fred Burig An den Gott, den Sie da beschreiben glaube ich auch nicht.

Bernd Schreller / 11.09.2021

@E Albert “...Alles zuviel “Zufall”. Ein wolkenloser Himmel - und kein Fluglotse, kein Abfangjäger wird da rechtzeitig aufmerksam? Wieso stürzte das nicht involvierte Gebäude WTC 7 ein?! ... “ Alles, was Sie schreiben, stimmt. Bis heute wird alles mit dem vom CIA erfundenen Label “Verschwörungstheorie” belegt und gilt damit für die nicht-denken-wollende Masse als fake-news. wieso berichtete die BBC vom Einsturz von ‘Building 7’ 20 Minuten vor dem Einsturz des Gebäudes? Das Gebäude steht noch hinter der berichtenden Reporterin, als sie es als eingestürzt berichtet. Dies und viel viel mehr zuviel Zufall, wie Sie schreiben. Auch hier, wie bei der Pandemie und fast allem anderen we/urden wir beweisbar nach Strich und Faden belogen, aber die wenigsten wollen es wissen, obwohl es dieses Mal um das Leben jedes Einzelnen geht.

Gerhard Schmidt / 11.09.2021

Wer auf den “Aufschrei friedliebender Muslime” bei islamischem Terror hofft, dressiert sicher auch seinen Hund zum Miauen… Und wer sich zum Islam bekennt, weiß schon recht genau was das ist (und heisst es gut)!

Peter Krämer / 11.09.2021

An dieser “Moral” unserer Kirchen hat sich bis heute nichts geändert. Selbst im mörderischen Terroristen wird der Mensch gesehen, mit dem man im Gespräch bleiben muss und dessen Beweggründe zu verstehen man sich Mühe gibt. Mit einem AFD- Mitglied oder - Anhänger hingegen ist selbst der geringste Kontakt strikt abzulehnen, selbst dann noch, wenn der Betroffene sich nie im Leben etwas hat zuschulden kommen lassen. Da kennen unsere Hirten des Guten keinerlei Zweifel und Gnade.

Alexander Mazurek / 11.09.2021

@Friedrich Richter: Im Anfang war die Lüge, der Massenmord und die Unterwerfung. Sowohl beim Propheten wie bei der real existierenden Aufklärung der Französischen Revolution. Aristoteles warnte, dass “ein kleiner Fehler im Anfang am Ende ein großer wird”. Hier und da haben wir deren viele: a) die Urlüge, dass zuvor Dunkelheit (Dschāhilīya) herrschte, b) die Ablehnung der jüdischen und christlichen Schriften und Lehren, c) den Massenmord, an jüdischen Stämmen wie Banu Quraiza oder den Katholiken der Vendée, d) die Unterwerfung, nur wer sich unterwirft darf Karriere machen und e) den heiligen/unheiligen Krieg, die Marseillaise besingt bis heute das Vergießen Hauptsache “unreinen” Blutes.

Chris Kuhn / 11.09.2021

Der Anschlagstag war aus ganz anderen, privaten Gründen ein Glückstag für mich. Aber auch so interessiert er mich schon länger nicht mehr. Ist ne Sache der Amis, an der wir als Vasallenstaat natürlich alle fünf Jahre kräftig mitmachen müssen. Dabei gäbe es für uns wichtigere Erinnerungstage, z.B. an den Untergang der “Wilhelm Gustloff” mit mehr als doppelt so vielen Opfern, aber das waren ja nur Deutsche…

Alexander Mazurek / 11.09.2021

@sybille eden: Bin Laden hat sich insbes. in Pakistan versteckt und @Boris Kotchoubey: Die Attentäter haben das Fliegen in den USA gelernt ...

Tina Kaps / 11.09.2021

Ich habe gerade ein wenig TV quergeschaut, u.a. ZDF-Spezial. „Wie emotional ist denn für Sie so ein Jahrestag?“ wurde ein Herr im bunt-geblümten Hemd von einer lächelnden Reporterin gefragt. Es kam ferner eine Guantánamo-schuldgeplagte Halbwaise zu Wort; sowie eine „schwarze Frau“, die den NY-Feuerwehrmännern sagen musste, wo es lang geht… Wer sich anschauen möchte, was die Feuerwehrmänner in New York anschauen mussten, der schaue sich die Film-Dokumentation der Brüder Jules & Gedeon Naudet „11. September - Die letzten Stunden im World Trade Center“ an.

E Ekat / 11.09.2021

Liebe soll vieles möglich machen. So machte Mielke gerade für sein Handeln geltend, die Menschen zu lieben.  Man fragt sich, ob man Stalin nicht mit mehr Liebe hätte begegnen müssen. Dessen Maxime: ein Mench, ein Problm. Kein Mensch, kein Problem. Hitler: geschenkt. Ein guter Tag, Drewermann zu gedenken.

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