112-Peterson: Wie richte ich mein Leben auf Erfolg aus?

Wie sollten Menschen, die sehr kreativ, aber dafür sehr neurotisch sind, arbeiten, um genügend emotionale Stabilität zu erreichen, um sich ins Chaos stürzen und kreativ sein zu können?

Das ist eine gute Frage. Ich habe viel darüber gelernt, indem ich Jungs Arbeiten über Alchemie gelesen habe, auch wenn das seltsam klingen mag. Das war damals am Doktorandenkolleg, als ich begann, meine erstes Buch „Maps of Meaning“ zu schreiben und mich psychologisch förmlich zerrissen habe beim Versuch, das Böse zu verstehen. Das Böse des Kalten Krieges, das Böse in den Individuen, aus denen Nazi-Deutschland und das stalinistische Russland bestanden. Ich las C. G. Jung, in seinen Arbeiten über Alchemie sprach er viel über Selbst-Transformation – was schwer zu erklären ist. Vielleicht genügt es zu sagen, dass sein Rat, den er aus der Alchemie ableitete, war: Wenn man sich mit sehr komplizierten und gefährlichen Gegenständen befasst, dann sollte man wirklich damit anfangen, sein Leben auf eine vernünftige Weise zu organisieren. Ich würde daher sagen, dass der richtige Weg, mit Neurotizismus umzugehen ist, sein Pflichtbewusstsein zu erhöhen. Wie wir wissen, bedeutet ein größeres Pflichtbewusstsein geringeren Neurotizismus.

Pflichtbewusstsein scheint Neurotizismus unter Kontrolle zu halten. Ich würde daher sagen – und tatsächlich habe ich das vielen Leuten schon gesagt: Räumen Sie Ihr Zimmer auf! Organisieren Sie Ihr Leben! Gewöhnen Sie sich eine Routine an! Stehen Sie jeden Tag um die gleiche Zeit auf! Gehen Sie jeden Tag zur gleichen Zeit ins Bett! Gewöhnen Sie sich disziplinierte Verhaltensweisen an. Machen Sie sich erst mal einen Zeitplan, das hilft wirklich sehr. Benutzen Sie einen Kalender, zum Beispiel Google Calendar. Aber lassen Sie sich davon nicht tyrannisieren! Benutzen Sie den Kalender, als ob er Ihr Vertrauter und Ratgeber wäre! Setzen Sie sich hin, öffnen Sie den Kalender und planen Sie eine Woche mit Tagen, wie Sie sie wirklich gerne hätten! Sie planen also Dinge für jeden Tag, die für Sie bedeutsam und produktiv sind, so dass Sie es vor sich selbst rechtfertigen können, einen solchen Tag zu haben. Planen Sie auch hinreichend Ihre Pflichten ein, sodass Sie täglich einen Fortschritt verbuchen können, anstatt weiter zurückzufallen. All das wird nicht direkt Ihre Neurophysiologie beeinflussen, aber Sie als neurotischer Mensch reagieren auf Ungewissheit und Unerwartetes mit erhöhter physiologischer Bereitschaft und mehr Energieaufwand als der durchschnittliche Mensch. Was Sie also tun müssen ist, Ihre Umgebung zu organisieren. Es ist zum Einstieg viel einfacher, Ihre Umgebung zu organisieren als Ihr fundamentales Temperament radikal umzustrukturieren, was Sie möglicherweise gar nicht schaffen werden. Das wichtigste ist daher: Disziplin! Disziplin!

Was ich kreativen Menschen außerdem raten würde (es trifft allgemein auf alle zu, aber es ist besonders wichtig für kreative Menschen): Wenn Sie kreativ sein wollen, was sehr, sehr gefährlich ist und wobei Sie eine sehr geringe Erfolgswahrscheinlichkeit haben, obwohl es gleichzeitig nötig ist, wenn Sie ein sehr offener Typ sind: Sie sollten den Rest Ihres Lebens, abgesehen von Ihren kreativen Unterfangen, wenn möglich auf eine ziemlich traditionelle und konservative Weise organisieren, weil das Sie gegen das Unerwartete wappnet und Ihnen Stabilität gibt, auch wenn Ihr Leben Sie fordert. Das gibt Ihnen die Freiheit, größere Risiken im kreativen Bereich einzugehen. Für kreative Menschen ist es schwierig, das zu tun, weil sie quasi gleichzeitig in alle Richtungen um sich schlagen. Aber Sie erschöpfen sich auf diese Weise und riskieren, sich zu vergeuden.

Dieser Text ist die Antwort Jordan B. Petersons auf eine User-Frage. Hier geht’s zum Originalbeitrag.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

netiquette:

Johannes Schuster / 10.04.2019

Wie soll ich eine Suppe salzen, wenn ich einen Doughnut braten will ? Und warum ist eine Schallplatte keine Kassette, wenn MP3 doch auch alles spielt ? Man kann mit der Hypothese auch zum fertigen Schwachsinn in der Fragestellung überleiten. Nehmt die Menschen, wie sie sind und lernt damit klar zu kommen, in einer Gesellschaft, die keine ist.  Ordnung ist nur ein minimales Maß an Einsicht, der Rest ist Pflicht und die wird Gehorsam und das führt zu Eichmann. Willkommen in der neune Weltordnung !

Thomas Taterka / 10.04.2019

Die Qualitäten Petersons blühen am besten in der Diskussion auf. Spontan, witzig und sehr mutig und unkonventionell , glasklar .Konnte man hier durch einen Beitrag von Roger Letsch unlängst erfahren. Er lebt von der Intelligenz seiner Zuhörer und debattierenden Gegner. Er braucht ein Auditorium. Ihm das zu verweigern, ist für ihn existenzbedrohend. Leider wissen das auch seine Gegner. Versuche, ihn zu asozialisieren, wird es also immer wieder geben. Seine Bücher aus dem Verkehr zu ziehen wie in Neuseeland sind peinliche Selbstauskünfte des intellektuellen Niveaus seiner Kontrahenten. Er ist unterwegs, um zu werben für eine reife Individualität und das soll unterbunden werden.  Wie albern.  

Werner Arning / 10.04.2019

Wenn ich viele Dinge gleichzeitig zu erledigen habe, bändige ich diese Vorhaben zunächst gerne auf einer Liste, die ich dann anfertige, wenn ich nicht so recht weiß, womit ich beginnen soll. Man Lehrer L. sagte damals in der Grundschule: Was du schwarz auf weiß besitzt, kannst du getrost nach Hause tragen. Ist dann das manchmal Unangenehme, jedoch Unumgängliche erst einmal auf der Liste gebannt, verliert es seine bedrohliche Wirkung. Und nach der Erledigung eines Programmpunktes, wird dieser sorgsam durchgestrichen. Passt gar nicht zum Thema? Mag sein, fiel mir jedoch beim Lesen ein.

Ulla Smielowski / 10.04.2019

Der Autor hätte, nach meinem Dafürhalten, ruhig näher auf Angesprochenes eingehen können.. Als Laie benötige ich soetwas.. Für ihn mag ja manches selbstverständnlich sein…

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