Heuer dürfen die Verbliebenen der revolutionären 68er-Aktivdienstgeneration selbstzufrieden ihr 50-Jähriges feiern. Es hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass der damalige Aufstand trotz gelegentlichem Überborden eine insgesamt heilsame und befreiende Reaktion auf erstickende Machtverhältnisse in Familien und Schulen war, auf eine verklemmte Sexualmoral, auf einen ungerechten Krieg im fernen Vietnam. Doch dies ist die veredelte, sich selbst schmeichelnde Geschichtsversion der Sieger, die nach ein paar wilden Jugendjahren die meinungsbildenden Positionen in Kultur, Medien, Geisteswissenschaften übernehmen sollten.
Sie blendet andere, verstörende Aspekte aus, wie zum Beispiel die Verherrlichung vieler 68er von Gewalt als legitimem politischem Mittel und die Faszination für die übelsten totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts. Besonders das maoistische China genoss die Sympathien rebellierender Nachwuchsakademiker. Porträts von Mao wurden an Demonstrationen stolz mitgetragen, sein Konterfei hing in vielen Wohngemeinschaften, und es formierten sich überall in Europa sektenartige Parteien, in denen man im Dienste der Weltrevolution die Schriften des „großen Steuermanns“ studierte, und in denen die geforderte Unterwerfung und Linientreue rigoroser war als in jeder der kapitalistischen Einrichtungen, die von den 68ern als autoritär kritisiert worden waren.
Der Große Sprung
Zur gleichen Zeit herrschte im realen China das Chaos. Zehn Jahre zuvor hatte Mao seinem Reich das Entwicklungsprogramm „Der Große Sprung nach vorn“ verordnet. Millionen Bauern wurden enteignet und in Volkskommunen zusammengefasst, und eine rasche Industrialisierung wurde forciert. Das Experiment endete in einem historischen Desaster. Mindestens 42 Millionen Chinesen verhungerten.
Die Katastrophe hatte sich früh angekündigt und hätte verhindert werden können. Aber Mao weigerte sich, seinen Kurs zu ändern. Er fürchtete, damit sein Prestige zu verlieren. Trotzdem war seit dieser Zeit seine Position als roter Kaiser geschwächt. Um seine Gegner zu vernichten, lancierte er Ende der Sechzigerjahre die „Große proletarische Kulturrevolution“. Er rief die Jugend auf, die „Agenten der Bourgeoisie“, die sich „überall eingeschlichen“ hätten, zu eliminieren. „Zerschlagt die Vier Alten“, hieß eine der Parolen. Damit waren traditionelle Denkweisen, Bräuche, Kultur und Sitten gemeint. Gleichzeitig initiierte Mao einen gigantischen Personenkult.
Millionen von Jugendlichen, die „Roten Garden“, machten sich auf und marodierten für ihren „großen Führer“ durch die Lande. Sie verbrannten Bücher, zerhackten Instrumente, zerschnitten Gemälde, schlugen Buddha-Statuen den Kopf ab. Sie erniedrigten, quälten, töteten in aller Öffentlichkeit „Ratten“ – so nannten sie Lehrer, Künstler, Wohlhabende, die „Klassenfeinde“. „Wir müssen brutal sein“, gelobten sie. „Denn Feinfühligkeit gegenüber dem Feind bedeutet Brutalität gegenüber der Revolution.“
Zwei Millionen Tote
Die Terrorkampagne forderte bis zu zwei Millionen Tote und vernichtete unersetzbares Kulturgut. Aber sie hatte Maos Macht gerettet. Seine Gegenspieler waren ausgeschaltet, er konnte den zertrümmerten Parteiapparat unangefochten übernehmen. Als sich die verwilderten Rotgardisten weigerten, zurück in die Schulen zu gehen, schickte Mao die Armee los, und viele der Jugendlichen wurden hingerichtet. Sie waren für den eiskalten Machtmenschen nutzlos geworden.
Im Zusammenhang mit dem 50er-Jubiläum hob im Online-Magazin Infosperber eine Kunstdozentin „eine der großen Errungenschaften von 1968“ hervor, nämlich „die Anwendung der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, die uns im Fortgang mit der Foucaultschen Diskursanalyse gelehrt hat, den doppelbödigen Diskurs der Macht zu lesen und zu enttarnen“.
Als ein guter Teil der 68er-Rebellen mit Plakaten von Mao durch die Straßen rannte, waren die Ereignisse in China weltweit bekannt. Es brauchte kein Studium der „Foucaultschen Diskursanalyse“, um bei Figuren wie dem „großen Vorsitzenden“ den „doppelbödigen Diskurs der Macht“ zu bemerken. Es wäre spannend, von den damaligen Jungakademikern selber zu erfahren, warum sie trotzdem einem der größten Menschheitsverbrecher huldigten. Aber bis jetzt haben die sonst so Geschwätzigen geschwiegen.
Zuerst erschienen in der Basler Zeitung
Beitragsbild: Raimond Spekking CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Natürlich sind die 68er als Antirassisten oder Antifaschisten genauso glaubwürdig wie Mao selbst. Aber man muss eben nur anderen Autoritarismus, Vorurteile, Militarismus, Rassismus vorwerfen & schon werden viele Leute sagen - das muss doch ein Heiliger sein? Das ist eben der große Denkfehler: Jemand, der die Gewalt & Intoleranz von anderen kritisiert, muss keineswegs selbst tolerant & friedfertig sein.
Sie huldigten, und huldigen noch, großen Menschheitsverbrechern, weil gerade die von ihnen, die den Sozialismus bzw. Kommunismus verstanden haben, wissen, dass Gewalt ein inhärentes und notwendiges Merkmal dieser Ideologie ist. Ebenso die Diktatur. Denn anders lässt sich Ergebnisgleichheit unter Menschen, die von Natur aus alle verscheiden sind, gar nicht herstellen. Der links denkende Mensch ist, ob er es weiß oder nicht, ein Menschenhasser, denn der Mensch wird als durch und durch böses Wesen begriffen, das - sich selbst überlassen - nur danach strebt andere Menschen auszubeuten und zu unterdrücken. Daher ist ihm nur mit strenger Gewalt beizukommen. Alle Wege des Sozialismus führen deshalb in die Massensklaverei.