Von Hans Scheuerlein.
Leonard Cohens drittes Album „Songs of Love and Hate“ klingt nach Winter – wie im Prinzip auch schon seine beiden vorhergehenden Alben. Erschienen ist es aber dann doch erst in der zweiten Märzhälfte des Jahres 1971. Immerhin war es ein kalter und verregneter März vor 50 Jahren, der mit einer Durchschnittstemperatur nur knapp über dem Gefrierpunkt trotzig den Frühlingsbeginn verweigerte. Ich muss gestehen, dass ich ein Banause bin, was Leonard Cohen angeht. Ganz früher fand ich ihn immer stinklangweilig. Deswegen hat er mich auch nicht weiter interessiert. Wieder aufmerksam wurde ich auf ihn durch einen Freund, der in meinem Bekanntenkreis den Beinamen „Gralshüter des schlechten Geschmacks“ hatte. Schon in den 1980er Jahren hörte er ausschließlich Rap und war ein großer Bewunderer von Wrestling und B-Movies, vorzugsweise aus dem Splatter-Genre. Eines Tages erzählte er mir, dass er die neue Platte von Leonard Cohen gut fände. „Was? Du hörst Leonard Cohen?“ fragte ich überrascht und ungläubig. „Ja“, sagte er, schelmisch grinsend, „weil seine neue Platte klingt wie Amanda Lear.“ Das wollte ich natürlich hören. Und tatsächlich, als er mir das erste Lied vorspielte – es müsste „First We Take Manhattan“ gewesen sein, das in einem absolut billigen elektronischen Retortensound produziert war – drängte sich unweigerlich die Assoziation zu Disco-Trulla Amanda Lear auf. Während ich ihr „Queen Of Chinatown“ aber eigentlich gar nicht so übel fand, war ich von dem Stück von Cohen schon ziemlich irritiert und finde es bis heute noch ganz schlimm. Ich sagte ja bereits, ich bin ein Banause, was Leonard Cohen angeht.
Wenn ich wissen will, was es mit Musikern auf sich hat, deren Berühmtheit oder guten Ruf ich nicht verstehe, höre ich mir – lieber noch als ein Best-of – ihr erstes Album an. Das hat bei Bob Dylan schon prima funktioniert. Das Debüt-Album ist immer etwas Besonderes. In ihm spiegelt sich die Zeit vor dem ersten Plattenvertrag wider, in der der Künstler seinen Stil finden musste und wegweisende Entscheidungen zu treffen hatte. Außerdem stand ihm in der Regel mehr Zeit zur Verfügung, um sich einen Vorrat an Songs zuzulegen und ausgiebig daran zu feilen. Und nicht zuletzt lässt sich anhand des Erstlingswerks zurückverfolgen, was einmal das ganz Besondere an ihm gewesen war, das die Musikwelt – oder wenigstens ein paar Musikkritiker – auf ihn aufmerksam machte. Nicht selten ist daher das Debüt-Album eines der besten, wenn nicht sogar das beste im Portfolio eines Musikers oder einer Band. Auf jeden Fall strahlt es sehr oft eine besondere Kraft und Frische aus.
So habe ich es dann also auch mit der ersten Scheibe von Leonard Cohen probiert. Und siehe da, sein Debüt eröffnete mir tatsächlich einen ganz neuen Zugang zu seiner Musik. „Songs of Leonard Cohen“ von 1967, wie auch seine beiden Nachfolger „Songs from a Room“ (1969) und besagtes „Songs of Love and Hate“ (1971), lassen sich als ruhiger, dunkler, bisweilen düsterer Singer-Songwriter-Folk beschreiben, der eine ganz besondere, intime Atmosphäre zu erzeugen vermag. Das ist sicherlich in erster Linie Cohens sanftmütiger Stimme und seiner unaufgeregten Art zu singen geschuldet. Bestimmt auch der Tatsache, dass er sich auf einer Konzertgitarre mit Nylonsaiten begleitet und nicht, wie die meisten seiner Kollegen, auf einer Westerngitarre mit Stahlsaiten. Die dunkler klingenden Nylonsaiten verleihen dem Gesamtsound eine gewisse Wärme und Sanftheit. Überhaupt strahlt seine Musik etwas Beruhigendes aus. Etwas, das einen umschmiegt und streichelt. Die Texte mögen poetisch und bedeutungsvoll sein, aber für mich ist es alles nur purer Klang. Ich glaube, dass das etwas ist, das typisch für Cohen ist und nur ihm so gelingt. Es ist seine ganz individuelle, authentische Ausdrucksform, die ihn auch so einzigartig und unverwechselbar macht. Und das ist genau das, was die Menschen immer honorieren und was sie an einem Künstler schätzen und lieben.
