Der Tonarm senkt sich auf die schwarze Vinylscheibe. Mit einem Knacksen flutscht die Nadel in die Rille. Von ganz weit weg kommt eine gezupfte zwölfsaitige Akustikgitarre herangeschwebt – so wie die gitarrenförmigen Raumschiffe auf dem Plattencover. Dann setzt das Schlagzeug mit einem lockeren Wirbel über alle Toms ein. Und der Sänger singt davon, dass er morgens aufgestanden ist und Musik anmachte, um in den Tag zu starten.
Bald darauf katapultiert sich seine Stimme in ungeahnte Höhen und verschmilzt mit der Leadgitarre. Plötzlich zischen Blitze durch die Musik, und mit einem mal setzt dieses unwiderstehliche Gitarren-Riff ein: „More Than a Feeling“! Der Song begleitet mich schon mein ganzes Leben lang, und ich kann mich an ihm einfach nicht satthören. Überhaupt kann ich mich an keine Platte erinnern, die in unser Clique so massiv eingeschlagen hat, wie diese.
Erschienen vor einem halben Jahrhundert, hat das Debütalbum von Boston bis heute nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt. Das trifft für mich insbesondere für die erste Plattenseite zu, die im Weiteren mit „Peace of Mind“ und „Foreplay/Long Time“ schon alle Höhepunkte des Albums in sich vereint. Einmalig, dieser Gitarrensound und diese stilistische Eleganz, die, gerade wenn es zweistimmig wird, nur an das Beste von den Allman Brothers, Thin Lizzy oder Wishbone Ash erinnert.
Das Keller-Studio
Was ich so jedoch noch nicht gehört habe, sind die effektvoll platzierten Pick-Slides mit der Kante des Plektrums über die Gitarrensaiten, die buchstäblich aus den Lautsprechern explodieren. Und dann diese Stimme, so hell und klar, für die es nach oben keine Grenzen zu geben scheint. Bostons melodischer, perfekt produzierter Adult-Orientated-Rock, mit seinen ausgefeilten Gitarren- und Gesangsharmonien, sollte die Blaupause für andere AOR-Bands wie Foreigner, Toto oder Journey liefern.
Die Geschichte von Boston beginnt in einem Keller. Der 1947 in Toledo, Ohio geborene Multiinstrumentalist und Mastermind Tom Scholz nahm nach seinem Studium am prestigeträchtigen Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine Stelle als Ingenieur bei der für ihre Sofortbildkameras bekannten Firma Polaroid an. Sein sicherlich recht ansehnliches Salär investierte der Musiknarr in ein Tonstudio, das er sich im Keller seines Hauses einrichtete.
Zwar gehörte Scholz zu jener Zeit auch einer Band an, bastelte mit deren Schlagzeuger, Jim Masdea, aber lieber im geheimen an eigenen Ideen und Songs in seinem Keller-Studio. Dabei spielte Scholz alle Gitarren, Bässe und Keyboards selbst ein, während Masdea die Drum-Parts beisteuerte, welche von Scholz nicht selten ausgebessert und studiotechnisch editiert wurden. Für die Gesänge holte er sich den neuen Sänger der Band, Brad Delp, dazu.
Vom Homerecording-Projekt zum Plattenvertrag
Auf diese Art entstand eine ganze Reihe von Demo-Tapes, die Scholz regelmäßig an große Plattenfirmen schickte, aber nichts als Absagen kassierte. Reichlich frustriert fasste er den Entschluss, noch einen letzten Versuch zu starten und die Sache sodann auf sich beruhen zu lassen. Und siehe da, diesmal zeigten gleich drei Plattenfirmen Interesse. Die altehrwürdigen Epic Records legten sich besonders ins Zeug und luden die Band prompt zu einem Vorspiel ein.
Natürlich ohne zu ahnen, dass es sich bei der vermeintlichen Band nur um das Homerecording-Projekt eines einzelnen Mannes handelte. Masdea war bereits zuvor abgesprungen, so dass nur noch Scholz und Delp übrig waren, um auf die Schnelle eine komplette Rockgruppe auf die Beine zu stellen. Naheliegenderweise rekrutierten sie ihre Bandkollegen Barry Goudreau an der Gitarre und Fran Sheehan am Bass sowie einen befreundeten Session-Schlagzeuger.
Die Audition verlief zwar etwas chaotisch, aber durchaus annehmbar. Insbesondere Delp beeindruckte die Plattenbosse mit seinen außergewöhnlichen Gesangsqualitäten. Damit war der Deal im Kasten. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die Songs mit einem erfahrenen Produzenten in einem professionellen Tonstudio noch einmal neu aufgenommen würden. Das schmeckte Scholz freilich überhaupt nicht. Aber er hatte schon einen Plan.
Die Fake-Band
Für die Neuaufnahmen wurde ihnen der Produzent John Boylan vor die Nase gesetzt und ein Studio in Los Angeles gebucht. Scholzens Plan bestand nun darin, Boylan davon zu überzeugen, dass der einzigartige Sound der Demos nur in seinem Keller-Studio reproduziert werden könne. Deshalb würde er zuhause bleiben und die Demos überarbeiten, während der Rest der Band mit Boylan nach Los Angeles reisen solle, um für die Plattenfirma Studioaufnahmen vorzutäuschen.
Boylan war vom Sound der Demos absolut hingerissen, weshalb ihn Scholz nicht lange überreden musste, bei dem Bluff mitzumachen. Auch wenn die Liner-Notes auf der Plattenhülle etwas anderes nahelegen: So ziemlich alles, was auf dem Album zu hören ist, sind die im Alleingang von Scholz aufpolierten Demo-Aufnahmen. Das Einzige, was die anderen Bandmitglieder in Los Angeles wirklich neu aufgenommen haben, ist der Albumtrack „Let Me Take You Home Tonight“.
Außerdem sang Delp seine sämtlichen Gesangsspuren neu ein. Beteiligte berichteten, dass sich der berüchtigte L.A.-Smog auf seine Stimmbänder gelegt hatte, so dass die Gesänge auf den Demo-Aufnahmen sogar noch besser waren, als das, was letztlich auf der Platte zu hören ist. Unklar bleibt jedoch, ob der neue Schlagzeuger, Sib Hashian, die Drumtracks neu eingespielt hat oder ob es sich um die editierten Originalaufnahmen von Masdea handelt. Einiges spricht für Letzteres.
Meistverkauftes Debütalbum
Fest steht jedenfalls: Das Bandfoto auf der Rückseite des Covers ist – neudeutsch gesprochen – ein Fake. Ein gezieltes Täuschungsmanöver, um der Plattenfirma und allen, die die Platte kauften, die Illusion einer vollständigen Rockband vorzugaukeln. Erst viel später kam die wahre Geschichte über die Entstehung des Albums ans Licht. Das war jedoch nicht der Grund für den jahrelangen Rechtsstreit, den Scholz und Epic Records noch miteinander ausfechten sollten.
Denn zunächst hatte Scholz ja Recht behalten: Die Scheibe schlug ein wie ein Meteorit. Mit weltweit über zwanzig Millionen Exemplaren war es das bis dahin meistverkaufte Debütalbum der Musikgeschichte. Zudem avancierte die Singleauskoppelung „More Than a Feeling“ zum internationalen Hit und erhielt, wie das Album, Gold- und Platinumauszeichnungen. Die eigentlichen Querelen mit der Plattenfirma begannen erst mit dem Nachfolgealbum und Scholzens Weigerung, die vorgegebene Timeline einzuhalten.
Der fast zwei Meter große Perfektionist war es gewohnt, selbstbestimmt zu arbeiten und sich die Zeit zu nehmen, die es eben brauchte. Auch innerhalb der Band kippte die Stimmung zusehends, da sich die Mitglieder stärker einbringen wollten, aber Scholz eisern an seiner Arbeitsweise festhielt und so gut wie alles in seinem Keller selbst einspielte. Das zweite Album „Don't Look Back“ erschien mit einjähriger Verspätung im August 1978 und schoss direkt auf den ersten Platz der amerikanischen und kanadischen Charts.
Tragisches Ende
Dennoch war Scholz sehr unglücklich mit dem Sound der Platte und schwor sich, sich in Zukunft von nichts und niemandem mehr unter Druck setzen zu lassen. Als er sich wieder in seinen Keller zurückzog, um an neuen Stücken zu arbeiten, machten sich Goudreau und einige Bandmitglieder selbständig. 1980 brachten sie unter dem Namen „Barry Goudreau“ ein Album heraus, das von der Plattenfirma wie eine neue Boston-Scheibe angepriesen wurde.
Das erregte den Zorn des Masterminds, der sich hintergangen fühlte und mit dem Rauswurf von Goudreau reagierte. In den folgenden Jahren führte Scholz einen langen, aufreibenden Rechtsstreit mit der Plattenfirma, die ihm erneut vorwarf, Veröffentlichungstermine nicht eingehalten zu haben. Im Zuge dessen blieben auch Hashian und Sheehan auf der Strecke. Dafür kam Scholzens alter Mitstreiter Jim Masdea wieder mit an Bord. Das dritte Album „Third Stage“ erschien schließlich 1986 bei MCA Records.
Die daraus hervorgegangene Single „Amanda“ wurde zu Bostons erstem und einzigem Nummer-eins-Hit. Nach der darauffolgenden Tournee kehrte auch Delp Scholz den Rücken. Der sensible Frontmann wollte es immer allen recht machen. Aber der Druck von allen Seiten hatte ihn in Depressionen gestürzt. Als dann noch schwerwiegende private Probleme dazukamen, lief das Fass über. Brad Delp beging am 9. März 2007 Selbstmord. Er war fünfundfünfzig Jahre alt.

Wenn Rachel Flowers Bostons Foreplay/LongTime spielt, muss was dran sein…
Das Album wurde vor meiner Geburt veröffentlicht aber seit ich sie zum ersten mal gehört habe, mein ständiger Begleiter erst auf CD, heute digital. „More than a Feeling“ ist nicht nur für Boomer ein Lebensgefühl!
Boston und „More than a feeling“ ist reines Boomer-Lebensgefühl und Lebenserinnerung. Jeder unter 60 kann da nicht mitreden. Ähnlich, wie bei „Africa“ von Toto, das auch auf diversen 80ies-Kanälen rauf- und runtergenudelt wird – aber ohne das Lebensgefühl des Sommers von 1986 (übrigens war der fast genauso heiß wie der von 2026) ist das alles nichts. Wir werden es mit ins Grab nehmen, Ihr jüngeren habt Nirvana, oder Taylor Swift.
Jep, und dieses Gitarrensolo! Tom Scholz erfand übrigens auch den Rockman, den ersten Kopfhörerverstärker für Gitarristen.
Kannte die Band nicht aber ihre Lieder. Schön, aber auch nicht mehr. Bin dann zufällig auf das gestossen: Supertramp „Don’t Leave Me Now (Torisutan Special Extended)“ aus dem Jahr 1982. Will nicht sagen was das alles für Erinnerungen in mir auslöst, 1982. Einen schönen Sonntag noch. PS: nebenbei, gestern war in der Schweiz der 1. August, Nationalfeiertag, viele liefen mit dem Schweizer-Kreuz-T-Shirt herum, auch viele Angstellte vom Migros und anderen Läden. In D undenkbar?
Lebe ich auf einem anderen Planeten? Noch nie etwas von „Boston“ gehört (außer der Stadt natürlich)! Probehören auf „youtube.com (Moore Than a Feeling und Peace Of Mind), grauenvolle Musik, Musik völlig ohne “Seele„ ist für mich keine Musik!
Hatte ich auch, klar, allerdings habe ich mir das Ding nur deswegen zugelegt, weil meine erste Freundin, nach der ich verrückt war, mir davon vorgeschwärmt hatte. Irgendwann war die Freundin weg und ich rührte die Scheibe nie mehr an. Zum Glück fand ich schnell Ersatz für Beides. Seitdem bin ich ein absoluter Electric Light Orchestra Fan, denn da schwingt ein wirkliches Musikgenie den Tacktstock, der Produzent, Sänger und Multiinstrumentalist Jeff Lynn und das bis Heute, ohne Qualitätsverlust. Der schüttelt seit mehr als 50 Jahren einen Ohrwurm nach dem anderen aus dem Ärmel.