112-Peterson: Warum das Leben einen Sinn hat

Ich wurde gefragt, wie ich darauf reagieren würde, wenn junge Menschen sagen, das Leben sei sinnlos.

Zunächst einmal würde ich versuchen, herauszufinden, warum sie das denken. Dafür gibt es ja die verschiedensten Gründe. Beispielsweise, dass das Leben hart ist. Es ist gewissermaßen eine Kreuzigung. Das sollte man ernst nehmen. Viele leiden und treiben vor sich hin und haben gute Gründe dafür. Dann sollte man jedoch deutlich machen, dass trotz alledem das Leben mehr für uns bereit hält als wir glauben. Und das wissen wir alle. Denn sonst würden wir uns nicht aufreiben, damit sich das Leiden nicht manifestiert.

Oft frage ich Menschen, wen sie bewundern. Denn der Instinkt für Bewunderung ist auch der Instinkt für Nachahmung. Bewundern wir denn Menschen, die völlig verantwortungslos sind und nicht auf sich aufpassen können? Oder kontraproduktiv sind? Eine Katastrophe für ihre Familie? Eine soziale Gefahr? Wohl kaum! Niemand bewundert so etwas!

Man muss doch mindestens spüren, dass eine Person Verantwortung für sich selbst übernehmen kann. Als nächstes wäre wichtig, dass sich auch andere Menschen auf diese Person verlassen können. Vielleicht ist diese Person der Kleber, der die Familie zusammen hält und flickt. Aber ein Mensch kann noch viel mehr sein. Er kann sich zum Beispiel für seine Gemeinschaft einsetzen oder in einem noch größeren Rahmen engagieren. Aus diesem Holz sind Personen geschnitzt, die man gemeinhin bewundert.

Wir haben ein gewisses Potenzial in der Hand

Einem jungen Menschen würde ich also sagen, es mal auf diese Weise zu versuchen. Man sollte ganz lokal anfangen. Carl Gustav Jung sagte zum Beispiel: „Der moderne Mensch sieht Gott nicht, weil er nicht weit genug nach unten schaut.“ Dieses Zitat gefällt mir. Den Menschen, die mich konsultieren, sage ich also: Wir haben ein gewisses Potenzial in der Hand. Vielleicht erscheint uns das, was wir haben, verächtlich, weil wir als solches keine Macht haben.

Doch das Minimum an Möglichkeiten, das uns gewährt wurde, liegt in uns. Wenn wir nichts damit anfangen, bekommen wir auch nichts. Wenn man es jedoch ernst nimmt und die kleinen Dingen tut, die im Rahmen der eigenen Möglichkeiten liegen und sich selbst zusammen nimmt, indem man all die winzigen, peinlichen Sachen macht, die echt sind, dann tut man genug. Auf diese Weise stärkt man sich selbst. Es funktioniert.

Wenn ich heutzutage raus gehe, vor allem wenn ich reise, passiert es ständig, dass ich angesprochen werde. Die Leute sagen immer das gleiche. Zuerst entschuldigen sie sich dafür, mich zu belästigen, alle sind sehr höflich. Und dann sagen sie mir, dass sie sich vor einer Weile in einem sehr schwierigen Zustand befanden. Sie hatten Probleme mit Drogen, Alkohol, Beziehungen, der Familie oder der Arbeit. Was auch immer.

Es gibt im Grunde kein Limit

Und dann lasen sie meine Bücher oder sahen meine Videos und beschlossen, ihre Familie zusammenzubringen, Pläne zu schmieden und durchzuziehen, die Wahrheit zu sagen und vieles mehr. Und alles wurde viel besser als vorher. Vater und Sohn oder Vater und Tochter fanden zusammen. Oder ein Mann hat sich endlich derart zivilisiert, dass seine Freundin mit ihm zurecht kommt. Das ist etwas unglaublich positives und es passiert in der Wirklichkeit. Alles, was Menschen tun müssen, ist, bestimmte Dinge in die Praxis umzusetzen.

