112-Peterson: Was passiert, wenn das Unerwartete eintrifft?

Es gibt ein Experiment, bei dem die Aufgabe der Probanden darin besteht, ein Objekt aufzuheben. Sie können das Objekt klar vor sich sehen. Der Proband soll sich im Folgenden von der Person, die er momentan ist, in die Person verwandeln, die im Besitz des vor ihr liegenden Objektes ist, beispielsweise einer Uhr. Das Problem ist nur, dass besagte Uhr in Wahrheit gar nicht dort liegt. Es ist nur ein Bild, das von Spiegeln erzeugt wird, und wenn man sich der Uhr nähert, stellt man fest, dass sie sich nicht dort befindet, wo sie zu sein scheint.

Diese Tatsache stellt hinsichtlich des eigentlichen Plans des Probanden eine Anomalie dar. Dieser wird darauf mit einer Emotion reagieren. Das erste, was passieren wird, ist, dass man offensichtlich überrascht sein wird. Zunächst glaubt man: „Das ist ziemlich einfach. Ich muss diese Uhr einfach nur aufheben.“ Und dann findet man heraus, dass das, was man sieht, nicht wirklich da ist. Das ist eine Anomalie. Man vergleicht die gewünschte Zukunft, die man zum Ziel hatte, als man seinen Arm in Bewegung setzte, mit dem tatsächlichen Ergebnis seiner Handlungen.

Der Hippocampus ist ein Teil unseres Gehirns, der dafür verantwortlich zu sein scheint, zu vergleichen, was tatsächlich vor sich geht, soweit wir das interpretieren können, mit dem, was wir wollen. Und wenn hier eine Diskrepanz auftritt, wird eine ganze Reihe von Ereignissen ausgelöst. Und diese Ereignisse manifestieren sich im Denken, im Verhalten, aber am offensichtlichsten in den Emotionen. Wenn man dabei ist, etwas zu tun, was man schon einmal getan hat, und es nicht so funktioniert, wie man es erwartet hat, dann ist dieses unerwartete Ereignis, das eine Anomalie bildet, überraschend. Und die Frage lautet nun, was bedeutet überraschend? Im Grunde genommen heißt das, dass etwas Bedrohliches eingetreten und etwas Unbekanntes passiert ist. Aber was bedeutet das Unbekannte?

Die Sache mit dem Unbekannten ist, dass man eben nicht weiß, was das heißt. Dies ist eine klare Feststellung. Zugleich leistet sie der Paradoxie Vorschub, weil uns eben nicht unbegrenzte Informationen zur Verfügung stehen. Als Mensch hat man natürlich nicht immer alles im Griff, was bedeutet, dass man öfters mit Dingen in Kontakt kommt, die man nicht versteht. Und das bedeutet in gewisser Weise, dass man wissen muss, was zu tun ist, wenn man nicht weiß, was man tun soll. Denn wir wissen oft nicht, was wir tun sollen.

Angst und Neugier in Einklang bringen

Unsere Reaktion darauf ist nicht einfach nur Stillstand. Vielmehr ist unser Nervensystem derart verdrahtet, dass es uns in eine Art Standardposition bringt, wenn unsere ursprünglichen Pläne scheitern. Solange wir wissen, was wir tun – also eine Vorstellung davon haben, wo wir sind und wo wir hinwollen –, solange unsere Pläne unsere Bewegungen bestimmen und unsere Erwartungen eintreffen, befindet sich die Großhirnrinde unter Kontrolle. Wir wissen, was wir tun. Wir fühlen uns wohl und sicher.

Sobald etwas Unerwartetes passiert, verschiebt sich die Kontrolle und das ist etwas, das im Grunde genommen außerhalb unserer Kontrollmöglichkeiten liegt (...) Die Kontrolle verlagert sich von den kortikalen Zentren über die grundlegenderen Bereiche des Gehirns bis zum limbischen System. Wenn etwas Unerwartetes passiert, geschehen zwei Dinge. Wir hören mit dem auf, was wir gerade tun und wir fühlen Angst. Und wenn es etwas besonders Unerwartetes ist, fühlen wir große Angst. Wenn sich das Unerwartete im Rahmen hält, unterbrechen wir lediglich unsere Tätigkeit, und unsere sensorische Verarbeitung steigt. Wir sammeln Informationen und ergründen die Situation. Und während wir ergründen, erzeugen wir wiederum Informationen, die uns wieder auf Kurs bringen.

Kommen wir nun zurück zum Experiment mit der Uhr. Wenn wir versuchen, nach der Uhr zu greifen und herausfinden, dass sie nicht dort ist, wo wir sie vermuteten, werden wir anfangen, uns auf verschiedene Arten dem Problem zu nähern, bis wir am Ende das Ergebnis erzielen, das wir beabsichtigt hatten. Wenn etwas Unerwartetes passiert, werden zwei Schaltkreise aktiviert. Der eine scheint von der rechten Gehirnhälfte und der andere von der linken Gehirnhälfte dominiert zu werden.

