112-Peterson: Wenn Mitgefühl tötet

Jordan B. Peterson, Psychologie-Professor an der Universität von Toronto, wird jetzt jede Woche auf Achgut.com vertreten sein. Seine Hauptthemen sind die Psychologie des religiösen und ideologischen Glaubens sowie die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit. Im vergangenen Jahr widersetzte sich Peterson einem kanadischen Gesetz, das die Bürger unter anderem dazu zwingen will genderneutrale Pronomen zu verwenden (Bill C-16), weil es nach seiner Auffassung die Redefreiheit verletzt. Mit seiner Kritik an den  damit verbundenen Ideologien erreicht Peterson auf seinen Youtube-Kanälen inzwischen ein Millionenpublikum. Die Achse des Guten veröffentlicht jede Woche einen ins deutsche übertragenen Beitrag des Kanadiers unter dem Kolumnentitel „112 Peterson“.

Das Wichtigste, was Sie wissen wollen, befindet sich immer dort, wo Sie am wenigsten suchen wollen. Das ist natürlich bei jedem verschieden, aber klar ist, dass das Orte sind, an denen Sie noch nie nachgeschaut haben.

Ihr besonderer Ort ist nicht der gleiche wie bei Ihrem Nachbarn. Aber sie werden sicher alle einen Ort haben, an dem sie nicht nachschauen wollen. Und alles, was Sie noch nicht über sich selbst herausgefunden haben, befindet sich genau dort. Und am ehesten werden sie diese Dinge entdecken, wenn Sie herauszufinden versuchen, was Ihre Fähigkeiten, Ihre wahren Fähigkeiten sind.

Manche Leute, besonders von der mitfühlenden Sorte sagen zum Beispiel: Nein, ich könnte niemals brutal sein. Das kann zwar stimmen, aber Sie können Menschen mit Mitgefühl töten. Kein Problem, das ist schon passiert, das ist eine Freudsche Ödipus-Situation.

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem Altenpflegeheim. Ich habe eine Faustregel, die ich bei meinen Interaktionen mit Kindern und auch mit meinen Kunden anwende. Ich sage nämlich: Tun Sie im Allgemeinen nichts für irgend jemanden, was dieser nicht auch selbst tun könnte. Alles, was Sie dadurch tun, ist, jenen diese Fähigkeit zu nehmen. Sie stehlen ihnen etwas.

Also, stellen Sie sich vor, mit wirklich alten Leuten zu arbeiten. Sie wissen, dass die Alzheimer haben. Es ist wirklich bequem, Dinge für sie zu tun. Und zwar nicht deshalb, weil es harte Arbeit ist, sondern weil es leichter sein könnte, Dinge für sie zu tun, als sie sich durchkämpfen zu lassen. Aber dadurch beschleunigen Sie nur ihren Verfall, indem Sie ihnen die letzten Spuren ihrer Unabhängigkeit wegnehmen.

Und dasselbe macht man mit Kindern. Die Devise lautet: Durchkämpfen, Mann! 

Er hat ihm einfach nicht geholfen

Hat einer von Ihnen jemals „Mein linker Fuß“ gesehen? Das ist ein großartiger Film. Es geht um diesen Autor, dessen Name mir im Moment nicht einfällt. Ein brillanter Film und der Schauspieler, der die Rolle spielt, Daniel Day-Lewis, hat dafür, glaube ich, einen Oscar gewonnen. Es geht um diesen Autor in Irland, der unter infantiler Zerebralparese litt. Und das einzige, was er wirklich selbst tun konnte, war seinen linken Fuß zu bewegen. Das war's. Der Rest von ihm war ziemlich spastisch und nicht kontrollierbar. Aber sein Geist war wach, er war sehr intelligent, er war voll da. Und sein Vater wollte ihm partout nicht helfen.

Er musste sich mit seinem linken Fuß selbst die verdammte Treppe hochziehen. Er hat ihm einfach nicht geholfen. Und was passiert ist, ist, dass er gelernt hat zu leben; gelernt hat, tatsächlich zu funktionieren. Der Film zeichnet das wunderbar nach. Aber man muss ein harter, harter Hurensohn sein, um seinen Sohn mit seinem linken Fuß die Treppe hinaufkriechen zu lassen, immer und immer wieder.

Denken Sie mal darüber nach. Denn was wäre die Alternative? Wenn man ihn - und natürlich hat er das im Buch herausgestellt - wenn man ihn gepflegt und versorgt und bemuttert hätte, wäre aus ihm genau das geworden, was man im allgemeinen erwartet, wenn jemand auf Pflege angewiesen ist. Dies ist eine sehr schöne Lektion über den Triumph der Förderung von Unabhängigkeit über das allzu wohlfeile Mitgefühl. Ich zumindest bin dieser Auffassung.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „Maps of Meaning 3: Marionettes and Individuals (Part 2)“. Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem Youtube-Kanal von Jordan B. Peterson.

Siehe auch hier einen Beitrag von Achse-Autor Bernhard Lassahn zu Jordan B.Peterson.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost (8)
Gertraude Wenz / 26.10.2017

Danke, Herr Jungnickel für Ihre kluge Leserzuschrift! “Hilf mir, es selbst zu tun!” war auch das Motto von Maria Montessori. Das bedeutet aber nun nicht, dass jegliche Hilfe und Unterstützung abzulehnen ist, die mehr als Hilfe zur Selbsthilfe bedeutet. Es ist ein Balanceakt wie alles im Leben . Sie, lieber Herr Jungnickel, haben das klar herausgearbeitet!

Danny Wilde / 26.10.2017

Lieber Herr Jungnickel, wer einen hochkomprimierten und von überflüssigem Firlefanz freien Artikel so vorbehaltsbestätigt (wie Sie selbst schreiben) widerlegen will, sollte aber seinen Willen zum Textverständnis nicht bereits beim Lesen des Namens des Autors in die Garderobe hängen. Möglicherweise hatten Sie jedoch, um Herrn “Paulsens” Gedankengang auf Ihren Leserbrief anzuwenden, sehr verständnisvolle Grundschullehrerinnen.

mike loewe / 25.10.2017

Guter Ratschlag. Das Problem ist allerdings, dass sich oft sofort andere einfinden, die helfen und sich beim Hilflosen beliebt machen wollen. Dann steht man selbst auch noch als der Herzlose da.

Peter Schaefer / 25.10.2017

Lieber Herr Jungnickel, der Alzheimerkranke kann immer mehr Dinge, immer weniger und es spricht laut Peterson nichts dagegen, ihm dabei zu helfen und ihm diese abzunehmen. Aber es spricht viel dagegen, ihm auch die abzunehmen, die er noch kann, denn diese Dinge sind es, die ihn im Leben und aktiv halten. Das ist der Punkt um den es geht und da hat er vollkommen recht - auch mit besonderem Blick auf Kinder gilt die Aussage.

Rüdiger Barasch / 25.10.2017

Dirk Juncknickel ist in seiner Skepsis gegenüber Psychomeistern aus Toronto, die alle menschliche Situationen und Lebenslagen kochbuchmäßig abhandeln , vollen Herzens beizupflichten . Mehr ist dazu nicht zu sagen!

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