50 Jahre „Tapestry“ von Carole King und der Heilige Gral des Songwritings

Von Hans Scheuerlein.

Wenn es überhaupt so etwas wie einen Heiligen Gral in der Popmusik gibt, dessen Besitz einen dazu befähigt, die schönsten Melodien zu komponieren, dann muss ihn Carole King gefunden haben. Und zwar schon in ihren jungen Jahren. King, die mit bürgerlichen Namen eigentlich Klein heißt, wuchs im jüdischen Viertel des New Yorker Stadtteils Brooklyn auf. Im zarten Alter von vier Jahren fing sie an, Klavier zu spielen. Bereits als Schülerin begann sie eigene Lieder zu schreiben. Und als sie achtzehn war, landete ein von ihr komponierter Song auf Platz 1 der US-Billboard Single-Charts. Den Text dazu schrieb ihr Kollaborateur (so nennt man das im Musikbusiness ganz unvoreingenommen) und späterer Ehemann Gerry Goffin. Gesungen wurde „Will You Love Me Tomorrow“ von der Girlgroup The Shirells. Das war im Januar des Jahres 1961. Es sollte der Beginn einer beispiellosen Karriere werden, in deren Verlauf Carole King zur erfolgreichsten Pop-Komponistin der Musikgeschichte aufsteigen sollte.

Zu Beginn der 60er Jahre trieben sich in Hamburg zwei halbstarke Jungs aus Liverpool herum, die davon träumten, ein berühmtes Songwriting-Duo wie Goffin-King zu werden. Ihre Namen waren John Lennon und Paul McCartney. Bekanntermaßen sollte sich ihr Traum mehr als erfüllen. Aber zuvor prägten Carole King und Gerry Goffin wie kaum jemand anderer den Sound der noch jungen Popmusik. Zusammen mit Bacharach-David, Weil-Mann und Greenwich-Barry gehören sie zu den großen amerikanischen Pop-Songwriting-Duos der Golden Sixties. Sie alle hatten ihren Arbeitsplatz im Manhattaner Brill Building am Broadway 1619, das durch ihren musikalischen Erfindungsreichtum zu einer der bedeutendsten Hit-Fabriken der amerikanischen Musikindustrie avancierte. Dort schuf Carole King auch ihre nicht totzukriegenden Ohrwürmer wie „Take Good Care Of My Baby“ (Erstinterpret: Bobby Vee), „Crying In The Rain“ (Everly Brothers), „One Fine Day“ (The Chiffons), „Some Kind of Wonderful“ und „Up On The Roof“ (The Drifters) oder „I'm Into Something Good“ (bei uns besser bekannt in der Version von Herman's Hermits als in der Ur-Version von Earl-Jean).

Viele große und kleine Stars wollten jetzt ihre Lieder singen. Und einige wurden dadurch erst zu Stars. Besonders ans Herz gewachsen ist mir die bezaubernde Little Eva, die bei King und Goffin zunächst als Babysitterin arbeitete. Ihre Stimme und vor allem ihre Art, sich zu bewegen, inspirierte die beiden zu einem Song, den sie ihr anboten, selbst im Studio einzusingen. „The Loco-Motion“ stürmte die Charts im Nu und wurde Nummer 1. Und wie das damals so üblich war, durfte Little Eva dann gleich das ganze Goffin-King-Songbook singen, was zu einigen der schönsten Interpretationen deren Lieder führte. Auch die Versionen von „Goin' Back“, „No Easy Way Out“ und „Some Of Your Loving“ der engelsgleichen Dusty Springfield oder das fantastische „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“ von Soul-Queen Aretha Franklin gehören zu den absoluten Highlights im Katalog des genialen Songwriting-Duos.

Über hundert Kompositionen in den Top 100 der US-Billboard-Charts

Eine eigene Version der letztgenannten Songperle befindet sich auch auf Carole Kings zweitem Solo-Album „Tapestry“, das vor fünfzig Jahren im Februar 1971 erschien. Obwohl sie in den Sechzigern auch schon mal das eine oder andere ihrer Lieder selbst gesungen hat, beginnt sie erst nach der Scheidung von Gerry Goffin im Jahr 1968 und nach ihrem Umzug in die legendäre Musikerkolonie Laurel Canyon in Los Angeles eine eigene Karriere als Sängerin.