Und plötzlich beginnt dieses winzige Bisschen Potenzial, das sie hatten, sich auszudehen, weil sie bescheiden genug waren, ordentlich damit umzugehen. Ich glaube fest daran und ich denke auch, dass das ein Teil der christlichen Botschaft ist. Es gibt im Grunde kein Limit für diese Ausdehnung. Wir sind ja eine sehr merkwürdige Mischung aus endlich und unendlich (...) Unendlichkeit existiert, also sind wir auf eine gewisse Art auch mit ihr verbunden, wenn ich auch nicht weiß, inwiefern genau. Ich kenne auch nicht unsere Grenzen.

Wenn wir aber versuchen, der beste Mensch zu sein, der wir sein können: Wahrhaftig sein, sich dem Guten zuwenden und mit Leib und Seele auf diese Weise leben. Wer könnten wir dann alles sein? Das weiß kein Mensch. Aber wir alle wissen, dass wir viel mehr sein könnten, als wir sind. Gott allein weiß, welche Probleme wir lösen könnten, wenn alle das versuchen würden.

Dies ist ein Auszug aus einem Interview mit Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Auszug und hier zum gesamten Interview.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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Volker Kleinophorst / 10.06.2020

@ P. Michel Kritik nehm ich nicht übel. Sie hoffentlich auch nicht. Natürlich ist der Tonfall krass, aber das Thema “Gott” nervt. Mich jedenfalls. Diese stillschweigende Übereinkunft (Religionsübergreifend): Wir tun jetzt mal alle so als wär das Fakt. Sie nennen es einfältig, nicht zu glauben. Ich nenne es einfältig, dies zu tun. Gott hat uns nichts in den Block diktiert, er ruft nicht an, nicht mal ne Postkarte, ja und wer Stimmen hört… Gott ist unsere Idee von der Welt. Unsere ureigene Erfindung. Von mir aus auch Sehnsucht. Aber eben auch grausam. Ist halt ein Spiegel. (Weswegen ich mir an der Stelle wohl selbst die Vorderzähne….) Der Sinn des Lebens: Geboren werden, sich durchbeißen, Nachkommen zeugen, Platz machen. Meinen Sie wirklich die Evolution oder wie man es nennen will, sinniert darüber nach, wo die Menschheit so rein philosophisch steht, was wir denken, ob wir an einen Gott, viele Götter glauben oder dass es gar keinen gibt? Der Evolution, “dem Leben” ist egal, ob wir lesen können, ja ob wir leben. Wers nicht schafft, der schaffts nicht. Und: Weil es so durchscheint bei Ihnen dieser Glaubensstolz: Sind Sie ein moralisch besserer Mensch, weil Sie an etwas glauben und damit etwas mit hoher Wahrscheinlichkeit vollkommen Irrationalem eine Platz in ihrem Leben einräumen, ja nach dessen Regeln leben? Neben den wortgewandten “Hieben” bleibt ihr Text da etwas blass. Das kenne ich. Denn seien wir ehrlich, mehr als dieses wissende Lächeln hat der Glaube nicht.

Archi W. Bechlenberg / 10.06.2020

@Michel: JEDE Vorstellung von “Gott” ist einfältig und eines vernunftbegabten Menschen nicht würdig. So lange sich Menschen nicht erklären konnten, warum es blitzt und donnert, war die Erklärung, dahinter steckt ein “Gott” noch nachvollziehbar. Es gab viele solcher Fragen, ehe sich Wissenschaft und Aufklärung entwickelten. Deshalb schuf sich der Mensch auch über lange Zeit Götter (von welchem sprechen Sie, wenn Sie von Gott schreiben? Ra? Wotan? Zeus? Kali? Vitzliputzli? Allah? Jahwe?  Christengott?) Heute allerdings kann niemand erwarten, ernst genommen zu werden, wenn er von Gott redet. Nicht einmal von anderen, die zwar auch an einen Gott glauben, aber leider einen anderen. Deshalb hauen sich Gläubische aller Fraktionen so gerne gegenseitig die Köpfe ein.

Esther Burke / 10.06.2020

Genesis : “...lass uns Menschen machen, ein Wesen, das mir gleich sei…”  Der Mensch, das BEZOGENE Wesen. unterwegs zu sich selbst und zum Andern : ich begegne dir , ich sehe dich , ich habe dich bei deinem Namen gerufen…fürchte dich nicht.  Ob jedes Leben bejaht ist ?  Kann man vielleicht hoffen . Sich dieser Hoffnung anvertrauen - und das eigene Leben mit seinen Potentialen leben, sich entfalten lassen. “...Be a full bucket, pulled up the dark way of the well then lifted out into light.  Something opens our wings, something makes boredom and hurt disappear.  Someone fills the cup in front of us , we taste only sacredness.  ”  (Persien, 13.J.h.)

