112-Peterson: Warum wir ein klares Bewusstsein brauchen

Ich spreche oft über das Verhältnis von Veranwortung und Sinn. Das ist letztlich auch eines der Grundthemen in meinem Buch „12 Rules for Life“.

Dem liegt die Annahme zugrunde, dass das Leben von einer Grundlinie des Schmerzes durchzogen wird. Diese wird noch durch die Folgen von menschlichem Scheitern, Böswilligkeit, Betrug, Selbstbetrug, Täuschung und all dem gesteigert, was wir einander und uns selbst antun, obwohl wir wissen, dass es nicht gut ist.

Gegen diese Grundlinie des Schmerzes gilt es anzukämpfen. Sich damit auseinanderzusetzen, versetzt Menschen oft in Hoffnungslosigkeit, Angst und Überwältigung, und sie haben gute Gründe dafür. Dennoch ist es wichtig, dem etwas entgegensetzen zu können. Nämlich den Sinn. Der Sinn ist im Grunde der Instinkt, der uns dabei hilft, durch eine Katastrophe zu finden. Und der größte Sinn ist nun einmal in der Übernahme von Verantwortung zu finden.

Eine ungeheure Last

Vielleicht wird das am ehesten deutlich, wenn man sich vorstellt, wie man ist, wenn man ein klares Bewusstsein hat. Damit meine ich, mit sich selbst im Reinen zu sein. Sozusagen seine Existenz gerechtfertigt zu haben. Man wacht nicht um 3 Uhr morgens schweißgebadet auf und zerbricht sich den Kopf über all die furchtbaren Sachen, in die man hineingeraten ist oder Gelegenheiten, die man versäumt hat oder Dinge, die man hat sausen lassen, obwohl man sich besser auf sie konzentriert hätte.

Wenn wir uns also an die Zeiten erinnern, in denen wir in Frieden mit uns selbst waren hinsichtlich dessen, wie wir uns in der Welt bewegen, dann geschah dies meistens unter dem Umstand, dass wir Verantwortung übernommen hatten.

Vermutlich erfahren wir das größtmögliche Gefühl von Schuld dann, wenn uns klar wird, dass wir nicht einmal in der Lage sind, uns um uns selbst zu kümmern und wir diese Verantwortung an andere abgeben. Denn das fühlt sich schon ziemlich erbärmlich an.

(...)

Unter solchen Umständen empfinden wir Scham und Schuld darüber, uns nicht nur nicht um uns selbst zu kümmern, sodass es jemand anders tun muss, sondern dass wir darüber hinaus nicht unser volles Potenzial ausleben. Dies bringt schon eine ungeheure Last mit sich.

Dies ist ein Auszug aus einem Interview mit Lewis Howes. Hier geht's zum Auszug und hier zum gesamten Interview.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

netiquette:

Esther Burke / 01.04.2020

Ja, schon sehr verstörend, unbegreiflich und letztlich eigentlich doch unerträglich, diese paradoxe “irdische” Seinsform mit ihrem Gebundensein an Stofflichkeit - Feuer/Wasser/Erde/Luft - lebend sterben, sterbend leben, ständigem (Stoff-)Wechsel ausgesetzt : Ich komm,  weiß nit, woher, / ICH BIN UND WEISS NIT WER / ich leb, weiß nit, wie lang,/ ich sterb und weiß nit wann, / ich fahr, weiß nit wohin :/ mich wunderts, dass ich fröhlich bin . (Hans Thoma) .  ABER es gibt (die Erfahrung von)  Schönheit - Liebe - Geist . Hieraus kann so etwas wie Sinn , Orientierung , vielleicht auch Erfüllung und Frieden (Trost ?) gefunden werden ? Dass der Sinn des Lebens im Leben selbst aufgehoben sein könnte MUSS man nicht glauben, kann man aber vielleicht glauben WOLLEN.  Kann wohl nicht gefunden werden als die psychische Anstrengung eines einzelnen Individuums , losgelöst von (s)einem sozialen-kulturellen Kontext, braucht wohl schon Wurzeln in (s)einem eigenen identitätsstiftenden Kultus /Kultur.  Ich bin mehr als ich -(bin auch die, von denen ich komme)- und weniger als die, die ich sein werde ??  Einer allein kanns nicht. No man is an island.

