Sechster Dezember 1989
Der gestürzte SED-Generalsekretär Egon Krenz tritt auch als Staatsratsvorsitzender zurück. Sein Nachfolger wird LDPD-Chef Manfred Gerlach, der das Amt bis zur Konstituierung der ersten frei gewählten Volkskammer innehaben wird. Später wird der kurzzeitige Hoffnungsträger übrigens Mitglied der überwiegend aus ehemaligen Stasileuten bestehenden „Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde“ und zeigt damit, wes Geistes Kind er immer gewesen ist.
Bild berichtet: „Die Honecker-Bande handelte mit Kokain.“ Mit Waffen übrigens auch, wie wenige Tage zuvor aufgedeckt worden war.
Das Neue Deutschland titelt weniger sensationell: „DDR und BRD vereinbaren gemeinsamen Fonds für Reisemittel.“ Damit können DDR-Bürger erstmals genug Geld für eine Reise eintauschen und sind nicht mehr auf Almosen von Verwandten, Bekannten Freunden oder Fremden angewiesen.
In Ostberlin treffen sich Bürgerrechtler mit dem Dalai Lama. In einem Pressestatement bekennen sie sich zur chinesischen Demokratiebewegung und zur Solidarität mit dem tibetischen Volk.
Bei der Staatssicherheit dreht sich das Personal-Karussell. Fast alle Generäle werden durch jüngere Offiziere ersetzt. Die buchstäblich in letzter Sekunde erfolgenden Beförderungen haben vor allem Folgen für die Pensionskasse im vereinten Deutschland.
In Plauen folgen die Belegschaften mehrerer Betriebe einem Aufruf des Neuen Forums zu einem zweistündigen politischen Warnstreik. Sie fordern die Vereinigung und dass die SED ihre Macht über die Betriebe aufgibt. In Markneukirchen legen ebenfalls mehr als 8.000 Beschäftigte ihre Arbeit nieder. Leider wird diese erfolgreiche Aktion vom Neuen Forum nicht zum Anlass genommen, den politischen Streik auf das ganze Land auszudehnen. Es wäre das Ende der SED-Herrschaft gewesen.
Am Abend stellt sich der flüchtige Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski in Westberlin den Behörden. Er stellt Antrag auf politisches Asyl und wird vorerst ins Untersuchungsgefängnis Moabit eingeliefert.
Siebter Dezember 1989
Nach den Besetzungen einiger Stasidienststellen hatte Wolfgang Schwanitz den Befehl gegeben, die Aktenvernichtung einzustellen. Nun ordnet Ministerpräsident Hans Modrow persönlich an, mit der Aktenvernichtung fortzufahren. Die Bürgerkomitees alarmieren sofort die Bevölkerung. Es kommt wieder zu großen Demonstrationen. In einigen Bezirksämtern wird die Bürgerkontrolle erneuert oder verstärkt. An manchen Orten kann die Vernichtung gestoppt werden. An anderen Stellen gelingt es der Stasi erneut, die Bürgerkomitees hinzuhalten oder zu täuschen. Bereits versiegelte Räume werden wieder geöffnet, Staatsanwälte und Volkspolizei kollaborieren mit der Stasi. Vor allem die Zentrale in Berlin kann ungestört weiterarbeiten, weil der Besuch von Bürgerrechtsgruppen am 6. und 7. Dezember ohne Ergebnis bleibt.
Im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Ostberlin konstituiert sich unter tumultartigen Begleitumständen der Zentrale Runde Tisch. Den Regierungsparteien SED, CDU, LDPD, DBD und NDPD mit je drei stimmberechtigten Teilnehmern sitzen zunächst die neuen oppositionellen Vereinigungen Demokratischer Aufbruch, Demokratie jetzt, Grüne Partei, Initiative für Frieden und Menschenrechte, Vereinigte Linke und SDP mit je zwei Stimmen und das Neue Forum mit drei Stimmen gegenüber. Draußen vor der Tür rebellieren Frauen des vor wenigen Tagen gegründeten Unabhängigen Frauenverbandes gegen ihre Nichtzulassung am Runden Tisch. Sie dürfen schließlich mit zwei Stimmen teilnehmen. Die Regierungsseite wird als Ausgleich mit dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund verstärkt. So verzeichnet jede Seite 17 stimmberechtigte Vertreter.
Die Bevölkerung indes ist vom Runden Tisch viel weniger angetan als die Opposition. Vor dem Bonhoeffer-Haus zieht eine große Demonstration auf, die mit Pfeifkonzerten, Stasi-Raus-Rufen und Protesten gegen die Wahlfälschung lautstark klar macht, was sie von den Verhandlungen hält.
Drinnen stellt sich die Versammlung die bange Frage, ob die Demonstranten das Haus stürmen werden, und was dann zu tun wäre. Aber das geschieht nicht. Aufatmend beginnen die Teilnehmer mit den Verhandlungen. Als Erstes wird ein „Selbstverständnis“ des Runden Tisches formuliert. „Obwohl der Rundtisch keine parlamentarische oder Regierungsfunktion ausüben kann, will er sich mit Vorschlägen zur Überwindung der Krise an die Öffentlichkeit wenden. Er fordert von der Volkskammer und der Regierung, rechtzeitig in wichtige rechts-, wirtschafts- und finanzpolitische Entscheidungen einbezogen zu werden. Er versteht sich als Bestandteil der öffentlichen Kontrolle in unserem Land. Geplant ist, seine Tätigkeit bis zur Durchführung freier, demokratischer und geheimer Wahlen fortzusetzen.“
Mit dieser Erklärung ist die Machtkontrolle der Opposition zum ersten Mal institutionalisiert.
Darüber hinaus wird beschlossen, dass eine neue Verfassung ausgearbeitet, ein Wahl- und Parteiengesetz formuliert und die Staatssicherheit unter gesellschaftlicher Kontrolle aufgelöst wird. Als Wahltermin wird der 6. Mai 1990 bestimmt. Das demokratische Selbstverständnis legt die Teilnehmer der Verhandlung auf Kompromisse fest. Den Regierungsparteien wird nicht diktiert, was sie zu machen haben. In der Folge wird sich herausstellen, dass es den alten Machthabern allzu oft gelingt, ihre neuen Kontrahenten mit allen Mitteln über den Tisch zu ziehen.
Während am Runden Tisch die Fetzen fliegen, wird auf dem Berliner Alexanderplatz wie an jedem 7. des Monats auf die Wahlen vom 7. Mai gepfiffen. Diesmal ziehen etwa 2.000 Teilnehmer zum Staatsratsgebäude.
In Prag wird der Einheitsgewerkschaft das Misstrauen ausgesprochen. Ein Aktionsausschuss soll die Zeit bis zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften überbrücken.
In Sofia gelingt, was in der DDR immer wieder schiefgeht: Neun Parteien und Vereinigungen bilden die Union der Demokratischen Kräfte (UDK).