Zweiter Dezember 1989
Gipfeltreffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten George Bush sen. und dem sowjetischen Staats- und Parteichef Gorbatschow auf Malta. Die Politikinszenierung wird von den Elementen gestört, Bush muss sich im Sturm vor der maltesischen Küste mit einem kleinen Boot zu Gorbatschows Schiff vorkämpfen. In den Gesprächen geht es dann hauptsächlich um die deutsche Frage.
In Berlin tagt die Programmkommission des Demokratischen Aufbruchs. Diskutiert wird über Helmut Kohls Zehn-Punkte-Plan zur deutschen Einheit. In einer Erklärung am Ende der Tagung heißt es: „Was in ferne Zukunft gerückt schien, ist auf die Tagesordnung gesetzt: Die Einigung der Nation.“ Damit hat die erste Oppositionsgruppe anerkannt, was von den Demonstranten auf der Straße immer lauter gefordert wird.
Dagegen kommt der Sprecherrat des Neuen Forums, der sich zeitgleich im Französischen Dom zu Berlin trifft, zu keinem Ergebnis. Im Anschluss an die Zusammenkunft erklärt sich der offizielle Sprecher in der deutschen Frage für nicht aussagefähig.
Ins Westfernsehen kommen allerdings nur die Stimmen gegen die Vereinigung. Walter Kempowski wundert sich und ist genervt, dass die „da drüben die Wiedervereinigung nicht wollen“. Ob es sich wohl um „Armenstolz“ handele, fragt er sich.
Wolfgang Schwanitz, der Leiter der Staatssicherheit, jetzt Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) genannt, gibt unter dem Titel „Operative Arbeit in Sammlungsbewegungen“ neue Richtlinien zur Bekämpfung der Opposition heraus. Allerdings verschlechtern sich die Bedingungen für die „operative Arbeit“ rapide.
Der Zerfall der SED, in deren Auftrag die Stasi immer gehandelt hat, hinterlässt tiefe Spuren beim „Schild und Schwert der Partei“. Selbst viele Inoffizielle Mitarbeiter wollen nicht mehr mitmachen.
Auch SED-Mitglieder fangen an zu rebellieren. Tausende versammeln sich am Abend vor dem Haus des Zentralkomitees und fordern eine radikale Erneuerung der Partei und den Rücktritt des gesamten Politbüros. Als Egon Krenz zu ihnen sprechen will, schallen ihm Buhrufe, Pfiffe und Rücktritt-Sprechchöre entgegen.
Dritter Dezember 1989
Dem Vorschlag aus Karl-Marx-Stadt, um punkt zwölf von Nord nach Süd eine Menschenkette durch das ganze Land zu bilden, sind Hunderttausende gefolgt. Diese Kette soll die Entschlossenheit zur demokratischen Erneuerung versinnbildlichen. In den großen Städten kommt für eine Viertelstunde der Verkehr zum Erliegen. Viele Autofahrer steigen aus und reihen sich ein. Am Schluss soll die Kette fast lückenlos gewesen sein. Sie wurde zum Symbol für die Disziplin der Demonstranten.
Das Zentralkomitee der SED trifft sich zu seiner 12. Tagung. Die hatte Generalsekretär Egon Krenz in der Hoffnung einberufen, mit der Opferung weiterer Spitzenfunktionäre und der konzeptionellen Vorbereitung des Parteitags die innerparteiliche Lage beruhigen zu können. Dass er selbst geopfert werden sollte, davon wurde Krenz vollkommen überrascht. Ihm war entgangen, dass sich in der Partei eine starke Gruppe gebildet hatte, die ihre Zukunft ohne die alten Politbüromitglieder plante. Diese Gruppe übernimmt nun die Macht. Krenz wird lediglich mitgeteilt, dass er zurückzutreten hätte, samt dem Politbüro und dem ZK. Außerdem wurden eine Reihe von Altkadern aus der Partei ausgeschlossen, unter anderem Erich Honecker und Erich Mielke.
Auf dieser turbulenten Sitzung kommt es zu grotesken Szenen. So ergreift Altkommunist Bernhard Quand das Wort und fordert die Wiedereinführung der Todesstrafe, damit alle standrechtlich erschossen werden können, die „unsere Partei in eine solche Schmach gebracht haben“.
Auf dieser Sitzung beginnt der Aufstieg von Gregor Gysi. Er wird zum Leiter einer parteiinternen Untersuchungskommission ernannt, die sich mit den Verbrechen der SED befassen soll. Noch in der Nacht lässt Gysi die Räume des Politbüros versiegeln. Danach hat man von der Untersuchungskommission kaum noch was gehört.
Inzwischen macht sich in der Bevölkerung der berechtigte Verdacht breit, die Staatssicherheit vernichte gezielt Unterlagen. Aus den Schornsteinen der Bezirksverwaltungen, die zumeist über eigene Heizhäuser verfügen, quillt Tag und Nacht Rauch. Deshalb ruft das Neue Forum dazu auf, Kontrollgruppen zu gründen, die Verschleierungsversuche und Manipulationen der Noch-Machthaber verhindern sollen.