Vierter Dezember 1989
Kaum sind sie gestürzt, werden mehrere Politbüromitglieder auf Anweisung der Regierung Modrow verhaftet. Es trifft unter anderem Erich Mielke, der in die von ihm mitkonzipierte Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen eingeliefert wird. Dort bekommt er Zeitungen und Bücher, darf fernsehen und seine Freigänge nicht in der Frischluftzelle, sondern im sogenannten „Rosenhof“ verbringen, eine Grünanlage für die Stasioffiziere. Außerdem werden in seiner Zelle die Glasbausteine sofort gegen normales Fensterglas ausgetauscht. Er ist also zu keinem Zeitpunkt den üblichen Härten ausgesetzt, beschwert sich aber bei jeder Gelegenheit über die „unmenschlichen Haftbedingungen“. Wo er recht hat, wollen wir dem Ex-Stasichef nicht widersprechen, aber es ist doch traurig, dass Mielke dabei vollkommen übersieht, dass die Haftbedingungen etwas mit seiner politischen Verantwortung zu tun haben.
Während ihr langjähriger oberster Befehlsgeber hinter Gittern sitzt, sind die Stasimitarbeiter auf allen Ebenen fieberhaft damit beschäftigt, Akten zu vernichten. Der DDR-Hörfunk kommt seinem Versprechen nach, unabhängig zu berichten. Er bringt als erster Sender ein Stück über die Aktenvernichtung. Es wird schon am frühen Morgen ausgestrahlt und hat Folgen: Mitarbeiter des Flughafens Schönefeld alarmieren die Öffentlichkeit, dass mit Akten beladene Sondermaschinen zum Abflug nach Rumänien bereitstünden. Daraufhin veranlasst die Staatsanwaltschaft, dass alle Flüge nach Bukarest gestoppt werden.
In Erfurt beschließen die Frauen der Bürgerinitiative Frauen für Veränderung umgehend, gegen die Aktenvernichtung vorzugehen. Es gelingt ihnen ohne Mühe, Mitstreiter unter den Oppositionellen, Kirchenleuten, rebellischen Betriebsbelegschaften und Angestellten zu mobilisieren. Die Menge umstellte das MfS-Gebäude. Autofahrer, unter anderem die städtische Müllabfuhr, blockierten die Auffahrt. Es dauert nicht lange und die Stasi gibt nach. Sie lässt erst einige Frauen ins Gebäude, dann weitere Demonstranten. Sie finden Beweise für eine umfangreiche Aktenvernichtung. Sofort werden die Archive versiegelt und eine Bürgerwache eingesetzt, um weitere Vernichtungen zu verhindern. Noch am gleichen Tag werden weitere Stasiobjekte in der Stadt aufgespürt und besetzt.
Während die Frauen im ganzen Land längst aktiv werden, formiert sich ein Unabhängiger Frauenverband, der nichts von sich selbst, sondern alles vom Staat erwartet. Der Forderungskatalog beinhaltet unter anderem: einen Frauenförderungsfonds beim Ministerrat, die Schaffung von Publikationsmöglichkeiten, feste Sendezeiten im Rundfunk und Fernsehen und die Bildung von Frauenausschüssen auf allen parlamentarischen Ebenen.
In Rostock können sich die Oppositionellen noch nicht zu einer Besetzung der Stasizentrale durchringen. Sie organisieren vor den Toren eine „Mahnwache gegen die Vernichtung von Beweismitteln“. Die Stasi ist wenig beeindruckt. So lange sie kann, vernichtet sie weiter.
Anderenorts gehen erstmals Angehörige von Volkspolizei und Staatssicherheit auf die Straße, um gegen Amtsmissbrauch, Korruption und Aktenvernichtung zu protestieren. Die Antwort auf die Frage, warum sie bloß protestieren, statt die Aktenvernichtung aktiv zu stoppen, bleiben die Demonstranten allerdings schuldig.
Am Abend gibt es wieder zahlreiche Demonstrationen in Leipzig, Karl-Marx-Stadt und Cottbus. In Karl-Marx-Stadt wird die Rückbenennung in Chemnitz gefordert. In Leipzig dominiert die Forderung nach Vereinigung.
