112-Peterson: Wenn Ihnen Ihre Kinder unsympathisch sind

In meinem ersten Buch „12 Rules for Life“ lautet eine Grundregel: „Lass nicht zu, dass deine Kinder etwas tun, das sie dir unsympathisch macht.“ Wer will das schon?

Als Eltern versucht man, das beste aus seinen Kindern herauszuholen. Zumindest, wenn man sie liebt. Das bedeutet auch, dass Eltern logischerweise enttäuscht sind, wenn Kinder ihrem Potenzial nicht gerecht werden. Wie sollen sie Selbstsicherheit entwickeln, wenn man ihnen dies nicht vermittelt? Denn es ist doch absolut irritierend für Kinder, das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass es in Ordnung sei, wenn sie sich wie ein Volltrottel benehmen. Gibt es etwas, das mehr verunsichert, als das Gefühl zu haben, alles, was man tut, wäre in Ordnung? Da kann man sich auch gleich die Kugel geben. Ganz egal, wie abscheulich, hinterhältig oder betrügerisch das, was man tut, auch sein mag – es ist immer in Ordnung. Nein, ist es nicht! Auf diese Weise wird ein Kind nicht selbstsicher.

(...)

In meinem ersten Buch „12 Rules for Life“ lautet eine Grundregel: „Lass nicht zu, dass deine Kinder etwas tun, das sie dir unsympathisch macht.“

Wer will das schon? Doch genau das geschieht, wenn man zulässt, dass seine Kinder sich permanent daneben benehmen. Und man dann seinen Ärger an ihnen auslässt. Natürlich denken alle Eltern: „Aber ich würde doch niemals meine Kinder unsympathisch finden!“ Doch, das würden Sie. Ich kenne das zur Genüge aus meiner Praxis:

Sagen wir, ein dreijähriges Kind dreht ständig am Rad und treibt seine Eltern in den Wahnsinn. Das ist normal, weil Kinder in diesem Alter ihre Grenzen austesten wollen. Doch die Eltern lassen es immer weiter quengeln und setzen keine Grenzen, obwohl Sie höllisch genervt davon sind. Vielleicht malt das Kind als nächstes ein Bild und zum ersten Mal hat es meinetwegen einen gut erkennbaren Menschen gemalt. Es hat also wirklich einen neuen Schritt in seiner Entwicklung gemacht.

Das Kind läuft also freudig mit seinem Bild zu seinen Eltern und hat seine Quengelei schon wieder ganz vergessen. Es wünscht sich natürlich, dass sich die Eltern das Bild genau anschauen und seinen Fortschritt loben und es in seiner Entwicklung bestärken. Aber stattdessen trifft es nun auf völlig genervte Eltern, die immer noch ärgerlich sind und es wegschicken und lieber fernsehen. Das ist im Grunde die Rache dafür, wenn man sein Kind nicht erzieht.

Und wer glaubt, ihm könnte sowas nicht passieren, versteht nichts von Menschen. Man wird so reagieren, wenn einen das eigene Kind permanent nervt!

Vielleicht fragt man sich auch: Möglicherweise bin ich auch einfach nur ein Idiot und deshalb genervt von meinem Kind. Das ist natürlich möglich. Darum ist es ratsam, einen Mann oder eine Frau als Korrektiv an seiner Seite zu haben. Der Partner wird einem hoffentlich klarmachen, wenn man ein Idiot ist.

(...)

Man könnte es auch so formulieren: Man hat als Eltern die ethische Verpflichtung, die Standards festzulegen, die man seinen Kindern vermitteln will und diese dann auch einzuhalten.

Dies ist ein Auszug aus einem Gespräch zwischen Jordan B. Peterson und Andrew Schulz. Hier geht's zum Auszug und hier zum gesamten Gespräch.

Foto: jordanbpeterson.com

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Gabriele Klein / 21.07.2021

@H. Taterka: Danke für die herrliche Quelle, die werde ich mir auch merken. Das Thema ist jedoch nicht ganz das gleiche.  Ihre Wertung daher unangebracht Teil 2, auf den Herr Petersen hauptsächlich anspricht, die anschließende Rache “unfähiger” Eltern an den ihnen immer unsympathischer werdenden Kindern fehlt in der Satire und das ist eine wichtige “Zutat” die eine Entwicklung verschärft u. verschlimmert und zwar langfristig. So witzig die Glosse auch ist,, sie endigt leider noch vor dieser von Petersen angesprochenen Rache die ein wesentliches Moment seiner Aussage ist. Von daher eine wichtige Ergänzung, aber kein Ersatz für das was Petersen umreist.  Beides sollte man sich nicht entgehen lassen. Weder die Glosse noch das vollständige Interview. Daher mein Dank an Achgut für den Hinweis und den sehr guten Auszug

