112-Peterson: Wie prüfe ich mein Gewissen?

Ein User schrieb mir: „Hallo, Dr. Peterson. Ich habe versucht, auf mein Gewissen zu hören, aber ich kann den Unterschied zwischen Angst, vorsätzlicher Blindheit und echtem Gewissen nicht erkennen.”

Nun, das erste, was ich dazu sagen würde, ist, dass Sie offensichtlich wirklich versuchen, auf Ihr Gewissen zu hören, denn es ist normal, dass Sie dabei völlig verwirrt werden. Denn das ist eine wirklich gute Frage. Befassen wir uns mit der Angst. Machen Sie einfach den folgenden Test: Wenn Sie denken, dass Sie etwas tun sollten, und Sie glauben, dass der Grund, warum Sie es vielleicht nicht tun, darin besteht, dass Sie Angst haben, dann sollten Sie es tun. Auf diese Weise können Sie herausfinden, ob es Angst ist. Ich denke, Ihre Frage lautet: “Woher weiß ich, dass mein Gewissen sich nicht einfach als Angst ausgibt und mir sagt, dass ich etwas nicht tun sollte?” In Wahrheit ist das aber eine Rationalisierung des eigentlichen Problems, nämlich dass Sie Angst davor haben, etwas zu tun.

Es ist wichtig, dass Sie Ihre wahren Beweggründe kennen. Mir ist das klar geworden, als ich mich intensiv mit der Pinocchio-Geschichte beschäftigte. Als Pinocchio danach strebt, ein Mensch zu werden, hat er ein Gewissen, das ihn führt, in Gestalt der Grille Jiminy (im Zeichentrickfilm von Walt Disney, Anm. d. Red.). Aber Jiminy ist nicht wirklich ein sehr gutes Gewissen, er ist anfangs etwas dogmatisch und unerfahren. Symbolisch zeigt das, dass das Gewissen keineswegs ein unfehlbarer Führer ist, es ist eher wie ein Expeditions-Partner. Und wenn Sie sich im Leben entwickeln und Ihr Gewissen konsultieren und darauf hören, dann wird es klüger, so wie Sie. Aber es gibt einen sehr wichtigen Punkt, den es zu beachten gilt. Einer der Gründe, warum ich in meinen Vorträgen und in meinem Buch so vehement darauf poche, dass Menschen versuchen sollten, nicht zu lügen.

Wir vereinen in uns viele Systeme, die uns leiten. Eines davon ist unsere Fähigkeit zum rationalen Denken, und dann wären da noch eine Vielzahl von emotionalen Systemen, Motivationssystemen, innere Dramen, Eingebungen, körperliche Empfindungen, Sinne und viele weitere. Und viele von ihnen operieren, könnte man sagen, unbewusst, autonom, instinktiv, indirekt. All das. Dennoch programmieren Sie sie. Sie füttern Sie mit Inhalten. Genauso wie Sie Ihrem Körper Nahrung zuführen, nähren Sie diese Systeme mit Inhalt. Und ein Großteil der Inhalte, die Sie ihnen zuführen, stehen in direkter Verbinsung mit Ihren freiwilligen Gedanken, Äußerungen und Handlungen. Und wenn Sie dann Dinge sagen, von denen Sie wissen, dass sie nicht wahr sind, oder wenn Sie Dinge nicht sagen, von denen Sie wissen, dass sie wahr sind, was üblicher ist und wenn Sie auf eine Weise handeln, die allgemein als verwerflich gilt, dann pathologisieren Sie all diese autonomen Systeme, die Sie leiten. Es ist, als würden Sie sie schlecht programmieren. Sie bauen in sich selbst ein KI-System auf. Und wenn Sie es mit schlechtem Datenmaterial füttern, wird Sie das Ergebnis nicht ordentlich führen.

