Maxeiner & Miersch / 05.11.2011 / 12:24 / 0 / Seite ausdrucken

80-mal My Lai

Ausländische Fernsehsendungen gab’s früher nur im Ausland. Wir freuen uns immer wieder, dass wir Dank Internet heute ganz bequem über den deutschen Tellerrand blicken können. Diese Woche hat uns der internationale Informationszugang allerdings nachhaltig die Laune verdorben. Denn wir stießen auf einen Beitrag des britischen Senders „Channel 4“ und schauten ihn mit wachsendem Entsetzen bis zu Ende an.

Die Dokumentation trägt den Titel „Sri Lanka’s Killing Fields“ und hat in Großbritannien zu einem Sturm der Entrüstung geführt. Sie zeigt, mit welchen Mitteln die Armee im Jahr 2009 den Endkampf gegen die Terrororganisation „Tamil Tigers“ im Norden der Insel führte.  Hunderttausende Menschen wurden durch die heimtückische Strategie der Führung in vermeintlich sichere Schutzzonen gelockt. Offenbar war von vornherein geplant, diese Sammelstellen unter Feuer zu nehmen. Etwa 40 000 Zivilisten verloren durch den Artilleriebeschuss ihr Leben.
Ein Massenmord an Frauen, Kindern und Alten war in unserer Jugend für viele – auch uns - ein Grund gegen den Krieg in Vietnam zu protestieren: Das Massaker von My Lai. Amerikanische Soldaten hatten dort 503 Dorfbewohner umgebracht. Das Bekanntwerden des Verbrechens führte zu einer Wende in der öffentlichen Meinung zum Krieg. Immerhin kam der verantwortliche Offizier später vor Gericht und wurde bestraft.
40 000 ermordete unbewaffnete Zivilisten, das ist 80-mal My Lai, oder, um ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte zu nehmen, fünfmal Srebrenica. In Deutschland las man 2009 zwar davon, dass im Norden Sri Lankas ein fürchterlicher Endkampf gegen die Terroristen stattfindet. Auch von zivilen Opfern war die Rede, die zwischen die Fronten geraten seien. Was wirklich abgelaufen ist, deckte jedoch jetzt erst die britische TV-Reportage auf.
Der Film zeigt vornehmlich Handy-Aufnahmen von Augenzeugen, die während oder nach den Einschlägen filmten, was um sie herum passierte. Er kombiniert das mit so genannten Trophäen-Bildern, die von Tätern aufgenommen wurden. Der Regierung Sri Lankas gelang es, zwei Jahre lang ihre Kriegsverbrechen vor der Welt zu verbergen. Tausende Deutsche machten seit 2009 Urlaub an den Palmenstränden im Süden der Insel.
Die erfolgreiche Vertuschung war möglich, weil das Militär die letzten UN-Beobachter wegschickte, mit der Begründung man könne ihre Sicherheit nicht mehr garantieren. Als sie abzogen, gab es keine ausländischen Zeugen mehr und der Massenmord begann. Auch dies eine traurige Parallele zu Srebrenica und zu Ruanda.

Die Channel 4 Dokumentation „Sri Lanka’s Killing Fields“ kann man hier ansehen:
http://srilanka.channel4.com/index.shtml
(Bitte den Altersvorbehalt ernst nehmen. Kinder und Jugendliche sollten diese Bilder keinesfalls sehen!)

Erschienen in DIE WELT am 04.11.2011

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