Eine überfürsorgliche Mutter leistet ihren Einsatz oft, um sich als besonders tugendhaft und vorbildlich inszenieren zu können. Eine solche Helikopter-Mutter mutiert im übertragenen Sinn zur Hexe von „Hänsel und Gretel“.
Das schlimmste Böse nimmt das höchste Gute und pervertiert es zum denkbar schlechtesten Ergebnis. So steht es schon im Märchen von Hänsel und Gretel:
„Die Alte hatte sich nur freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken's, wenn Menschen herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch: ‚Die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen!‘“
Uns begegnet hier die Pathologie der vorgeblich glorreichen mütterlichen, mitfühlenden Tugend, die fleischfressende oder kannibalistische Triebe maskiert. Als weiteres Motiv haben wir es an dieser Stelle mit der Gefahr der mütterlichen Überfürsorge zu tun. Der Mensch hat ja die längste Entwicklungszeit aller Lebewesen – diese kann fast zwei Jahrzehnte dauern. Das bedeutet, dass eine so starke Kraft wie die Mutterliebe leicht schiefgehen kann. Eine Mutter sollte eben nicht zu gut um wahr zu sein erscheinen. Sie sollte sich um ihre Kinder kümmern, aber sie nicht überbehüten.
Das heißt, sie sollte eben kein bequemes Haus inmitten feindlicher Umgebung bieten, das auch noch aus Süßigkeiten und Kuchen besteht. Eine Mutter, die ihren Kindern zu viel bietet, die alles für ihre Kinder tut und über ihre Pflicht hinausgeht, um der Welt ihren vorbildlichen Einsatz als die höchstmögliche moralische Tugend zu demonstrieren, ist letztendlich eine Helikopter-Mutter, die am Ende ihre eigenen Kinder verschlingt. Wenn etwas zu gut aussieht und klingt, um wahr zu sein, besteht die reale Möglichkeit, dass es eben nicht wahr ist.
„Wenn es zu Hause zu schön wäre, würdest du nie ausziehen.“
Das erinnert mich an etwas, das mir meine eigene Mutter einmal gesagt hat. Sie ist im vergangenen Jahr gestorben. Sie war eine sehr angenehme und mitfühlende Person, aber sie hatte auch Rückgrat und hat ihre Kinder nicht zu sehr verwöhnt oder beschützt. Ich bin mit ungefähr 16 Jahren ausgezogen. Damals hatte ich einige Reibereien mit meinem Vater, die zum Teil von ihm und zum Teil von mir ausgingen, vielleicht sogar hauptsächlich von mir. Als ich schließlich auszog und aufs College ging, normalisierte sich unsere Beziehung wieder und blieb von da an ziemlich positiv.
Nachdem ich vom College zurückgekehrt war und sich die Dinge wieder beruhigt hatten, sprach ich mit meiner Mutter über meinen Weggang und den Konflikt, der diesen begleitet hatte. Damals sagte sie mir: „Wenn es zu Hause zu schön wäre, würdest du nie ausziehen.“ Ein solcher Satz charakterisiert meine Mutter in Kurzform. Sie war ein sehr angenehmer, fürsorglicher und gastfreundlicher Mensch. Aber sie besaß auch genug Verstand, um zu wissen, dass es eigentlich eine sehr positive Sache war, die eigenen Kinder ein wenig aus dem Nest zu schubsen.
Die böse Hexe bei „Hänsel und Gretel“ ist jedoch zu gut, um wahr zu sein, was sich ja bald bewahrheitet:
„Früh morgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sie vor sich hin: ‚Das wird ein guter Bissen werden.‘ Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein. Er mochte schrein, wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: ‚Steh auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden.‘“
Eine interessante Wendung der Geschichte. Bekanntlich füttern Mütter ihre Kinder, weil dies Teil des mütterlichen Verhaltens ist. Aber ein Kind zu überfüttern, ist wiederum eine Pathologie der Fürsorge, eine Zurschaustellung dieser mütterlichen Fürsorge auf Kosten der Gesundheit und des Wohlbefindens des Kindes. Das ist die Bedeutung dieses Motivs: Dass die Hexe ihren Ersatzsohn aus keinem anderen Grund mästet, als ihn zu verschlingen:
„‘… der sitzt draußen im Stall und soll fett werden.‘ Wenn er fett ist, so will ich ihn essen.‘ Gretel fing an bitterlich zu weinen; aber es war alles vergeblich, sie musste tun, was die böse Hexe verlangte. Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief: ‚Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist.‘ Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, dass er gar nicht fett werden wollte.“
Eine Hexe, die sich durch Tugend tarnt
Hier begegnet uns ein weiteres Indiz für Hänsels Selbstgenügsamkeit: Er ist aufmerksam und intelligent genug, um zu bemerken, was die alte Frau vorhat und sich nicht über ihre Absichten zu täuschen. Als Folge dieses aufmerksamen Bewusstwerdens und der Weigerung, sich selbst zu täuschen, spielt er ihr einen Streich und zeigt ihr, dass er keineswegs optimal als Mahlzeit geeignet ist:
„Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da überkam sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten. ‚Heda, Gretel‘, rief sie dem Mädchen zu, ‚sei flink und trag Wasser! Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen.‘ Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen musste, und wie flossen ihm die Tränen über die Backen herunter!“
Wieder ein Zeichen dafür, dass sie ihren Bruder wirklich liebt. Eine gegenteilige Interpretation könnte sein, dass sie ziemlich erleichtert war, dass es Hänsel war, der als Hauptgericht diente und nicht sie:
„'Lieber Gott, hilf uns doch‘, rief sie aus, ‚hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben!‘“
Diese Stelle unterstreicht das Motiv der Einheit im Angesicht der Not.
