Ich war noch keine zwölf, als ich von Elvis' Tod erfuhr. Nicht lange zuvor war im Fernsehen ein Doppelalbum mit seinen größten Erfolgen beworben worden. Die Mutter eines Freundes erklärte uns Grünschnäbeln mit wichtiger Miene, dass Elvis der größte und beste Sänger überhaupt sei. Das war eine Ansage. Vielleicht deshalb oder auch, weil meine Mutter sein „Kiss Me Quick“ immer so mochte, berührte mich sein überraschender Tod mit einer sonderbaren Intensität.
Ich glaube, ich habe sogar geweint. Geweint um jemanden, von dem ich gar nichts Näheres wusste, außer, dass er offenbar etwas ganz Besonderes gewesen sein musste. Und da ich eine großzügige Tante (eigentlich Großtante) hatte, die mir immer etwas Geld zusteckte, konnte ich in den Plattenladen gehen und Elvis-Platten kaufen. Die gab es nach seinem Tod zum Schleuderpreis.
Neben dem seinerzeit aktuellen Album „Moody Blue“ und dem Soundtrack zum Western „Flaming Star“, erstand ich auch eines, auf dessen Cover in großen pinken und grünen Lettern der Name „Elvis Presley“ prangte. Er selbst war darauf in schwarzweiß abgebildet, wie er gerade tranceartig singt und seine Gitarre schlägt (nicht zer-schlägt wohlgemerkt; darauf sollte erst die Punkband The Clash kommen, die das Coverdesign für ihre Doppel-LP „London Calling“ übernahm).
„Vor Elvis gab es nichts“
Ohne es zu ahnen, war mir Elvis' legendäres Debütalbum ins Netz gegangen, das jetzt im März unfassbare siebzig Jahre alt wird. Erst einige Zeit später sollte mir bewusst werden, was es damit auf sich hatte. Ich glaube, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass dieses Album das wichtigste in der gesamten Geschichte der Rockmusik ist. Es hatte damals erst läppische zwanzig Jahre auf dem Buckel. Und es war auch nicht so, dass Elvis damit den Rock'n'Roll erfunden hätte.
Bill Haleys „Rock Around the Clock“ war bereits zwei Jahre davor erschienen. Und es gab auch schon Fats Domino, Chuck Berry, Little Richard, Carl Perkins, Gene Vincent und Jerry Lee Lewis. Aber Haley war als 30-Jähriger auch nicht mehr ganz frisch, und den anderen fehlte wohl das „gewisse Etwas“ – oder sie waren schwarz, was im damaligen Amerika noch ein ernstzunehmendes Hindernis darstellte. In der Person Elvis Presley hingegen waren erstmals alle Ingredienzien vereint, die einen echten Rockstar ausmachen: Charisma, Talent, Stimme, Sex und Rebellion.
In niemandem zuvor verschmolzen all diese Dinge so perfekt, wie in dem begabten jungen Mann aus Memphis, Tennessee. „Before Elvis there was nothing“ hatte Beatle John Lennon einst angemerkt und meinte damit, dass Elvis für alle Angehörigen seiner Generation die Initialzündung gewesen war. Der Anfang aller Anfänge. Der Urknall der Rockmusik. Ohne ihn hätte es keine Beatles, keine Stones, keinen Bob Dylan und keinen Bruce Springsteen gegeben. Genauso wenig viele, viele andere.
Der Revoluzzer mit der Gitarre
Elvis war der Katalysator, der die Jugendkultur zur tonangebenden gesellschaftlichen Strömung machte. Und er war die Blaupause für alles, was noch kommen sollte. Dabei schrieb er seine Songs nicht einmal selbst. Aber er sang sie so, als wären es seine eigenen. Und er verhalf der Gitarre zu ihrem Siegeszug, indem er das Klavier bei seinen Interpretationen von Stücken von Little Richard oder Ray Charles durch sein rhythmisches Schrammeln ersetzte.
Elvis war der Junge mit der Gitarre, der in unzähligen heranwachsenden Jünglingen das Verlangen weckte, ihm nachzueifern. Sein Einfluss auf die Geschichte der populären Musik kann gar nicht überschätzt werden. Sein Look, sein Sound und vor allem seine körperbetonte Show waren seinerzeit revolutionär und stellten eine unerhörte Provokation für die spießige amerikanische Mittelschicht dar.
