Nein, mit den blöden Gutmäusen hatten wir nie was am Hut. Geschweige an der Matrosenmütze. Micky, dieser penetrante Grinser und Minnie, die blöde Tusse mit der Haarschleife, sie gingen uns immer auf den Zwieback mit ihrer ostentativen Harmlosigkeit. Auch Goofy, gähn, riss uns nicht von der Schulbank.
Hingegen Donald Duck, c/o Entenhausen alias Duckburg: was für ein Charakter! Faultier in der Hängematte, Anarchist, Charmeur, Wüterich. Halbschlau, angeberisch, selbstgefällig, hochtönend. Dann wieder zu Tode betrübt, hadernd mit aller Welt („Weh mir Armen! Welch schrecklich Unheil dräuet mir!“) ob des Pechs, das an dem Unglücksvogel klebt. Sinnierend, mit Blick auf den Fluss: „Wie das rinnt und rieselt! Dahin, dahin! So zerrinnen Träume, so verrauscht das Glück!“ Ein Manisch-Depressiver, der nach jedem Niederschlag trotzig den Bürzel schüttelt und frisches Chaos stiftet.
Wir haben ihn geliebt und tun es noch heute - Donald und seine verrückte Bagage. Onkel Dagobert zum Beispiel (im Original: Scrooge McDuck), der reiche Knicker, der seinen Underduck Donald knechtet, während er sich selber im Taler-Pool suhlt. Beileibe kein klassischer Kapitalist, eher die anatidaeische Version des analen Horters.
Dann Daniel Düsentrieb aka Gyro Gearloose, der Allround-Erfinder mit dem „Helferlein“-Syndrom. Gustav Gans (Gladstone Gander), der dreiste Glückspilz. Daisy, Donalds kapriziöse Dauerverlobte, vor der er gern den dicken Max macht und dabei grandios auf dem Schnabel landet. Und schließlich Donalds Neffen Tick, Trick und Track (Huey, Dewey und Louie), die den Onkel oft bis zur Weißglut triezen. Ach du lieber Donald! Du hast schon früh die dunklen Seiten des Alleinerziehens aufgezeigt.
Als der größte Erpel aller Zeiten nach Deutschland kam, war das Geschnatter groß. Vor sechzig Jahren, im August 1951, erschien in Stuttgart das erste Micky-Maus-Heft in deutscher Übersetzung. Es enthielt „Bildstreifen“, wie Comic strips genannt wurden, unter anderem mit Donalds Abenteuern. Seine Neffen, drei kleine Klugscheißer, postulierten da: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr.“ Deutschlands Kids waren hingerissen. Elterndeutschland war empört.
Nicht lange, und eine Phalanx aus Braungebliebenen, Moralhaubitzen und hysterischen Paukern feuerte aus allen Rohren gegen den „Bild-Idiotismus“. Gemeint waren die Comics, nicht die Zeitung.
„Junge Leute können sich das heute unmöglich vorstellen“, lächelt Elke Schickedanz. Sie arbeitet beim Jugendverlag Ehapa, in dem Donalds Abenteuer von jeher auf deutsch erscheinen. Zum Jubiläumsjahr hat sie vergilbte Zeitungsausschnitte aus dem Archiv gehoben, die den erbitterten Kulturkampf um Entenhausen spiegeln. Wie Nietenhosen und „Negermusik“ waren Comics schon deshalb verpönt, weil sie aus dem vermeintlich kulturlosen Amiland kamen. Der „Spiegel“ entblödete sich nicht, Comics als „Opium der Kinderzimmer“ zu schmähen. In Hilpertstein boykottierten die Bürger Geschäfte, die „Schmutz- und Schundliteratur“ führten. Würg.
Es ging nicht nur gegen Disney. Auch „Tarzan“, „Akim“, „Sigurd“ und andere Bilderhefte standen auf der Shit-Liste. Bei Umtauschaktionen konnten Kinder Comics gegen Gutscheine tauschen, die „zum Empfang guten Schrifttums berechtigten.“ Reiher.
Das eingesammelte Sprechblasengift wurde „sofort vernichtet“. Manchmal katalogisiert, um „es der Öffentlichkeit nutzbar zu machen.“ Die Bücherverbrennungen und Ausstellungen von „entarteter Kunst“ winkten munter aus jüngster Vergangenheit herüber.
Keine Frage, die Fünfziger waren ein schlimmes Jahrzehnt, lifestylemäßig. Der Kommisston in den Schulen, die Sekundärtugendwächter in den Amtsstuben und Redaktionen. Die Haare der Männer hochgeschoren, alles noch halb auf Wehrmacht getrimmt. Donald & Co. brachten etwas Lockerheit in den verklemmten Laden. Was prompt als „Wortgestammel“ und „Stottern und Lallen“ denunziert wurde. Solche „Peng-Wörter“ würden unweigerlich zur „Verblödung“ führen, fand der Jugendschriftenausschuss in Hof/Saale.
Vor allem der Erikativ („grummel“, „schluck“, „stöhn“, „grübel“, „murmel, murmel”, „blah blah“, „gulp“, „grmpf“), benannt nach der sehr deutschen, sehr freien Donald-Übersetzerin Erika Fuchs, erregte Anstoß. Dass ihre kühnen, lautmalerischen und manchmal frech geklauten Wortmalereien („Klickeradoms!“) noch den Kindern von Apple und Nintendo selbstverständlich über die Lippen kommen würden, mussten die Wortblockwarte von einst leider nicht mehr erleben.
1951, im deutschen Antrittsjahr der Ente, wurde auch das Goetheinstitut gegründet, welches heimisches Kulturgut nach draußen trug. Doch der Comic-Import aus USA erwies sich als mindestens so wirkungsmächtig. Den Konjunktiv jedenfalls lernte unsereins eher in Entenhausen als auf der Penne.
„Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“, so geht ein Evergreen aus dem Hause der promovierten Frau Fuchs, deren Mann Ingenieur war. Die Dame verballhornte gnadenlos Klassiker (ein Taucherunternehmen heißt „Knappersmann und Ritt“), kreierte unvergessliche Namen (Krachmaninoff der Komponist) und baute Gags bis hart an die Geschmacksgrenze (der Abbruchunternehmer Alfons Blitzkrieg wirbt mit dem Spruch „Da bleibt kein Stein auf dem anderen“). Fuchsens Sprachblumen leuchteten viel bunter als die englischen Sprechblasen des Donald-Zeichners Carl Barks. Der, und nicht Walt Disney, hatte den kompletten Kosmos von Entenhausen erschaffen.
Und wir? Haben mit Donald, Dagobert und den Kindern Amerika und die ganze Welt bereist. Gelernt, dass man wann immer möglich seine Siebensachen in ein Cabrio schmeißen und sich in die Wälder verdrücken soll. Wo man wilde Sachen erleben, schräge Vögel treffen und sich tolle Tricks beim „Fähnlein Fieselschweif“ abgucken kann.
Und weil wir Donald viel verdanken, müssen wir ihn mal gegen Verblasenheiten in Schutz nehmen. Wie den Bullshit gewisser Donald-Exegeten, die in unserem allerliebsten Wirrkopf „das unglückliche Individuum“ zu erkennen wähnen, „das die Soziologie der Massengesellschaft beschrieben hat: den Menschen als Kopie seiner selbst, der außengeleitet ein Leben aus zweiter Hand führt.“
IIIEEEKS! KARAISCH!!
Sagen wir lieber so: Donald, alter Schnatterich! Es gibt nicht viel zu lachen in Merkelhausen. Bleib uns bitte noch recht lange erhalten!
(erschienen im stern 31/2011)