Esther Burke / 21.07.2021

“... die ethische Verpflichtung, Standards festzulegen, die man…vermitteln will, und diese auch einzuhalten…” Welche ethische Verpflichtung und welche Standards ? woher nehmen und nicht stehlen ??  Kinder beim Aufwachsen zu begleiten und zu erziehen   ist - abgesehen davon, dass es wunderschön und erfüllend ist/sein kann, - Knochenarbeit , immer wieder auch mit Überforderungserfahrungen verbunden. Die Natur hat es (weise ?) so eingerichtet, dass 2 Menschen dafür erforderlich sind , ein Kind zu bekommen - und wohl auch, um ihm gerecht zu werden.. “Die tapfere alleinerziehende Mutter, die lieber an der Schlecker-Kasse arbeitet, als Hartz4 zu beziehen”(Westerwelle)  wird wohl kaum die Kraft haben, diese Standards alleine zu vermitteln , auch den politisch so erwünschten vielfältigen patchwork-Familien mit 2 möglichst voll berufstätigen Eltern könnte dies schwer fallen.  Ob es die Kollektiverziehung richten wird ? (“Jedes Kind hat das Recht auf einen Kitaplatz” = soll wohl heißen : Pflicht zur Kita ? und anschließend Ganztagesbetreuung.)  Ich wünsche, alle Eltern hätten das Recht + die Pflicht, sich um ihre eigenen Kinder zu kümmern und mit ihnen Lebenszeit zu verbringen. Erforderlicher Standard hierfür wäre, dass alle arbeitsfähigen Erwachsenen ein Recht auf Erwerbsarbeit hätten, und dass eine Familie von z.B. 2 halben Stellen leben könnte. Ethische Familienpolitik , verpflichtend… Under what conditions can ethics exist and how can they then best be protected ?

Sabine Heinrich / 21.07.2021

@Thomas Taterka: Herzlichen Dank für diesen Hinweis auf den phantastischen Text von dem wunderbaren Franz Hohler. Er wurde mir in den 70er Jahren durch das Radio ein Begriff - damals gab es noch Humor- und Satiresendungen in höchster Qualität - vorbei - seit Jahrzehnten. - Wie Kinder, denen Eltern keine Grenzen zu setzen wagen, weil ihnen linke “Pädagogen” und Pseudowissenschaftler eingeredet haben, dass Kinder sich gänzlich frei entfalten sollten, für die sogar das Wort “Erziehung” ein Unwort ist - sich entfalten, durfte ich oft genug seit ca. 40 Jahren nicht nur in der Bahn, in Restaurants u.Ä. genießen, sondern natürlich auch oft in der Schule. Die dazugehörigen Eltern fanden das Treiben ihrer asozial-diktatorisch sich verhaltenen Nervensägen entweder lustig, oder sie beachteten es gar nicht. Ich hatte fast immer den Eindruck, dass nur andere “genervt” waren, in lediglich seltenen Fällen die Erziehungsberechtigten - zumindest in der Öffentlichkeit. - Gerade bei vielen der derzeitigen Politikerdarsteller frage ich mich, ob sie überhaupt - und wenn ja - welche Art der Erziehung sie genossen haben…

Joerg Haerter / 21.07.2021

Das ist heute ein Hauptproblem, die Eltern schreiten nicht rechtzeitig ein und ihre Kinder entwickeln sich den Eltern und Anderen gegenüber zu Nervensägen. Dafür können die Kinder aber nichts, die Eltern sind schuld. Dadurch, dass man das Problem nicht angehen will, verlagert man es in die Endlosigkeit. Das Ergebnis sind Nervensägen, die mit sich selbst unzufrieden sind und anderen permanent auf den Geist gehen, weil sie keine Grenzen kennen. Früher löste man solche Probleme “intuitiv”, diese Intuition ist den Meisten abhandengekommen. Ein befreundetes Ehepaar ist das exemplarische Beispiel für so ein Erziehungsversagen. Beide Kinder sind “missraten”, im wahrsten Sinne des Wortes. Und die Eltern sind nicht dumm. Nur sie haben ihre Kinder nicht erzogen. Die Tochter stand kurz vor der Einweisung, der Sohn ohne Abschluss und Ausbildung und lebt von Hartz IV. Alles zureden hat NICHTS geholfen.

Thomas Taterka / 21.07.2021

Erheblich besser ( und amüsanter ) hat dieses Problem der Schweizer Kabarettist Franz Hohler in seinen ” Bedingungen für die Nahrungsaufnahme ” skizziert . Erhältlich im Internet bei ” Nebelspalter “. - Lesen Sie diesen Text . Er gehört zum witzigsten , das jemals zu Papier gebracht worden ist .

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