Ich war an diesem Tag mit Freunden aus Cambridge nach Leipzig gefahren. In der Nikolaikirche, wo wir am Montagsgebet teilnahmen, wurde ich von Pfarrer Christian Führer erkannt und sogleich gefragt, ob ich auf der Demonstration sprechen wolle. Natürlich wollte ich. Die Redner versammelten sich auf der Empore des Leipziger Opernhauses. Von dort konnte man gut den ganzen Karl-Marx-Platz überblicken, der schwarz von Menschen war, überwiegend männlichen Geschlechts. Die Deutschlandfahnen, die geschwenkt wurden, sorgten für zahlreiche Farbtupfer. Dazwischen glänzten die weißen Transparente, überwiegend mit Forderungen nach Vereinigung. Genau dies verlangten auch die vielen Sprechchöre an diesem Abend. In England, wo Nachrichten aus der DDR inzwischen jeden Tag zu den Spitzenmeldungen gehörten, hatte ich einen anderen Eindruck gewonnen, weil dort die Reformen in den Mittelpunkt der Berichterstattung gestellt worden waren. Weiter wusste ich durch meine tägliche Zeitungslektüre, welche Ressentiments es in Großbritannien gegen eine mögliche deutsche Vereinigung gab. Deshalb glaubte ich, vor eben dieser Vereinigung warnen zu müssen. Schon als ich angekündigt wurde, mit dem Zusatz, dass ich aus England zurückgekommen sei, begann das Pfeifkonzert, das meine gesamte kurze Ansprache begleitete. Kurz darauf wurden Ausschnitte meiner Rede in der Tagesschau gezeigt. Ich war die Heldin der Einheitsgegner, aber das tröstete mich nicht. Beim anschließenden Zug über den Ring zur „Runden Ecke“ lief ich im vergleichsweise kleinen Häufchen von Bürgerrechtlern, die weiterhin auf Reformen in der DDR drängten. Ich kam mir verloren vor, obwohl wir sicher ein- bis zweitausend waren. In diesem Moment erkannte ich, dass ich umdenken musste.
Fünfter Dezember 1989
In Leipzig wird ein unabhängiges Bürgerkomitee zur Auflösung des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit gegründet. In Magdeburg desgleichen. Allerdings lassen sich die Bürgerkomitees zu oft von der Stasi an der Nase herumführen. In Leipzig versucht der Stasichef den Bürgerrechtlern einzureden, das Amt für Nationale Sicherheit müsse unbedingt weiterexistieren, weil Rechtsextremismus bekämpft werden müsse. In Magdeburg sind es zögerliche Kirchenleute, die sich gegen eine Besetzung der Bezirksverwaltung aussprechen, um eine geordnete „friedliche Übergabe“ nicht zu gefährden.
In Berlin wird die Stasizentrale in der Normannenstraße von einer Bürgerrechtlergruppe, begleitet von Medien, besucht. Die noch warmen Reißwölfe werden gefilmt, Aktenschränke versiegelt. Sogar aus Mielkes Büro gibt es erste Bilder im DDR-Fernsehen. Aber dann verlässt die Gruppe das Gebäude wieder und gibt der Zentrale die Möglichkeit, bis zum 15. Januar ungestört mit der Aktenvernichtung fortzufahren.
In Suhl hat das Neue Forum mehr Erfolg. Als auf einer Versammlung in der Stadthalle bekannt wird, dass in der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit Akten vernichtet werden, zieht eine große Menschenmenge vor das Tor der Zentrale. Zwar versucht die Staatssicherheit, die Menschen hinzuhalten, muss aber dann doch dem Druck nachgeben. Eine kleine Abordnung wird durch das ganze Gebäude geführt, auch in den Archivkeller. Einige Schränke werden versiegelt. Am nächsten Tag blockieren Busfahrer mit Bussen und LKWs alle Zufahrten. Dann fährt ein Bus durch das Haupttor. Sofort strömen hunderte Suhler auf das Gelände. Der Stasichef ruft im Büro des Neuen Forum an und bittet um Schutz.
Es wird spontan ein Bürgerkomitee zur Auflösung der Staatssicherheit ins Leben gerufen, alle 600 Stasileute, die an diesem Tag Dienst hatten, werden umgehend entlassen. Sie werden streng kontrolliert, bevor sie das Gebäude verlassen dürfen, damit niemand noch in letzter Sekunde heimlich Akten entwendet. Damit war die Aktenvernichtung im Bezirk Suhl gestoppt.
Die Schriftstellerin Christa Wolf und der Bürgerrechtler Konrad Weiß von Demokratie jetzt rufen zur Bildung von Bürgerkomitees auf, um die weitere Aktenvernichtung zu stoppen.
Bild berichtet, dass Erich Honecker unter Hausarrest gestellt wurde. Das Neue Deutschland resigniert über fehlende Hinweise auf den Verbleib des SED-Devisenbeschaffers Schalck-Golodkowski, der am Vortag in den Westen geflüchtet war.
Während die Menschen auf der Straße längst die Vereinigung auf die Tagesordnung gesetzt haben, haben die beiden deutschen Regierungen das noch nicht begriffen. Sie lassen verkünden, dass zwischen den beiden deutschen Staaten die Schaffung eines gemeinsamen Devisenfonds vereinbart wurde. Künftig sollen alle DDR-Bürger die Möglichkeit haben, einmal im Jahr 200 DM umzutauschen. Aber die Menschen wollen nicht mehr nur die Krümelchen, sie wollen den ganzen Kuchen.