112-Peterson: Wie man das langweilige Leben herausfordert

Wenn man sich selbst beobachtet, dann merkt man manchmal, dass man einen besonders guten Tag bei seiner Arbeit hatte. Was bedeutet das? Nun, es bedeutet, dass man das Zeitgefühl verloren hat. Wenn man keinen guten Arbeitstag hat, dann schaut man auf die Uhr und es ist eine Minute vor drei, dann schaut man nochmal und es ist 54 Sekunden vor drei und dann 30 Sekunden und so weiter. So war die Schule für mich. Damals habe ich immer Ärger gekriegt, weil ich zu viel gequatscht habe, was wohl keine große Überraschung ist. Ich war einfach zu Tode gelangweilt und habe mich deshalb daneben benommen. 

Ich war neulich in der Schule meiner Tochter, um bei einer Schulstunde zu hospitieren. Die Kinder saßen auf dem Boden, und der Lehrer ließ sie sich gegenseitig vorlesen, dabei konnten manche Kinder gar nicht lesen. Ich hatte wieder genau die gleiche Erfahrung, es war, als wäre ich wieder sieben Jahre alt und sähe der Uhr beim langsamen Ticken zu. Wenn ich auch nur drei Tage in dieser Klasse sitzen müsste, ich mit meinen fünfzig, naja, sagen wir vierzig Jahren, würde mich genauso daneben benehmen wie damals, als ich sechs Jahre alt war.

An so einem Ort will man nicht sein. Man will nicht an einem Ort sein, der lähmend ist, an dem es keinerlei Herausforderung gibt. Manche Leute kündigen sogar ihren Job, weil es keine Herausforderung gibt, auch wenn andere sagen: „Das ist doch ein guter Job mit viel Sicherheit.“ Und alles, was man selbst denkt, ist: „Gott, ich halte das nicht aus. Das nagt an meiner Seele. All diese Sicherheit und keine Herausforderung.“

Keiner spricht von Verantwortung

Warum sucht man die Herausforderung? Weil man dafür gemacht ist. Für die volle Last, denn das macht einen stark genug für's Leben. Und dieses Leben ist außerordentlich schwierig, denn der böse König sägt immer an den Fundamenten des Staates, und man muss hellwach sein, um das zu verhindern. Das Ziel ist, dass man selbst nicht korrupt wird, die eigene Familie nicht korrupt wird und der Staat nicht korrupt werden muss. Man muss die Augen offen haben, einen scharfen Geist und die richtigen Worte parat. Man muss gebildet sein, vor allem die Geschichte kennen. Man muss wissen, wie man denkt, wie man liest, spricht, zielt, und man muss willens sein, die Last der Welt auf seinen Schultern zu tragen.

Was daran so besonders interessant ist, ist etwas, das sich mir gezeigt hat, als ich meine öffentlichen Vorträge über Verantwortung gehalten habe. Darüber spricht nämlich kaum noch jemand heutzutage. Das Publikum ist dann immer totenstill. Dann äußere ich den Gedanken, dass das Leben eine Tragödie, verpestet mit Bösartigkeit ist. Dann sagen alle: „Ja, das haben wir eigentlich schon immer vermutet, aber es hat nie jemand so deutlich gesagt. Es ist eigentlich eine echte Erleichterung, dass ich nicht die einzige Person bin, die diesen Verdacht hatte.“

Aber dazu gibt es einen zweiten, optimistischen Teil, nämlich: „Obwohl das Leben eine Tragödie, verpestet auf jeder Ebene durch Bösartigkeit, ist, gibt es da etwas im menschlichen Geist, das genau unter diesen Bedingungen gedeiht, wenn wir es zulassen. Denn egal, wie schwierig das Leben ist und egal, wie schrecklich wir sind, unsere Fähigkeit, mit dieser Katastrophe umzugehen und den bösartigen Geist zu überwinden, ist mächtiger als die Realität selbst.“ Und das ist die fundamentale Sache. Ich glaube, das ist das Fundament der christlich-jüdischen Ethik, mit ihrer Betonung der Göttlichkeit des Individuums.

Der Edelmut der eigenen Arbeit

Egal, wie katastrophal das Leben ist, und egal, wie bösartig Menschen sein können (bösartiger als man es sich vorstellen kann), ein jeder Mensch hat in seinem Geist den Edelmut, dies zu überwinden und das Böse zu besiegen. Mehr noch, das Gegengift zur Katastrophe des Lebens, zum Leiden des Lebens, zur Tragödie des Lebens, die dich nach unten reißen und zerstören kann, ist genau die Annahme dieser Verantwortung. Man muss sagen: „Nun, hier gibt es viel zu tun, und das ist schrecklich. Und es gibt nichts, was so schlecht ist, dass wir es nicht schlimmer machen könnten, und wir versuchen es definitiv mit viel Aufwand. Aber tief in mir steckt die Fähigkeit, mich zu entscheiden, dass ich dagegen einstehen werde. Ich werde dafür arbeiten, dass die Welt ein besserer Ort ist. Ich werde dafür arbeiten, die Bösartigkeit in meinem Herzen zu fesseln, meine Familie auf die richtige Bahn zu lenken und zu arbeiten, egal wie tragisch mein Los ist, damit alles, was vor mir ist, besser wird.“

Die Folge davon, die ganz konkrete Folge davon ist, dass, wenn man die Entscheidung trifft, sich all dieser Dinge freiwillig anzunehmen (was übrigens bedeutet, aufrecht und mit gestrafften Schultern durch's Leben zu gehen), alle Katastrophen durch den Edelmut der eigenen Arbeit gerechtfertigt werden. Und das bedeutet es, ein Individuum zu sein.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „Iceland: 12 Rules for Life Tour: Lecture 2". Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem YouTube-Kanal von Jordan B. Peterson. 

