Wenn ich Menschen zu motivieren versucht habe, das Future-Authoring-Programm zu probieren (ein von Jordan B. Peterson entwickeltes Online-Schreib-Programm, um sich mit der eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinanderzusetzen, Anm. d. Red.), haben sie es oft aufgeschoben. Das ist nicht überraschend, denn dieses Programm ist nichts für zwischendurch. Vor allem denken viele: „Ich kann überhaupt keine Texte schreiben, ich werde das nicht gut machen, ich kann Aufgaben nicht leiden, aber ich muss es perfekt machen. Ich muss warten, bis ich genug Zeit habe.“
Und eine Ausrede davon reicht aus, um einen davon abzuhalten, und alle fünf sind das absolute Aus. Also rate ich den Leuten, einfach wahllos anzufangen, auch wenn es zunächst mehr schlecht als recht ist. Denn das ist immerhin das, was man schafft. Wenn meine Studenten mit ihrer Masterarbeit anfangen, rate ich ihnen immer: „Schreiben Sie einen wirklich schlechten ersten Entwurf.“ Und dann gibt es immer ein Gespräch darüber, denn sie glauben natürlich nicht, dass ich es ernst meine, weil es sich in gewisser Weise wie ein Klischee anhört.
Es ist aber alles andere als ein Klischee. Denn im Grunde heißt es nur: „Sie sind ein furchtbarer Autor. Aber würde Ihnen jemand eine Pistole an den Kopf halten und sagen: 'Sie müssen Ihre 100-seitige Arbeit bis nächsten Montag fertig haben, oder ich erschieße Sie, aber es ist mir total egal, wie schlecht das, was sie geschrieben haben ist', würden Sie sich hinsetzen und schreiben.“
Und die Sache ist die, dann hätten sie immerhin etwas vorzuweisen. Ihnen würde plötzlich etwas einfallen, und daran könnten sie dann weiter arbeiten, verbessern, es korrigieren. Dieser schlechte erste Entwurf ist das Wertvollste. Und auf das Future-Authoring-Programm bezogen heißt das, dass alles, was wir brauchen, ein schlechter erster Entwurf von uns selbst ist.
Das bringt uns zu Jungs Idee, die er über den Trickster beziehungsweise den Narren, den Komiker, entwickelt hat. Nämlich, dass der Narr der Vorläufer des Erlösers ist. Wenn man diesen Sachverhalt begreift, ist das eine unglaubliche Erkenntnis. Es mag absurd klingen, aber der Satiriker, der Ironiker, der Unruhestifter, der Komiker, der Narr ist der Vorläufer des Erlösers. Warum? Weil man ein Narr ist, wenn man etwas Neues beginnt. Wenn man also nicht bereit ist, ein Dummkopf zu sein, dann wird man nie etwas Neues anfangen, und wenn man nie etwas Neues anfängt, dann wird man sich nicht entwickeln. Und so ist die Bereitschaft, ein Narr zu sein, der Vorläufer der Transformation, und das ist dasselbe wie Demut.
Wie Gott in Ägypten
Wenn wir nun also unser Schicksal schreiben wollen, ist es möglich, dass uns der erste Entwurf misslingt, aber gut, wir werden alle klüger, wenn wir weiter voran gehen. (...) Manchmal ergreift uns etwas im Leben, das unser Interesse erweckt und wir fragen uns, ob wir ihm nachgehen sollen. Die Antwort lautet: Wenn es nicht dieses ist, dann kommt etwas anderes. Was, wenn es ein Fehler ist? Natürlich ist es ein Fehler, aber was wissen wir schon? Sobald wir etwas tun, bringt uns das ins Schleudern. Aber auch in Bewegung, wir werden nicht in der Statik verharren und nicht im Kreis laufen.
Es gibt Menschen, die niemals herausgefunden haben, was sie tun sollen, und plötzlich sind sie 40. Das ist natürlich nicht so toll. Es gibt auch genügend Literatur, die darauf hinweist, dass Menschen, die auf ihr Leben zurückblicken, viel unglücklicher über das sind, was sie nicht gemacht haben, als über die Fehler, die sie gemacht haben, während sie Dinge taten. Dieser Gedanke ist es wirklich wert, verfolgt zu werden, denn es gibt erlösende Fehler. Ein erlösender Fehler wäre ein Fehler, den man macht, wenn man hinausgeht und versucht, etwas zu tun. Man versucht etwas, das man nicht gut kann, man macht also einen Haufen Fehler, und die Konsequenz ist, dass man irgendwann besser aufpasst, weil man nicht mehr ganz so dumm ist. Das ist die Folge davon, sich über die Quintessenz seiner Fehler bewusst zu werden.
Man folgt also dem Signal des Leuchtturms, man folgt dem Licht, dem Stern, und man ist blind, also weiß nicht, wo das Licht ist, es wird nur schwach wahrgenommen. Man hat Angst, ihm zu folgen, aber man beschließt, einige stolpernde Schritte darauf zuzugehen. Und während man stolpernde Schritte darauf zu macht, wird man angestrahlt und wird sich über die Dinge bewusst aufgrund der Natur dieser Erfahrung. Man treibt sich selbst voran, in ein Land, das man noch nie betreten hat und dadurch lernt man.
Und als nächstes bewegt sich der Stern. Man bewegt sich drei Meter auf ihn zu und denkt, man hätte die Richtung verfehlt. Man richtet sich also neu aus, bewegt sich wieder vorwärts, das Licht, dem man folgt, bewegt sich aber ebenfalls weiter. So wie Gott in der Wüste in Ägypten. Die Säule des Lichts, der wie folgen, bewegt sich, es ist keine dauerhafte Angelegenheit. Wir bewegen uns auf sie zu, und sie bewegt sich weg, sie führt uns vorwärts. Man könnte sich fragen, ob es vielleicht das Paradies selbst ist, dem man folgt? Die Antwort darauf kann nur „Nein“ lauten, denn was wissen wir schon? Wir könnten das Paradies nicht einmal erkennen, wenn es direkt vor uns wäre, aber wir können einen Schimmer davon bekommen und uns darauf zubewegen und wachsen. Und dann, wenn wir das nächste Mal unsere Augen öffnen, sehen wir ein bisschen klarer, und so geht es immer weiter. Das Licht bewegt sich weiter. Und wir bewegen uns mit ihm.
Natürlich bewegen wir uns dabei auch mal im Zick-Zack (...). Bei jeder Kurve ist es, als würde ein Phönix aus der Asche steigen, und das ist schmerzhaft. Aber die Sache ist die, dass man, obwohl man 20 Meilen auf dieser Straße gefahren ist und sich nur drei Meilen vorwärts bewegt hat, sich immerhin drei Meilen vorwärts bewegt hat, anstatt rückwärts zu fahren. Sobald man stillsteht, fällt man zurück. Wir können nicht stillstehen, denn die Welt entfernt sich von uns, sobald wir stillstehen, und es gibt dann kein Verharren, sondern nur ein Rückwärts. Und wenn wir uns also nicht vorwärts bewegen, dann bewegen wir uns rückwärts. Und das meint der sogenannte Matthäus-Effekt: Denen, die alles haben, wird mehr gegeben werden. Denen, die nichts haben, wird alles genommen werden. Es ist eine Warnung, nicht an einem Ort verhaftet zu bleiben.
Dies ist ein Auszug aus einem Vortrag von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Auszug.
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