112-Peterson: Veränderung gibt es nur durch Krisen

Das Bemerkenswerte am Phönix ist seine ungewöhnliche Form der Unsterblichkeit. Er lebt jahrhundertelang, bevor er eines Tages in Flammen aufgeht und wieder zu einem Ei wird – ein neuer Phönix. Dieser Mythos ist ein Symbol der Transformation. Der Vogel steht für den Geist oder die Psyche. Was heißt das nun im Klartext?

Wenn wir eine Lektion lernen, ist das meist kein angenehmer Vorgang. Entscheidende Dinge erfährt man nicht unbedingt am schönsten Tag seines Lebens. Ganz im Gegenteil: Je größer die Lehre, desto qualvoller fällt das Lernen aus. Man lernt am besten auf die harte Tour. Man lernt am besten, wenn man getroffen wird.

Wenn das, was man tut, funktioniert, kommt man ans Ziel. Man hatte Glück, gelernt hat man dabei jedoch nichts. Wenn man allerdings auf ein Hindernis trifft, und der Aufschlag womöglich besonders hart ist, prallt man erst einmal zurück. Im Anschluss muss man sich erst einmal in die Tiefen seiner Existenz begeben, sich sortieren, sich Fehler eingestehen, den Schaden beheben – und das ganze ist furchtbar nervig und schwierig.

Vielleicht fällt man in ein tiefes Loch und hat mit Ängste zu kämpfen. Irgendwann kommt man darüber hinweg und mit sich selbst wieder ins Reine. Da haben wir den Phönix! Auf diese Weise funktionieren Lernprozesse.

Ein massives Gehirn ist schwer

Nun sind wir Menschen eigenartige Kreaturen. Denn im Vergleich zu den meisten Tieren sind wir sehr formbar. Es gibt keine bemerkenswerten Unterschiede zwischen den Grizzlybären von heute und den Grizzlybären von vor tausend Jahren. Sie sind das gleiche und sie machen das gleiche. Keinerlei Transformation.

Beim Menschen sieht das anders aus. Wir haben zunächst einmal ein massives Gehirn, was es uns nicht leicht macht: Man muss auf Menschenkinder aufpassen, bis sie ungefähr 40 sind. Eine ganz schöne Bürde, für die wir einen hohen Preis bezahlen. Außerdem wird der Prozess der Entbindung durch unser großes Gehirn erschwert (durch den verhältnismäßig großen Kopf eines Baby, Anm. d. Red., siehe Geburtsdilemma). Zudem verbraucht unser Gehirn viel Energie, die wir durch Nahrung aufnehmen müsen.

Der Vorteil ist jedoch unsere damit verbundene Formbarkeit: Wir können lernen. Lernen ist ein bemerkenswerter Prozess. Man kann diesen Vorgang als die bloße Beschaffung weiterer Informationen betrachten. Zutreffender ist es jedoch, ihn als Prozess zu betrachten, bei dem man herausfindet, was man falsch macht. Das kann etwas sein, das tief in uns eingebaut ist, wie eine Charaktereigenschaft, eine bestimmte Art der Wahrnehmung oder eine Angewohnheit. Etwas, das als neurologische Struktur tief in uns drin steckt. Es lebt und wir müssen es töten, weil es nicht richtig funktioniert.

Damit wären wir also wieder beim Phönix

Der Schmerz, den wir durchlaufen, wenn wir leiden, weil wir etwas Dummes getan haben, ist im Grunde der Schmerz der bestimmten neurologischen Struktur, die gerade stirbt. Und dieser Teil kann einen ganz schönen Brocken der Persönlichkeit ausmachen. Man muss einen enormen Überarbeitungs-Vorgang durchlaufen. Die Person, die am Ende dieses Prozesses steht, ist nicht mehr dieselbe wie vorher.

Etwas derartiges geschieht beispielsweise beim Kampf gegen Alkoholismus, einem sehr schwierigen Unterfangen. Vor allem, wenn die Freunde Alkoholiker sind und auch die eigene Familie zu viel trinkt. Gesellig zu sein, ohne einen Drink an der Bar zu holen, erscheint unmöglich. Man verbringt vielleicht 20 Stunden pro Woche mit dem Trinken von Alkohol. Es ist nicht nur, dass man süchtig nach der Substanz ist, es geht vielmehr um die Änderung eines kompletten Lebensstils.

Wer also vom Alkohol wegkommen will, muss nicht nur mit dem Trinken aufhören, sondern auch aufhören, sich mit seinen trinkenden Freunden zu treffen, die man vielleicht schon sein ganzes Leben lang kennt. Und Streitigkeiten mit der Alkohol seligen Familie wird es auch geben. Nicht zuletzt hat man 20 Stunden pro Woche zu füllen, die einem nun wie ein Klotz am Bein erscheinen.