Foto: jordanbpeterson.com

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Thorsten Helbing / 23.01.2019

Entgegen dem Kommentator @Mertes kämpfte ich mich nicht durch das Buch “12 rules for life”, sondern laß es mit Genuss und Erkenntnisgewinn. Mehr kann ich von einem Buch gar nicht erwarten. Wer die Offenbarung für knapp 25€ erwartet, der ist auch sonst scheinbar nicht so leicht zufrieden zu stellen. In der heutigen Zeit allerdings ein Muss, sonst vertane Zeit? Zeit, welche gewisses Klientel im Überfluss zur Verfügung gestellt bekommt? Wie dem auch sei; hier kann ich dem Autor (also dem Peterson, nicht dem Mertes) nicht folgen - er wiederspricht sich selbst. Soll ich nun arbeiten um des Arbeiten Willens? Selbst wenn ich dabei vor Langeweile auf dumme Gedanken komme? Verantwortung zu tragen heisst nicht zwangsläufig nicht gelangweilt zu sein. So laß ich erst kürzlich von den Simultanübersetzern, welche im Grunde eine unglaubliche Verantwortung Inne haben, es dabei auch schon einmal zu “Aussetzern” mit gravierenden Folgen kommen kann. So auch bei irgendeiner Korea-Verhandlung vor den vereinten Nationen in den frühen 50’ern, was in zwischenzeitlicher ziemlicher Konfusion endete, da der Übersetzer einen Fehler machte und ein weiterer Übersetzer dem scheinbar in nichts nachstehen wollte und wiederum einen Übersetzungfehler machte. Und trotzdem, so verantwortungsvoll dieser Posten wohl auch sei, es gebe Spezialisten - und das sind diese Übersetzer wohl alle, sonst wären sie nicht auf diesem verantwortungsvollem Posten, welche neben dem simultanen Übersetzen nebenbei Zeitung lesen, weil es schlicht und ergreifend so super langweilig wäre. Mir geht es mittlerweile ja ähnlich. Lese ich doch Tag-Ein - Tag-Aus in diversen (nicht mit w/m/d verwechseln) Publikationen dasselbe, höre oder sehe von diversen Politikern dasselbe, und lese von diversen Kommentatoren ... dasselbe. Und ändern tut sich scheinbar rein ... NICHTS. Ist es also die Intention des Autors mir damit zu sagen: Arbeite irgendetwas, nur mach irgendetwas? Und wenn du vor Langeweile eingehst? NEIN, mache ich nicht!

Wolfgang Kaufmann / 23.01.2019

Singen, Lesen, Tanzen: Die junge Generation begnügt sich damit, so zu tun als ob. Es genügt das „Posen“; Substanz ist nicht mehr nötig. Dann schnell ein Selfie gepostet und auf geht’s zur nächsten Fun-Challenge. – Auf der Strecke bleibt die Erfahrung, dass eine Fähigkeit die Kombination aus Begabung und regelmäßigem Training erfordert; statt dessen: Heute ist mir langweilig, da komme ich zur Probe, und das nächste Mal habe ich keinen Bock oder was anderes vor. – Freilich ist meine Vermutung, dass dies die Folge von 50 Jahren amerikanischer Ich-bin-OK-du-bist-OK-Pädagogik ist. – Seft-Esteem ist wichtig; aber wenn die Wertschätzung inflationär verschenkt wird, verliert der Jugendlichen jedes Maß. Er will nur noch, extrinsische Motivation, vordergründig anderen gefallen und kommt nie zur Erfahrung der intrinsischen Befriedigung. So züchten wir eine Generation, die ein Minimum an Ahnung mit einem Maximum an Selbstüberschätzung kombiniert; genannt Schneeflöckchen.

Gabriele Schulze / 23.01.2019

Das Leben an sich ist schon eine Herausforderung. Nicht nur das Alter ist nichts für Feiglinge. Psalm 90 Vers 10: “Das Leben währet siebzig Jahr…”. Der Volksmund weiß: ” Unter jedem Dach ein Ach”, “Jeder hat sein Päckchen zu tragen”. Gibt bestimmt noch mehr!

Juliane Mertz / 23.01.2019

Das Problem ist doch nicht, dass man nicht erkennen kann, für das Gute kämpfen zu müssen. Das Problem ist, zu erkennen, was das Gute ist.

Werner Arning / 23.01.2019

Lebendig fühlt man sich, wenn man schafft, wenn man gestaltet, wenn das eigene Tun eine positive Wirkung mit sich bringt. Wenn man anderen Menschen Freude schenkt, wenn man Momente des Glücks empfindet, ob in der Gemeinschaft oder allein. Glück entsteht im Tun und weniger im Bekommen. Eher im Sein als im Haben. Das Göttliche wirkt stets schaffend, verändernd, beruhigend. Das Leben ist, wie es ist. Wir nehmen es an, lesen darin, lernen daraus und reagieren, wenn es geht, ohne Angst. Wir meiden nicht das Risiko. Das Leben selbst ist das Risiko. Wir wirken. In den nächsten fünf Minuten kann ich zum Telefon greifen und jemanden ein Stück glücklicher machen. Das ist Kraft. Das ist Macht. Gehen wir das Leben also ruhig aktiv an. Wir haben eigentlich gar nichts zu verlieren.

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