Peter Michel / 10.06.2020

@ Kleinophorst, nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie haben eine sehr sehr einfältige Vorstellung von Gott, und wohl auch einige Probleme, zumindest kann ich das Ihren wenigen Äußerungen hier schon entnehmen.(nicht nur die obere Zahnreihe) Und die Krönung Ihres Beitrags : „der Sinn des Lebens ist das Leben selbst“. Mein lieber Mann, das geht noch über die Frontzähne.

Werner Arning / 10.06.2020

Das Gleichnis vom anvertrauten Geld. „Denn wer hat, ...“ Wer will urteilen? Freude zu wecken, Glück zu vermitteln, es ist gut.

Thomas Taterka / 10.06.2020

Gibt es nicht irgendeinen Text von Peterson, - den man noch ausbuddeln könnte- , in dem er sich, doch , klar zur AFD bekennt oder wenigstens zu Donald ? Damit könnte man seiner Rezeption auf der Achse mehr ” Sinn ” verleihen.

Stephan Bender / 10.06.2020

Der Sinn des Lebens besteht darin, dass Menschen entdecken, dass es noch andere Menschen gibt, die eine völlig andere Firmware aufgespielt bekommen haben, und dann ausgiebig deren Software und Hardware benutzen, ohne sich einen Virus einzufangen. Mit Hilfe der Systemwiederherstellung (“System Restore”) ist es möglich, in zeitweilig in frühere Bereiche des Lebens (Kindheit, Jugend, frühes Erwachsenenalter) zurückzukehren, ohne irgendwelche intellektuelle Verluste zu erleiden.

Volker Kleinophorst / 10.06.2020

Ob das Leben sinnlos ist, kann auf philosophischer Ebene durchaus mit Nein beantwortet werden, muss aber nicht nicht. Wer individuell sein Leben, das Leben seiner Nächsten sinnlos findet, ist dennoch auf dem falschen Dampfer. Der “Sinn” des Lebens ist das Leben selbst. Ganz sinnlos. Gott? Den gibt es nicht. Da könnte man schon mal anfangen und sich zur Selbstverantwortung bekennen. Ich persönlich ecke immer zu gerne an mit: “Wenn es sich nach meinem Ende rausstellt, es gibt einen Gott, freue ich schon auf den Frontkick, mit dem ich dem fiesen Frettchen die obere Zahnreihe raushaue.” Denn “Gott” ist ein sadistisches Arschloch. Und wer jetzt denkt, meiner Güte diese Gotteslästerung? Ich lästere Gott seit ewigen Zeiten, viel Macht scheint er nicht zu haben. Ich sitz immer noch hier. Meine Nachbarin (gläubiger als ich) sagt gerne zu mir, weil ich einfach immer alles überstehe Unfälle, Schlägereien, Krankheiten, Nahtoderfahrungen,...: “Du lebst ewig. Dich will ‘da oben’ keiner wiedersehen.” Mich in diesem Knast aus Dummheit und Gewalt schmoren zu lassen, wird es nicht besser machen. Wenn ich religöse Gefühle verletzt habe? Ist mir so was von egal. PS.: Wenn es keinen Gott gibt, ist große Religionsschwindel natürlich vollkommen überflüssig. PPS.: Es gibt viel Dinge die wir nicht begreifen. Unsere Existenz, Universum… Vieles können wir nicht lösen. Spekulationen bringen nicht weiter, Schon gar nicht, wenn behauptet wird diese Konstrukte, auf nichts passt dieses Modewort so wie auf Religion und Gotteskonzepte, würden Wahrheiten künden.

Bechlenberg Archi W. / 10.06.2020

“You know, you come from nothing / You’re going back to nothing / What have you lost? Nothing.” (Eric Idle). Ich ergänze: “What have you gained? Nothing.” Das Leben ist sinnlos. “Nicht geboren sein. Schon der Gedanke daran - welches Glück, welche Freiheit, welche Weite!” (Cioran)

arminwacker / 10.06.2020

Danke. das hat mich jetzt echt aufgerichtet.

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