Vera Lengsfeld / 08.12.2014 / 16:54 / 0 / Seite ausdrucken

1989 - Tagebuch der Friedlichen Revolution

Achter Dezember 1989

Die SEW, der Ableger der SED in Westberlin, kündigt ihre Auflösung an. Beinahe wäre mit der SED dasselbe geschehen: Die Mehrheit der 2.700 Delegierten auf dem in Berlin beginnenden Sonderparteitag der SED ist mit dem Willen angereist, die Partei aufzulösen. Vor allem der Wirtschaftsflügel macht sich für einen ehrlichen Neuanfang stark. Ministerpräsident Modrow appelliert zwar, die Partei nicht zerbrechen zu lassen, denn das würde auch die sowjetische Perestroika gefährden, findet aber nicht genügend Gehör. Das gelingt dem nächsten Redner viel besser: Rechtsanwalt Gregor Gysi, bislang noch eher unbekannt, betritt das Podium und überzeugt die Genossen, diese Entscheidung zu überdenken. Denn sonst, das ist Gysis Hauptargument, wären auch das Vermögen und die Parteistrukturen verloren, was „unabsehbare Folgen“ hätte, besonders für den kommenden Wahlkampf, „der schwer wird und den wir nicht kennen“. Er erreicht, dass sich der Parteitag in vierzehn Tagen noch einmal treffen wird, um über den Fortbestand der Partei zu entscheiden.

In der Nacht wird anstelle des bisherigen Generalsekretärs ein Vorsitzender gewählt. Nach dem überraschenden Verzicht von Dresdens Oberbürgermeister Berghofer, der von den meisten Delegierten favorisiert worden war, wird das Gregor Gysi – mit 95 Prozent der Stimmen. Er erhält einen Besen, um dafür zu sorgen, dass SED nicht mehr mit „S wie Sauwirtschaft, E wie Egoismus und D wie Diebstahl“ übersetzt wird. Gysi interpretiert diesen Auftrag auf seine eigene Weise. Eine seiner ersten Amtshandlungen ist die Gründung einer Arbeitsgruppe zur Sicherung des Parteivermögens. Außerdem verpasst er der Partei einen Zweitnamen: PDS, Partei des Demokratischen Sozialismus. Keiner der Beobachter dieses Tricks hätte damals geglaubt, dass er funktionieren würde. Und angesichts der mehrfachen Umbenennung weiß heute kaum noch jemand, dass die Linke immer noch die alte SED ist, mit ein wenig Blutauffrischung durch die WASG, die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit.

Ministerpräsident Hans Modrow verfügt unter dem Druck der anhaltenden Proteste der Bevölkerung die Auflösung der Staatssicherheit. Die weitere Aktenvernichtung wird erneut untersagt, geht aber an vielen Stellen heimlich weiter. Der DDR-Generalstaatsanwalt leitet gegen Erich Honecker, Erich Mielke, Willy Stoph und andere Verfahren wegen Amtsmissbrauchs und Korruption ein. Weitere Politbüromitglieder werden festgenommen. Erich Honecker erhält Haftverschonung.

In Litauen wird die Führungsrolle der Kommunistischen Partei abgeschafft. In Bulgarien schließen sich 16 oppositionelle Gruppen zu einem „Bund demokratischer Kräfte“ zusammen.

Neunter Dezember 1989

Die Berliner Zentrale der Staatssicherheit registriert, dass von 13 Bezirksverwaltungen der Staatssicherheit vier nicht mehr, eine kaum noch, fünf eingeschränkt und nur noch drei fast normal arbeitsfähig sind. Hinter diesen nüchternen Angaben steckt die unglaubliche Arbeitsleistung der Besetzter und der Bürgerkomitees, die in diesen Tagen und Wochen bis zur physischen und psychischen Erschöpfung tätig sind. Hunderte konspirativer Objekte werden aufgespürt, konspirative Wohnungen enttarnt, Telefon- und Abhöranlagen ausgeschaltet, Akten geborgen und vor der Vernichtung bewahrt. Die sensationellste Entdeckung sind die Pläne für die Isolierungslager, die für die Opposition vorbereitet werden sollten.

Im Allgemeinen versucht die Staatssicherheit, lediglich mit Tricks und Täuschungsmanövern die Arbeit der Bürgerkomitees zu behindern. Nur die Geraer MfS-Bezirksverwaltung ruft zum Putsch gegen die friedliche Revolution auf. Ergebnislos, denn nicht mal die eigenen Genossen mochten diesem Aufruf folgen.

Der Sonderparteitag der SED wird fortgesetzt. Er distanziert sich von der stalinistischen Vergangenheit der SED und der gesamten kommunistischen Bewegung. Dabei wird die Partei auch stehenbleiben. Zu einer kritischen Bewertung der SED-Herrschaft insgesamt wird es nie kommen.

Im Berliner Lustgarten gibt es erneut eine Kundgebung, zu der Wissenschaftler und Künstler eingeladen haben. Es wiederholt sich das Muster vom 4. November: Während die Redner auf der Bühne für die Erhaltung der DDR werben, fordern die Teilnehmer die Vereinigung.

In Moskau entscheidet das Plenum des ZK der KPdSU über den allmählichen Übergang zur Marktökonomie.

Vera Lengsfeld: 1989 - Tagebuch der Friedlichen Revolution

 

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