Vierundzwanzigster Dezember 1989
Die Revolution in der DDR macht Weihnachtspause. Das DDR-Fernsehen überträgt am Heiligabend erstmals die Evangelische Christvesper und die Christmesse des Papstes aus dem Vatikan. Die beteiligten Journalisten und Kameraleute werden es genossen haben, ohne Genehmigung einer Behörde einfach nach Rom fahren und ihre Idee umsetzen zu können.
In Rumänien werden die Kämpfe auch an den Festtagen nicht unterbrochen. In den Fernsehstudios ist die Schlacht dagegen schon entschieden. Hier versammeln sich Oppositionelle und kommunistische Gegner des Diktators, um den Verlauf der Revolution und die Verhaftung des Diktatoren-Ehepaares zu kommentieren und zu feiern. Ein Name für dieses Phänomen ist schnell gefunden: „Telerevolution“. Die Nachricht vom angeblichen Selbstmord des Verteidigungsministers Vasile Milea kann die Partystimmung kaum trüben.
Ich habe Weihnachten zum zweiten Mal in meinem Leben in Cambridge gefeiert, diesmal mit Freunden aus der DDR. Sie überredeten mich endgültig zur Aufgabe meines Plans, lieber meine Dissertation in Ruhe zu Ende zu schreiben und die Revolution von Ferne zu beobachten. Habe ich das später bereut? Nicht wirklich, denn es war eine einmalig spannende Zeit. Sie hautnah mitzuerleben wäre von Cambridge aus kaum möglich gewesen. Wir haben uns vom Realsozialismus befreit, nicht aber von den Gefährdungen der Demokratie. Ich habe gelernt, dass Demokratie nie stabil sein kann, sie ist lebendig, weil sie sich ständig verteidigen, zur Not auch neu erfinden muss.
Fünfundzwanzigster Dezember 1989
Nach schweren Kämpfen zwischen Spezialeinheiten und der Leibwache Ceaușescus beginnt sich die Lage im Land langsam zu normalisieren. Aber in Târgoviște wird das Diktatoren-Ehepaar Ceaușescu nach einem nur vierzig Minuten dauernden Prozess hingerichtet. Rechtsmittel gab es keine. Damit gleicht dieser Prozess eher denen der kommunistischen Willkürjustiz als einem rechtsstaatlichen Verfahren. Der ungarische Oppositionelle György Dalos kommentierte, das sei für die Demokratisierung Rumäniens kein guter Anfang gewesen. Die Übergangsregierung, die sich nach dem Sturz des Diktators schnell gebildet hatte, erklärte alle bisherigen Machtstrukturen für aufgelöst und verkündete eine Wiedereinführung einer zivilen Gesellschaft, die Freiheit, Menschenwürde und Marktwirtschaft garantieren sollte.
Sechsundzwanzigster Dezember 1989
In Berlin genießen zehntausende Berliner einen Weihnachtsspaziergang durch das Brandenburger Tor. Im Schauspielhaus findet ein großes Festkonzert statt. Leonard Bernstein ist in die Stadt gekommen und dirigiert mit großer internationaler Orchester- und Chorbesetzung Beethovens IX. Symphonie – mit leicht geändertem Schiller-Text: „Freiheit, schöner Götterfunken“. Friedrich Schiller hätte seine Freude daran gehabt. Freude zeigt sich auch beim Kulturminister der DDR: Bernstein wird zum Professor ernannt und nimmt als Letzter den „Großen Stern der Völkerfreundschaft“ entgegen.
In Rumänien flauen die Kämpfe nach Bekanntwerden der Hinrichtung des Ehepaares Ceaușescu ab. Auch wenn es nicht die in westlichen Medien kolportierten 60.000 Toten gab, ist die Bilanz der blutigen Auseinandersetzungen erschreckend: Vom 17. bis zum 26. Dezember 1989 sind 1.104 Tote zu beklagen. Im Vergleich dazu sind während des Ungarischen Aufstands, wo von allen Seiten scharf geschossen wurde, zwischen dem 23. Oktober und dem 31. Dezember 1956 2.652 Menschen ums Leben gekommen.
Die Rumänen erfahren immer mehr Einzelheiten aus dem Leben ihres Diktators. Es soll ein Vergewaltigungszimmer für den Sohn Nicu gegeben haben, der die größte Pornosammlung der Welt besaß. Jeden Tag soll es ein 6-Gänge-Menü gegeben haben, auch zu Zeiten, da das Volk hungerte und fror. Und angeblich soll Ceaușescu nur in Mineralwasser aus dem Westen gebadet haben.
Auch wenn diese Nachrichten auf Übertreibungen beruhen sollten, spiegeln sie gut wieder, was die Rumänen ihrem „Titan der Titanen“ zutrauten. Ähnlich wie der Nazi Hermann Göring soll Ceaușescu Museen ausgeraubt und Kunstschätze für seinen privaten Gebrauch requiriert haben. Im Westen, wo Ceaușescu lange ein positives Image als kommunistischer Rebell gegen Moskau genoss, war man entsetzt, als man die Fakten, die sich hinter der Fassade verbargen, zur Kenntnis nehmen musste.