Die als Race Music bezeichneten Musikstile der Schwarzen waren in den dominanten weißen Milieus verpönt – insbesondere bei den älteren Generationen. Es ist heute nur schwer nachvollziehbar, aber Elvis klang schwarz. Und nicht wenige waren überrascht zu erfahren, dass er weiß war. Als jemand, der 1935 in Tupelo, Mississippi geboren wurde und in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, kam Elvis schon früh in Kontakt mit der Kultur der schwarzen Bevölkerung.
Hillbilly und Muttersöhnchen
Als Kind spielte der kleine Elvis mit den schwarzen Nachbarskindern und besuchte regelmäßig afroamerikanische Gottesdienste, wo er die Gospelmusik kennenlernte. Oder er schlich heimlich im schwarzen Vergnügungsviertel Tupelos umher, wo er das erste Mal den Blues hörte. All das hinterließ tiefe Eindrücke bei dem aufgeweckten Jungen – wie auch die Country-Musik eines Hank Snow, Jimmie Rodgers oder Bob Wills, der er aufmerksam im Radio lauschte.
Ende der 40er Jahre zogen die Presleys nach Memphis. In der neuen Schule wurde Elvis von seinen Mitschülern als Hillbilly und Muttersöhnchen gehänselt. Obgleich er schon etwas Gitarre spielte und dazu sang, sprach ihm sein Musiklehrer jegliche Befähigung ab. Elvis aber war besessen von Musik und nahm Gitarrenstunden bei einem Nachbarn. Und damit auch das Outfit stimmte, ließ er sich Koteletten wachsen, färbte sich die Haare schwarz und stylte sie nach hinten.
So präsentierte er sich dann bei einem Talentwettbewerb, wo ihn auch viele seiner Mitschüler sahen. Danach war nichts mehr wie zuvor, erinnert sich Elvis in einem Interview. Mit einem Mal war er der Star seiner Schule. Nachdem er im Sommer 1953 die High School abgeschlossen hatte, verdingte er sich in verschiedenen Jobs. Zusätzlich verdiente er sich etwas Geld mit seiner Gitarre durch Auftritte bei Schüler- und Studentenpartys.
Der neue Rockabilly-Sound
Gegen Mitte der 50er Jahre fand der junge Musiker in Sam Phillips vom Memphis Recording Service (später Sun Records) einen ersten Förderer. Phillips betrieb ein kleines Tonstudio, in dem Elvis schon ein paar Aufnahmen und Acetate als Geschenke für seine Mutter hatte herstellen lassen. Um ein größeres Publikum erreichen zu können, war Phillips stets auf der Suche nach weißen Sängern, die den Sound der schwarzen Musik authentisch reproduzieren konnten.
Beeindruckt von Elvis' Präsenz und Stimme machte ihn Phillips mit dem Gitarristen Winfield „Scotty“ Moore und dem Kontrabassisten Bill Black bekannt, um ein neues Aufnahmeprojekt anzustoßen. Die Proben liefen zunächst zäh und brachten nicht das von Phillips erhoffte Ergebnis. Doch als Elvis spontan „That's All Right“ des Blues-Sängers Arthur „Big Boy“ Crudup anstimmte und Black dazu mit einem perkussiv-klatschenden Slap-Bass einstieg, während Moore verspielt seine Gitarre zupfte, war er plötzlich da ...
Der Sound, den Phillips gesucht hatte: Eine Mischung aus schwarzem Rhythm & Blues und weißem Hillbilly-Country, die schon bald auf den Namen „Rockabilly“ getauft wurde. Phillips beeilte sich, die Session mitzuschneiden, und fertigte eine Schallplatte an, die er umgehend einem befreundeten Radio-Disc-Jockey in die Hand drückte. Die Reaktion der Hörer war umwerfend. Die Telefonleitungen des Senders liefen heiß. Alle wollten wissen, wer dieser neue Sänger war.
Colonel Tom Parker
Befeuert durch den Erfolg von „That's All Right“ spielte sich Elvis mit seinen Blue Moon Boys, wie sich die Band inzwischen nannte, durch sämtliche Clubs und Venues der Südstaaten. Zwischenzeitlich war noch der Schlagzeuger D. J. Fontana hinzugekommen, der ihrer Musik den nötigen Drive verlieh. Wegen Elvis' energiegeladener Bühnenshow, bei der er aufreizend seine Beine und Hüften schwang, kam es immer öfter zu tumultartigen Reaktionen, insbesondere beim weiblichen Publikum.
