Im Alten Testament heißt es:
„Die Midianiter aber verkauften Josef nach Ägypten an Potifar, einen Hofbeamten des Pharao, den Obersten der Leibwache.“ (Genesis 37:36)
„Josef hatte man nach Ägypten gebracht. Ein Hofbeamter des Pharao, ein Ägypter namens Potifar, der Oberste der Leibwache, hatte ihn den Ismaelitern abgekauft, die ihn dorthin gebracht hatten.“ (Genesis 39:1)
Nun ist er also ein Sklave. Ein Mann, der allen Grund hat, sich über die Struktur der Realität zu ärgern. Einst Lieblingssohn, wurde er von allen seinen Brüdern verraten, das ist ziemlich hart, und dann wird er auch noch zum Sklaven gemacht und als solcher zum Arbeiten verkauft.
Eigentlich würde man denken, dass dies seinen Charakter verdirbt: Denn Menschen suchen immer nach einer Ausrede, um ihren Charakter verderben zu lassen. Denn wenn ihr Charakter verdorben ist, dann dürfen sie lügen und betrügen, sie dürfen stehlen und verraten und sie dürfen nachtragend handeln, und sie dürfen nichts tun. Und das ist alles ganz einfach. Es ist einfacher zu lügen, als die Wahrheit zu sagen. Es ist einfacher, nichts zu tun, als etwas zu tun. Also denkt ein Teil von uns immer: „Ich brauche nur eine Rechtfertigung, um nutzlos und schrecklich sein zu können, denn dann hätte ich viel weniger Arbeit.” Wenn einem dann ein Unglück widerfährt, denken wir uns: „Aha, das ist genau die Entschuldigung, auf die ich gewartet habe”, und schon sind wir verbogen. (All dies geschieht Josef nicht, sondern er bleibt standhaft, Anm. d. Red.).
Eine gewaltige Forderung
Als der Schriftsteller Solschenizyn in Russland im Gulag war, konnte er beobachten, wie sich die Menschen dort verhielten. Rückblickend sagte er, dass es Menschen gab, die, nachdem sie in die Lager gebracht wurden, sofort zu Verwaltern oder Wachen wurden, und dabei noch bösartiger waren als die Menschen, die als Wachen angeheuert worden waren. Er entwickelte die Theorie, dass sie diese Verderbtheit – wie er es nannte, soweit ich mich entsinne – bereits im normalen Leben entwickelt hatten, aber bislang nicht die Möglichkeit gehabt hatten, sie auszuleben. Aber sobald sie Gelegenheit dazu bekamen, brach die Schlechtigkeit sofort aus ihnen heraus.
Wenn wir uns nun wieder an die alttestamentliche Josefsgeschichte erinnern, scheint sie zu vermitteln, dass, nur weil Dir etwas Schreckliches passiert, das noch lange nicht heißt, dass Du vom Weg abkommen und die Dinge verschlimmern solltest, egal wie schrecklich das ist, was mit Dir passiert. Und das ist schon eine gewaltige Forderung. Denn natürlich trifft man immer wieder Menschen im Leben, die es wirklich schwer haben und denen scheinbar 50 schlimme Dinge auf einmal zugestoßen sind. Und wenn solche Leute dann verbittert, verärgert und feindselig werden, denkt man sich: „Kein Wunder.”
Dann gibt es aber noch die andere Sorte Mensch. Solschenizyn beschreibt es in seinem Werk „Der Archipel Gulag”. Er traf einige Menschen, die ihn im Gulag-System damit beeindruckten, dass sie sich von ihrem Unglück nicht verderben ließen. Und das ist ein wichtiger Punkt.
Das willkürliche Element in unserer Existenz
Vielleicht besteht das einzige wirkliche Unglück darin, sich verderben zu lassen. Ich denke, das ist ein nützlicher Gedankengang. Vielleicht ist jedes andere Unglück trivial im Vergleich dazu, charakterlich zu fallen. Ich weiß, dass das radikal klingt, denn natürlich gibt es die grässlichsten Lebensumstände, aber ich denke, dass da etwas dran ist. Gott war bei Josef, und er wurde bei den Ägyptern ein erfolgreicher Mann. Und die Ägypter erkannten, dass Gott bei ihm war und alles, was Josef anfasste, gedeihen ließ. Man könnte also sagen, Josef ging mit Gott. So ging Adam mit Gott, bevor er die Frucht mit Eva aß, dann ging Noah mit Gott und Abraham mit Gott. Letztlich sind das Metaphern für die Idee, sich auf das höchste Ideal auszurichten. Mir scheint es wenigstens so.
Natürlich kann man „Gehe mit Gott“ auch als metaphysischen Anspruch betrachten, aber ich glaube nicht, dass er das ist. Ich habe in den letzten Jahren Tausende
von Briefen von Menschen erhalten, die mir davon berichteten, dass sie sich in einer Notlage befunden haben. Und dass sie beschlossen, zu versuchen, ihr Leben in Ordnung zu bringen, und dass es letztlich funktioniert hat. Überrascht schrieben sie mir Dinge wie: „Nun, ich habe entschieden, mein bestes zu geben und so aufrichtig wie möglich zu sein. Ich dachte, ich versuche es ein paar Monate lang. Und alle möglichen guten Dinge fingen an, mir zu passieren. Fast als ob die Welt tatsächlich nach diesem Gesetz funktioniert.”
Selbstverständlich klappt das nicht die ganze Zeit, weil man mitunter einfach k.o. geschlagen wird. Es gibt nunmal ein willkürliches Element in unserer Existenz, das man sich nicht wegwünschen kann. Aber das bedeutet nicht, dass es keine schlechten und guten Strategien gäbe. Und so denke ich, dass eine der grundlegendsten existentiellen Fragen lautet: Wenn die Dinge in Deinem Leben nicht gut für Dich laufen, bist Du Dir absolut sicher, dass Du absolut alles tust, was Du kannst, um alles in Ordnung zu bringen? Denn wenn Du es nicht bist, dann solltest Du Dich nicht beschweren, weil Du nicht weißt, inwieweit Du tatsächlich zu Deinem Unglück beiträgst oder sogar die Umstände verursachst.
Natürlich klingt das ziemlich hart und wir alle hören das nicht gern. Ich möchte zugleich betonen, dass ich nicht versuche, Opferbeschuldigung zu betreiben. Ich weiß, dass Menschen an Lungenkrebs erkrankt sind, weil sie Asbest ausgesetzt waren. Ich weiß aber auch, dass, wenn jemand Lungenkrebs bekommt, weil er Asbest ausgesetzt war, dies für ihn eine Tragödie oder die Hölle auf Erden sein kann. Und das hängt bis zu einem gewissen Grad davon ab, wie man sich selbst verhält.
Dies ist ein Auszug aus einem Vortrag von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Originalbeitrag.
Zu diesem ermutigenden Wegzeiger ("Gehe mit Gott") die Losung* von heute : "Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir/dir her den Weg bereiten soll." Maleachi 3,1 (* nach dem Frühstücken - privilegiertes Rentnerdasein!! - lesen wir immer erst die "Losung", sozusagen als Filter für die unerfreulichen polit. Realitäten eines neuen Tages; "Gegengift" )