„‚Spar nur dein Geplärre‘, sagte die Alte, ‚es hilft dir alles nichts.‘ Frühmorgens musste Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden. ‚Erst wollen wir backen‘, sagte die Alte, ‚ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet.‘ Sie stieß das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen: ‚Kriech hinein‘, sagte die Hexe, ‚und sieh zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschieben können.‘ Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen und Gretel sollte darin braten, und dann wollte sie's aufessen.“
Aber Gretel ist auch ein aufgewecktes Kind, auf das immerhin ihr Bruder gut aufgepasst hat und das sich nicht über die Motive der Frau täuschen will, die einfach zu gut ist, um wahr zu sein:
„Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach: ‚Ich weiß nicht, wie ich's machen soll; wie komm ich da hinein?‘ – ‚Dumme Gans‘, sagte die Alte, ‚die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein‘, krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, dass sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe musste elendiglich verbrennen.“
Hänsel und Gretel sind also aufgeweckt genug, um sich gegen die bösen Machenschaften der getarnten Hexe zu wehren. Einer Hexe, die sich durch Tugend tarnt. Eines der Dinge, die Carl Jung über pathologische Familien gesagt hat, war, dass Kindern dort oft ein einfacher Ausweg angeboten wird, zum Beispiel von einem übereifrigen Elternteil. Aber auch, dass die Kinder den Köder nicht unbedingt schlucken müssen.
Man denke etwa an eine einsame Mutter mit einem Kind, das vielleicht eine Erkältung hat. Die Mutter möchte das Kind zu Hause lassen, damit sie Gesellschaft hat. Sie suggeriert also dem Kind verbal und nonverbal, dass sein Gesundheitszustand so beeinträchtigt ist, dass es gerechtfertigt ist, der Schule fernzubleiben. Das Kind weiß sehr wohl, dass es nicht besonders krank ist, schluckt aber den Köder und geht einen pathologischen Pakt mit der Mutter ein, sodass es seine Angeschlagenheit übertreibt und sich damit tatsächlich krank macht. Die Mutter profitiert davon, indem sie ihre mütterliche Fürsorge öffentlich zur Schau stellen kann und auch nicht allein sein muss.
Hänsel und Gretel spielen im Märchen das Spiel aber nicht mit. Sie sind in der Lage, für sich selbst zu sorgen und Maßnahmen zu ergreifen, wenn es nötig ist, um nicht den Machenschaften der übermäßig demonstrativen Mutterfigur zum Opfer zu fallen, die sie in Wahrheit verschlingen will. Vielleicht, weil sie miteinander verbunden sind und füreinander sorgen; vielleicht, weil sie richtig orientiert sind. Denn auch Kinder haben eine gewisse moralische Verantwortung. Es ist ein schwieriges Thema, aber auch hier gehören immer zwei dazu. Das bedeutet nicht, dass ich einem Kind die Schuld gebe, wenn seine Familie pathologisch wird. Nein, aber ich hatte etwa in meiner klinischen Praxis junge Klienten, die pathologische Einladungen von ihren Eltern erhielten und diesen widerstanden, anstatt ihnen zum Opfer zu fallen. Sie schafften es, sich aus der Situation zu befreien. Jeder hat sein Schicksal, und das schließt Kinder ein. Wir alle liegen, wie wir uns betten – selbst wenn wir sehr jung sind.
Dies ist ein Auszug aus einem Video von Jordan B. Peterson.
Jordan B. Peterson (* 12. Juni 1962) ist ein kanadischer klinischer Psychologe, Sachbuchautor und emeritierter Professor. In seinen Vorlesungen und Vorträgen vertritt er konservative Positionen und kritisiert insbesondere den Einfluss der Political correctness und die Genderpolitik. Sein 2018 erschienes Buch „12 Rules for Life“ war internationaler Bestseller.
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Den Text habe ich nur überflogen. Solchen Psychokram kann ich nämlich nicht ertragen: Meine Mutter ist vor fünf Jahren (elf Jahre nach meinem Vater) knapp vor „Covid19“ 94jährig p&u gestorben und ich denke jeden Tag voller Liebe an sie. Sie war garantiert nicht perfekt, weil kein Mensch perfekt ist, und auch weil sie den Wünschen meines Bruder bis zum Schluss willfährig war -, aber für mich war sie perfekt: Liebe, Geborgenheit und Orientierung, Zurechtweisung wenn nötig, gutes Essen, gute Kinderstube, herzliche Gastfreundschaft. Ich vermisse sie. – Und trotzdem habe ich „Hotel Mama“ bald nach dem Abi verlassen. Wer eine Hexe zur Mutter hat(te), tut mir von Herzen leid. Aber ich bin alles andere als überzeugt davon, dass die meisten Mütter mehr Hexen als liebevolle Mütter sind oder waren. Ich kenne niemanden, der seine Mutter als Hexe bezeichnen würde. Aber vielleicht bin ich auch nur in einer heilen Welt aufgewachsen und auch im Jetzt „rein zufällig“ von ganz normalen Familien mit fröhlichen Kindern und treusorgenden Eltern = Mutter UND Vater = umgeben.
„Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch: ‚Die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen!‘Uns begegnet hier die Pathologie der vorgeblich glorreichen mütterlichen, mitfühlenden Tugend, die fleischfressende oder kannibalistische Triebe maskiert.“ Wegen solcher Sachen war ich am Ende meines Studiums der Psychologie, Geschichte und Philosophie froh, dass ich von der Uni wegkam. Ich konnte den Blödsinn einfach nicht mehr vertragen, der besonders in Philosophie und Psychologie wie selbstverständlich gelehrt wird.