Überraschung aktiviert Neugier

Unerwartete Dinge machen uns ängstlich und neugierig, und man kann diese Emotionen sozusagen im Körper lokalisieren. Angst ist die Emotion, die mit dem Ende der planmäßigen Aktivitäten unseres Körpers einhergeht. Man könnte auch sagen, dass Angst das ist, was man fühlt, wenn man in den Pause-Modus rutscht, um weitere Analysen zu machen. Was wir erwartet haben, ist nicht eingetroffen, also müssen wir unsere Tätigkeit unterbrechen.

Neugierde ist das, was man fühlt, wenn es notwendig ist, dass man die Situation ergründet, um neue Informationen zu sammeln, seine Pläne zu aktualisieren. Und diese Erforschung wird im Wesentlichen durch das Zusammenspiel der Schaltkreise gesteuert, der Gehirnschaltkreise, die Angst und Neugier in Einklang bringen. Neugierde ist mit positiven Emotionen verbunden, während Angst, wie wir alle wissen, mit negativen Emotionen verbunden ist, die wir lieber nicht erleben würden.

Neugierde oder Überraschung ist im Grunde genommen ein Nebeneinander zweier Emotionen, die antagonistisch wirken. Das Unbekannte allein erzeugt Konflikte. Unser Nervensystem hat eine fest verdrahtete Antwort auf das Auftauchen des Unerwarteten. So etwas brauchen wir, denn wir müssen wissen, was wir tun sollen, wenn etwas Unerwartetes passiert. Dies geschieht instinktiv. Unsere instinktive Antwort auf das Unbekannte ist Angst und Neugierde, also das Ende der momentanen motorischen Aktivität, plus ein Antrieb, vorwärts zu gehen und zu erforschen.

Und unsere erkundende Aktivität ist eigentlich die Summe der Aktivierung der beiden Schaltkreise, die diese Reaktion vermitteln. Mit dem Erkunden hat es folgende Bewandnis: Wenn etwas Unerwartetes passiert, müsste man die Situation natürlich nicht unbedingt ergründen. Man könnte das Unerwartete lediglich registrieren und dann verschwinden. Das wäre das sicherste, aber auf diese Weise sammeln wir keine neuen Informationen. Einfach Verschwinden ist eine gute kurzfristige Strategie. Es ist aber keine gute langfristige Strategie. In jedem Fall aktiviert Überraschung Neugier und treibt uns dazu an, Informationen zu sammeln, unseren Plan zu überdenken und schließlich unser Ziel zu erreichen.

 

Dies ist ein Ausschnitt aus einem Seminar von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Ausschnitt.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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H.Roth / 11.12.2019

@ Werner Arning. Das sind wirklich gute und wichtige Fragen und Gedankenanregungen. Ich muss dabei an die “Pascalsche Wette” denken, also ein Zitat des berühmten Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal: “Aber eure Seligkeit? Wir wollen Gewinn und Verlust abwägen, setze du aufs Glauben, wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts. Glaube also, wenn du kannst.“—- Zum Thema hier: als Kind hatte ich große Freude an solchen Experimenten mit unfreiwilligen Probanden. Man nennt das auch “Streiche spielen”. Die endeten allerdings nicht immer so fröhlich, wie bei den Opfern von der Sendung “Verstehen Sie Spaß?”. Inzwischen habe ich selbst Kinder, und mein limbisches System ist sehr oft im Einsatz. Was Politik und Gesellschaft angeht, überrascht mich seit geraumer Zeit nichts mehr. Ich rechne einfach pauschal mit dem Unmöglichsten, und habe meistens Recht.

Wolfgang Kaufmann / 11.12.2019

Bei unerwarteten Erfahrungen werden also beide Hirnhälften aktiviert. Aber offensichtlich gibt es Menschen, bei denen diese Hemisphären nicht kommunizieren. – Keiner bringt Empathie auf für Grenzsoldaten, die in 30 Jahren über 150 Menschen getötet haben, in einem fernen Land namens DDR. Aber schicke Jüngelchen mit hippen Phones und coolem Gras lösen bei der deutschen Supermutter heftige Dutzi-Dutzi-Teddybär-Emotionen aus, die auch hartnäckig weiter bestehen bleiben, wenn der Verstand längst Anlass hätte zu der Vermutung, dass in einem Zehntel der Zeit bereits zehnmal so viele Menschen gestorben wurden, mitten unter uns. – Offenbar spielen bei diese Vorgängen auch Skripte mit, die in viel tieferen Hirnregionen angelegt sind. Etwa: „Du Tarzan, ich Jane.“ Oder ist es schon schlichte Angstbindung? Auf jeden Fall kein gelungenes Zusammenspiel der beiden Hirnhälften.

