Vera Lengsfeld / 07.12.2014 / 11:01 / 0 / Seite ausdrucken

1989 - Tagebuch der Friedlichen Revolution

Sechster Dezember 1989

Der gestürzte SED-Generalsekretär Egon Krenz tritt auch als Staatsratsvorsitzender zurück. Sein Nachfolger wird LDPD-Chef Manfred Gerlach, der das Amt bis zur Konstituierung der ersten frei gewählten Volkskammer innehaben wird. Später wird der kurzzeitige Hoffnungsträger übrigens Mitglied der überwiegend aus ehemaligen Stasileuten bestehenden „Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde“ und zeigt damit, wes Geistes Kind er immer gewesen ist.

Bild berichtet: „Die Honecker-Bande handelte mit Kokain.“ Mit Waffen übrigens auch, wie wenige Tage zuvor aufgedeckt worden war.

Das Neue Deutschland titelt weniger sensationell: „DDR und BRD vereinbaren gemeinsamen Fonds für Reisemittel.“ Damit können DDR-Bürger erstmals genug Geld für eine Reise eintauschen und sind nicht mehr auf Almosen von Verwandten, Bekannten Freunden oder Fremden angewiesen.

In Ostberlin treffen sich Bürgerrechtler mit dem Dalai Lama. In einem Pressestatement bekennen sie sich zur chinesischen Demokratiebewegung und zur Solidarität mit dem tibetischen Volk.

Bei der Staatssicherheit dreht sich das Personal-Karussell. Fast alle Generäle werden durch jüngere Offiziere ersetzt. Die buchstäblich in letzter Sekunde erfolgenden Beförderungen haben vor allem Folgen für die Pensionskasse im vereinten Deutschland.
In Plauen folgen die Belegschaften mehrerer Betriebe einem Aufruf des Neuen Forums zu einem zweistündigen politischen Warnstreik. Sie fordern die Vereinigung und dass die SED ihre Macht über die Betriebe aufgibt. In Markneukirchen legen ebenfalls mehr als 8.000 Beschäftigte ihre Arbeit nieder. Leider wird diese erfolgreiche Aktion vom Neuen Forum nicht zum Anlass genommen, den politischen Streik auf das ganze Land auszudehnen. Es wäre das Ende der SED-Herrschaft gewesen.

Am Abend stellt sich der flüchtige Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski in Westberlin den Behörden. Er stellt Antrag auf politisches Asyl und wird vorerst ins Untersuchungsgefängnis Moabit eingeliefert.

Siebter Dezember 1989

Nach den Besetzungen einiger Stasidienststellen hatte Wolfgang Schwanitz den Befehl gegeben, die Aktenvernichtung einzustellen. Nun ordnet Ministerpräsident Hans Modrow persönlich an, mit der Aktenvernichtung fortzufahren. Die Bürgerkomitees alarmieren sofort die Bevölkerung. Es kommt wieder zu großen Demonstrationen. In einigen Bezirksämtern wird die Bürgerkontrolle erneuert oder verstärkt. An manchen Orten kann die Vernichtung gestoppt werden. An anderen Stellen gelingt es der Stasi erneut, die Bürgerkomitees hinzuhalten oder zu täuschen. Bereits versiegelte Räume werden wieder geöffnet, Staatsanwälte und Volkspolizei kollaborieren mit der Stasi. Vor allem die Zentrale in Berlin kann ungestört weiterarbeiten, weil der Besuch von Bürgerrechtsgruppen am 6. und 7. Dezember ohne Ergebnis bleibt.

Im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Ostberlin konstituiert sich unter tumultartigen Begleitumständen der Zentrale Runde Tisch. Den Regierungsparteien SED, CDU, LDPD, DBD und NDPD mit je drei stimmberechtigten Teilnehmern sitzen zunächst die neuen oppositionellen Vereinigungen Demokratischer Aufbruch, Demokratie jetzt, Grüne Partei, Initiative für Frieden und Menschenrechte, Vereinigte Linke und SDP mit je zwei Stimmen und das Neue Forum mit drei Stimmen gegenüber. Draußen vor der Tür rebellieren Frauen des vor wenigen Tagen gegründeten Unabhängigen Frauenverbandes gegen ihre Nichtzulassung am Runden Tisch. Sie dürfen schließlich mit zwei Stimmen teilnehmen. Die Regierungsseite wird als Ausgleich mit dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund verstärkt. So verzeichnet jede Seite 17 stimmberechtigte Vertreter.

Die Bevölkerung indes ist vom Runden Tisch viel weniger angetan als die Opposition. Vor dem Bonhoeffer-Haus zieht eine große Demonstration auf, die mit Pfeifkonzerten, Stasi-Raus-Rufen und Protesten gegen die Wahlfälschung lautstark klar macht, was sie von den Verhandlungen hält.