Juliane Mertz / 01.04.2020

Hmm, na ja, also es gibt nicht wenige Menschen, die in eine persönliche Krise stürzen gerade wegen der Verantwortung, die sie für andere haben und die ihnen Sorge bereitet. Wurde doch gerade berichtet: Herr Schäfer (Hessen).

Heike Richter / 01.04.2020

“Vaterstaat” bzw. “Mutter Merkel” werden es schon richten, das ist die Mentalität mit der unsere Kinder aufgewachsen sind. Wir als Eltern haben viele Probleme abgenommen und die Schule? ...Schwamm drüber. Verantwortung für sich selbst und andere muss endlich wieder übernommen werden. Der Staat ist der Diener des Volkes und nicht der Erzieher.

W. Fett / 01.04.2020

Lese ich den Text mit der Information, daß Dr. Peterson gerade einen schweren Entzug von Beruhigungsmitteln in einer Klinik hinter sich hat, erscheint mir sein Impetus schon sehr idealistisch. Er beschreibt sehr schön, wie ein gutes Leben mit Sinn und Verantwortung zu führen ist. Aber nirgendwo schreibt er, wie schnell man daran scheitern und verzweifeln kann. Es darf sich jeder zudröhnen wie er will, wenn er es braucht, aber unter dem Schutz von Diazepam das hohe Lied von der Selbstbestimmtheit anzustimmen ist heuchlerischer als würde Trump die Bescheidenheit preisen.

Frances Johnson / 01.04.2020

Jordan, you are top! God bless America! Including Canada!

Werner Arning / 01.04.2020

Jeder, der in diese Welt „hineingeboren“ wird, findet Bedingungen vor, die er sich nicht ausgesucht hat. In Anbetracht dieser vorgefundenen Bedingungen das Beste aus der „Situation“ zu machen, das bedeutet wohl Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Wir können uns nicht völlig frei machen von diesen Bedingungen, sie begleiten uns. Durch sie werden wir geprägt. Nun kommt es darauf an, die Zügel möglichst in die eigene Hand zu bekommen, das Pferd selber zu reiten, anstatt hinten im Kutschwagen zu sitzen und sich dem Willen eines zufälligen Kutschers zu überlassen. Nach vorne auf den Kutschbock zu gelangen, ist nicht leicht. Dabei können waghalsige Manöver bei voller Fahrt notwendig sein. Doch erst wenn man oben sitzt, kann man dem Pferd die Richtung vorgeben. Abzweigungen gibt es viele. Manchmal lohnt es, die breite Straße zu verlassen und in den holprigen, steinigen Weg abzubiegen. Wohin er führt? Darauf weißt kein Straßenschild hin. Dann heißt es, zu vertrauen. Denn absolute Sicherheiten gibt es nicht. Dann heißt es, die Zügel nicht zu kurz zu halten, das Pferd laufen zu lassen. Objektive Kriterien, um zu beurteilen, ob die Abzweigung die Richtige war, sind schwer zu erkennen. Denn jeder hatte ja unterschiedliche Vorbedingungen. Aus diesen ergibt sich der „Weg der Erlösung“. An Beruf, Bankkonto und Anzahl der Kinder ist der „Erfolg“ nicht zu messen. Dieses sind Begleitumstände. Die Suche nach dem richtigen Weg ist auch nie zu Ende, diese Suche macht vielmehr das Leben aus und diese muss immer wieder den neuen Bedingungen angepasst werden. Für viele werden die Corona-Ereignisse neue Bedingungen schaffen, auf die es möglichst ruhig zu reagieren gilt. Mal sehen, welche Abzweigung nun die Richtige ist. Wer in solchen Situationen Gottvertrauen mitbringen kann, dem fällt es etwas leichter. Beobachten wir das Leben und uns selbst während dieser irren Kutschfahrt. Und keine Angst vor der Angst, denn auch sie muss sein, sie kann dabei helfen, sich dem Ziel zu nähern.

Karl Niemeyer / 01.04.2020

Ach nö... lieber jeden Tag saufen!

toni Keller / 01.04.2020

alles wunderbar und die Krankheit unserer Zeit sehr gut auf den Punkt gebracht! Wir können uns nämlich nicht mehr um uns selber kümmern, wir müssen zulassen dass andere das tun und erleben gerade wie die meisten Leute das auch gut finden! Je länger das geht mit dem Coronahype umso mehr misstraue ich den Damen und Herren in weiß und möchte denen auf gar keinen Fall mein Leben anvertrauen.

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