Während ihr erstes Solo-Album von 1970 kaum Aufmerksamkeit erregt, wird das im darauffolgenden Jahr veröffentlichte „Tapestry“ zu einem der meistverkauften Alben der Musikgeschichte. Mindestens die Hälfte der Stücke des Albums sind zu schier unvergänglichen Evergreens geworden. Songs wie „It's Too Late“, „I Feel the Earth Move“, „So Far Away“, „Beautiful“, „Where You Lead“ oder „You've Got a Friend“ werden noch immer täglich von Radiostationen weltweit in den Äther geschickt. Kings Ode an die Freundschaft wurde nicht nur etliche Male von anderen Künstlern gecovert – allen voran von James Taylor, dessen Version aus dem gleichen Jahr ein Nummer 1-Hit wurde –, sondern ist auch zur beliebten Spieluhren-Melodie geworden. Und ihr „Where You Lead“ kennt man als Titelmelodie der TV-Serie „Gilmore Girls“ (wer's kennt). Also, wenn eine Melodie, die man selbst komponiert hat, in einem Fußballstadion gesungen wird, in einer Spieluhr läuft oder als Titelmelodie für eine Fernsehserie verwendet wurde, dann hat man es wirklich geschafft.

Dass Carole King es geschafft hat, lässt sich auch daran ablesen, dass sich über hundert ihrer Kompositionen in den Top 100 der amerikanischen Billboard-Charts platziert haben. Mit weltweit mehr als fünfundzwanzig Millionen verkauften Exemplaren allein von „Tapestry“ führte sie über zwanzig Jahre lang die Liste der erfolgreichsten Solo-Sängerinnen an. Erst im Jahr 1992 wurde „Tapestry“ von Whitney Houstons Soundtrack zu ihrem Film „Bodyguard“ getoppt. Das im Zuge dessen zum Super-Hit avancierte „I Will Always Love You“ ist aber weder eine Eigenkomposition noch ein Original von Houston, sondern eine Coverversion von Dolly Parton, die den Song auch geschrieben und bereits 1974 veröffentlicht hat. Im Vergleich zu Whitney Houston ist Carole King – technisch gesehen – auch gar keine besonders gute Sängerin. Ihre Stimme klingt etwas knödelig, und sie muss sich merklich abmühen, die höheren Tonlagen zu erreichen. Aber ihre Versionen besitzen den Charme des Originals. Und natürlich schmälert das auch nicht im mindesten Art und Weise ihres Nimbus als erfolgreichste Songwriterin aller Zeiten. Diesen Heiligen Gral nimmt ihr so schnell keine und keiner.

 

YouTube-Link zum fulminanten Opener des „Tapestry“Albums „I Feel The Earth Move“

YouTube-Link zu einer Live-Aufnahme von „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“ im britischen BBC vom 10. Februar 1971, dem Tag der Veröffentlichung von „Tapestry“

YouTube-Link zu einer Live-Aufnahme von „You've Got A Friend“ im Duett mit James Taylor bei ihrem gemeinsamen Auftritt im legendären Troubadour in Los Angeles aus dem Jahr 2007

Foto: John Mathew Smith CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons

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Gerhard Legeland / 28.02.2021

Interessant ist auch noch, dass die Songs der beiden großartigen LPs, Tapestry und Blue von Joni Mitchell, beide im Januar 1971 im gleichen Studio auch zum Teil an gleichen Tagen aufgenommen wurden. James Taylor und der Schlagzeuger Russ Kunkel sind auf beiden LPs zu hören, Joni unterstützt Carole mit backing vocals, beide spielen auf dem gleichen Flügel. Blue erschien gut vier Monate später am 22.06.1971. Warum werden diese tollen Songs von Carole und Joni so gut wie nie im Radio gespielt? Viele junge Leute würden erstaunt sein, was für irre gute Musik vor 50 Jahren auch von Frauen gemacht wurde. Ich denke, viele junge Musikredakteure kennen vielleicht noch Carole, weil sie einige Hits geschrieben hat, aber Joni so gut wie überhaupt nicht. Es gibt auch nicht einen wirklich großen Hit auf ihren 20 LPs. Das es so ist, spricht eher für ihre Kunst. Ich hab sie Ende August auf der Isle of Wight erleben dürfen.

Günter Fuchs / 28.02.2021

Carol King und Garry Goffin waren schon ein kongeniales Songschreiber-Duo! Mir fällt in dem Zusammenhang das wunderschöne “When My Little Girl Is Smiling” (Original von den “Drifters” 1961) ein. Selbst nach 60-Jahren (!) läuft mir immer noch ein wohliger Schauer über den Rücken wenn ich diesen Song höre! Aber auch Goffin’s “It’s Not the Spotlight” ist hörenswert (Coverversion von den “Manhattan Transfer” auch hervorragend!)! Das ist zeitlos schöne Musik, die man immer wieder hören kann!

Dieter Kief / 28.02.2021

Oh - ok: Vor ein paar Jährchen noch wäre Thomas Gottschalk als Carole King Doppelgängerin einwandfrei durchgegangen. - Super Foto da oben, hehe.