Drinnen stellt sich die Versammlung die bange Frage, ob die Demonstranten das Haus stürmen werden, und was dann zu tun wäre. Aber das geschieht nicht. Aufatmend beginnen die Teilnehmer mit den Verhandlungen. Als Erstes wird ein „Selbstverständnis“ des Runden Tisches formuliert. „Obwohl der Rundtisch keine parlamentarische oder Regierungsfunktion ausüben kann, will er sich mit Vorschlägen zur Überwindung der Krise an die Öffentlichkeit wenden. Er fordert von der Volkskammer und der Regierung, rechtzeitig in wichtige rechts-, wirtschafts- und finanzpolitische Entscheidungen einbezogen zu werden. Er versteht sich als Bestandteil der öffentlichen Kontrolle in unserem Land. Geplant ist, seine Tätigkeit bis zur Durchführung freier, demokratischer und geheimer Wahlen fortzusetzen.“
Mit dieser Erklärung ist die Machtkontrolle der Opposition zum ersten Mal institutionalisiert.

Darüber hinaus wird beschlossen, dass eine neue Verfassung ausgearbeitet, ein Wahl- und Parteiengesetz formuliert und die Staatssicherheit unter gesellschaftlicher Kontrolle aufgelöst wird. Als Wahltermin wird der 6. Mai 1990 bestimmt. Das demokratische Selbstverständnis legt die Teilnehmer der Verhandlung auf Kompromisse fest. Den Regierungsparteien wird nicht diktiert, was sie zu machen haben. In der Folge wird sich herausstellen, dass es den alten Machthabern allzu oft gelingt, ihre neuen Kontrahenten mit allen Mitteln über den Tisch zu ziehen.

Während am Runden Tisch die Fetzen fliegen, wird auf dem Berliner Alexanderplatz wie an jedem 7. des Monats auf die Wahlen vom 7. Mai gepfiffen. Diesmal ziehen etwa 2.000 Teilnehmer zum Staatsratsgebäude.

In Prag wird der Einheitsgewerkschaft das Misstrauen ausgesprochen. Ein Aktionsausschuss soll die Zeit bis zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften überbrücken.

In Sofia gelingt, was in der DDR immer wieder schiefgeht: Neun Parteien und Vereinigungen bilden die Union der Demokratischen Kräfte (UDK).

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Vera Lengsfeld / 16.05.2024 / 06:25 / 110

Die tägliche Gewalt gegen Bahn-Mitarbeiter. Ein Notruf im Wortlaut

Gewalt gegen Politiker ist das große Thema. Worüber nach wie vor kaum gesprochen wird, ist die alltägliche Gewalt, der die Bürger unseres Landes inzwischen ausgesetzt sind. Ein…/ mehr

Vera Lengsfeld / 13.05.2024 / 16:00 / 17

Im Moralgefängnis

Das Virus, das unsere Gesellschaft befallen hat, heißt Moralitis. Es ist ein kulturelles Virus, das die Gesellschaft schädigt, wie ein biologisches Virus den Körper. Wahrlich,…/ mehr

Vera Lengsfeld / 12.05.2024 / 12:00 / 13

Harald Martenstein auf Schloss Ettersburg

„Und sind wir auch regiert von Nieten, wir lassen uns das Lachen nicht verbieten“.  Schloss Ettersburg ist immer eine Reise wert. Nachdem der Musenhof Anna…/ mehr

Vera Lengsfeld / 21.04.2024 / 10:00 / 34

„Der General muss weg!” Der Fall Siegfried Buback

Als ich noch in der DDR eingemauert war, hielt ich die Bundesrepublik für einen Rechtsstaat und bewunderte ihren entschlossenen Umgang mit den RAF-Terroristen. Bis herauskam,…/ mehr

Vera Lengsfeld / 11.03.2024 / 16:00 / 20

Wie rettet man eine Demokratie?

Warum lässt die schweigende Mehrheit zu, dass unter dem Schlachtruf, die Demokratie und das Grundgesetz zu verteidigen, beides ausgehöhlt wird? Was man ganz einfach tun…/ mehr

Vera Lengsfeld / 06.02.2024 / 12:00 / 38

Wie man Desinformation umstrickt – und noch schlimmer macht

Wenn man gewisse „Qualitätsmedien" der Fehlberichterstattung und Manipulation überführt, werden die inkriminierten Texte oft heimlich, still und leise umgeschrieben. Hier ein aktuelles Beispiel.  Auf diesem Blog…/ mehr

Vera Lengsfeld / 04.02.2024 / 15:00 / 20

Die Propaganda-Matrix

Die öffentlich-rechtlichen Medien und die etablierten Medien leiden unter Zuschauer- und Leserschwund, besitzen aber immer noch die Definitionsmacht. Das erleben wir gerade wieder mit einer Propaganda-Welle. …/ mehr

Vera Lengsfeld / 02.02.2024 / 06:05 / 125

Wie man eine Desinformation strickt

Am 30. Januar erschien bei „praxistipps.focus.de“ ein Stück mit dem Titel: „Werteunion Mitglied werden: Was bedeutet das?“ Hier geht es darum: Was davon kann man davon…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com