Thomas Taterka / 11.12.2019

Die Überwindung der Angst durch die Neugier nennt man Mut. Und ohne den kann es keine Erfahrung des Glücks geben und keine menschliche Gemeinschaft überhaupt. Mut kann man durch Disziplin und Übung lernen. Der erste Schritt ist die Verweigerung der Geborgenheit durch Routine. Man begreift das Leben als Herausforderung zu einem Abenteuer, als Reise. Der Ausgang ist klar, aber klar ist auch, daß man nicht auf bereits ausgetretenen Pfaden gehen WILL. Wenn man erkannt hat, daß das eigene Leben unvergleichbar ist mit jedem anderen, ist man frei genug, das Unerwartete zu begrüßen als Aufgabe. Das Unerwartete hält die Aufmerksamkeit wach und das allein zählt. Die Intensität der sinnlichen und gedanklichen Aufmerksamkeit ist ALLES. Die Kunst besteht darin , ” dem Engel des Tages “( Peter Handke ) die Tür zu öffnen und offen zu halten. Danke fürs Lesen.  

Karla Kuhn / 11.12.2019

„Ich denke, also bin ich“ – ein Satz, den nur die wenigsten verstehen”  Welt, 15.11. 2018 WARUM sollen ihn nur die wenigsten verstehen ? Vielleicht versteht jeder etwas anderes darunter ? Und wer hat das recht zu sagen, daß das falsch ist ? Was sollen solche imaginären Experimente bewirken ? Die Menschen sind äußerst unterschiedlich gepolt, ich z. B. neige eher zum Pragmatismus, für mich sind solche Experimente ungeeignet, weil ich nach dem Sinn frage. Bei mir muß das meiste einen Sinn haben, darum lehne ich auch Psychologen ab. Trotzdem glaube ich an die Kraft der Gedanken und die recht neue Wissenschaft “Psycho-Neuro- Immunologie” fasziniert mich. Sie ist für mich sehr real . Als Proband wäre ich für Ihren Versuch eher ungeeignet.

Esther Burke / 11.12.2019

1000 Dank @Werner Arning, dass Sie uns an ihren Gedanken teilhaben lassen.  möchte hier gerne Angelus Silesius hinzufügen : “Mensch, werde wesentlich . denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, Das Wesen, das besteht !” und überhaupt seinen ganzen “Cherubinischen Wandersmann”.

Werner Arning / 11.12.2019

Nun ist das Leben ja dergestalt eingerichtet, dass das Unerwartete in jedem Augenblick lauert. Die Zukunft besteht ja nur gedanklich. Sie kann jederzeit vom Unerwarteten durchkreuzt werden. Wir vergessen gerne die Fragilität der ganzen Veranstaltung und bilden uns nur zu gerne ein, alles im Griff zu haben, alles geplant zu haben. Oft geht der Plan ja auch auf. Es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Der Plan gilt allerdings nur für unsere noch verbleibende Lebensdauer. Manchmal greift er noch in die der nachfolgenden Generation. Unter Umständen noch bis in die übernächste. Geradezu naturgemäß unerwartet wird dann Situation, wenn wir das Zeitliche segnen. Da hilft keine Erwartung und kein Plan mehr. Dann hat es sich ausgeplant. Dann ist Überraschung. Viele glauben, dann kommt das ewige Nichts. Eigentlich verwunderlich, dass dieses niemanden zu beunruhigen scheint. Es ist ihm kaum einen ernsthaften Gedanken wert. Alle Energie wird in die Planung bis, sagen wir mal 95, gesteckt. Bis dahin soll, wenn es eben geht, nichts Unerwartetes passieren. Damit wir am Ende des Lebens beruhigt das Licht ausmachen können. In dem Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Alle Schulden sind beglichen, den Kindern geht es gut. Und doch ist es verwunderlich. Kein Gedanke an das kommende „Nichts“? Kein Versuch, etwas darüber herauszubekommen? Man nimmt alles als unveränderbar hin? Vielleicht holt man noch eine kleine Spielverlängerung heraus? Eine kleine Nachspielzeit? Womöglich in dementem Zustand? Mehr ist doch nicht herauszuholen? Alles sinnlos? Man kann ja doch nichts anderes machen, als sich zu fügen? Also alles nur Spaß-Veranstaltung auf Zeit? Wie ein Fußballspiel? Nur statt 90 Minuten, 90 Jahre? Ist es tatsächlich nicht wert, sich ernsthaft mit der Frage zu befassen? Was hätte man dabei zu verlieren? Ein paar Minuten Spielzeit? Die könnten es doch wert sein. Vielleicht fallen wir ja nur auf einen Zeitgeist hinein, welcher uns das Befassen mit dem Thema auszureden versucht.

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