Das war auch einem gewissen Tom Parker nicht entgangen. Der Promotor und Musikmanager mit Spitznamen „The Colonel“, der bereits die Geschicke von Hank Snow und Eddy Arnold lenkte, musste Elvis nicht lange überzeugen. Parkers erster Schritt bestand darin, eine große Plattenfirma zu finden, die auch bereit war, Elvis von Sam Phillips freizukaufen. Parker fädelte einen Deal zwischen dem RCA-Label und Sun Records ein, bei dem Phillips mit seinerzeit geradezu obszönen vierzigtausend Dollar abgefunden wurde.
Als nächstes musste ein Hit her. Aus den ersten Aufnahmesessions bei RCA ging mitunter das launische „Heartbreak Hotel“ hervor, das entgegen aller Bedenken als Single ausgewählt wurde und Ende Januar 1956 auf den Markt kam. Jetzt musste der Song nur noch richtig promotet werden. Hierzu organisierte Parker für Elvis und seine Band eine Reihe von Auftritten in den führenden Unterhaltungsprogrammen des US-Fernsehens.
King of Rock'n'Roll
Elvis' TV-Auftritte sorgten für Furore. Begeisterte Teenager auf der einen Seite, empörte Eltern, Lehrer und Kirchenvertreter auf der anderen. Die Proteste gegen seine hüftschwingende Performance führten dazu, dass er bei seinem zweiten Gastspiel in der beliebten Ed-Sullivan-Show nur noch von der Hüfte aufwärts gefilmt werden durfte. Ganz Amerika sprach von „Elvis the Pelvis“ (medizinisch für Becken) – die perfekte Promotion!
Parkers Plan ging auf: Im April stand „Heartbreak Hotel“ an der Spitze der US-Charts. Mit weit über einer Million Exemplaren wurde es zur meistverkauften Single des Jahres 1956. Kurz zuvor war Elvis' Debütalbum erschienen, das sich im Laufe des Jahres ebenfalls zur bis dahin mit Abstand am besten verkauften Langspielplatte von RCA mauserte. Damit das Album schnell herausgebracht werden konnte, wurden sieben der neuen Stücke einfach mit fünf alten Sun-Aufnahmen ergänzt.
Neu hinzugekommen waren auch die Coverversionen von Carl Perkins' „Blue Suede Shoes“ und Little Richards „Tutti Frutti“, die zu so etwas wie Erkennungsmelodien des frühen Elvis wurden und seinen Ruf als King of Rock'n'Roll zementierten. „AWopBopaLooBopALopBamBoom“. Die Zeit war gekommen. Der König bestieg seinen Thron. Und der größte Pop-Traum der Musikgeschichte konnte beginnen, Wirklichkeit zu werden.
Beitragsbild: Uncredited via Wikimedia Commons (Bearbeitung Achgut.com)

Elvis arbeitete klassisch. Die Präsentation wurde eben auf ein neues Niveau gesetzt.
Oh ja, Elvis, mein Teenagertraum! Als erste Handlung nach dem Austehen: Ab zum Radio, „AFN“ suchen und Elvis hören (mit der familiären Begleitmusik: Stell das Radio leise, diese schreckliche „Negermusik“). Bill Haley ? Nö, fett mit Schmalzlocke – ging nicht für uns, damals. Little Richard war schon besser (besonders, wenn er auf dem Flügel tanzte, da konnten unsere „Alten“ sich so schön aufregen). Aber Elvis brachte beides: Er konnte kreischen (Hound Dog) und säuseln (Love me Tender). Er war die Erfüllung unserer Träume. Aber seltsamerweise habe ich nie eine Platte von ihm gehabt, obwohl ich immer noch fast alle seine Songs auswendig kenne. Ich rätsele noch heute, wieso eigentlich!