Eine Art Leitstern

Auf diese Weise wollen Sie Ihre Leitsysteme nicht pathologisieren. Das wäre eine dumme Idee. Aus diesem Grund sollten Sie nicht lügen. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum man sagen sollte, was man zu sagen hat, und zwar klar und deutlich. Das ist etwas, das Sie auf jeden Fall lernen sollten. Soweit also zu einer der Möglichkeiten, Ihr Gewissen auszurichten. Als nächstes müssen Sie mit ihrem Gewissen in Dialog treten. Sie fragen sich beispielsweise, ob Sie etwas tun sollten oder nicht. Vielleicht im Angesicht einer Versuchung. Vielleicht haben Sie die Chance, eine neue Beziehung einzugehen. Sie sind begeistert und besorgt zugleich, haben Angst davor, wissen nicht, wie Sie mit all diesen Gefühlen umgehen sollen. Um Ordnung ins Chaos zu bringen, brauchen Sie etwas, woran Sie sich orientieren können. Eine Art Leitstern. Sie müssen wirklich wollen, dass sich die Dinge klären und Sie müssen alles durchdenken.

Ihnen sollte bewusst sein, was es bedeutet, wenn Dinge nicht in geordneten Bahnen verlaufen. Es bedeutet, dass Sie durch die Hölle gehen. Wenn Ihnen das bewusst wird, reicht das. Vielleicht genügt es, Sie nachhaltig zu erschrecken. Sie müssen sich das wirklich vor Augen führen, dann muss Ihnen klar werden, wie viel besser es wäre, wenn Sie nach oben strebten. Das muss wirklich Ihr ganzes Wesen durchdringen. Sie orientieren sich also nach oben und entschließen sich, die Wahrheit zu sagen.

Und dann können Sie anfangen, sich auf diesen Dialog mit Ihrem Gewissen zu verlassen, aber Sie beide müssen lernen und Sie werden Fehler dabei machen. Und das ist in Ordnung. In solchen Gesprächen können Sie sagen: „Ich werde es versuchen, ohne sicher zu sein, dass es richtig ist”, oder: „Ich werde es sagen, ohne sicher zu sein, dass es richtig ist.” So als ob Sie mit ihrem Mann, Ihrer Frau, Ihrer Schwester oder Ihrem Vater über einen Sachverhalt diskutieren.

Die entscheidende Frage

Einem Menschen würden Sie sagen: „So sehe ich die Situation. Aber wer weiß, womit diese Idee belastet wird. Vielleicht sage ich das nur, weil ich zu stolz, arrogant, wütend, ängstlich oder was auch immer bin. Das wäre möglich. Vielleicht können wir der Sache auf den Grund gehen.” Und dann werden beide von Ihnen es drauf anlegen, wie man es eben macht, wenn man eine Hypothese aufstellt. SIe diskutieren leidenschaftlich, ob es eine Idee ist, die es wert ist, behalten zu werden. Und genau dasselbe sollten Sie mit Ihrem Gewissen tun. Und daran arbeiten Sie immer weiter.

Es gibt eine Technik aus der Verhaltenstherapie namens kollaborativer Empirismus. Also sagen wir, dass wir, Sie und ich, uns hingesetzt und entschieden haben, dass Sie diese Woche etwas Neues ausprobieren werden. Vielleicht haben Sie Platzangst und darum Probleme, in eine Parklücke zu fahren, auszusteigen und in den Supermarkt zu gehen. Vielleicht entscheiden wir, dass es erst mal reicht, wenn Sie zum Supermarkt fahren und die Hälfte des Wegs vom Auto zum Eingang zurücklegen. Das sollen Sie eine Woche lang jeden zweiten Tag machen. Dann kommen Sie zurück und wir reden darüber. Das ist also kollaborativer Empirismus.

Sie machen also ein kleines Experiment. Wenn Ihr Gewissen Sie auf etwas zuführt, machen Sie einen vorsichtigen Schritt in diese Richtung und dann resümieren Sie, ob das, was Sie wollten, das Ergebnis ist. Das ist die entscheidende Frage. Und das ist die entscheidende Frage hinsichtlich der Qualität des Betragens. Das ist die pragmatische Perspektive. Ist das, was ich wollte geschehen als Folge meiner Urteilskraft und meines Handelns? Wenn die Antwort ja ist, habe ich es richtig gemacht. Das ist die pragmatische Philosophie in Kurzform.