Oliver Braun / 28.02.2021

Schöner Beitrag, habe “Tapestry” gleich wieder mal angeworfen. Ich musste allerdings beim Schlusssatz schmunzeln und daran denken, dass ein gewisser Taylor Doose ihr diesen Gral vor ein paar Jahren nahm. Zugegeben, nicht ganz ernst gemeint: In dem ansonsten gruseligen Gilmore Girls-Revival von 2016 (King spielte schon in der Originalserie während der Nullerjahre eine winzige Nebenrolle als Besitzerin des örtlichen Musikgeschäfts der Serien-Stadt Stars Hollow) versucht sie sich als Komponistin und wird vom Besitzer des örtlichen Supermarktes und Stadtverordneten Taylor Doose mitleidig beiseite genommen: Ihre Komposition sei leider nicht “catchy”.

Gabriele H. Schulze / 28.02.2021

Oh ja, Carole King! Winter 1971/1972 in Kalamazoo, Michigan. Meterhoher Schnee nach dem indian summer. Ein veteran, der einbeinig durch den Schnee stapfte. Viel, viel Musik. Gastfreundschaft. Ach Mann. Und im Verein mit Richie Havens und anderen sorgte Carole King für teures Übergepäck auf dem Rückflug. Unsterbliche songs!

RMPetersen / 28.02.2021

Ein schöner Beitrag. Gut, dass man damit für eine Weile alle die sch***  Meldungen vergessen kann. Mit Jahrgang 1948 habe ich wirklich eine glückliche Periode der Geschichte erwischt. Trotz Herkunft aus dem, was Soziologen wohl Unterschicht nennen, sowie schwierigen Familienverhältnissen war es möglich, Aufstieg und Gleichheit durch Leistung zu schaffen, so wie es die klassische Sozialdemokratie immer angestrebt hat. In den 60er Jahren wurde aus einem “so jemand gehört nicht in ein Gymnasium” der reaktionären Oberschichtler eine durchlässige Gesellschaft. Für Menschen meines Jahrgangs gab es keine Reisebeschränkungen in die Sahara oder bis nach Indien, man konnte sich mit Jobs in den Semesterferien das Kleingeld dazu erarbeiten. Allerdings: Wenn man am Semesterende seine Bescheinigungen über bestandene Zwischenprüfungen nicht vorzeigen konnte, war die Studienförderung schnell perdü. So etwas motiviert ... Faullenzen konnten sich nur die Söhne und Töchtern aus reichen Elternhäusern leisten.) Das war der soziale Hintergrund für meine Musikwahrnehmung. Schon in der Schule differenzierte sich: Beatles oder Stones?  Dann: Amerikanische oder englische Pop-/Rockmusik? Der schwere Stuff von Frank Zappa oder die Who, Kinks? Dylan oder Fairport Convention?  Natürlich: Joni Michell, parallel dazu Leonard Cohen. Parallel dazu West Coast Pop Art Experimental Band. War echt schön, in den 60ern und 70ern.

Sabine Meyer / 28.02.2021

Lieber Herr Scheuerlein, vielen, lieben Dank fuer diese Erinnerung. Habe mir gleich “Tapestry” angehoert und war sehr geruehrt ueber all diese Lieder die ich so oft in meinen Teenagerjahren gehoert habe.  Bei “you’ve got a friend” rollen dann die Traenen runter.  Carole King ist auch jetzt noch, mit 79, aktiv.  Sie hat im Oktober 2018 eine neue Version ihres Songs “One” herausgebracht.

Jochen Selig / 28.02.2021

Stimmt, hat schöne Sachen gemacht.

Bechlenberg Archi W. / 28.02.2021

Oh Mann… Schon wieder etwas 50 Jahre her. Die Gnade der frühen Geburt: ich kannte James Taylor bereits, als er noch so eine Matte wie ich hatte. Oder umgekehrt. Um nichts möchte ich diese Zeit missen. Mit der Tapestry LP, insbesondere “You’ve got a friend” konnte ich damals ein Mädchen beeindrucken, das mir bis dahin als unerreichbar erschienen war. Unter “James Taylor & Carole King - You’ve Got A Friend (BBC In Concert, 11/13/71)” findet man aus dieser Zeit ein schönes Video, auch wenn man ihm darin seine damalige massive Heroinabhängigkeit ansieht. Taylor (der in knapp 2 Wochen 73 wird) ist selber ein großartiger Songschreiber, ich verweise hier auf sein einmalig schönes “Fire and Rain”, mit dem er seine Depressionen und Abhängigkeiten thematisierte. (Youtube: “James Taylor - Fire And Rain BBC In Concert, 11/16/1970)” P.S. Ich habe meine Matte bis heute bewahrt, während James… aber dafür kann er besser Musik machen als ich.

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