So etwas wie der Abschluss einer Trilogie
Es gibt Songwriter, die viele ihrer Songs in weniger als einer Stunde geschrieben haben. Bob Dylan ist zum Beispiel so jemand. Andere arbeiten jahrelang an einem Song, bis sie schlussendlich damit zufrieden sind. So einer war Leonard Cohen. Für das auf „Songs of Love and Hate“ enthaltene „Last Year's Man“ beispielsweise hatte er, nach eigenen Angaben, ganze fünf Jahre gebraucht, um aus den vielen Strophen, die ihm dazu einfielen, die richtigen auszuwählen. Im Zuge dessen fiel die zwölfsaitige Gitarre, auf der er das Lied zu spielen pflegte, einem Wutanfall zum Opfer (kann man sich bei dem schwermütigen Softie gar nicht vorstellen). Nichtsdestotrotz gehört das Stück zu meinen Favoriten von Cohen. Zudem befinden sich mit „Avalanche“, „Famous Blue Raincoat“ und „Joan of Arc“ gleich drei weitere Cohen-Klassiker auf dem Album. Letzteres ist übrigens inspiriert von dem ersten deutschen Supermodel, It-Girl, Warhol-Muse und Sängerin Christa Päffgen, besser bekannt unter ihrem Pseudonym Nico, in die sich der junge, noch unbekannte Cohen während seiner Zeit in New York unglücklich verliebt hatte. Insgesamt ist „Songs of Love and Hate“ im Vergleich zu den beiden vorhergehenden Alben etwas aufwendiger produziert. Viele der Stücke wurden mit geschmackvollen Streicherarrangements versehen, die stets an den richtigen Stellen effektvolle Akzente setzen, die die ohnehin melancholische Grundstimmung zusätzlich unterstreichen. Und bei „Diamonds In The Mine“ wie auch bei der Live-Aufnahme „Let's Sing Another Song, Boys“, das im Jahr zuvor auf dem Isle of Wight-Festival aufgenommen wurde, zeigt er, dass er auch anders kann, wenn er will. So laut, so engagiert und mit solch kratziger Stimme hat man ihn selten singen gehört.
Während sich „Songs of Love and Hate“ in den USA schlechter verkaufte als seine beiden Vorgänger, war es außerhalb Nordamerikas Cohens bis dahin erfolgreichstes Album, mit dem er endgültig das Fundament für seine internationale Karriere legen konnte. In der Folgezeit begann er seine Musik zunehmend mit rhythmischen Elementen anzureichern oder gleich im Bandkontext umzusetzen. Somit bildet „Songs of Love and Hate“ so etwas wie den Abschluss einer Trilogie, die seine ersten drei Alben umfasst, die alle mit dem Wort „Songs“ beginnen und zusammengenommen als das in sich geschlossene Frühwerk des Kanadiers betrachtet werden können. Ich persönlich höre mir die frühen Sachen von Cohen an, wenn ich genau diese Stimmung erzeugen will. Da weiß ich genau, was ich bekomme. Es ist zwar immer die gleiche dunkle Farbe, mit der er seine düsteren akustischen Bilder malt, aber manchmal ist genau das das Richtige. Für mich vor allem an trüben Regentagen, insbesondere in den Herbst- und Wintermonaten, wenn die Sonne erst gar nicht versucht, die graue Wolkendecke zu durchdringen. Und wenn ich es mir recht überlege, finde ich ihn immer noch ziemlich langweilig. Aber mittlerweile verfüge ich über einen Begriff von gepflegter Langeweile. Und das kann etwas ganz Chilliges sein.
P.S.: Falls es gerade regnen sollte, dann probier's doch mal damit: Füße hochlegen, Augen schließen, tief durchatmen und von Cohen die Seele massieren lassen ... YouTube-Link zum gut sechsminütigen „Last Year's Man“ (taugt auch hervorragend für Autogenes Training) hier.
Beitragsbild: GorupdebesanezCC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Damals … erzählten die Songs Geschichten, die von Cohen, Cash, Baez u.a. Auch noch später wie Dixie Chicks oder George Strait, z.B. „Love without end, Amen“. Der gegenderte und gepiercte Mainstream heute zappelt nur und grölt oder stammelt – inhalts- und geistlos.
This I could not do. Jude Anna Marly. When and while. They poured across the border: Eine Nacherzählung.
Im Film McCabe und Mrs Miller von Robert Altman passt Cohens melancholische Musik hervorragend.
Mein Favorit ist „Take this Waltz“: Halluzinierte Erinnerung an etwas nie gewesenes und unerfüllter Tagtraum , süß taumelnder Rausch , ekstatische Melancholie. „Aey, aey, aey, aey!“
Wenn´s mir richtig mies geht, höre ich manchmal Cohens „Hallelujah“. Das ist so, als wenn man die Seele wieder auftankt. Mein ich ernst.
Nun ja. Wer die Texte belanglos findet und dann nicht über die erste drei Platten hinaus gekommen ist, mag wohl vorwiegend die Klampferei und die Schlafzimmerstimme.
Mein Zugang war ein anderer: Seine Texte (- auch die nicht vertonten Gedichte) und seine Romane. Und inhaltlich unsterblich groß wurde er nach meinem Verständnis in den letzten 10 Jahren seines Lebens (- wie auch Johnny Cash in der Nähe des Todes mit Stimme und Texten).
„Mein Cohen“ begann 1978 mit seiner ersten Platte. In seinem Lebenswerk gibt es auch schwache Phasen, aber selten belanglose Texte. Wer seine Lebensgeschichte verfolgt erkennt die Parallelen, wie zB auch bei Joni Michell.
Letztlich erzählen Dichter immer von sich und ihrem Welt-Erleben.
Ein schöner Mann, eine samtige Stimme, ich damals in meinen Zwanzigern. Trotzdem und bis heute mag ich ihn nicht hören. Wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall.