Es ist gewiß kein Zufall, daß die erste deutsche Fernseh-Talkshow in Köln, der Stadt der Überkommunikation, stattfand. Die sprichwörtliche Redelust der Rheinländer, ihr manisches Mitteilungsbedürfnis ist tief in Religion und Mentalität verankert – so tief, daß man nicht weiß, was wovon kommt: ist das Gequassel eine außer Kontrolle geratene Form der Beichte oder ist es selbst ein Zeichen göttlicher Erleuchtung?
Jedenfalls kam es in einem Kölner Fernsehstudio zum Anwendungsfall von Gottfried Benns Beschwörung: „Kommt, reden wir zusammen, wer redet, ist nicht tot“. Damit siegte das Reden endgültig über das Schweigen im Lande, die Talkshows breiteten sich fußpilzartig über alle Sender und Programme aus, und der 1951 verstorbene Philosoph Ludwig Wittgenstein, der postuliert hatte: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“ – ist seitdem noch töter.
Man kann das begrüßen als eine Befreiung der deutschen Sprache vom Manuskriptzwang. Tatsächlich ist das freie Sprechen im deutschen Kulturraum weniger üblich als im englischen oder französischen, wo das schon in der Schule geübt wird. Es ist auch schwieriger, weil unser Satzbau verlangt, daß man am Anfang immer schon das Ende kennt und sich nicht – wie etwa im Französischen – mit einer eleganten Nullaussage aus der Affäre zu ziehen vermag. Deshalb klingt jede deutsche Konversation ein bißchen unbeholfener und schwerfälliger als wünschenswert.
Andererseits ist das Fernsehen durch die Talkshows zum Radio geworden. Das heißt, es gesteht seine prinzipielle Nutzlosigkeit ein. Nie bestand ein medienhistorischer Fortschritt derart deutlich in einem Rückschritt. Für das Funktionieren und Gelingen einer Gesprächsrunde sind Kameras absolut überflüssig und aus dem Blickwinkel der Teilnehmer allemal lästiger als Mikrofone.
Doch einen metaphysischen Vorteil hat die Talkshow gegenüber anderen Sendungstypen: sie absorbiert ihren Inhalt weitgehend von alleine. Während sich sonst das viele Gesagte, das durch die Medienkanäle verteilt wird, in den Wohnstuben des Publikums ansammelt und oft eine schwermetallgleiche Belastung darstellt, passiert, solange eine Talkshow läuft, fast nichts Schlimmes, selbst wenn man sich eine zeitlang vom Empfangsgerät entfernt. Wenn man dann zurückkommt, stellt man in der Regel fest, daß die Talkshowgäste immer noch am Reden sind und immer noch nicht tot.