Auf diese Weise können Sie einen Dialog mit Ihrem Gewissen führen, der nie endet, und hoffentlich werden Sie beide klüger. Das ist derselbe Dialog, der laut Jung zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten stattfindet. Zwischen Ihnen und Ihrem Phantasie-Leben, das unter Ihnen als bewusstem Wesen liegt, das Leben, das Teil Ihrer biologischen Plattform ist, die auf wundersame Weise Ihr Bewusstsein hervorbringt. Damit führen wir einen Dialog. Wir stehen immer im Dialog. Wir sind immer im Dialog mit allem. Und an diesem Punkt sollten Sie weitermachen.
 

Dies ist ein Auszug aus einer Frage-und-Antwort-Sitzung mit Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Auszug. Und hier zur gesamtem Sitzung.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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Werner Arning / 20.11.2019

Wenn Sie wüssten, welch intensive Gespräche ich schon mit meinem Gewissen geführt habe. Beide Seiten, ich und das Gewissen,  hatten jedoch so starke Argumente, dass weder ich, noch mein Gewissen vom Fleck kamen. Wir haben uns gegenseitig neutralisiert. Eine Entscheidung wurde unmöglich. Die jeweilige Argumentation waren gleichwertig gut oder schlecht. Und so steh ich da und überlege noch heute.

Karla Kuhn / 20.11.2019

“Wie prüfe ich meine Gewissen?”  Sie gehen also davon aus, daß das Gewissen generell vorhanden ist ? Ich habe den Eindruck, daß  etliche oder sogar viele Personen ihr Gewissen über Bord geworfen haben !  Und was ich nicht mehr besitze, muß ich nicht mehr prüfen, vermutlich ihr Credo. SO einfach kann Psychologie auch sein, für bestimmte Typen !  Ich als pragmatische Person gehe hin und wieder mit mir selber ins Gericht, ich schaue in den Spiegel und frage mich , mein Gott, mußte das, das,das etc. sein ? Übrigens, meine Meinung, wer seine “Schandtaten” einsehen kann und sie vor allem nicht wiederholt , schleppt keinen Ballast mehr mit sich rum, was sich auch in der Haltung widerspiegelt.

Thomas Taterka / 20.11.2019

In Zeiten der politischen Bedrängnis ist es ratsam, sich vor zwei Gruppen von Menschen in Acht zu nehmen : Denen , die ein Gewissen nicht nötig haben und denen, die sich eines nicht leisten können. Ich empfehle die ” experimentelle Prüfung “. Gewissen kann man nicht erlernen. Es ist ein ” Geschenk fürs Leben ” , das man in der Kindheit bekommt oder eben nicht.

Joachim Willert / 20.11.2019

Soeben ist Fritz von Weizsäcker erstochen worden. Diese brutale Tat scheint in der letzten Zeit eine Tendenz zu bestätigen. Die der Lynchjustiz. Nun bin ich besorgt darüber , ob meine Beobachtung und Einschätzung dieser Tendenz richtig ist.  Ich bin nun auf der Suche nach einer Bestätigung oder Umorientierung meiner Vermutung,  Hierbei kommt mir Ihr Bericht über den kollaborativen Empirismus gerade recht.  Der fortwährende Dialog mit meiner Wahrnehmung und der sogenannten Realität führt mich unweigerlich zu der Erkenntnis,  dass ich noch viel zu naiv bin.    Unser ehem. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wurde einmal gefragt, wie er die Gefahr eines Attentats auf ihn einschätzt. Seine brilliante Antwort kennen Sie bestimmt.  = Das ist das Risiko des politischen Geschäfts = .  Mit 84 Jahren starb KGK. Warum erlag er keinem Attentat? Grund genug gab es.  Eine sanfte Ohrfeige war das Maximum . Vielleicht beherrschte er den kollaborativen Empirismus.  Munter bleiben

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