Dreißigster Dezember 1989
In seiner Neujahrsansprache, die vorab veröffentlicht wird, würdigt Bundeskanzler Kohl den Kampf der Menschen in der DDR und den anderen Staaten Osteuropas um Freiheit, Menschenrechte und Selbstbestimmung.
Bild glaubt: „Es wird ein wunderbares Jahr 1990!“ Das Neue Deutschland ist sich sicher, dass „zwei Drittel der Bevölkerung für eine souveräne DDR“ sind. Das ist blankes Wunschdenken.
Walter Kempowski bemerkt in seinem Tagebuch: „Heute eine Sendung im ZDF über die politischen Sturzbäche des Jahres ‘89 … [Fritz] Schenk meinte, es stünde zu befürchten (wieso eigentlich), dass die DDR uns ‚anheim falle‘.“ Es müsste Vorher-Nachher-Ausstrahlungen geben, wünscht er sich, in denen man die Kommentatoren „mit dem Quatsch konfrontiert, den sie von Zeit zu Zeit von sich geben“.
Einunddreißigster Dezember 1989
In Rumänien gibt es auch am Silvestertag politische Neuigkeiten: Der Chef der rumänischen Geheimpolizei Securitate, General Iulian Vlad, wird verhaftet.
In Ostberlin herrscht Partystimmung. Erstmals wird vor und hinter dem Brandenburger Tor gefeiert. Das ZDF überträgt. Walter Kempowski sitzt vor dem Fernseher und schreibt: „Die Bilder waren von einer gewissen Schönheit, das Brandenburger Tor mit den krabbelnden Menschen drauf, Hunderttausende im Scheinwerferlicht der TV-Stationen, Feuerwerk darüber hinzischend, Fahnenschwenken, Freude. Ja, wer hätte das gedacht … Was für ein Jahr! Im Jahr des 100. Geburtstags von Hitler eine reguläre bürgerliche Revolution! Und wir waren dabei! – Mit Augen und Ohren: ‚Wahnsinn‘, wie die Leute sagen.“