Vera Lengsfeld / 22.12.2014 / 12:14 / 1 / Seite ausdrucken

1989 - Tagebuch der Friedlichen Revolution

Zwanzigster Dezember 1989

Frankreichs Staatspräsident Mitterand trifft in der DDR zum Staatsbesuch ein. Er wird mit militärischen Ehren empfangen. Die DDR kann die brüderliche Hilfe des Franzosen nicht mehr retten.

Während in Rumänien die Zahl der Toten bereits auf 4.000 geschätzt wird, darunter viele Kinder, weilt der Diktator Ceaușescu seit drei Tagen im Iran. Bei seiner Rückkehr am Abend verkündet er im Fernsehen den Ausnahmezustand im Kreis Temesch. Gleichzeitig behauptet er, es seien lediglich „Warnschüsse“ auf „einige Rowdys“ abgegeben worden.

Einundzwanzigster Dezember 1989

In Rumänien lässt Diktator Ceaușescu nach tagelangen blutigen Unruhen eine Solidaritätskundgebung für sich in Bukarest organisieren. Er selbst zeigt sich an der Seite seiner Frau Elena auf dem Balkon der Bukarester Parteizentrale, um einer seiner üblichen Ansprachen an seine Untertanen zu halten. Aber diesmal ist alles anders. Statt des gewohnten Jubels gibt es Pfiffe und Protestrufe. Die Kameras, die wie immer bei Ceaușescus Auftritten dabei sind, fangen das Erschrecken des Diktators ein. Er weicht regelrecht zurück. Die Securitate eröffnet das Feuer auf die Demonstranten.
Währenddessen folgen viele Menschen im Land einem Aufruf zum Generalstreik. Auf Protestkundgebungen gegen die blutige Niederschlagung von Demonstrationen solidarisieren sich Soldaten und Offiziere mit den Demonstranten. Es kommt zu Befehlsverweigerungen. Nach einem der letzten Befehle Ceaușescus, dass die Teilnehmer des Volksaufstandes zu liquidieren seien, wird darauf noch vereinzelt mit öffentlichen Hinrichtungen reagiert.

Zweiundzwanzigster Dezember 1989

Unter großem Jubel wird das Brandenburger Tor in Berlin geöffnet. Nun kann der Verkehr ungehindert von West nach Ost fließen, mitten durch das Symbol der Trennung hindurch. Obwohl es in Strömen regnet, stehen viele Menschen auf dem breiten Podest auf der Westseite, auf das die DDR-Regierung ihre Staatsgäste zu führen pflegte, um den Verkehrsstrom zu bestaunen. Ein Mann hatte seine Trompete mitgebracht und spielte „Nun danket alle Gott“.

In Rumänien gehen die Straßenkämpfe weiter und dehnen sich auf das ganze Land aus. In Bukarest demonstrieren Zehntausende mit Sprechchören wie „Nieder mit Ceaușescu!“ und „Wir wollen Brot!“. Daraufhin wird das Stadtzentrum mit Panzern abgeriegelt. Es kommt zu weiteren bewaffneten Auseinandersetzungen. Ceaușescu verhängt den Ausnahmezustand und besteigt dann zusammen mit seiner Frau einen Hubschrauber, um zu fliehen. Doch sie kommen nicht weit. Inzwischen ist auch die Armee so erbittert, dass sie nicht mehr vorbehaltlos hinter dem Diktator steht. Die Blutbäder in Klausenburg und Hermannstadt haben das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Ceaușescus werden von Militärs gestoppt und interniert.

Dreiundzwanzigster Dezember 1989

Das Neue Forum macht öffentlich einen selbstquälerischen Prozess durch. Soll es sich zur Partei umbilden oder Bürgerbewegung bleiben? Immer noch erwarten viele Menschen, dass sich die Vereinigung entschlossen an die Spitze der revolutionären Bewegung setzt. Als sich eine Mehrheit der Neuen-Forums-Aktivisten gegen eine Parteibildung entscheidet, wenden sich etliche Anhänger enttäuscht ab.

In Rumänien toben noch immer Straßenkämpfe. Die Lage ist sehr unübersichtlich. Oft sind es Kämpfe, die sich aus einem Übermaß an Hass und Erbitterung speisen. Auch wollen allzu viele Securitate-Mitarbeiter nicht aufgeben. Sie fürchten die Rache der Bevölkerung.
In Bukarest wird eine Front zur Nationalen Rettung (FNR) gegründet. Sie stützt sich auf die Armee und vereinigt alle Organisationen und Gruppierungen, die Demokratie und Freiheit anstreben. Noch am selben Tag stellt der Rat der FNR ein Zehn-Punkte-Programm vor, in dem die Zerschlagung der bisherigen Machtstrukturen auf allen Ebenen und die Übernahme der Macht durch die FNR gefordert werden. Es wird eine neue Regierung unter Ministerpräsident Petre Roman gebildet.

Vera Lengsfeld: 1989 - Tagebuch der Friedlichen Revolution

 

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Engelbert Gartner / 22.12.2014

An die TV Aufnahmen von Ceaușescu bei seinem letzten öffentlichen Auftritt kann ich mich noch sehr gut erinnern. Man konnte in seinem Gesicht deutlich sehen, wie unglaublich schockiert er über die Reaktion der Zuhörer damals war. Mir ist sofort klar geworden, dass dieser Diktator gar nicht wusste, was in seinem Land vorging. Er war, und dafür ist er selbst verantwortlich, nur mit Mitarbeitern umgeben, die Ihm das erzählten, was er gerne hören wollte. Dafür gab es Lob und Privilegen. Ich bin damals zu der Überzeugung gekommen, dass (fast) alle Diktatoren, bedingt durch Ihren Umgang mit JA-sagern und Speichelleckern,  am wenigsten darüber informiert sind, wie es um die eigene Bevölkerung bestellt ist. E. Gartner PS: Vielen Dank an dieser Stelle, für Ihr Tagebuch von 1989

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