Der gesamte Teil der Persönlichkeit, der mit dem Trinken verbunden war, muss sterben. Dafür muss etwas neues hervorsprießen. Damit wären wir also wieder beim Phönix angelangt, der symbolischen Fähigkeit zur Veränderung.

Dies ist ein Auszug aus einer Vorlesung von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Auszug.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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Dieter Kief / 13.01.2021

Jaja, Lernen durch Schmerz. Oder Scherz? - Und/oder! Manchmal lernt man durch Schmerz, manch,al durch Scherz. - Es ist genau wie bei den Veränderungen und den Krisen. - Das sind auch siamesische Zwillinge - es gibt ja auch oft Krisen, wenn sich was verändert hat, ne?  Friedrich Wilhelm Joseph - na, wer könnte diesen Philosophen-Namen nun vervollständigen - nein, nicht Özoguz, hehe, sondern: Schelling. Bon: Friedrich Wilehlm Joseph Schelling (”Über die Freiheit”, einsichtsreiches und tatsächlich Peterson-nahes Buch) beliebte zu sinnieren, dass leider alles mit allem zusammenhänge. - Wer jetzt an die Sphären-Musik von Pink Floyd oder - - - das Rheingold Richard Wagners denkt - yep! Die auch, hehe.

Ulrich Götz / 13.01.2021

“Wir sind sehr formbar…”, aber lernfähig? Eine sich stetig verkleinernde Minderheit. “Der moderne Mensch ist auf der Flucht vor dem Nachdenken”, erkannte Martin Heidegger schon vor einem 1/2 Jahrhundert ( - ‘Nazi’, singen jetzt die Nichtdenker unisono). Seine bevorzugten Fluchthelfer sind die Mainstream-Medien. Das Leben ist natürlich schon gemütlich und energiesparend - fürs Gehirn. Leider aber degenerieren die Wege des Nachdenkens - also die zugeordneten Nervenbahnen - durch eine zu fleissige Nutzung der flimmernden Geräte: use it or lose it. Das führt dann eben u.a. zu der von Prof. Schrappe diagnostizierten ““Beratungsrestistenz” der Politiker. Was soll die Minderheit dann tun, ausser Alkohol absetzen (Prost-ata, Peterson)? “Das Sein bestimmt das Bewusstsein,” falsch, Karl Marx (Note 6, sitz!). Das Gesehene und Gehörte bestimmen das Bewusstsein: Ein jeder ist also selbst verantwortlich, womit er seinen Geist füttert. Fuck off, Mainstream ...

Werner Arning / 13.01.2021

„Man muss auf Menschenkinder aufpassen, bis sie ungefähr 40 sind“? Auch eine überzogene Anhaftung an die eigenen Kinder kann einen Suchtcharakter haben. Falls dieses bei Ihnen der Fall ist, Herr Peterson, empfehle ich Ihnen eine dringend notwendige Entziehungskur. Im Interesse Ihrer Kinder und im Interesse Ihrer „neurologischen Struktur“.

Dr. med. Jesko Matthes / 13.01.2021

“Man muss auf Menschenkinder aufpassen, bis sie ungefähr 40 sind.” - Juhuuu, köstlich! Das hat meine Frau Mamá auch behauptet, als ich in der Midlife-Crisis war. Und recht hatte sie!

Rainer Hanisch / 13.01.2021

“Der gesamte Teil der Persönlichkeit, der mit dem Trinken verbunden war, muss sterben. Dafür muss etwas neues hervorsprießen. Damit wären wir also wieder beim Phönix angelangt, der symbolischen Fähigkeit zur Veränderung.” Und: “Wenn das, was man tut, funktioniert, kommt man ans Ziel. Man hatte Glück, gelernt hat man dabei jedoch nichts.” Genau das ist das Dilemma unserer heutigen Gesellschaft: Viel Glück haben wollen, lernen dagegen tut (anscheinend) weh! Aber irgendwann ist die Glückssträhne auch mal zu Ende - dann kommt das böse Erwachen. Und wenn man in der Zwischenzeit den Lernprozess immer wieder verdrängt hat, steht man vor dem Chaos! Leider sind die “Bundies” sehr unwillig, etwas Neues zu lernen, Nicht mal längst Bekanntes wollen sie wahrhaben und akzeptieren. Fast die gesamte Bevölkerung Deutschlands hängt an Altem, längst Überlebtem. Aber Veränderung? Nein! das tut ja weh; physisch und psychisch!

Joerg Haerter / 13.01.2021

Lernen durch Schmerz, um es kurz zu machen. Man will es nicht wahrhaben, aber man lernt am Meisten durch schmerzvolle, unangenehme Erfahrungen. Herr Peterson weiss, wovon ich rede.

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