Auch auf mich hat Heino einen Eindruck gemacht. Der sang schon, als ich noch unter dem Tisch spielte und nun singt er immer noch. Und Heintje. A mai der Heintje. Und Ich las gerade Fury. Im Fernsehen konnte ich den edlen Gaul nicht sehen, weil wir keinen Fernseher hatten. Schwarzbraun ist die Haselnuss…. Deutschlandfunk 18:15 MEZ. Einhunderteinundfünfzig Kilohertz, oh wie viele Meter waren das gleich. Eintausendneunhundertfünfundachtigkommaacht? Das war die Alternative zu Radio Moskau. Und Meisjes met rode haren von Arne Jansen. Angeblich 1972, aber ich habe es garantiert 1969 schon gehört. Melvis Presby. Der sang immer englisch. Das verstand ich nicht gut. Meine Güte, der Elvis. Jetzt ist er schon 70. Später bin ich immer auf Busreisetouren als Elvis aufgetreten und als Stivie Wonder. Man glaubt gar nicht, wie schwierig es ist, einen Blinden überzeugend zu spielen. Und dann auch noch Heizdecken verkaufen und beim Preis nicht beschissen werden … Ich hätte es so einfach haben können, mit Heino und Heintje. Gut, Heintje, war zwei Oktaven zu hoch. Naja, nun ist es halt so. Nun sind sie halt da. Und die Vicky Leandros auch. Gus Backus, Bohnen in die Ohrn. Der Waaahnsinn! Gary Glitter. Deutsche Schlagerhitparade: Conny Froboess, zwei kleine Italiener, und Freddy Quinn. Hundert Mann und ein Befehl. Noch in Sütterlin geschrieben. Meingott, damals wollte ich um jeden Preis ein Tonbandgerät haben, aber keiner schenkte mir eins. Ich bekam nur von den älteren Herrschaften aus der Umgebung immer die Volksempfänger geschenkt, VE301W mit Dreifachröhre. Damals entwickelte man beim DX Empfang noch feinmotorische Fähigkeiten. Europawelle Saar und 208! Später 220. Abends, wenn kein Gewitter in 500km Umkreis war. Aber ich bekam auch einen Eigenbau mit einer Wehrmachtssenderöhre. Hätten die das mal nicht gemacht. Aber die Vorbesitzer hatten ja nie hineingesehen.
Ja, das waren noch Erlebnisse, die gibt es heute nicht mehr. Das war live.
danke für den artikel und dass hier auch platz für popkulturelle themen ist!
ich habe nie verstanden, warum elvis für rock&roll; steht, der hauptteil seines werkes hat damit nix zu tun und den grossen rebellen kann ich auch nicht erkennen, wenn man z.b. seine schmalzigen filme sieht.
auf little richard trifft das alles viel mehr zu, er war ein echter rebell und rocker.
damit will ich elvis nicht schmälern, sein einfluss war riesig und er war DIE männliche ikone des 20. jahrhunderts, marilyn monroe das weibliche gegenstück.
elvis war knete in den händen des colonels, eine tragische, ausgebeutete figur, was seinen frühen tod verursachte, er wurde wie eine zitrone ausgequetscht und hat viel mitgemacht, auf das er keine lust hatte.
warum hat er nicht mal nein! gesagt???? kompromat???
das ist natürlich extrem spekulativ, aber seltsam war das schon…oder war er dann süchtig nach dem erfolg???
der colonel war auf jeden fall eine dubiose figur…
unbekannt ist, das elvis vom okkulten fasziniert war, er hatte ca. 2000 bücher zu dem thema und stapelweise auf seinen tourneen dabei, manche sagen sogar, dass er eine art heiler war, es gibt ein interessantes buch darüber, „occult elvis“.
Das Merkwürdige bei diesen Superlativen „Er war der Erste oder sie waren die Ersten …“ ist immer das, dass es dann doch schon ein Zuvor gab. Bei Elvis in weißer Form eben Bill Haley. Aber der war halt eben nicht so richtig, weil halt irgendwie schon zu alt. Und Berry, Richard und Andere waren dafür vielleicht schon irgendwie zu schwarz. Bei Elvis passte dann alles: Alter, Hautfarbe und auch sonst so. Bei Heino war es genauso: Er war der Erste, ja, sogar der one and lonely only, der es geschafft hat, bei Dieter Thomas Heck mit „Ja,ja, so blau, blau, blau blüht der Enzian“ in die Hitparade zu kommen. Zugegeben: Das Ding gab es vorher schon als Volkslied, aber irgendwie nicht so richtig und irgendwie auch nur so nazimäßig oder so. Vor Heino gab es gar nix! Der deutsche Großvater des siebenfachen Grammy-Preisträgers Beck musste bei seinen Besuchen in Amerika immer etwas ganz Besonderes im Gepäck haben, denn der kleine Beck fragte stets mit Funkeln in den Augen: „Opa, hast du wieder Heino-Platten mitgebracht?“ – „Heino war sein Gott“, so der Opa über den Weltstar.